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Wählerverhalten

Wählerverhalten

Rainer-Olaf Schultze

Bestimmungsfaktoren des Wählens

Wählerverhalten (WV) bezeichnet das politische Verhalten der Bürgerinnen und Bürger bei → Wahlen (und Abstimmungen) mit dem Ziel der Machtzuweisung und Machtverteilung, die durch die Auswahlentscheidung zwischen Personen-, Parteien- und Programmalternativen erfolgt – im repräsentativ-demokratischen System der BRD (abgesehen von der Länder- und Kommunalebene, wo Referenda inzwischen in den meisten → Bundesländern möglich sind) primär durch die Stimmabgabe bei Parlamentswahlen auf den verschiedenen Systemebenen, zum Europaparlament, zum → Bundestag, zu den → Landtagen sowie den kommunalen Vertretungskörperschaften. Politisch am bedeutsamsten (auch in der Einschätzung des Wählers) sind dabei unverändert die Wahlen zum nationalen Parlament, in D also die Wahlen zum → Bundestag.

Die wahlsoziologische Forschung hat eine Reihe von Verfahren und Ansätzen entwickelt, die Rückschlüsse auf das WV zulassen (→ Wahlforschung). Danach formiert sich individuelles WV im Mit- und/oder Gegeneinander langfristig-strukturell und kurzfristig-situativ wirkender Komponenten. Zu den Langfristdeterminanten zählen (a) die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, insbesondere die Wirtschafts- und Sozialstruktur eines Landes, das politische Institutionensystem, etwa die Wirkungen von Wahlrecht und Wahlsystem, die Medienlandschaft; (b) die sozialstrukturelle Verankerung der Wähler in Primär- und Sekundärumwelten; durch sie stellt sich der Bezug zu den gesamtgesellschaftlichen Konflikten (cleavages) her sowie (c) die Parteiidentifikation und die politisch-ideologischen Grundorientierungen, beide erworben im Sozialisationsprozess. Zu den Kurzzeiteinflüssen zählen politisch-situative wie politisch-konjunkturelle Einflussfaktoren, etwa (a) die konkreten Wettbewerbsbedingungen und Parteien-systemkonstellationen sowie (b) das Kandidaten- und Programmangebot der Parteien, die strittigen Sachthemen (issues) während des Wahlkampfes (vgl. Broschek und Schultze 2006).

Konstanz, Wandel, Zäsuren im deutschen Wählerverhalten: 1949–2020

Zwischen den einzelnen Einflussfaktoren bestehen komplexe Wechselwirkungen, die zudem bestimmt sind von Konstanz, Wandel und Zäsuren – in der über 70-jährigen Wahlgeschichte sowohl durch Zäsuren in der „alten“ BRD als auch nach 1990 im Gefolge der Wiedervereinigung (vgl. Schultze 2018).

Konstanz und Wandel vor 1990

Das WV in der alten BRD war lange Zeit klar und einfach konturiert, zudem vergleichsweise stabil: (1) Die Wahlbeteiligung wurde als staatsbürgerliche Pflicht begriffen und lag zwischen 1953 und 1987 über 85, in den 1970er-Jahren über 90 % – ein Normverständnis, das sich seither stark gewandelt hat (s.u.).

(2) Nachhaltig geprägt wurde das Wählervotum der Vergangenheit von Parteiidentifikation und Sozialstruktur, vor allem von zwei der vier „Cleavages“:

(a) der konfessionellen Konfliktlinie mit den Polen katholische versus nicht-katholische, libertäre Wählermilieus; (b) der wohlfahrtsstaatlichen Ausprägung des Konfliktes von Kapital und Arbeit mit dem Ziel sozialstaatlicher Umverteilung und Egalisierung auf dem einen und neo-liberal, marktwirtschaftlicher Orientierung auf dem anderen Pol. Vermittelt werden die Langfrist-Bindungen der Wähler bis heute vor allem durch Gewerkschaftsmitgliedschaft bzw. Kirchenbindung/Kirchgangshäufigkeit. Denn gewerkschaftlich organisierte Wähler aus der Arbeiterschaft votierten bei den Bundestagswahlen (BTW) zwischen 1976 und 2002 mit im Schnitt deutlich über 60 Prozent für die → SPD und damit weit stärker als die nicht gewerkschaftlich gebundenen Wähler. Hingegen votierten von Katholiken mit starker Kirchenbindung zwischen 1976 und 2002 über 70 Prozent für die Unionsparteien(→ CDU), während die Parteianteile bei den Katholiken ohne Kirchenbindung sowie bei Protestanten und Wählern ohne Kirchenbindung deutlich niedriger lagen (vgl. Broschek und Schultze 2006; Debus 2012).

