Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Ergebnisse international vergleichender Forschung

Demografisch-ökonomisches Paradoxon

Dieses vergleichende und relativierende Bewerten unabhängig vom erreichten absoluten Lebensniveau ist nicht nur in Deutschland verbreitet. Dabei könnte wichtig sein, dass im Zuge der Wohlstandssteigerungen die Sorge um ihren Verlust mitwächst. So kam es zu einer paradoxen, weltweit beobachtbaren Erscheinung: dem gegenläufigen Zusammenhang zwischen dem materiellen Lebensniveau eines Landes, das sich zum Beispiel mit der Lebenserwartung oder mit dem Pro-Kopf-Einkommen messen lässt, und dem Niveau seiner Geburtenrate. Dieses Phänomen lässt sich mit dem Begriff "demografisch-ökonomisches Paradoxon" fassen: Je rascher die sozioökonomische Entwicklung eines Landes voranschritt und je höher der Lebensstandard stieg, desto niedriger war die Geburtenrate, gemessen durch die Zahl der Lebendgeborenen pro Frau.

Das Entwicklungsniveau der meisten Länder erhöht sich tendenziell auch in der Zukunft immer weiter, deshalb ist es wahrscheinlich, dass die gegenläufige Beziehung zwischen der Geburtenrate und dem Entwicklungsniveau zur weltweiten Abnahme der Geburtenrate führt. In der Wissenschaft gibt es Versuche, die paradoxe Gegenläufigkeit des demografisch-ökonomischen Zusammenhangs verständlich zu machen und durch rationale Erklärungen aufzulösen.

Ein solcher Erklärungsansatz ist die von der Bevölkerungsökonomie entwickelte Theorie der Opportunitätskosten von Kindern, wobei mit Opportunitätskosten nicht die realen Ausgaben für Kinder gemeint sind, sondern die vorgestellten entgangenen Einkommen, auf die die Eltern bei einer Entscheidung für ein Kind verzichten müssten. Widmet sich ein Elternteil, und in den allermeisten Fällen ist dies immer noch die Frau, beispielsweise 20 Jahre der Erziehung von Kindern, dann entgeht ihr bei einem angenommenen Jahresverdienst von 30 000 Euro ein Lebenseinkommen von 600 000 Euro. Bei einer Frau mit einer hohen beruflichen Qualifikation und einem Jahreseinkommen von zum Beispiel 50 000 Euro betragen die entgangenen Lebenseinkünfte bzw. die Opportunitätskosten eine Million Euro.

Ökonomische Weltkarte aus dem Jahr 2009: Die Flächen der Staaten nach ihrem Bruttoinlandsprodukt.Ökonomische Weltkarte aus dem Jahr 2009: Die Flächen der Staaten nach ihrem Bruttoinlandsprodukt.

Das Argument lautet: Wenn eine Frau auf Grund gesellschaftlicher Umstände wie mangelnder Betreuungseinrichtungen für Kinder gezwungen ist, zwischen der Aufnahme einer Erwerbsarbeit oder der Erziehung von Kindern zu wählen, dann entgeht ihr bei einer Entscheidung zugunsten der Kindererziehung ein Erwerbseinkommen, das umso höher ausfällt, je höher das erzielbare Pro-Kopf-Einkommen ihres Landes ist.

Demografische Weltkarte aus dem Jahr 2010: Die Flächen der Staaten nach ihrer Geburtenzahl.Demografische Weltkarte aus dem Jahr 2010: Die Flächen der Staaten nach ihrer Geburtenzahl.

In der Annahme, dass der emotionale und der ideelle Wert von Kindern mit der Zeit nicht abgenommen hat sondern fortbesteht, wird er bei dieser Betrachtung konstant gesetzt. Aus dieser Sicht werden Kinder in wirtschaftlich erfolgreichen Ländern, gemessen auf der Skala der entgangenen Einkünfte, um so unerschwinglicher, je weiter die Einkommensentwicklung voranschreitet. Es ist dann nicht paradox, sondern einleuchtend, dass die Geburtenrate mit steigendem Verdienst abnimmt. Mit dem Erklärungsansatz der Opportunitätskosten lässt sich also das Problem des paradoxen gegenläufigen Zusammenhangs auf den ersten Blick auflösen. Trotzdem kann das Ergebnis nicht befriedigen.

Der Opportunitätskostenansatz zur Erklärung der Geburtenrate wurde in erster Linie für die Industrieländer mit funktionsfähigen Arbeitsmärkten und mit Wirtschaftszweigen entwickelt, die qualifizierte Arbeitsplätze für Frauen anbieten, zum Beispiel in bestimmten Industriezweigen oder im Dienstleistungssektor. In den Entwicklungsländern, besonders in den am wenigsten entwickelten Ländern und Regionen, gibt es kaum funktionierende Arbeitsmärkte und keine ausreichenden Möglichkeiten für Frauen, außerhalb des Hauses erwerbstätig zu sein. Das Opportunitätskostenproblem als Wahlproblem der Frauen stellt sich dort daher in geringerer Schärfe. Aber wo es auftritt, zum Beispiel im Billiglohnsektor bei Akkordarbeit, eröffnet sich den Frauen eine, wenn auch bescheidene, ökonomische Unabhängigkeit, so dass die Geburtenzahl pro Frau in der Regel sinkt.

Der gegenläufige Zusammenhang zwischen dem Entwicklungsstand eines Landes und der Geburtenrate ist weltweit zu beobachten, und zwar auch bei einem internationalen Vergleich unter Einbeziehung der Entwicklungsländer. Dies beruht auf einer Reihe weiterer Faktoren. Dazu gehört vor allem der weltweite Prozess der Verstädterung, verbunden mit gesellschaftlichen Veränderungen, die die Stellung der Frau betreffen: ein erleichterter Zugang zu Bildung und Ausbildung, Fortschritte bei der rechtlichen und materiellen Gleichstellung der Frau und die Zurückdrängung der traditionellen, häufig von der Religion gestützten Geschlechterrollen. Selbst wenn diese Faktoren in den einzelnen Ländern unterschiedlich wirken, hatten sie dennoch zur Folge, dass die Geburtenzahl pro Frau vom Zeitraum 1960-1965 bis zum Zeitraum 2005-2010 weltweit abnahm: in den Industrieländern von 2,7 auf 1,7, in den Entwicklungsländern von 6,0 auf 2,7 und in der Welt als Ganzes von 4,9 auf 2,5.


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