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Neue Möglichkeiten der Filmförderung in der arabischen Welt | bpb.de

Neue Möglichkeiten der Filmförderung in der arabischen Welt

Rabih El-Khoury

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Der Anstieg der Filmproduktion in der arabischen Welt im vergangenen Jahrzehnt ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass insbesondere in der Golfregion neue Fördermöglichkeiten für den arabischen Film geschaffen wurden. Alle vier weiter oben genannten Berlinale-Preisträger aus dem Jahre 2016 wurden mit Mitteln aus dem Sanad-Fonds produziert. Sanad bedeutet "Unterstützung" auf Arabisch. Der Fonds wurde 2010 in Abu Dhabi ins Leben gerufen und vergibt Fördermittel für die Entwicklung und Postproduktion von Filmen. Seine Einrichtung erfolgte im Zusammenhang mit dem Abu Dhabi Film Festival, das erstmals 2007 stattfand.

Diese Plattform in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate wurde vor allem als direkte Reaktion auf entsprechende Einrichtungen im konkurrierenden Dubai geschaffen, das mit dem Dubai International Film Festival 2004 eigene Filmfestspiele, mit der Dubai Film Connection (DFC) 2007 einen eigenen Koproduktionsmarkt und mit Enjaaz 2009 ein eigenes Finanzierungsprogramm für die Postproduktions- und Produktionsförderung eingeführt hatte.

Dubai hatte keinen guten Start, weil das Festival unter arabischen Filmschaffenden als völlig losgelöst von der eigenen und der Realität in den umgebenden arabischen Ländern betrachtet wurde. Mit der Zeit gelang es der Leitung jedoch, mit der Kritik umzugehen. Die Einrichtung der DFC war ein Schritt in die richtige Richtung. Sie sollte die Kontakte zwischen arabischen Filmschaffenden und internationalen Akteur/-innen stärken und Koproduktionen mit der arabischen Welt fördern. Bemerkenswerte Erfolge der DFC sind der palästinensische Dokumentarfilm Ghost Hunting (2017) von Raed Andoni (Gewinner des Glashütte Original -— Dokumentarfilmpreises bei den Berliner Filmfestspielen 2017), und Wadjda (2012, deutscher Titel: Das Mädchen Wadjda), das Spielfilmdebüt der saudi-arabischen Regisseurin Haifaa Al-Mansour.

Alle Hauptpreise der DFC und alle Enjaaz-Fördermittel werden durch das Festival selbst oder seine direkten Sponsoren vergeben, die dem Staat Dubai unterstehen. Dasselbe trifft auf den Sanad in Abu Dhabi zu, der ebenso wie das Dubai International Film Festival unter staatlicher Leitung steht. Die Nebenpreise des DFC wurden dagegen von arabischen und internationalen Sponsor/-innen und Partner/-innen vergeben.

Neben den Festivals in Dubai und Abu Dhabi wurde mit dem Doha Tribeca Film Festival in Katar eine dritte Instanz geschaffen. Wie die beiden anderen geht auch dieses Festival auf eine staatliche Initiative zurück. Es wurde im Jahre 2009 durch das Doha Film Institute in Zusammenarbeit mit Tribeca Enterprises in New York (die das Tribeca Film Festival veranstalten) und mit Unterstützung von Robert De Niro ins Leben gerufen und hatte eine Schlüsselrolle bei der Förderung von Filmschaffenden aus der arabischen Welt, insbesondere aus Katar übernommen.

Diese Festivals definierten mit der Zeit ihre eigenen Regeln in der Golfregion und konkurrierten mit kleineren Kulturplattformen, -einrichtungen und -festivals in der arabischen Welt. Sie investierten hohe Summen in die Aufführungsrechte für Filme und wetteiferten um das Prestige, die Premieren arabischer Filme zeigen und die Filmschaffenden zu ihren Festivals locken zu können.

