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16.10.2014

Was ist Rassismus?

Auch in der Serie "Köln 50667" wird über das Thema Rassismus diskutiert. Was aber genau ist überhaupt Rassismus? Wo findet er statt und wie verbreitet ist er? Hier gibt es die wichtigsten Infos auf einen Blick.

Rassistinnen und Rassisten teilen Menschen, die individuell und unterschiedlich sind, in vermeintlich einheitliche Gruppen ein. Auf diese Weise konstruieren Rassistinnen und Rassisten Gruppen, deren Mitglieder sie als prinzipiell gleich ansehen. Auf der persönlichen Ebene wirkt sich Rassismus dann so aus, dass nicht mehr das Verhalten, die Gedanken oder die Ideen eines Menschen eine Rolle spielen, sondern eine Person anhand der ihr zugeschriebenen Herkunft, Hautfarbe oder Migrationsgeschichte, Sprache, Religion oder Kultur be- und verurteilt wird.

Vermeintliche oder tatsächliche Unterschiede zwischen Personen fassen rassistische Menschen zu scheinbar unveränderlichen und "natürlichen" Gruppenmerkmalen zusammen und erklären diese zum kulturell, religiös oder biologisch bedingten "Wesen" dieser Gruppe. Dabei unterscheiden Rassistinnen und Rassisten zwischen einer "Eigengruppe", zu der sie sich selbst zählen und einer oder mehreren "Fremdgruppen", die sie abwerten und ausgrenzen. Rassismus hat neben einer vereinfachenden Einstellung und einem Überlegenheitsgefühl also auch etwas mit Machtpositionen zu tun, beispielsweise der Macht darüber zu entscheiden, auf welche Weise über bestimmte Gruppen gesprochen wird und wie diese Gruppen in die Gesellschaft eingeschlossen oder ausgeschlossen werden. Rassismus kann aber auch institutionalisiert sein und in Regeln und Gesetzen seinen Niederschlag finden. Insofern kann ein Verhalten auch dann rassistisch sein, wenn es von Ausgrenzung, Diskriminierung und Benachteiligung profitiert und nichts gegen solche Ungerechtigkeiten unternimmt.

Rassentheorie

Woher kommt die Idee, Menschen in Gruppen zu unterteilen?

Die Idee, dass es Menschengruppen mit verschiedenen und scheinbar "natürlichen" Eigenschaften gibt – die auch unterschiedlich viel wert sind –, entstand in Europa im 15. Jahrhundert. Als die Europäerinnen und Europäer das heutige Lateinamerika eroberten, mussten sie einen Weg finden, um vor sich selbst die Ausbeutung, Versklavung und Ermordung der dort lebenden Menschen zu rechtfertigen. Die These von der grundlegenden Unterschiedlichkeit verschiedener Menschengruppen, die Einteilung von Menschen in Gruppen und die Abwertung von Gruppen, denen die Europäerinnen und Europäer selbst nicht angehörten, diente ihnen dabei als Rechtfertigung für ihr Handeln.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurden solche Thesen auch mit Hilfe der damaligen Wissenschaft gestützt. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné erfand ein System, das die Menschheit unter anderem anhand ihrer Herkunft und ihrer Hautfarbe einteilte. Willkürlich wies er jeder Gruppe Eigenschaften zu und erklärte diese Eigenschaften für angeboren, ohne eine wissenschaftliche Grundlage dafür zu haben. So beschrieb Linné zum Beispiel mache Gruppen als von Natur aus "hartnäckig" und "fröhlich", andere wiederum als "melancholisch" und "streng". Die Idee, dass es "Rassen" gäbe und diese in "höherwertiger" oder "minderwertiger" unterschieden werden könnten, stammt auch aus dieser Zeit. Im 19. Jahrhundert griffen mehrere europäische Wissenschaftler diese Idee auf und erklärten die "Rasse" der Europäer den anderen "Rassen" für überlegen. Zu den bekanntesten Vertretern gehörten Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain.

