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20.3.2020

Dokumentation: Das Entwicklungsministerium der Republik Polen: Das Polnisch-Deutsche Wirtschaftsforum – eine neue Qualität der Zusammenarbeit

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Jadwiga Emilewicz, Ministerin für Unternehmertum und Technologie der Republik PolenBundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Jadwiga Emilewicz, Ministerin für Unternehmertum und Technologie der Republik Polen (© picture-alliance/dpa)

18. März 2019

Fast 400 Vertreter polnischer und deutscher Firmen und Institutionen, sieben Panels und Workshops, das B2B-Forum und viele bilaterale Begegnungen – so sah das Polnisch-Deutsche Wirtschaftsforum "Digitalisierung – Energie – Mobilität", das am 18. März 2019 in Berlin stattfand, in Zahlen aus. Das Ziel der auf Initiative der Ministerin für Unternehmertum und Technologie, Jadwiga Emilewicz, organisierten Veranstaltung waren Gespräche über neue Perspektiven der Zusammenarbeit angesichts der wachsenden Konkurrenz vonseiten außereuropäischer Staaten. Koveranstalter war der Minister für Wirtschaft und Energie Deutschlands, Peter Altmaier. Es war das erste Treffen dieser Art in den bilateralen Beziehungen.

"Unsere wirtschaftlichen Beziehungen sind in einem sehr guten Zustand. Allerdings stehen wir ständig vor der Herausforderung der globalen Konkurrenz. Um nicht zurückzufallen, muss die Wirtschaft unserer Länder auf ein höheres Entwicklungsniveau gelangen und muss sich unsere Zusammenarbeit auf Grundlagen stützen, die den Herausforderungen der Zukunft entsprechen. Auf die Neubestimmung der Prinzipien unserer Partnerschaft. Auf das Verständnis, dass angesichts der globalen Konkurrenz der größte Mehrwert gemeinsame innovative Projekte sind, zum Beispiel im Bereich der Industrie 4.0, der fortgeschrittenen Technologien, im Raumfahrtsektor oder im Bereich der nachhaltigen Energieproduktion", sagte die Chefin des Ministeriums für Unternehmertum und Technologie bei der Eröffnung des Forums.

Sie hob hervor, dass das Interesse der polnischen und deutschen Firmen am Forum ihre Erwartungen übertroffen hat und es mehr Anmeldungen als Plätze gegeben hat. "Ich danke allen für ihre Anwesenheit. Das ist ein Beweis, dass solche Veranstaltungen sinnvoll sind, und eine Bestätigung, dass Polen und Deutsche gemeinsame Geschäfte machen und ihre Zusammenarbeit in technologisch fortgeschrittenen Branchen entwickeln wollen. Jede Seite hat viel anzubieten. Die Polen innovative Ideen und Fachkräfte. Die Deutschen vor allem Kapital und Erfahrung", unterstrich Ministerin Emilewicz.

Ein wesentlicher Teil des Treffens waren Panels und Workshops, an denen führende Firmen und Institutionen beider Länder teilnahmen und die Themen wie Vierte Industrielle Revolution, die Energiewende, Mobilität und Batteriezellfertigung, Raumfahrttechnologien und Unterstützung für innovative Start-ups behandelten.

Das Forum war auch eine Plattform für den Erfahrungsaustausch zwischen den Vertretern der Unternehmen beider Länder. Mit Blick auf die Zusammenarbeit wurden bilaterale Geschäftstreffen organisiert. Polnische und deutsche Firmen präsentierten außerdem ihre Lösungen und Produkte, u. a. Ekoenergetyka, IC Solutions, Hyper Poland.

Die gemeinsame Erklärung der Minister

In einer gemeinsamen Erklärung unterstrichen Ministerin Emilewicz und Minister Altmaier ihre Verbundenheit mit den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Gleichzeitig riefen Polen und Deutschland die EU auf, eine ambitionierte, langfristige Industriestrategie zu beschließen, die an die Herausforderungen der globalen Konkurrenz angepasst ist. Eine solche Strategie, die die Herausforderungen der digitalen Revolution und die damit einhergehenden sich verändernden Arbeits- und Produktionsprinzipien berücksichtigt, sollte für die neue Europäische Kommission Priorität haben.

