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Vor zwei Jahren: Beginn der russischen Invasion in die Ukraine

Redaktion

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Am 24. Februar 2022 begann Russland seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine. Im zweiten Kriegsjahr veränderte sich die Frontlinie kaum.

Charkiw, Ukraine – 10. Februar 2024: Feuerwehrleute versuchen, das Feuer zu löschen, während Rauch und Flammen aufsteigen, nachdem eine Tankstelle im Nemyshlyan-Bezirk in Charkiw, Ukraine, am 10. Februar 2024 von russischen Drohnen angegriffen und getroffen wurde. (© picture-alliance, Anadolu | Yevhen Titov)

Am 24. Februar 2022 marschierten russische Truppen in die Ukraine ein. Seit der völkerrechtswidrigen Invasion sind zwei Jahre vergangen, doch ein Ende des Konflikts ist nicht absehbar. Im ersten Kriegsjahr gelang es der Ukraine, einige Gebiete zurückzuerobern. Seither hat sich die Frontlinie kaum verändert, in der Ukraine wird die Munition knapp. In einigen westlichen Ländern blockieren politische Kräfte Hilfsleistungen an das osteuropäische Land.

Wie begann der Konflikt?

2014 nahm Russland die Interner Link: Euromaidan-Proteste in der Ukraine und den Sturz des russlandfreundlichen Präsidenten Wiktor Janukowytsch zum Anlass, die Interner Link: Halbinsel Krim zu annektieren und einen Krieg in den Regionen Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine zu beginnen. In dem Konflikt kamen bis Anfang 2022 insgesamt 14.000 Menschen ums Leben. Die beiden Gebiete im Osten waren nach offizieller russischer Darstellung eigenständige „Volksrepubliken“. Sie wurden aber mit Hilfe des russischen Geheimdiensts GRU etabliert und militärisch schon früh durch reguläre russische Truppen gestützt.

Am Abend des 21. Februar 2022, wenige Tage vor Beginn der großflächigen Invasion, erkannte Russlands Präsident Wladimir Putin die Regime in Donezk und Luhansk offiziell an und bezichtigte u.a. die Ukraine eines angeblich geplanten „Genozids“ an der „russischen“ Bevölkerung auf ukrainischem Territorium.

Wie hat sich der Frontverlauf seit dem Angriff verändert?

In den ersten Kriegstagen rückten russische Truppenverbände weit auf das ukrainische Staatsgebiet vor. Es gab Kämpfe in den Vororten von Kyjiw und Charkiw; Cherson und Melitopol wurden besetzt. Bekannt wurden beispielsweise die im Großraum Kyjiw liegenden Orte Butscha und Irpin, wo die russischen Besatzer Massaker an der Zivilbevölkerung verübten und andere Kriegsverbrechen begangen. Den ukrainischen Streitkräften gelang es nach einigen Wochen jedoch, die russischen Truppen aus dem Nordteil des Landes und der Region Kyjiw zu vertreiben. Mariupol am Schwarzen Meer fiel dagegen im Mai 2022 unter russische Kontrolle. Im Spätsommer und Herbst 2022 gelang es der ukrainischen Armee, weitere Gebiete zurückzuerobern. Der Oblast Charkiw wurde fast vollständig befreit. Außerdem konnte die Ukraine im Bereich Cherson bis zum Dnipro vordringen. Seit diesem Durchbruch gab es keine wesentlichen Veränderungen mehr an der etwa 1.300 Kilometer langen Frontlinie, die sich von Kupjansk im Osten bis in die Vororte von Cherson im Süden des Landes erstreckt. Etwa 17,5 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets sind weiterhin von russischen Truppen besetzt.

Ukraine - Physische Übersicht, Grenzen und Verkehr (mr-kartographie Gotha) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Wie hat sich der Krieg im vergangenen Jahr verändert?

Der russischen Armee gelang es ab Herbst 2022, die Frontlinie zu stabilisieren, auch durch großflächig angelegte Verteidigungslinien. Eine ukrainische Gegenoffensive im Frühjahr und Sommer 2023 gilt als gescheitert und brachte kaum nennenswerte Gebietsgewinne. Der damalige Oberkommandeur der ukrainischen Streitkräfte General Walerij Saluschnyj sprach im Herbst 2023 von einer militärischen Pattsituation an der Front. Der Krieg sei mittlerweile durch Grabenkämpfe wie im Ersten Weltkrieg gekennzeichnet.

