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Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Geschichte der Bevölkerungswissenschaft

Moderne Grundlagen und Weiterentwicklungen

Parallel zu den Auseinandersetzungen über die malthusianische Bevölkerungstheorie entwickelte sich seit dem 19. Jahrhundert mit dem Aufbau der Statistischen Ämter und mit der Verbesserung der demografischen Informationen die empirisch-statistische Demografie zu einer modernen Wissenschaft. Auf ihrer Grundlage entstand im 20. Jahrhundert eine Beschreibungs- und Analyseform, deren Ziel es ist, die historischen Verläufe des Fertilitäts- und Mortalitätsprozesses zu systematisieren und mögliche Ursache-Wirkungszusammenhänge zwischen den Verläufen der Geburten- und der Sterberate aufzudecken. Die entsprechenden Verfahren, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zurückreichen, lassen sich nicht einem bestimmten Autor zuordnen. Sie werden heute unter der Bezeichnung "Theorie der demografischen Transformation" bzw. "Transitionstheorie" zusammengefasst.

In Deutschland wurde die Transformationstheorie von Gerhard Mackenroth (1903-1955) in einer besonders differenzierten Form ausgearbeitet und mit Elementen der Wohlstandstheorie verbunden. Die Zielrichtung des Werkes von Mackenroth kommt in Titel und Untertitel der 1953 veröffentlichten Untersuchung zum Ausdruck: "Bevölkerungslehre – Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung". Sie vollzieht den Übergang von der Biologie zur Sozialwissenschaft als Leitwissenschaft der Demografie.

In diesem Werk wird zum letzten Mal der Versuch unternommen, die komplexen wechselseitigen Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Ursachen der Fertilität, Mortalität und Migration zu einer übergreifenden Bevölkerungstheorie zusammenzufassen. Nach Mackenroths Theorie hat jede Gesellschaft eine bestimmte "Wirtschaftsweise", mit der eine bestimmte "Bevölkerungsweise" ("generative Struktur") verbunden ist. Mackenroth veröffentlichte seine Theorie 1953, also vor dem Auftreten des"Nachkriegsbabybooms" und vor dem anschließenden drastischen Geburten- und Fertilitätsrückgang. Obwohl diese Entwicklungen von ihm nicht mehr untersucht werden konnten, leistet die Theorie wichtige Beiträge zur begrifflichen Klärung der neuen Phase derdemografischen Entwicklung, die auch als "zweiter demografischer Übergang" bezeichnet wird. Die Transformationstheorie beschreibt den Übergang von einem demografischen Gleichgewicht mit hohen Geburten- und Sterberaten zu einem neuen Gleichgewicht mit niedrigen Geburten- und Sterberaten. Dabei besagt der Begriff Gleichgewicht, dass die Geburten- und Sterberaten vor und nach dem Übergang jeweils konstant sind. In der vorindustriellen Gleichgewichtsphase waren in Europa sowohl die Geburtenrate als auch die Sterberate hoch, die Differenz aus beiden, die natürliche Wachstumsrate, entsprechend niedrig (rund ein Prozent).

Beim übergang vom vorindustriellen zum neuen Gleichgewicht der industriellen Phase ging die Abnahme der Sterberate dem Rückgang der Geburtenrate zeitlich voraus, sodass die Differenz aus beiden – die Wachstumsrate – vorübergehend stieg. Nach dem Abschluss des Übergangs waren sowohl die Geburtenrate als auch die Sterberate niedrig, aber die Wachstumsrate blieb immer noch positiv, wenn auch relativ niedrig, sodass sich das Bevölkerungswachstum verlangsamt fortsetzte. Dass die Geburtenrate inzwischen in den meisten Industrieländern unter die Sterberate gesunken ist und so die Bevölkerung ohne Zuwanderungen abnimmt, wurde von der Transformationstheorie nicht vorausgesehen und konnte von ihr deshalb auch nicht erklärt werden.

