Freiheitsturm in Teheran

27.5.2009 | Von:
Nasrin Alavi

Pluralismus versus Dogma

Bei den Präsidentschaftswahlen wird es auch um die Frage gehen, ob ein religiöser Pluralismus in Iran möglich ist, schreibt Nasrin Alavi. Manchmal stammen die lautesten Stimmen gegen ein im Namen des Islam herrschendes System von bekennenden Gläubigen, hat die Blog-Expertin beobachtet.

In Iran überprüfen nichtgewählte Institutionen wie der Wächterrat potenzielle Präsidentschafts- und Parlamentskandidaten auf deren "Loyalität Iran und seiner Verfassung gegenüber" und lehnen sie gegebenenfalls ab. Dieses Jahr wurden wie erwartet vier der 475 für die Präsidentschaftswahlen am 12. Juni registrierten Kandidaten zugelassen. Darunter sind der amtierende Präsident Mahmoud Ahmadinedschad, ein weiterer konservativer Kandidat, Mohsen Resai, und zwei Kandidaten der "Reformer", Mehdi Karroubi und Mir Hossein Mussawi.


Dennoch stellen sich alle vier Jahre in einer nahezu surrealen Darbietung an Optimismus Hunderte Iraner als mögliche Kandidaten für die Präsidentschaftswahl vor; viele von ihnen haben keinen politischen Hintergrund und noch weniger haben sie eine Chance zu den Wahlen zugelassen zu werden. Trotz der strengen Beschränkungen in den Medien wird dieser Massenkandidatur sehr viel Sendezeit zugesprochen und sie wird als Beweis für Irans egalitäre Wahlen hochgehalten. Dieses Jahr waren unter den als populär geltenden Kandidaten, die mehrmals in den zwei wichtigsten öffentlichen TV-Sendern gezeigt wurden, ein Landwirt, der seine Ernte aufgab, nachdem er in einem Traum ein Zeichen bekommen hatte, er solle seinem Volk als Präsident dienen; und ein Mann mittleren Alters in westlicher Kleidung, der sich den Journalisten als Doktor vorstellte und wichtigtuerisch verkündete, er sei ein Mann von Welt, der sogar den Eifelturm in Großbritannien besucht habe.

"Eine Beleidigung der Intelligenz der Menschen"

Diesen Medienzirkus um diese "seltsamen" Kandidaten beschreibt Mehdi Khazali in seinem Blog als "Beleidigung der Intelligenz der Menschen" und fügt hinzu, dass dies die "Tragödie der Unterdrückung und das Drama der Demütigung eines Volkes, das über die eigene Demütigung lacht" verdecke. Khazali stellt weiter fest, dass diese mediale Aufmerksamkeit zulasten glaubwürdiger politischer Kandidaten gehe und zeigen solle, dass nur die "angemessenen" Kandidaten gebilligt werden. Doch diese Billigung ist willkürlich.

Khazali ist keiner der säkulären Blogger, die gegen das System protestieren – obwohl es davon viele gibt –, sondern der Sohn Ajatollah Ahmad Khazalis, einem früheren Mitglied des Wächterrats und überzeugten Anhänger von Präsident Ahmadinedschad. Paradoxerweise sind solche Aussagen wie von Medhi Khazali nicht ungewöhnlich und manchmal stammen die lautesten Stimmen gegen ein im Namen des Islam herrschendes System von bekennenden Gläubigen.

Es geht um mehr als Politik

Abdullah Nuri wurde im Jahr 1999 aufgrund der Veröffentlichung frevlerischer Artikel verhaftet. Hassan Yousefi Eshkevari wurde im Jahr 2000 der Abkehr vom Glauben beschuldigt. Mohsen Kadivar wurde im Jahr 1999 ins Gefängnis gesperrt, weil er die Trennung von Politik und Religion forderte. Sie sind allesamt Mitglieder des Schia-Klerus. Die Islamische Republik hat als einzige in der Geschichte Irans zwei Großajatollahs (Montazeri und Shariatmadari) unter Hausarrest gestellt. Im Jahre 2004 erklärte Großajatollah Montazeri, dass das iranische Volk nicht eine Revolution durchlebt habe, um "die absolutistische Herrschaft der Krone durch die des Turbans" zu ersetzen.

Mohammed Ali Abtahi, ein Kleriker mittleren Ranges, beschuldigt in einem Blogbeitrag mit dem Titel "Wahlen und die regelmäßige Verwendung der Religion und des Sakrosankten" den amtierenden Präsidenten, den islamischen Glauben im Wahlkampf zu missbrauchen. Ali Abtahi schreibt weiter, "sie wollen beweisen, dass es gottgefällig ist, Ahmadinedschad zu wählen" und fügt hinzu, dass "nichts die Menschen so sehr von Benimm und Glauben abbringt, wie der Gebrauch von Religion zu politischen Zwecken".

Als Antwort auf diesen Beitrag schreibt ein User auf Balatarin, einer vielbesuchten Bookmark-Seite zum Informationsaustausch: "Herr Abtahi, die Religion und das Sakrosankte werden schon seit 30 Jahren instrumentalisiert; Ahmadinedschad ist erst seit vier Jahren da."

Ob wahr oder nicht, in den kommenden Wahlen geht es nicht nur um Politik. An den beiden Enden des Spektrums befürwortet die eine Seite einen religiösen Pluralismus gegenüber einem intoleranten Dogma, derweil die andere Seite an letzterem festhält; man kann durchaus argumentieren, dass der Streit über einen religiösem Pluralismus versus einem intoleranten Dogma der wesentliche Punkt ist im Kampf um die Zukunft Irans.

Aus dem Englischen von Martina Heimermann


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