Er findet aber auch tief im Landesinneren statt. Externer Link: Zwischen August und Oktober 2023 kamen fast die Hälfte aller zivilen Opfer in der Ukraine UN-Angaben zufolge weit von der Front entfernt ums Leben. Russland bombardiert weiterhin regelmäßig ukrainische Orte mit Raketen und Drohnen. Zuletzt wurden beispielsweise Tote und Verletzte aus Charkiw und der Region Odessa gemeldet.

Russland greift außerdem systematisch die kritische Infrastruktur der Ukraine an. So geht die Interner Link: Sprengung des Kachowka-Staudamms am 6. Juni 2023 vermutlich auf Russland zurück. Der Damm staute zuvor das Wasser des Dnipro, der Stausee war etwa viermal so groß wie der Bodensee. Durch die Überschwemmungen wurden ganze Landstriche verwüstet und die Externer Link: Wasserversorgung von mehr als 700.000 Menschen beeinträchtigt. Wie im vorigen Winter greift Russland auch im Winter 2023/24 massiv die Energieinfrastruktur an, die während der Heizperiode besonders wichtig ist.

Auch die Ukraine greift Ziele in Russland an, zuletzt Mitte Februar 2024 in Belgorod. Im vergangenen Jahr sorgten einige Drohnenangriffe auf Ziele in Moskau für internationale Aufmerksamkeit.

Wie hoch ist die Zahl der Opfer und Vertriebenen?

Über die Zahl der Opfer gibt es sehr unterschiedliche Angaben. Externer Link: Die Vereinten Nationen gehen von mindestens 10.000 getöteten Zivilisten aus. Da es aber schwer sei, die Todeszahlen zu verifizieren, könne die wahre Zahl deutlich höher liegen. Externer Link: Human Rights Watch geht allein für Mariupol von mindestens 8.000 getöteten Bewohnern aus. Die ukrainische Armee gibt an, dass bis Mitte Februar 2024 etwa 400.000 russische Soldaten getötet wurden. Die britische Regierung schätzt, dass bis November 2023 etwa 290.000 bis 350.000 russische Soldaten getötet oder verwundet wurden. Die US-Regierung geht überdies davon aus, dass bis August 2023 bis zu 200.000 ukrainische Soldaten getötet oder verwundet wurden. Genaue und nachprüfbare offizielle Zahlen zu getöteten Soldatinnen und Soldaten veröffentlichen weder die Ukraine noch Russland.

Der Krieg in der Ukraine hat auch eine große Fluchtbewegung ausgelöst. Externer Link: Schätzungen des UNHCR zufolge leben nahezu 6,5 Millionen ukrainische Flüchtlinge im Ausland (Stand 15.02.2024). Über die Zahl der Binnenflüchtlinge gibt es unterschiedliche Angaben: Die Internationale Organisation für Migration schätzte die Zahl im Oktober 2023 auf etwa 3,7 Millionen Menschen; ukrainische Behörden gingen hingegen im November 2023 von 4,9 Millionen aus.

Welche Waffen wurden von westlichen Staaten an die Ukraine geliefert?

Durch westliche Waffenlieferungen haben die ukrainischen Streitkräfte neue Fähigkeiten hinzugewonnen – das gilt insbesondere für die Raketentechnik und die Flugabwehr. Waffenlieferungen an die Ukraine sind aber immer wieder Gegenstand von kontroversen Debatten in den westlichen Ländern, vor allem in Deutschland.

Während etwa Großbritannien und die USA schon lange vor dem 24. Februar 2022 damit begannen, Panzerabwehrwaffen zu liefern, war Deutschland zurückhaltender. Ende Januar 2022, wenige Wochen vor Beginn der Invasion, versprach Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) die Lieferung von 5.000 Gefechtshelmen und wollte dies als „deutliches Signal“ verstanden wissen. Ein weitgehenderes Engagement lehnte die Bundesregierung vorher mit dem Hinweis ab, dass man keine Waffen in Krisengebiete liefere. Diese Position änderte sich am 26. Februar 2022, als Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Lieferung von Panzerabwehrwaffen und Flugabwehrraketen an die Ukraine versprach.