Die fünf Prioritäten:

  • Investitionen in Innovationen und Schlüsselkompetenzen,
  • Erarbeitung gemeinsamer strategischer Ziele für die Industriepolitik,
  • Unterstützung für Schlüsseltechnologien von strategischer Bedeutung,
  • Optimierung der regulierenden Rahmenbedingungen für Unternehmen auf nationaler und EU-Ebene,
  • Verteidigung einer ambitionierten EU-Handelspolitik.
Festgestellt wurde, dass diese Prioritäten unter Berücksichtigung der bestehenden Haushalte sowie der globalen Konkurrenz verwirklicht werden müssen. Schlüsselbedeutung haben verantwortungsvolle Investitionen, die eine Reihe von Unterstützungsinstrumenten, u. a. die Europäischen Fonds, nutzen, strukturelle Reformen, die die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaften gewährleisten, finanziell verantwortungsvolle Unterstützungsmaßnahmen für nachhaltige Entwicklung sowie eine Handelspolitik, die sich auf das System der WTO, das Prinzip des lauteren Wettbewerbs und die gegenseitige Öffnung der Märkte stützt. Unterstrichen wurde die Notwendigkeit, die Entwicklung europäischer Technologien in zukunftsrelevanten Sektoren mit Schlüsselbedeutung zu unterstützen. Gegenwärtig finden Gespräche zwischen Polen, Deutschland und Frankreich über den Aufbau eines europäischen Konsortiums zur Batteriezellfertigung statt.

Die neue Interdependenz. Entwicklungsperspektiven für die polnisch-deutsche wirtschaftliche Zusammenarbeit

Während des Forums wurde auch über die Herausforderungen gesprochen, die vor den polnisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen stehen. Eins der diskutierten Themen war der im Auftrag des Ministeriums für Unternehmertum und Technologie erstellte Bericht des Jagiellonen-Klubs [Klub Jagielloński], des Zentrums für Oststudien [Ośrodek Studiów Wschodnich] und des Polnischen Ökonomischen Instituts [Polski Instytut Ekonomiczny] "Die neue Interdependenz. Entwicklungsperspektiven der polnisch-deutschen wirtschaftlichen Zusammenarbeit".

Die Autoren des Berichtes weisen darauf hin, dass die vergangenen 30 Jahre die beste Phase in der Geschichte der polnisch-deutschen Beziehungen waren und sich Polen im Falle der Fortsetzung der bisherigen Trends unter den ersten fünf Handelspartnern Deutschlands platzieren und Länder wie Italien oder Großbritannien überholen könnte.

Die Autoren des Berichtes warnen jedoch davor, dass sich Polen und Deutschland auf den Lorbeeren ausruhen. Unter anderem mit Blick auf die wachsenden protektionistischen Tendenzen im Welthandel sind die bisherigen Faktoren, die die weitere Intensivierung der Zusammenarbeit ermöglichen, allmählich ausgeschöpft. Daher liegt es im Interesse unserer Länder, sie auf ein höheres Niveau zu heben. Dies wird nur dank des Aufbaus einer Partnerschaft im Technologie- und Innovationssektor möglich sein. Einer Partnerschaft, die die Intensivierung der technologischen Zusammenarbeit zwischen deutschen und polnischen Firmen ermöglicht.

Ausgewählte Thesen des Berichtes:

  • Dank der Zusammenarbeit mit deutschen Firmen konnten sich polnische Unternehmen in die globale Lieferkette eingliedern.
  • Deutschland erhielt u. a. dank der EU-Osterweiterung einen bedeutenden Impuls, der ihm half, die Führungsposition in der EU einzunehmen.
  • Eine Gefahr für das Potential des polnisch-deutschen Handels kann mittel- und langfristig das beständige Ungleichgewicht bei den aus der Zusammenarbeit resultierenden Gewinnen sein.
  • Es sollte das gemeinsame Interesse Polens und Deutschlands sein, gegen Entwicklungen einzutreten, die zur Marginalisierung der EU-Wirtschaften und zum Verlust zunehmend wichtiger Teile der Wertschöpfungskette führen. Dies betrifft insbesondere Industriegüter.
  • Deutsche Unternehmen schätzen die hohe Qualität des Humankapitals in Polen wert, aber sie entscheiden sich immer noch in sehr beschränktem Maße für die Zusammenarbeit im Bereich hochentwickelter Technologien.
  • Angesichts der Debatte über die Zukunft der EU besteht aus der Perspektive Ostmitteleuropas die Schlüsselfrage darin, inwieweit die BRD ein Verfechter der Wettbewerbsfreiheit in der EU bleibt und gegen weitere Versuche angehen wird, die die administrativen Belastungen für Firmen vergrößern, die den Prozess der Vertiefung des einheitlichen Marktes beschränken sowie auch die Deindustrialisierung der EU befürworten.
  • Eine Chance für die Stärkung der polnisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen und ihre Überführung auf ein neues, höheres Niveau ist eine intensivere technologische Zusammenarbeit. Polnische Firmen verfügen aus der Perspektive des deutschen Marktes über interessante Technologien. Der relativ große Zugang zu qualifizierten Ingenieuren macht aus Polen einen attraktiven Ort für die Ansiedlung von Forschungs- und Entwicklungszentren.