An dieses Gedankengut knüpfte die Ideologie des Nationalsozialismus an. Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten hielten die sogenannte "nordische Rasse" – der sie sich selbst zurechneten – für wertvoller als die aus ihrer Sicht "minderwertigen Rassen", zu denen sie beispielsweise jüdische und slawische Menschen oder die Gruppen der Sinti und Roma zählten. Unter dem Vorwand die eigene "Rasse" vor "Verunreinigung" durch andere Gruppen schützen zu müssen, ermordete das nationalsozialistische Regime systematisch Millionen von Menschen, die nicht ihrem "Rassenideal" entsprachen.

Biologinnen und Biologen, Genetikerinnen und Genetiker haben längst nachgewiesen, dass man Menschen nicht in "Menschenrassen" einteilen kann – wir sind uns biologisch und genetisch betrachtet viel zu ähnlich.

Rassistinnen und Rassisten sprechen heute häufig nicht mehr von "Rasse", wenn es ihnen darum geht, andere Menschen abzuwerten – sondern von "Kulturen" und "Ethnien". Allerdings vertreten sie nach wie vor eine Ideologie der Ungleichwertigkeit: Sie behaupten, dass es verschiedene unveränderliche "Kulturen", "Kulturkreise" oder "ethnische Gruppen" gäbe, die nicht zusammenpassen und am besten getrennt voneinander leben sollten. Auch hier grenzen Rassistinnen und Rassisten Menschen aus, unterscheiden sie nach "Kulturen", "Kulturkreisen" oder "Ethnien" und schreiben ihnen willkürlich Eigenschaften zu. Wenn rassistische Menschen über sich selbst und die Gruppe, der sie sich zurechnen sprechen, sind diese positiv; und negativ, wenn sie über Menschen sprechen, von denen sie sich abgrenzen wollen. Ein typisch rassistisches Vorurteil ist beispielsweise die Ansicht, die sogenannte "islamische Kultur" passe nicht zu einer christlichen "Leitkultur", da sich beide "Kulturen" zu stark voneinander unterscheiden und nicht miteinander vereinbar wären. Das Vorurteil ist falsch, denn Islam und Christentum teilen durchaus viele Gemeinsamkeiten miteinander. Hier zeigt sich deutlich ein Denken, das von Ausgrenzung und Abwertung, Pauschalisierung und Verallgemeinerung geprägt ist. Der Rassismus ist immer noch da – er wird hier nur durch neue Begriffe verschleiert.

Wo findet Rassismus statt?

Alltäglicher Rassismus durchdringt unsere gesamte Gesellschaft. In Deutschland werden jeden Tag Menschen wegen ihres Aussehens, ihrer Religion oder ihrer Herkunft benachteiligt oder ausgegrenzt. Das passiert in der Öffentlichkeit, zum Beispiel im Bus oder im Restaurant, an der Schule oder Universität, bei der Wohnungs- oder Jobsuche oder am Wochenende auf einer Party oder vor Clubs und Diskotheken. Rassismus kann sich in persönlichen Vorurteilen genauso ausdrücken wie in Beschimpfungen oder Gewalttaten, aber auch in struktureller Diskriminierung, beispielsweise durch Behörden und Institutionen.

Alltagsrassismus

Wo uns Rassismus überall begegnet

Porträt von Patrick, einer Figur aus der TV-Serie Köln 50667Patrick | Köln 50667 (© RTL2)
"Früher, als ich als Türsteher gearbeitet habe, da hatte ich auch ein paar Kollegen, die haben Leute, wenn sie nicht "typisch deutsch" aussahen, nicht reingelassen oder härter kontrolliert." (Patrick, Köln 50667)






Rassismus und Diskriminierung begegnen uns in unserem Alltag überall. Manchmal ganz offensichtlich, manchmal versteckt und erst auf den zweiten Blick erkennbar.