Diese Lücke versucht die vom Verfasser entwickelte "biografische Theorie der demografischen Reproduktion" zu schließen. Dabei wird die Entscheidung für oder gegen ein Kind als ein Element des Lebenslaufs im Zusammenhang mit anderen biografisch bedeutsamen langfristigen Festlegungen betrachtet. Die Fertilitätstheorie wird also im Rahmen einer allgemeinen Theorie des Lebenslaufs entwickelt. Die Theorie stützt sich auf folgende Beobachtungen:

Bei Frauen, die Kinder haben, ist die Geburtenzahl pro Frau seit Jahrzehnten ziemlich konstant. Sie beträgt in Deutschland im Durchschnitt rund zwei Kinder pro Frau. Die Abnahme der Zahl der Lebendgeborenen pro Frau – bezogen auf alle Frauen, also einschließlich jener, die kinderlos bleiben – beruht in erster Linie auf dem stark gestiegenen Anteil der kinderlos bleibenden Frauen an allen Frauen eines Jahrgangs. Eine Fertilitätstheorie, die den Rückgang der Geburtenrate erklären will, muss also in erster Linie die stark steigende lebenslange Kinderlosigkeit erklären.

Werden die Zahl der Lebendgeborenen pro Frau und der Anteil der Kinderlosen sowie die Anteile mit einem, zwei, drei und mehr Kindern für einen bestimmten Frauenjahrgang in einem bestimmten Alter zwischen den verschiedenen Regionen verglichen, dann zeigen sich beträchtliche Unterschiede. Die Wahrscheinlichkeit für die Geburt eines zweiten Kindes ist beispielsweise in Großstädten wie Düsseldorf weniger als halb so groß wie im ländlichen Raum des Münsterlandes. Allgemein gilt: Die Unterschiede der Fertilität zwischen den Regionen für einen bestimmten Frauenjahrgang sind wesentlich größer als die Unterschiede zwischen den Frauenjahrgängen in einer bestimmten Region.

Junge Frauen und Männer orientieren sich bei ihrer biografischen Zukunftsplanung an unterschiedlichen Leitvorstellungen. Sie zeigen sich zum Beispiel in unterschiedlichen Antworten auf die Frage, in welcher zeitlichen Folge typische Lebenslaufphasen wie die Eheschließung, die Aufnahme einer Berufstätigkeit, die Gründung eines Haushalts, die Geburt eines Kindes und eine berufliche Ausbildung im Lebenslauf aufeinander folgen sollten. Aus den fünf beispielhaft genannten Etappen lassen sich insgesamt 120 verschiedene Reihenfolgen (biografische Sequenzen) bilden. Auf die Frage, wie eine junge Frau ihren Lebenslauf am besten planen sollte, wurden bei der überwiegenden Mehrheit die Etappen "Eheschließung" und "Kind" als letzte hinter "Berufsausbildung", "Berufstätigkeit" und "Gründung eines eigenen Haushalts" genannt. Als verzichtbare Elemente im Lebenslauf gaben 70 Prozent der Befragten die Elemente "Kind", "Heirat" oder beides an. Dabei wird die Ehe von wesentlich mehr Frauen als von Männern als verzichtbar angesehen. Umgekehrt halten wesentlich mehr Männer als Frauen ein Kind für entbehrlich.

So wie die Vorstellungen über den Lebenslauf differierten auch die tatsächlichen Strukturen der Lebensläufe stark zwischen den Regionstypen, wobei Dienstleistungszentren wie Düsseldorf und Hannover, altindustrialisierte Städte wie Bochum und Gelsenkirchen sowie ländliche Gemeinden im Westmünsterland und in Ostfriesland unterschieden wurden. In jeder dieser verschiedenen regionalen Lebenswelten differieren die Lebensläufe der Frauen und Männer zusätzlich auch stark zwischen den Geburtsjahrgängen. Dabei ist wichtig, ob der betreffende Jahrgang beim Beginn seiner beruflichen Laufbahn auf einen Arbeitsmarkt mit Vollbeschäftigung traf (Beispiel: Jahrgang 1950, im Alter 20 herrschte im Jahr 1970 in Deutschland Vollbeschäftigung mit einer Arbeitslosenquote von 0,8 Prozent). Der nur fünf Jahre jüngere Jahrgang 1955 traf im Alter von 20, also im Jahr 1975, auf einen Arbeitsmarkt mit einer vier- bis fünffach höheren Arbeitslosenquote.