Die Bedeutung der Cleavages für das WV in der alten BRD war und ist dabei seit 1949 quantitativen wie qualitativen Wandlungsprozessen unterlegen und lässt sich in zwei große Trends fassen (vgl. Schultze 1991):

(a) Die ersten Jahrzehnte waren durch einen Konzentrationsprozess gekennzeichnet. Zunächst konzentrierten sich die bürgerlichen Wählerschichten entlang beider stark wirkenden Konfliktlinien auf die CDU/CSU, was die SPD strukturell in die → Opposition verwies. Unterstützt durch den in den 1960er-Jahren einsetzenden tiefgreifenden Wandel in der Berufsstruktur und die gleichzeitig beginnende Umorientierung im WV der neuen Mittelschichten gelang es der SPD das Ungleichgewicht abzubauen. Es waren Umorientierungen in der Wählerschaft des konfessionellen Milieus, die bei den BTW der 1960er-Jahre die deutlichen Stimmenzuwächse der Sozialdemokratie ermöglichten; sie führten über die erste Große → Koalition zwischen 1966 und 1969 zur Regierungsbeteiligung der SPD, nach der Wahl von 1969 zum Regierungswechsel und zur Bildung der sozial-liberalen Regierung bis 1982.

(b) Seit den 1970er-Jahren setzten Dekonzentrationsprozesse ein. Sie hängen zusammen mit dem gesellschaftlichen, industriellen und berufsstrukturellen Wandel seit den 1960er-Jahren und lösten Prozesse des → Wertewandels aus. Sowohl der Wandel in politischen Einstellungen in Richtung postmaterieller Werte als auch veränderte Verhaltensweisen, die das Repertoire → politischer Partizipation um unkonventionelle Formen erweiterten, ließen neue grundlegende politische Werthaltungen entstehen, die manche Autoren veranlassten, von einer neuen Konfliktlinie im WV der BRD auszugehen (vgl. Inglehart 1977; Schultze 1991). Seit Anfang der 1980er-Jahre gelang es den → Grünen, als parteiorganisatorischem Ausdruck der ökologischen und anderen → neuen sozialen Bewegungen, die institutionellen Barrieren des politischen Systems, vor allem die 5 % Sperrklausel, zu überwinden, wodurch sich das → Parteiensystem in ein bipolares Vierparteiensystem mit CDU/CSU und → FDP sowie SPD und Grünen ausdifferenzierte.

Auswirkungen des Wandels

In dem Maße, indem der sozioökonomische Wandel einst homogene soziale Umwelten auflöste, größere vertikale wie horizontale Mobilität zuließ und es dadurch zur Angleichung der Parteiwählerschaften und der programmatisch-ideologischen Anpassung der Parteien kam, erfuhren politisch-konjunkturelle und politisch-situative Bestimmungsfaktoren des WVs einen Bedeutungszuwachs. Strukturell kam es zur Abnahme der Parteiidentifikation, die sich seit den 1970er-Jahren um ca. 20 Prozentpunkte verringerte; die sich lockernden Parteiloyalitäten führten zu flexiblerem WV:

(a) Der Anteil der Wechselwähler ist von circa 15 Prozent in den 1970er-Jahren auf circa ein Drittel ab der BTW von 2005 angestiegen (vgl. Weßels 2011). Von Bedeutung ist dabei, dass die Wechselwähler keine homogene Gruppe darstellen, zwischen kurzfristigem und langfristigem Parteiwechsel, zwischen zeitweiligem Abweichen von der Normalwahlentscheidung und stabiler Umorientierung unterschieden werden muss.