Das fängt schon bei der Sprache an: Alltägliche Begriffe oder Redewendungen wie zum Beispiel "Das ist doch alles getürkt" sind beleidigend, weil sie – manchmal unabhängig von ihrer ursprünglichen Wortbedeutung – manche Menschen mit einer bestimmten Migrationsgeschichte, Nationalität oder Hautfarbe mit negativen Eigenschaften in Verbindung bringen. Zum Teil sind diese Ausdrücke schon so gängig, dass viele sie gar nicht mehr in Frage stellen. Auch in vielen Witzen finden sich rassistische Vorurteile. Viele kennen wohl Witze, die auf Kosten einer bestimmten Gruppe oder ethnischen Minderheit für Lacher sorgen sollen. Dabei wird häufig vergessen oder ignoriert, dass damit die Würde dieser Menschen massiv verletzt wird. Für die Betroffenen ist das also gar nicht lustig.

Auch in den Medien und in der Werbung werden immer wieder rassistische Vorurteile transportiert. Nur ein Beispiel: Manche Medien sprechen häufig von "Ausländerkriminalität" und erwecken damit den Eindruck, als ob es einen automatischen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Ausländerinnen und Ausländern gäbe. Das aber ist falsch. Außerdem bleibt unklar, welche Menschen mit dem Wort "Ausländer" überhaupt gemeint sind. "Ausländerin" oder "Ausländer" im strengen Wortsinn sind Menschen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Die von den Medien zitierte Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) unterscheidet aber nicht zwischen Menschen, die in Deutschland leben, hier beheimatet sind, aber keinen deutschen Pass besitzen und Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, die sich nur kurz in Deutschland aufhalten und dabei eine Straftat begehen. Darüber hinaus führt diese Statistik nur Tatverdächtige auf, nicht die Zahl der tatsächlich Verurteilten. Auch aufgrund hartnäckiger rassistischer Vorurteile landen "Ausländerinnen" oder "Ausländer" unter Umständen schneller auf der Liste potentieller Täterinnen und Täter als vermeintliche "Inländerinnen" und "Inländer". Zu guter Letzt gibt es Vergehen, die überhaupt nur von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit begangen werden können. Dazu gehören Meldevergehen, Verstöße gegen die Residenzpflicht oder unerlaubte Grenzübertritte.

Im Alltag, in den Medien und in der Werbung werden viele Menschen in ganz unterschiedlichen Bereichen und Situationen rassistisch diskriminiert. Das kann bei der Jobsuche sein, wenn eine Bewerberin oder Bewerber aussortiert wird deren Namen "nicht deutsch genug" klingen, in der Fußgängerzone, wenn das getragene Kopftuch Anlass zu Beleidigungen gibt oder bei der Wohnungsbewerbung, die scheitert, weil die Vermieterin oder der Vermieter nicht an "Ausländer" vermieten will.

Auch in Institutionen, zum Beispiel an Schulen, gibt es jeden Tag rassistische Diskriminierungen. Manche Eltern wollen, dass ihr Kind nur von Weißen Lehrerinnen und Lehrern oder von Lehrerinnen ohne Kopftuch unterrichtet wird. Manchmal bekommen Schülerinnen und Schüler schlechtere Noten, weil ihre Lehrerinnen und Lehrer annehmen, dass sie aufgrund Herkunft, Migrationsgeschichte oder Religion schlechtere Leistungen erbringen.

Für manche Menschen beginnt die Ausgrenzung im Alltag schon, wenn sie neue Leute kennenlernen: Immer wieder müssen sie dann die Frage "Woher kommst du?" beantworten, auch wenn sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Möglicherweise geht es den Betroffenen dann manchmal wie Tim aus "Köln 50667": zwar hat Tim, wie der Vater seiner Freundin Patricia sagt, "einen richtig deutschen Namen" - aber nach Meinung des Vaters sehe Tim nicht so aus, wie er sich einen "richtigen Deutschen" vorstellt. Mit diesem Verhalten grenzt er Tim aus und vermittelt ihm: "Du bist nicht normal – du bist hier fremd – du gehörst nicht dazu" – und das ist Rassismus, von dem im Alltag viele Menschen betroffen sein können.