Leider war allen drei Festivals nur eine kurze Lebensdauer beschert. Das Doha Tribeca Film Festival fand lediglich in den Jahren 2009 bis 2012 statt, das Abu Dhabi Film Festival wurde 2015 offiziell nach acht Jahren beendet und das bekannteste der drei Festivals in Dubai wurde als Letztes zum Unverständnis der Branche im Jahre 2018 eingestellt. Es gab nur wenige offizielle Verlautbarungen, warum diese Initiativen nicht fortgesetzt wurden. In keiner der Stellungnahmen werden eindeutige Gründe genannt. Das Dubai International Film Festival vermeldete im April 2019 in seinem Twitter-Account: "Die Branche unterliegt einem schnellen Wandel. So ist es auch bei uns. Die Organisatoren des DIFF werden das Festival nach einem neuen Konzept im Zweijahresrhythmus veranstalten und haben die 15. Ausgabe des Festivals für 2019 bestätigt" . Doch dieser Jahrgang hat nie stattgefunden. Und die politischen wie wirtschaftlichen Gründe für diese Einstellungen der Festivals bieten reichlich Anlass zu Spekulationen.

Einziges Überbleibsel ist ein vom Doha Film Institute eingerichtetes Förderinstrument, die Doha Film Institute Film Grants. Sie wurden im Rahmen des Festivals ins Leben gerufen und kommen noch heute zum Einsatz, um die Entwicklung und Postproduktion von Erst- und Zweitfilmprojekten von Kurz- und Spielfilmregisseur/-innen aus der Region Mittlerer Osten und Nordafrika (MENA) zu fördern. Die staatlich finanzierte Initiative entwickelte sich neben dem Arab Fund for Arts and Culture (AFAC) zu einer wichtigen Fördermöglichkeit für junge Filmschaffende.

Der im Jahre 2007 gegründete AFAC ist ein unabhängiger Verband im Libanon, der sich aus Mitteln arabischer und nicht-arabischer Institutionen oder privater Geldgeber finanziert und auf staatliche Unterstützung verzichtet , um sich eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren. Er unterstützt Filmschaffende über zwei Programme: die Kinoförderung des AFAC für kurze, mittellange und abendfüllende Spielfilme und das 2013 eingeleitete Dokumentarfilm-Programm, das Dokumentarfilmschaffen in all seinen Formen fördert.

Neben diesen beiden Fonds haben zahlreiche Filmfestivals in der Region ihr Angebot in den vergangenen zehn Jahren um Branchenplattformen erweitert, damit Filmschaffende und ihre Projekte begleitet werden können. Beispiele sind die Cairo Film Connection des Cairo International Film Festival und das CineGouna Springboard des El Gouna Film Festival in Ägypten, die Beirut Cinema Platform der Beirut Cinema Days im Libanon, Chabaka and Takmil der Journées Cinématographiques de Carthage in Tunesien, die Ateliers de l'Atlas des Marrakech International Film Festival in Marokko und Qumra des Doha Film Institute in Katar. Im Jahre 2019 brachte der Kulturverein Beirut DC mit dem Yeloguide einen Überblick über Fördermöglichkeiten für arabische Produzent/-innen heraus, die an arabischen Filmprojekten beteiligt und auf der Suche nach internationalen Koproduzent/-innen sind. Der Leitfaden wurde von der deutschen Produzentin, Verleiherin und Kuratorin von Filmen aus dem Nahen Osten, Irit Neidhardt, erstellt.

Die Plattformen erwiesen sich als ausgesprochen wertvolle Unterstützung für Filmschaffende, um ihre Projekte durch Mentoring, Beratung und Finanzhilfen voranzubringen. Doch diese Strategie hat auch ihren Preis. Es ist nicht auszuschließen, dass immer wieder dieselben Projekte auf diesen Plattformen auftauchen. Noch entscheidender ist der Aspekt, dass Filmschaffende länger mit der Produktion eines Films beschäftigt sind, wenn sie von einem Festival zum nächsten reisen müssen, um die Finanzierung zu sichern, und darüber den aktuellen Bezug zu ihrem Projekt verlieren können.

Rabih El-Khoury ist als Diversity Manager im Team des DFF - Deutsches Filmmuseum & Filminstitut in Frankfurt am Main tätig. Darüber hinaus arbeitet er als Geschäftsführer am Metropolis Art Cinema sowie als Generalkoordinator des arabischen Filmfestivals The Beirut Cinema Days. Er hat über 20 arabische Filmwochen in der arabischen Welt und Europa organisiert. Seit 2014 ist er Programm-Manager von Talents Beirut und Mitglied des Verwaltungsrats der Metropolis Association. Er war außerdem Kurator des Filmpreises der Robert Bosch Stiftung.