(b) Ähnliches gilt für das Stimmensplitting von Erst- und Zweitstimme. Seit den 1970er-Jahren haben in der BRD ca. 10 % und mehr, bei den Wahlen der 1990er-Jahre zwischen 15 und 20 %, bei den Wahlen von 2009 und 2017 26 und 27 % der Wähler von diesem Aufteilen der Stimmen zum größten Teil aus wahltaktischen und koalitionspolitischen Erwägungen heraus Gebrauch gemacht, wenngleich in der Wahlforschung immer wieder kontrovers diskutiert wird, ob die Wähler die Wirkweise des Zweistimmensystem tatsächlich verstehen und sie das Splitting rational einsetzen. Vor allem Wähler kleinerer Parteien wie FDP oder B90/GR wollen dadurch ihrer Partei den Einzug ins Parlament mit der Zweitstimme über die Landeslisten ermöglichen und votierten in der Vergangenheit mit der Erststimme mehrheitlich für den Parteikandidaten des potenziellen Koalitionspartners. Spätestens seit der BTW 2013 verändern sich mit dem Wandel im Parteiensystem diese Muster, votierten 2017 die Wähler der kleinen Parteien verstärkt oder auch mehrheitlich den jeweiligen Parteikandidaten mit der Erststimme (vgl. Jesse 2018).

Wählerverhalten in der Gegenwart, nach 1990

WV und Parteiensystem der Gegenwart sind seit Zäsur der 1990er-Jahre von tiefgehenden gesellschaftlichen Wandlungsprozessen bestimmt (vgl. Schultze 2018), zum einen – auch nach dreißig Jahren – von den Konsequenzen der deutschen Vereinigung sowie zweitens von den Auswirkungen der (finanz-) kapitalistischen Globalisierung und Europäisierung wie der damit verbundenen technologisch-industriellen Modernisierung. In deren Gefolge führten steigende Volatilität wie soziale und regionale Differenzierungen in Partizipation und WV in drei Schritten – nach 1990 – 2005 – 2013 zur Herausbildung eines „fluiden Mehrparteiensystems“ (vgl. Niedermayer 2015) – seit 2017 bestehend aus sieben auf Bundes- wie Länderebene relevanten Parteien.

Wahlergebnisse und Regierungsverhältnisse nach 1990

War die BTW vom Dez. 1990 (vgl. Schultze 1991) in ihrem Ergebnis in Ost wie West ein Plebiszit zur Ratifikation der Vereinigung, so konnte sich die christlich-liberale Koalition unter Kanzler H. Kohl mit einem Stimmenvorsprung von 0,3 % bei der Wahl vom Okt. 1994 nur ganz knapp behaupten. Im Herbst 1998 kam es dann zum ersten Mal in der Geschichte der BRD zur Abwahl des amtierenden Kanzlers und zum Regierungswechsel (zur SPD-B90/GR-Koalition unter G. Schröder) durch den Wahlakt selber.

Bei der vorzeitigen Neuwahl vom Herbst 2005 ergab sich zwar zum dritten Mal nacheinander bundesweit eine knappe Stimmenmehrheit „links von der Mitte“, doch reichte es für die 2002 knapp bestätigte Regierung Schröder/Fischer nicht zur parlamentarischen Mehrheit, da die um Kandidaten der WASG ergänzte Linke Liste der PDS die Sperrklausel deutlich übersprang. Makropolitisch blieb folglich nur der Ausweg der Bildung der lagerübergreifenden, großkoalitionären Regierung aus Union und Sozialdemokratie unter Führung von A. Merkel, die – unterbrochen von einem vierjährigen schwarz-gelben Zwischenspiel zwischen 2009 und 2013 – auch nach den BTW von 2013 und 2017 fortgesetzt wurde – trotz starker Verluste der (kaum mehr als Volksparteien zu charakterisierenden) beiden Großparteien, zunächst ab 2005 der SPD und 2017 auch der CDU/CSU, deren gemeinsamer Stimmenanteil 2005 erstmals unter 70, 2009 unter 60 und 2017 auf den bisherigen Tiefststand von 53,4 % der Stimmen fiel. Bezogen auf die Gesamtzahl der Wahlberechtigten votierten 2017 nur mehr knapp über 40 Prozent für CDU/CSU und SPD, ca. ein Drittel von ihnen für die vier Oppositionsparteien (Linke, B’90/GR FDP, → AfD); ca. ein Viertel entschied sich für Nicht-Wahl.