Die Analyse der Ablaufmuster der Lebensläufe ergab, dass die schulische und berufliche Ausbildung und die Erwerbstätigkeit gemeinsam mit den regionalen und konjunkturellen Bedingungen die Lebenslaufplanung und die tatsächliche biografische Festlegung durch die Bindung an einen Partner (mit oder ohne formale Eheschließung) und die Entscheidung für bzw. gegen ein Kind am stärksten beeinflussen. Die Zahl der Biografien, die mit einer Familiengründung beginnen, ist extrem gering: In Gemeinden des Regionstyps 1 (Düsseldorf und Hannover) gab es bei den untersuchten Geburtsjahrgängen 1950 und 1955 bis zum Zeitpunkt der Untersuchung (1986) keine einzige Frau, bei deren Lebenslauf sich nach der allgemein bildenden Schule eine Familienphase anschloss, in Region 2 (Bochum und Gelsenkirchen) war dies bei nur sieben der 286 untersuchten Lebensläufe der Fall und in der Region 3 (ländliche Gemeinden Ahaus, Verden, Gronau, Leer) waren es nur zwei von 140 Lebensläufen. Im Überblick für die Frauen des Jahrgangs 1950:
  • 85,6 Prozent der Lebensläufe starteten mit einer Berufsausbildung,
  • 13 Prozent nahmen zuerst eine Erwerbstätigkeit auf und
  • 1,4 Prozent begannen mit einer Familienphase.
Diese Eröffnungsentscheidungen bestimmen den Verlauf der späteren Biografie besonders nachhaltig (Theorie langfristiger Festlegungen im Lebenslauf). Die tatsächliche Geburtenrate der einzelnen Frauenjahrgänge ist das Ergebnis des Zusammenwirkens von drei Gruppen von Ursachen:

Die erste Ursachengruppe besteht aus den langfristigen, als Ergebnis des Zivilisationsprozesses entstandenen Faktoren der biografischen Entscheidungslogik, die alle Jahrgänge betreffen. Sie lassen sich in der These zusammenfassen, dass langfristige biografische Festlegungen in einer ständigen Veränderungen unterworfenen modernen Wirtschaftsgesellschaft zunehmende Risiken bergen. Auf ihnen beruht der langfristige Trend zur Abnahme der Fertilität in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Begleitphänomene dieses Abnahmetrends sind die Auflösung traditioneller kultureller Werte und Normen, der Wertepluralismus und der Individualismus sowie die abnehmende Verbindlichkeit gesellschaftlicher biografischer Leitbilder bei gleichzeitig zunehmender biografischer Wahlfreiheit. Der Lebenslauf ist nicht länger ein sozial vorgegebenes Entwicklungsmuster, dem der Einzelne gerecht zu werden versucht, sondern er wird zu einem persönlichen Projekt, für dessen Erfolg oder Misserfolg jede Person selbst verantwortlich ist.

Die zweite Ursachengruppe enthält Faktoren, die sich auf bestimmte Gruppen von Geburtsjahrgängen besonders stark auswirken, zum Beispiel die Bildungsreformen in den 1970er Jahren, die Frauenbewegung, die von der wirtschaftlichen Konjunktur abhängigen Arbeitsmarkt- und Berufsperspektiven, vor allem am Beginn der Berufskarrieren, und das Inkrafttreten neuer Maßnahmen der Familienpolitik (zum Beispiel Erziehungsgeld, Anrechnung von Erziehungszeiten in der Rentenversicherung der Frauen und Elterngeld).

Die dritte Ursachengruppe umfasst die Auswirkungen bestimmter historischer Ereignisse, zum Beispiel die mit dem Beginn des Fertilitätsrückgangs zusammenfallenden Bismarckschen Sozialreformen am Ende des 19. Jahrhunderts (Einführung der kollektiven Renten-, Kranken- und Unfallversicherung), die Einführung der modernen empfängnisverhütenden Mittel ("Antibabypille") zwischen 1965 und 1975 sowie die Auswirkungen des Zusammenbruchs des Ostblocks bzw. die Wiedervereinigung mit ihren wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, durch die die Geburtenzahl in den neuen Bundesländern im Zeitraum 1989 bis 1991 vorübergehend um die Hälfte abnahm.

Quellentext

Deutsche Familienförderung – viel input, wenig output?

