Freiheitsturm in Teheran

29.5.2009 | Von:
Nasrin Alavi

Fußball als Politikum

Arbeitslosigkeit und Inflation herrschen in Iran, doch den Wahlkampf hat nun eine Kontroverse um Fußballl erobert: Der populären Sportmoderator Adel Ferdosipour hat die Einmischung der Regierung in den iranischen Fußballverband kritisiert und damit eine heftige Debatte ausgelöst. Ist Sportpolitik "Ahmadinedschads Achillesferse" bei der Wahl?

Mahmoud Ahmadinedschads Herausforderer in den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen behaupten, dass die öffentliche Bestürzung über Irans Wirtschaftslage und den Verfall der Bürgerrechte zu seiner Abwahl führen wird.

Andere jedoch sehen in der zunehmenden Debatte um den Sport einen weiteren wunden Punkt. Der Weltfußballverband, die FIFA, hatte im Jahr 2006 Iran von wichtigen Spielen suspendiert, wegen Einmischung der Regierung in Angelegenheiten des nationalen Verbandes. Ahmadinedschads Hauptkontrahent im Rennen um die Präsidentschaft, Mir Hossein Mussawi, erklärte jetzt, dass die ungebührliche Einmischung der Regierung in den Sport "negative Folgen" hatte. Die Nachrichtenwebseite Tabnak titelte daraufhin: "Mir Hosseins Angriff auf Ahmadinedschads Achillesferse." Tabnak wiederum steht mit dem konservativen Präsidentschaftskandidaten Mohsen Resai in Verbindung, der sich dafür einsetzt, die iranische Organisation für Sporterziehung (PEO) aufzulösen und stattdessen ein "dem Parlament unterstehendes Ministerium für Sport" einzurichten.


Man könnte meinen, dass derartige Wahlversprechen für eine Nation, der das Klischee des revolutionären Eifers anhaftet, belanglos sind. Dennoch hegen Iraner eine Begeisterung für ihre Sporthelden und viele sind zweifellos stolz auf Irans Top-Fußballspieler, die in die Höhen der Bundesliga aufgestiegen sind, wie zum Beispiel Mehdi Mahdavikia (Eintracht Frankfurt) oder Vahid Hashemian (VfL Bochum).

Ein Sportmoderator im Visier

Folglich beschränkte Ahmadinedschad seine populistischen Wahlversprechen nicht allein auf die Verteilung des Wohlstands unter der Bevölkerung. Während des Wahlkampfs versprach er in einem gelungenen Schachzug, die zwei führenden Fußballclubs in Iran, Esteqlal und Persepolis, zu "privatisieren". Diese sind bislang unter Obhut der PEO.

Doch nun sorgt ein anderer Fall für Aufsehen: Adel Ferdosipour, Moderator der Fußball-Livesendung "90", kritisierte Ahmadinedschads Verbündete, kurz nach dessen Wahl im Jahr 2005 den Iranischen Fußballverband (IFF) an sich gerissen zu haben, indem ein neues Management eingesetzt wurde. Des weiteren warf Ferdosipour IFF sowie PEO Ineffizienz vor. Im Gegenzug wurde der Moderator beschuldigt, "das Regime zu untergraben" und die "Märtyrer" des Krieges und der Revolution nicht zu respektieren; es wurde ein Boykott gegen seine Sendung verhängt. Der IFF verbot allen Fußballspielern und -Managern in Ferdosipours Sendung aufzutreten.

Übernacht wurde eine Konfrontation, die in vielerlei Hinsicht nicht weiter bemerkenswert war, zu einer bedeutenden nationalen Angelegenheit. Ferdosipour sagt von sich, er sei mit einer großen Leidenschaft für Fußball aufgewachsen und dass es unwahrscheinlich sei, dass die strengen Programmmacher des staatlichen Fernsehens absehen konnten, dass eine anscheinend harmlose Fußballsendung zu einem politischen Willenskampf werden könnte. Aber Ahmadinedschad und seine Verbündeten haben beschlossen aus allem ein Politikum zu machen – mit einem Streben nach Totalität, wie es die die Revolution 1979 prägte.

Die große Frage: Wen wählt Adel Ferdosipour?

In den darauf folgenden Fußballspielen waren Fans zu sehen, die Spruchbänder mit Ferdosipours Namen hochhielten und seinen Namen sangen. An Irans führender Universität für Ingenieurswissenschaften, der Sharif Universität in Teheran, wo er studierte und heute Englisch unterrichtet, brachten die Studierenden ihre Unterstützung mit einer Menschenkette in der Form der Zahl "90", dem Titel der Sendung, zum Ausdruck. Die iranischen Zuschauer haben den klugen Moderator, der mit seinen fesselnden Interviews und enthusiastischen Bemerkungen 20 Millionen Zuschauer pro Woche und mehr anlockt, anscheinend sehr ins Herz geschlossen.

Unter stetig wachsenden Drohungen abgesetzt zu werden, wandte sich Adel mit einer Live-Umfrage in seiner Sendung an sein Publikum. In kurzer Zeit gingen weit mehr als zwei Millionen SMSe ein und zwar 97 Prozent zugunsten des Moderators Adel Ferdosipour. Er beendete seine Sendung mit den Worten: "Wir bitten Gott darum, die Beamten toleranter und kritikfähiger zu machen."

So ist unmittelbar vor den iranischen Präsidentschaftswahlen die kürzliche Entscheidung des Newsweek Magazin, Ferdosipour unter den "Top 20" der einflussreichsten Personen in Iran einzureihen gar nicht mal abwegig. Wahlversprechen in Bezug auf die Zukunft des nationalen Sports in Iran bleiben von Bedeutung. Und mit unzähligen Gerüchten im Umlauf dreht sich das Interesse auch darum, welchen Kandidaten Ferdosipour wählen wird, wenn er überhaupt wählen geht.

Aus dem Englischen von Martina Heimermann


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