Die polnisch-deutsche Zusammenarbeit in der Weltraumforschung

Während des Berliner Forums wurde auch eine Erklärung über die Zusammenarbeit des deutschen Unternehmens OHB Systems und des polnischen PIAP Space unterzeichnet. Erstgenanntes ist ein Entwickler von Satellitensystemen und bietet Telekommunikations-, Beobachtungs- und Forschungssatelliten an. PIAP Space stellt Lösungen im Bereich der Robotik und der Mechatronik bereit und ist in der Raum- und Luftfahrtbranche tätig.

Die Unternehmen beginnen ihre technologische Zusammenarbeit und erarbeiten ein gemeinsames Angebot für künftige Weltraummissionen, die von der Europäischen Weltraumorganisation durchgeführt werden.

Die erste gemeinsame Unternehmung wird im Rahmen der Marsmission Sample Return stattfinden, bei der Bodenproben vom Mars zur Erde gebracht werden. Es wird ein Roboterarm eingesetzt, dessen Komponenten aus beiden Ländern kommen. Der Arm erlaubt, Proben aufzunehmen und sie in Container zu packen, die eine sichere Reise zur Erde gewährleisten. Es wird sich um eine historische Mission handeln, bei der zum ersten Mal Proben von einem anderen Planeten transportiert werden.

Handelsbeziehungen

Deutschland ist Polens größter Handelspartner; der Anteil am polnischen Export beträgt 28 Prozent und 22 Prozent am polnischen Import.



Nach Angaben des Statistischen Hauptamtes [Główny Urząd Statystyczny – GUS] betrug der Export nach Deutschland 62 Mrd. Euro im Jahr 2018. Deutschen Daten zufolge steht Polen auf Platz acht der größten Abnehmer von Waren aus Deutschland (mit einem Anteil von 4,6 Prozent am deutschen Export) und weltweit auf Platz sechs beim Import (4,8 Prozent des deutschen Imports). Die deutsche Seite weist in ihren Daten ein positives Saldo im Handel mit Polen auf (8,4 Mrd. Euro im Jahr 2017), wobei auch Lieferungen zum deutschen Export nach Polen hinzugezählt werden, die aus Drittländern stammen, aber in Deutschland vom Zoll abgefertigt werden. Wir sind weltweit der siebtgrößte Handelspartner Deutschlands.

Deutschland hat bis Ende 2017 34.954 Mio. Euro in Polen investiert. In Polen wurden 4.917 Wirtschaftssubjekte mit deutscher Kapitalbeteiligung registriert. Die größten Investitionsprojekte gehören zur Autoindustrie (Volkswagen, Daimler), zum Bankensektor (Commerzbank) und Versicherungssektor (Allianz), zur Maschinenbaubranche (Siemens), Chemiebranche (BASF, Bayer), zum Energiesektor (Innogy) sowie zum Dienstleistungs- und Handelssektor (Metro Gruppe). Insgesamt beschäftigten die Firmen mit deutschem Kapital in Polen im Jahr 2016 zirka 366.000 Arbeitnehmer.

Der kumulierte Wert der polnischen Direktinvestitionen in Deutschland betrug 1,34 Mrd. Euro zum Jahresende 2017. Deutschland stand auf dem siebten Platz der Empfänger polnischer Direktinvestitionen mit einem Anteil von 5,4 Prozent des im Ausland investierten polnischen Kapitals. Zu den größten Investoren gehören PKN Orlen S.A., Grupa Azoty, Ciech, Kopex, Asseco und Comarch. Am deutschen Markt sind polnische Unternehmen aus der Bekleidungs- und Schuhbranche aktiv (die Handelsketten LPP und CCC). Die größte polnische Investition in Deutschland wurde im Jahr 2018 (September) von der Grupa Azoty S.A. getätigt. Sie erwarb 100 Prozent der Gesellschaft Goat TopCo GmbH, welche die Compo Expert Gruppe kontrolliert. Deutschen Angaben zufolge haben bisher 1.800 Firmen aus Polen am deutschen Markt investiert; sie beschäftigen 20.600 Arbeitnehmer. Die meisten polnischen Firmen sind in Berlin ansässig (580). Die meisten Arbeitnehmer sind bei Firmen in Bayern angestellt (fast 4.000 Personen).

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Quelle: https://www.gov.pl/web/rozwoj/polsko-niemieckie-forum-gospodarcze-nowa-jakosc-wspolpracy (abgerufen am 06.03.2020).

Gemeinsam herausgegeben werden die Polen-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

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