Schnelllebige Veränderungen

Kennzeichen des WVs seit den 1990er-Jahren sind schnelllebige Veränderungen, aber auch nachhaltiger Wandel, die sowohl aus den Bindungsverlusten und Performanzproblemen der vormaligen Volksparteien, verbunden mit der Pluralisierung des Parteienwettbewerbs, als auch aus sich verändernden Partizipationsmustern der Wähler herrühren, also aus Wandlungsprozessen in Angebot wie Nachfrage, die sich wechselseitig bedingen und verstärken.

Die politische Beteiligung wird stärker als früher mit anderen Formen konventioneller wie unkonventioneller Partizipation kombiniert, wodurch sich die Bedeutung des Wahlaktes deutlich relativierte (vgl. Schäfer 2015). Wahl und Nicht-Wahl werden zunehmend auch taktisch und instrumentell praktiziert. Hinzu kommen Politiker- und Parteienverdruss. Insgesamt führte dies zu einem deutlichen Rückgang der Beteiligung auf allen Wahlebenen und in so gut wie allen Wählergruppen: Zwischen 1970 und 1990 wie 1990 und 2013 bei BTW im Durchschnitt jeweils um circa 10 bis 12 Prozentpunkte; 2009 und 2013 lag sie bei 70,8 respektive 71,5 %. Bei den fälschlicherweise häufig als „Nebenwahlen“ bezeichneten Landtagswahlen betrug sie im Durchschnitt der Länder zwischen 1990 und 2000 69, zwischen 2000 und 2013 61 %. Bei Kommunal- und Europawahlen lag sie nochmals jeweils um circa 10 Prozentpunkte niedriger bei 52 respektive 43 %, bei manchen Wählergruppen, etwa bei Erst- und Jungwählern, deutlich unter 40 %. Durch den Rückzug beachtlicher Wählerzahlen akzentuierte sich die soziale Ungleichheit in den Partizipationschancen mit Gefahren für die demokratische Stabilität (vgl. Schäfer 2015). Allerdings stieg die Wahlbeteiligung infolge der durch die Kandidatur der rechtspopulistischen AfD veränderten Angebotssituation ab den Landtagswahlen 2016 deutlich an, bei der BTW von 2017 um 4,7 Prozentpunkte auf 76,2 %.

Wählerwanderungen

Ähnlich verhält es sich mit den Wählerwanderungen. Einschließlich vormaliger Nichtwähler liegt der Anteil der Wechselwähler seit den BTW von 2009 bei circa 40 % (vgl. Weßels 2011). In der jüngeren Vergangenheit vollzogen sich die Wählerwanderungen etwa bei den Wahlen von 2002 und 2005 primär zwischen Wahl und Nicht-Wahl, die Parteiwechsel innerhalb der beiden großen Lager. Diese Muster bestimmten noch 2009 und 2013 die Wählerwanderungen, folgt man ARD-Infratest-Dimap: Im Saldo gewann die Union 2009 lager-übergreifend 870 Tsd. Stimmen vom großkoalitionären Regierungspartner SPD, gab aber auch 1,13 Mio. Stimmen an die FDP ab und verlor 1,08 Mio. Stimmen durch Nichtwahl (vgl. Hilmer 2010). Bei der Wahl von 2013 stellte sich hingegen im Verhältnis von Union und FDP der genau gegenläufige Trend ein: Im Saldo der Zuwanderung zur Union hatte circa die Hälfte der Wechselwähler 2009 FDP gewählt, kam rund ein Viertel aus dem Lager der Nichtwähler. Die Parteiwechsler der SPD gingen 2009 überwiegend ins Lager der Nichtwähler (2,13 Mio.) oder lagerintern zur Linkspartei (1,11 Mio.) und zu B90/GR (860 Tsd.). Die Erwartung der SPD 2013 aus der Opposition heraus einen Großteil der zuvor in die Nicht-Wahl abgewanderten Wähler zurückzugewinnen erfüllte sich nicht: Von der geringen absoluten Zahl von Parteiwechslern zur SPD stammten rund die Hälfte aus lagerinterner Wanderung, nur 380 Tsd. oder ca. ein Fünftel aus dem Nichtwähler-Lager und rund ein Viertel kam lagerübergreifend vor allem von vormaligen FDP-Wählern. Allerdings veränderte sich 2013 ansatzweise die Richtung des Wechsels, denn die Wähler der erstmals kandidierenden AfD stammten zu circa 46 % von vormaligen Unions- und FDP-Wählern und zu circa 40 % von Wählern aus dem „linken Lager“ und insbesondere zu einem Fünftel von jenen der Linkspartei, so dass die AfD beachtlichen Zulauf aus beiden Lagern und von allen Parteien verzeichnete. Bei den nachfolgenden Wahlen stellte sich ein ähnliches Bild her. Die beiden komplementären Trends zu erhöhter Volatilität und lagerübergreifendem Wechsel haben sich bei der BTW 2017 weiter akzentuiert und dürften mittelfristig Bestand haben (s.u.).