Auch in der virtuellen Welt ist Rassismus verbreitet. 2013 erreichte die Zahl strafbarer rassistischer Inhalte im Netz einen neuen Höchststand. Das konnte eine Untersuchung von jugendschutz.net aufzeigen. Die Studie ermittelte auch, dass insbesondere die sozialen Medien – Facebook, YouTube, Tumblr und Twitter - eine wichtige Rolle bei der Verbreitung rassistischer Inhalte spielen, weil sie für eine sehr hohe Reichweite sorgen.

Rechte Propaganda im Netz

Wie macht sich Rassismus im Netz bemerkbar?

Für Rechtsextremistinnen und Rechtsextreme sind die sozialen Netzwerke Facebook, YouTube, Tumblr und Twitter ein wichtiges Mittel, um Menschen im Internet mit rassistischer und rechtsextremer Propaganda anzusprechen.

Als Tim und Patricia von "Köln 50667" von Neonazis angegriffen werden, filmen die Angreifer ihren Überfall und stellen das Video auf Facebook ein. Durch das Video demütigen sie Tim erneut, aber es geht auch darum, Facebook als Raum zu erobern, in dem Rassismus möglich ist. Im Netz geben sich Rechtsextreme und Neonazis aber oft nicht offen zu erkennen, sondern treten beispielsweise als "besorgte" Bürgerinnen und Bürger auf, die mit einer Petition Stimmen gegen die Errichtung von Unterkünften für Asylbewerbende sammeln, als vermeintliche Naturschützerinnen und Naturschützer oder als scheinbar gänzlich unpolitische "Witzbolde", die rassistische Witze im Netz verbreiten. In all diesen Fällen wird menschenfeindliche, rassistische und rechtsextreme Propaganda mit dem Ziel verteilt, Zustimmung für deren Inhalte zu erhalten.

Ob on- oder offline, eine beliebte Strategie von rassistischen und rechtsextremen Menschen ist der Start von Kampagnen gegen beispielsweise den Bau von Moscheen oder die Unterbringungen von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern. Auf Facebook haben solche Gruppen manchmal zahllose Mitglieder. Das zeigt, wie weit Rassismus und rechtsextreme Einstellungen nach wie vor auch in der Mitte unserer Gesellschaft verbreitet sind – auch wenn den Mitgliedern teilweise nicht bewusst ist, dass sie eine rassistische oder rechtsextreme Kampagne unterstützen. Denn Rassistinnen und Rassisten, Rechtsextremistinnen und Rechtsextreme verbreiten ihre Hetze in diesen Gruppen meist nicht offen, sondern geben vor, sich für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Da hilft es nur, genau in der Gruppenbeschreibung und im Impressum nachzulesen, wer hinter der Kampagne steckt. Auch die Wortwahl gibt Auskunft über die wahren Motive: Wenn zum Beispiel in Posts von "Asylbetrügern" statt von Flüchtlingen die Rede ist, sollte man stutzig werden: hier geht es den Verfasserinnen und Verfassern wohl eher darum, ihre rassistischen Ideen zu verbreiten, als ihre Sorgen auszudrücken.

Rassistische und rechtsextreme Menschen docken in den sozialen Medien auch oft an Themen an, die besonders emotional oder von vielen Menschen diskutiert werden. Sie vereinnahmen Themen wie die Sorge vor Kindesmissbrauch oder den Einsatz für Umweltschutz, um ins Gespräch zu kommen und sich einzumischen. So diskutieren sie beispielsweise in Facebook-Gruppen mit, die sich gegen den Bau von Atomkraftwerken oder gegen das Abholzen von Wäldern einsetzen. Dass es um rechte Propaganda geht, erkennt nur, wer genau hinschaut und nachliest: Dann fällt nämlich auf, dass mit Umweltschutz vor allem der Schutz der deutschen Heimat und der deutschen Natur gemeint ist.