[...] Beim Geldausgeben für Familien gehören die Deutschen zur Spitze, sie liegen auf Platz drei hinter Luxemburg und Dänemark. 153 familienpolitische Maßnahmen listet der Bericht des Familienministeriums auf, sie summieren sich auf 189 Milliarden Euro im Jahr. [...] Der größte Posten ist mit rund 38,8 Milliarden das Kindergeld. Knapp zwanzig Milliarden kostet das Ehegattensplitting, das große Steuervorteile für Familien bietet, in denen nur ein Ehepartner berufstätig ist. [...] Ein Drittel der Splitting-Vorteile geht an kinderlose Ehepaare und an solche, deren Nachwuchs nicht mehr im Haushalt lebt. [...]

Da, wo Geld nötig wäre, kommt viel zu wenig an. In großen Flächenstaaten, wie Nordrhein-Westfalen, gibt es gerade einmal für 15 Prozent aller Kinder unter drei Jahren einen Krippenplatz – obwohl laut DIW 90 Prozent aller Kleinkind-Mütter in Ostdeutschland und mehr als 80 Prozent im Westen betonen, dass sie gern berufstätig wären. [...] Es fängt schon mit der Frage an, wer genau zu einer Familie gehört – und ob die klassische Kleinfamile überhaupt als Maßstab taugt. [...]
Die Frage, wer mit wem heutzutage wie viele Kinder bekommt, scheint viele Menschen zu beschäftigen – aber ist all das eher Privatsache oder doch eine öffentliche Angelegenheit? Die deutsche Familienpolitik kranke an einem merkwürdigen Widerspruch, sagt die Berliner Politikwissenschaftlerin Barbara Riedmüller: Der Staat habe sich lange aus der Frage heraushalten wollen, wie Familien leben. Aber gerade dadurch habe er sehr prägend gewirkt. [...] Dafür nennt die Wissenschaftlerin einleuchtende Gründe: erstens die Bevölkerungspolitik der Nazis, zu der man in der Nachkriegszeit den größtmöglichen Abstand herstellen wollte. Zweitens wuchs der Wunsch westdeutscher Nachkriegspolitiker, sich von der DDR und ihrem Postulat der berufstätigen "Frau im Sozialismus" abzuheben.
Das praktische Ergebnis war eine Förderung der Hausfrauenehe. Für viele Frauen, geprägt durch harte Aufbaujahre in zerbombten Städten, klang genau das sogar nach einem Freiheitsversprechen. "Meine Frau muss nicht arbeiten": Diesen Satz sagten Männer in den Wirtschaftswunderjahren mit anderem Stolz als Dänen oder Franzosen, gerade weil das zuvor eben nicht selbstverständlich war. So entstanden das Ehegattensplitting und eine soziale Sicherung für Ehefrauen, die an die Berufstätigkeit des Ehemanns gekoppelt war. [...]
Die Hausfrauenehe [...] wird seltener, und der Sozialstaat hat darauf reagiert. [...] Inzwischen hat er für fast jedes Elternpaar eine maßgeschneiderte Unterstützung parat: für besonders Arme und besonders Wohlhabende, für Eltern, die ihr Kind in die Kita geben, und für Eltern, die ihr Kind selbst betreuen. Für Eltern, die Häuser bauen, gibt es einen Kinderzuschlag bei der Eigenheimförderung, für Eltern, die nicht mal die Miete bezahlen können und Wohngeld beziehen, gibt es das neue Bildungs- paket. Eltern, die von schlecht bezahlten Putzjobs leben, erhalten als Geringverdiener einen "Kinderzuschlag". Eltern, die sich Au-pairs und Babysitter leisten, können diese von der Steuer absetzen. Es soll Hilfe geben für Eltern, die das warme Mittagessen in der Schule nicht bezahlen können – und es gibt schon Steuervorteile für Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken. Auch auf die hohe Scheidungsrate hat der Staat reagiert: Er fördert nach wie vor die Ehe, steht aber auch im Trennungsfall bereit. Es gibt einen Abschlag für Alleinerziehende bei der Steuer und einen Zuschlag bei Hartz IV. [...]
Es ist umstritten, welche Rolle staatliche Hilfen überhaupt bei der Familienplanung junger Menschen spielen können. Ganz sicher ist aber, dass die Wirkung größer ist, wenn die Bürger diese Angebote überblicken und verstehen. [...]

Elisabeth Niejahr, "Mit der großen Gießkanne", in: Die Zeit Nr. 7 vom 10. Februar 2011



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