Alte und neue Cleavages

Stärker als zuvor ist das WV sozialstrukturell wie sozio-kulturell von Vielfalt bestimmt. Zwar spielen die überkommenen Grundmuster noch immer eine wichtige Rolle für die Wählerentscheidung. Selbst 2005 und 2009 entschieden sich Wähler mit katholischer Kirchenbindung überdurchschnittlich (72 bzw. 67 %) für die Unionsparteien, gewerkschaftlich gebundene Arbeiter-Wähler überproportional für die SPD. Allerdings haben sich Milieus wie Milieubindungen quantitativ wie qualitativ stark verringert bzw. gelockert. Der Anteil der SPD an gewerkschaftlich gebundenen Arbeiter-Wählern ging über 2005: 50 auf 2009: 34 % stark zurück; die jeweilige Kernklientel von Union und Sozialdemokratie reduzierte sich auf ca. 1/8 aller CDU/CSU- bzw. 1/10 aller SPD-Wähler (FGW 2009). Die traditionellen Cleavages werden folglich spätestens seit der Zäsur der 1990er-Jahre von einer Reihe weiterer konflikthafter Spaltungen überlagert und fragmentiert:

(a) Die Gegensätze im WV zwischen Ost und West rechtfertigen noch immer die These von den zwei Elektoraten und regionalen Parteiensystemen: Sie sind einerseits politisch-konjunkturell verursacht, liegen aber vor allem in fortdauernden Unterschieden in den Sozialstrukturen wie deutlichen Differenzen in den politischen Regionalkulturen begründet. Aufgrund fehlender Parteibindungen ist im Osten die elektorale Volatilität sowohl in der Abfolge der Bundestags- als auch zwischen Bundes- und Landtagswahlen unverändert weit höher als in den alten → Bundesländern. Es gilt für die Schwankungen in der insgesamt niedrigeren Wahlbeteiligung wie für Gewinne und Verluste von CDU und SPD. Zudem sind deren Stimmenanteile in den östlichen Ländern deutlich geringer, spielen FDP und B90/GR dort nur eine untergeordnete Rolle, anders als zunächst PDS/Linke und seit 2013 auch die AfD, die im Osten weit überdurchschnittliche Stimmanteile gewinnen.

Die PDS/Linke war im Osten bis 2009 bei den Wahlen aller Ebenen zweitstärkste Partei hinter CDU oder SPD, bei einigen Wahlen regional auch stimmstärkste Partei. Das Votum für die PDS ist dabei weder allein noch primär auf Nostalgie und Protest zurückzuführen. Die PDS ist klassische Milieupartei, ihre Wählerschaft definiert sozialstrukturell durch die „Vereinigungsverlierer“ (objektive wie subjektive), ideologisch durch eine eher positive Einschätzung der DDR-Vergangenheit wie eine kapitalismuskritische und negative Einschätzung der gesamtdeutschen Gegenwart. Die Kernwählerschaft der PDS – überdurchschnittlich Angestellte, Beamte, Arbeitslose und in Ausbildung befindliche junge Leute, nur unterdurchschnittlich Arbeiter – war 2005 bzw. 2009 mit 25,3/28,5 % der Stimmen vergleichsweise stabil, seit 2013 aber deutlich rückläufig: bei der BTW 2017 fiel die Linke in Ost wie West mit 17,3 bzw. 7,2 % hinter die AfD zurück, die einen Stimmenanteil von 20,5 bzw. 10,7 % erzielte (vgl. FGW 2009; Hilmer und Gagné 2018).