In den sozialen Medien und Netzwerken gibt es außerdem viele Gruppen und Seiten, die rassistische Witze verbreiten. Diese werden als "harmloser" Humor verkauft und so gerechtfertigt. Aber wer rassistische Witze teilt, lässt Menschen zu Opfern von Rassismus werden, nimmt ihnen ihre Würde, grenzt sie aus und demütigt sie. An menschenverachtenden Witzen ist also nichts lustig und das kann man den Verfasserinnen und Verfassern auch deutlich zu verstehen geben, beispielsweise indem man Facebook auffordert, diese Seite oder Gruppe zu sperren.

Probleme im Umgang mit Rassismus

Ein Problem im Umgang mit Rassismus ist, dass häufig so getan wird, als ob nur rechtsextreme Menschen und Neonazis rassistisch seien. Aber das ist nicht der Fall: Rassismus gibt es in unterschiedlichen Varianten und in allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten. Diejenigen, die von Rassismus betroffen sind, müssen sich oft Beschwichtigungen anhören: ein Verhalten, ein Kommentar oder eine bestimmte Aussage seien doch gar nicht rassistisch oder zumindest nicht so gemeint gewesen. Ob Verhaltensweisen oder Aussagen rassistisch sind, die Würde verletzen oder beleidigen, entscheiden aber immer auch die von Rassismus betroffenen Personen. Ihre Wahrnehmungen und Empfindungen können also nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden. Sie müssen ernst genommen werden, um Rassismus zu identifizieren und gegen ihn angehen zu können.

Definitionsmacht

Wer entscheidet, was rassistisch ist?

Porträt von Tim, einer Figur aus der TV-Serie Köln 50667.Tim | Köln 50667 (© RTL2)
"Ey ich könnte echt kotzen, wie tief die Vorurteile in den Köpfen der Leute stecken. Und die meisten checken es noch nicht mal." (Tim, Köln 50667)







"Das ist doch nicht rassistisch, oder zumindest nicht so gemeint!" – Manche Menschen haben diesen Satz schon sehr oft gehört. Manchmal ergänzt durch "Stell dich nicht so an" oder "Sei doch nicht so übersensibel". Wer aber kann eigentlich entscheiden, was rassistisch ist und was nicht? Wer darf darüber urteilen, ob und wie sehr eine Verletzung schmerzt? Wer sich den Kopf stößt, tut sich weh. Wer nur zusieht, weiß nicht, wie sehr die Beule wirklich schmerzt. Warum soll das bei Rassismus anders sei? Denn im Prinzip ist es genau dasselbe: Ob und wie stark jemand von Rassismus betroffen ist, entscheiden eben immer auch diejenigen, die von Rassismus betroffen sind.

Um die Machtverhältnisse zu beschreiben, die zwischen der Mehrheitsgesellschaft und der diskriminierten Minderheit existieren, haben von Rassismus Betroffene die Selbstbezeichnung "People of Color" (PoC) sowie die Begriffe "Weiß" und "Schwarz" eingeführt. Diese Ausdrücke beziehen sich nicht nur auf die Hautfarbe, sondern auf die soziale Zugehörigkeit und der damit verbundenen Machtposition von Menschen, die entweder als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft von Rassismus profitieren oder als Angehörige der Minderheit durch Rassismus benachteiligt sind. Bei dem Ausdruck "People of Color" bzw. "Person of Color" handelt es sich um eine Selbstbezeichnung von Menschen, die sich nicht als Weiß definieren und die sich durch die Verwendung des Begriffs gegen Fremdzuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft zur Wehr setzen. Indem sie selbst und in Eigenverantwortung die Begriffe und Bezeichnungen auswählen, mit denen sie selbst über sich sprechen und mit denen über sie gesprochen wird, stärken Angehörige der Minderheitengesellschaften ihre eigene Position im Diskurs über Rassismus. Es muss allerdings angemerkt werden, dass die hier vorgestellten Begrifflichkeiten nicht von allen, die sich wissenschaftlich oder zivilgesellschaftlich mit Rassismus auseinandersetzen oder auch Personen, die von Rassismus betroffen sind, so genutzt werden.