Ab April 2022 versuchte die Bundesregierung, über „Ringtausch“-Lösungen für die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine zu sorgen, ohne diese selbst liefern zu müssen. Nato-Partnerländer erhielten deutsche Waffentechnologie – wie zum Beispiel Leopard-2-Panzer – und erklärten sich ihrerseits bereit, ältere sowjetische Waffensysteme an die Ukraine zu liefern. Im Mai 2022 versprach die Bundesregierung, mit der Panzerhaubitze 2000 erstmals ein modernes deutsches Artilleriesystem direkt zur Verfügung zu stellen. Drei Monate später, im August 2022, sagte Deutschland die Lieferung von IRIS-T-Flugabwehrsystemen zu. Die direkte Lieferung von deutschen Kampfpanzern in die Ukraine wurde lange kontrovers diskutiert. Von Gegnern solcher Lieferungen wurde etwa angeführt, dass Deutschland keine Alleingänge bei Waffenexporten unternehmen sollte. Befürworter verwiesen hingegen darauf, dass die Panzer für die Ukraine ein wichtiger Baustein für ihren militärischen Erfolg seien. Auch die USA zögerten lange, der Ukraine moderne Panzer zur Verfügung zu stellen. Im Januar 2023 kündigte die Bundesregierung erstmals die Lieferung von Leopard-2-Kampfpanzern an. Kurz danach teilten die USA mit, ebenfalls Kampfpanzer liefern zu wollen.

In absoluten Zahlen leistet Deutschland mittlerweile nach der EU und den USA den drittgrößten Beitrag zur militärischen, finanziellen und humanitären Unterstützung der Ukraine. Beim relativen Blick auf die einzelnen Länder, also gemessen am jeweiligen Interner Link: Bruttoinlandsprodukt des Landes, rangiert Deutschland für den Zeitraum 24. Januar 2022 bis 24. Januar 2024 allerdings nur auf Platz 10. Dissens zwischen der ukrainischen und der deutschen Regierung gibt es immer noch über die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Scholz lehnt dies noch immer ab. Die USA haben im Herbst 2023 nach langer Bedenkzeit ATACMS-Raketen mit einer größeren Reichweite geliefert. Großbritannien und Frankreich hatten bereits deutlich vorher Storm Shadow- bzw. SCALP-Marschflugkörper mit großer Reichweite an die Ukraine geliefert.

Sinkt die Hilfsbereitschaft für die Ukraine?

Die Ukraine ist weiterhin auf finanzielle Hilfen angewiesen. Der ukrainische Wehretat macht im Jahr 2024 fast die Hälfte des Staatshaushaltes in Höhe von 84 Milliarden Euro aus. Im Haushaltsjahr 2023 flossen etwa 38 Milliarden Euro an westlichen Hilfen in das ukrainische Staatsbudget. Das waren etwa 50 Prozent der Gesamtausgaben. Ein Großteil der zivilen Ausgaben wird über solche Hilfsgelder finanziert. Gleichzeitig schwindet die Bereitschaft der Partnerländer, neue Mittel bereitzustellen: Das Kieler Institut für Weltwirtschaft stellte Ende 2023 fest, dass zwischen August und Oktober des laufenden Jahres nur 2,1 Milliarden Euro an neuen Hilfen zugesagt wurden – fast 90 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum von 2022.

Zwei große Hilfspakete waren in den vergangenen Monaten Gegenstand von Kontroversen. Die EU konnte sich – nachdem Ungarn lange Widerstand geleistet hatte – erst Anfang Februar 2024 auf neue Zahlungen an die Ukraine in Höhe von 50 Milliarden Euro bis 2027 einigen. In den USA scheiterte ein 60-Milliarden-Dollar-Hilfspaket am Widerstand der Republikaner und des parteiunabhängigen Senators Bernie Sanders. In einer weiteren Abstimmung Mitte Februar stimmte der Senat dem Paket schließlich zu, eine Zustimmung des Repräsentantenhauses gilt jedoch als unsicher.

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