(b) Das WV prägen sodann zunehmend die Konflikte zwischen traditionellen vs. libertären Lebensstilen wie zwischen Modernisierungsgewinnern vs. (tatsächlichen wie vermeintlichen) Modernisierungsverlierern, der sich zusehends auch darstellt als Konflikt zwischen den Positionen nationalstaatlicher Abschottung vs. transnationaler oder europäischer Integration (vgl. Schultze 2018). Sie bewirken unterhalb der Oberfläche makro-ökonomischer Stabilität in großen Wählersegmenten sozial-ökonomisch und sozio-kulturell unterschiedlich begründete Unzufriedenheiten und Zukunftsängste. Sie beschleunigten bei der BTW 2017 den Erosionsprozess der Großparteien von Union und Sozialdemokratie auf 32,9 bzw. 20,5 % der Stimmen zugunsten der zuvor außerparlamentarischen Oppositionsparteien FDP und AfD. Die Struktur der AfD-Wählerschaft reflektiert diese unterschiedlich begründeten Zusammenhänge. Die Zuwanderung zur AfD, im Saldo knapp 4 Mio. speiste sich 2017 circa zur Hälfte aus den Lagern der Nichtwähler sowie zu je rund einem Viertel aus lagerinternem (vor allem von der Union) wie lagerübergreifendem Wechsel (von SPD und Linke). Die AfD profitierte dabei in bürgerlich-konservativen Milieus von der sozio-kulturell verursachten Unzufriedenheit und Ablehnung der Liberalisierung und Modernisierung der Rechts- und Familienpolitik, der Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik, in vormals sozialdemokratisch geprägten Wählermilieus von den sozialökonomisch verursachten Zukunftsängsten. Nicht von ungefähr votierten bei einem Gesamt-Stimmenanteil von 12,6 % Arbeiter-Wähler wie Wähler aus der Gruppe der Arbeitslosen mit ca. 21 % stark überproportional, Beamte und Rentner unterdurchschnittlich für die AfD (vgl. Hilmer und Gagné 2018).

Volatilität in Wählerverhalten und Parteiengefüge

In Anbetracht des gesellschaftlichen Wandels, der Pluralisierung und Individualisierung der Lebensstile wie der damit einhergehenden Reduktion und Lockerung der Milieu- und Parteibindungen votieren die Wähler stärker als in der Vergangenheit auf Basis retrospektiver Erfahrungen und Kosten-Nutzen orientiert. In der Wahlentscheidung geht es folglich verstärkt um die Bestätigung oder Abwahl der amtierenden Regierung, aber auch um die Artikulation von Protest durch Wahlenthaltung sowie um die Unterstützung und Wahl neuer, alternativer Parteiangebote, die die „Repräsentationslücken“ der etablierten Parteien zunehmend erfolgreich auszufüllen vermögen.

WV und Parteiensystem in D sind damit charakterisiert durch komplexe, sich fragmentierende und überlagernde Konfliktmuster, die sich äußern u. a. (a) in dem Rückgang der Stammwähler, (b) in den Unterschieden in wahlsoziologischen Strukturen, politischer Kultur und Parteibindungen, (c) in zunehmender Personalisierung und Medialisierung von Politik und Wahlen, verbunden mit (d) starken Vertrauensverlusten der Bürger in die etablierten politischen Parteien und Institutionen und (e) der Unterstützung alternativer Partizipationsformen und Parteiangebote. Gesamtdeutsch führt dies zu beachtlichen Asymmetrien und Unübersichtlichkeiten im Parteiensystem, das sich seit geraumer Zeit auf dem Weg zu einem „fluiden“ Viel-Parteiensystem befindet.

Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 8., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2021. Autor des Artikels: Rainer-Olaf Schultze

Fussnoten