Für die Weiße Mehrheitsgesellschaft kann es unangenehm sein, sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen. Denn diejenigen, die zur Mehrheitsgesellschaft gehören, sind von Rassismus häufig nicht betroffen. Manchmal fehlt dann die Sensibilität dafür, dass ein Verhalten oder eine Aussage rassistisch sind. Es ist eben sehr viel seltener der Fall, dass Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft bei der Arbeits- oder Wohnungssuche benachteiligt werden, die Sprachkompetenz angezweifelt oder kommentiert wird oder sie auf ihre vermeintliche Herkunft oder Migrationsgeschichte angesprochen werden.

Wer zur Weißen Mehrheitsgesellschaft gehört, hat auch oft mehr Macht – zum Beispiel, um darüber zu bestimmen, wer als zugehörig zu einer Gesellschaft gilt. Diese Macht dehnt sich aber eben auch auf die Verwendung und Einschätzung von Sprache aus: Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft können leichter bestimmen, dass rassistische Äußerungen nur "scherzhaft" gemeint seien und es daher keinen Grund gäbe, gegen sie anzugehen. Für Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft ist es also oft in vielerlei Hinsicht leichter: Sie besitzen Privilegien und profitieren von der Gesellschaft, wie sie aktuell ist – im Unterschied zu Mitgliedern der Minderheitengesellschaft, die sich Teilhabe und Gleichberechtigung häufig mühsam erkämpfen müssen.

Ein weiteres Problem im Umgang mit Rassismus besteht darin, dass wir in Deutschland häufig von "Ausländerfeindlichkeit" sprechen, obwohl wir eigentlich Rassismus meinen. Der Begriff "Ausländerfeindlichkeit" ist aber irreführend: Er suggeriert, dass es sich bei Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit und Migrationsgeschichte, die von Rassismus betroffen sind, um "Ausländer" handelt. Das ist aber nicht der Fall. Zum anderen werden nicht alle Ausländerinnen und Ausländer zum Opfer von rassistischen Übergriffen, zumal wenn sie der Weißen Mehrheitsgesellschaft angehören. So sind zum Beispiel Weiße Engländerinnen und Engländer in Deutschland in der Regel nicht von Rassismus betroffen, im Unterschied zu Menschen mit einem deutschen Pass wie Schwarze Deutsche oder Deutsche mit beispielsweise türkischen oder arabischen Eltern oder Großeltern. Die Großschreibung der Begriffe "Schwarz" und "Weiß" soll dabei deutlich machen, dass mit der Zuschreibung einer Hautfarbe immer auch eine Zuschreibung eines gesellschaftlichen, sozialen und politischen Machtstatus einhergeht und diese Faktoren bei der Definition von "Schwarz" und "Weiß" eine Rolle spielen können.

Zivilcourage gegen Rassismus

Dass Menschen wegen ihrer Migrationsgeschichte oder Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Sprache beleidigt oder sogar körperlich angegriffen werden, passiert auch in Deutschland. Rassistische Übergriffe und Angriffe können an der Bushaltestelle oder in der Bahn geschehen, auf einer Party, in der Schule oder in einer Kneipe, an der Kasse vom Supermarkt oder in der Fußgängerzone. In solchen Situationen ist unsere Zivilcourage gefragt, denn Rassismus können wir schon mit kleinen Taten etwas entgegensetzen. Wer betroffen ist, braucht unsere Unterstützung – daher ist es wichtig, von Rassismus betroffene Menschen nicht alleine zu lassen. Täterinnen und Täter müssen wir darauf hinweisen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist. Manchmal reichen schon ein paar Worte oder ablehnende Gesten, um sich zu solidarisieren und um klar zu zeigen, dass Rassismus nicht unwidersprochen bleibt.

Zivilcourage

Was tun gegen Rassismus?

Porträt von Patricia, eine Figur aus der Serie Köln 50667Patricia | Köln 50667 (© RTL2)
"Man muss doch den Menschen so akzeptieren wie er ist. Das ist doch scheißegal, was er für 'ne Herkunft hat." (Patricia, Köln 50667)









Leider gibt es im Alltag in Deutschland immer wieder rassistische Äußerungen und Übergriffe. Dagegen kann man sich zur Wehr setzen. Aber wie kann ich mich verhalten, wenn ich von Rassismus betroffen bin oder wenn in meiner Gegenwart jemand rassistisch beleidigt oder angegriffen wird?

Engagement ist manchmal schon in Situationen wichtig, die einige vielleicht noch gar nicht als schlimm empfinden würden. Aber wer zum Beispiel wieder eine Werbung oder einen Post sieht, die mit rassistischen Klischees spielen, oder einen Eintrag oder Artikel liest, der rassistische Vorurteile verbreitet, kann sich durchaus überlegen, ob das so unkommentiert stehen gelassen werden soll. Eine Protestmail oder ein Post sind schnell geschrieben, und so kann man deutlich zeigen, dass man mit rassistischen Darstellungen nicht einverstanden ist. Auch gegen rassistische Sprüche und Kommentare kann man Stellung beziehen und klar machen, dass man sie nicht in Ordnung findet. Um Rassismus im Alltag zurückzudrängen, muss man immer wieder darauf hinweisen, dass man ihn nicht akzeptiert.

Einen rassistischen Übergriff mitzubekommen oder selbst davon betroffen zu sein, sind natürlich zwei völlig unterschiedliche Situationen, und es ist schwer, sich gegen Rassismus zu wehren, wenn man selbst davon betroffen ist. Ob man dann rassistischen Sprüchen widerspricht oder nicht, entscheidet die Person immer selbst. Es kann allerdings eine Rolle spielen, wer in dieser Situation bei einem ist. Wenn jemand alleine ist und das Gefühl hat, nicht weiterzukommen, hilft es möglicherweise, andere anzusprechen und sich von ihnen unterstützen zu lassen. Wenn man aber den Eindruck bekommt, die Kontrolle über die Situation zu verlieren, sollte man zuerst versuchen, auf seine Sicherheit achten. Dabei kann es helfen, andere anzusprechen, ihnen deutlich zu zeigen, dass man ihre Hilfe braucht, und sich dann mit ihnen zurückzuziehen.

Wer mitbekommt, dass jemand rassistisch angesprochen oder angegriffen wird, darf diese Person nicht alleine lassen. Für diejenigen, die von Rassismus betroffen sind, wird die Situation noch schlimmer, wenn alle wegschauen – außerdem bekommt die Täterin oder der Täter das Gefühl, rassistisches Verhalten würde toleriert und zöge keine Konsequenzen nach sich. Es ist wichtig, dass man hier einschreitet und sagt, dass man mit rassistischen Aussagen und rassistischem Verhalten nicht einverstanden ist. Damit zeigt man dem betroffenen Menschen: Ich lasse dich nicht alleine, ich stehe zu dir!

Wenn eine Situation zu eskalieren droht, ist es wichtig, aufmerksam und vorsichtig zu sein, zu versuchen, sich nicht in Gefahr zu bringen und Hilfe herbeizurufen: andere auf die Situation aufmerksam machen, sich mit mehreren zusammen tun, die Polizei rufen – all das schreckt ab. Wenn es trotzdem zu einem rassistischen Angriff kommt, kann man rechtliche Schritte nutzen: Nur wenn Anzeige gegen die Täterinnen und Täter erstattet wird und man sich als Zeugin oder Zeuge zur Verfügung stellt, können Täterinnen oder Täter verfolgt und vor Gericht gestellt werden. Das ist ein wichtiges Signal, um ihnen zu zeigen, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat und nicht ungestraft bleibt. Damit kann man diejenigen unterstützen, die Opfer von Rassismus geworden sind: indem man zeigt, dass sie sich nicht alleine gegen Rassismus zur Wehr setzen müssen.



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Rassismus begegnen

Ob auf der Straße, im Internet, bei der Jobsuche: Rassismus kann überall auftreten. Dieser Film macht deutlich, was das eigentlich für die Betroffenen bedeutet.

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