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Die Beste aller Welten - Die Spielwelten im Überblick

13.3.2018

Zur Zielgruppe der sogenannten "bildungsbenachteiligten" Jugendlichen

Der Ansatz von DBAW ist insbesondere auf eine Zielgruppe zugeschnitten, die unter der Bezeichnung der sogenannten "Bildungsbenachteiligten" zusammengefasst und oft auch unterschätzt wird.

Gesammelte Zuschreibungen von Lehrkräften für die Zielgruppe der Jugendlicher auf einer DBAW-Fortbildung.Gesammelte Zuschreibungen von Lehrkräften für die Zielgruppe der Jugendlicher auf einer DBAW-Fortbildung. (© S. Schwarz)
Oft werden Schülerinnen und Schüler von Haupt- und Realschulen stigmatisiert – wie dies etwa die folgende Sammlung von zugeschriebenen Eigenschaften seitens der Multiplikatoren auf einer DBAW-Fortbildung zeigt:

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Stichworte

"verweigerndes Verhalten", "Motivationsprobleme", "unkonzentriert", "geringes Vorstellungsvermögen", "Hemmungen sich einzubringen", "fehlendes Vorwissen", "fehlendes Durchhaltevermögen", "störendes Verhalten" und "erst mal zuschauen, dann eventuell mitmachen".

Die gesellschaftlichen Vorurteile zwischen Abitur und Mittlerer Reife lassen sich auch anders sehen.Die gesellschaftlichen Vorurteile zwischen Abitur und Mittlerer Reife lassen sich auch anders sehen. (© Zeit.de)
Diese zu Vorurteilen einladende Abfrage der Fortbildungsteilnehmenden wurde dafür genutzt, die eigene verzerrte Wahrnehmung als solche zu reflektieren und sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Dass aber zum Beispiel der soziale Kompetenz- bzw. Gruppenzusammenhalt dieser Zielgruppe recht hoch ist, und viele im Gegensatz zu Studierenden viel früher "selbstständig" im Berufsleben stehen – um bei einem pauschalisierenden Blick zu bleiben –, wird auf Anhieb nicht genannt.

Das Bildungsprogramm DBAW richtet sich also an die Zielgruppe sogenannter "bildungsbenachteiligten" Jugendlichen, doch was steht hinter diesem Begriff? Laut Nationalem Bildungsbericht 2010 sind Kinder und Jugendliche bildungsbenachteiligt, wenn einige der folgenden Risikofaktoren zutreffen:
  • geringes Einkommen oder Arbeitslosigkeit der Eltern
  • schwierige Wohnverhältnisse, die ungünstige Lernumgebungen schaffen
  • Benachteiligungen im Zusammenhang mit Migrationshintergründen
  • Aufwachsen bei nur einem Elternteil.
Nach wie vor scheinen in Deutschland – wie zuletzt im Bildungsbericht 2016 aufgezeigt – die Herkunft, das Bildungsniveau und der sozioökonomische Status der Eltern entscheidend für die Bildungs- und Entwicklungsprozesse von Jugendlichen zu sein.[1]
Der ehemals gebrauchte Begriff "bildungsferne" Jugendliche personalisierte diese Problemlagen. Heutzutage ist er dem Begriff "bildungsbenachteiligte" Jugendliche gewichen. Er macht stärker auf die strukturell-gesellschaftliche Perspektive aufmerksam, bleibt aber dennoch stark defizitorientiert und hinkt am einseitig schulischen Bildungsbegriff. Fernab von persönlicher Stigmatisierung dagegen erscheint der im aktuellen Bildungsbericht verwendete Terminus von "Risikolagen"[2]: Hier wird eindeutig die strukturelle Perspektive aufgegriffen und somit auf die Notwendigkeit von Veränderungen im Bildungssystem aufmerksam macht. Denn schließlich ist in Deutschland mit 28 % mehr als jedes vierte Kind von mindestens einer der sozialen, finanziellen oder kulturellen Risikolagen betroffen. Schuld ist mitunter das hierarchisierende Schulsystem, das bestehende Ungleichheiten mehr reproduziert denn ausgleicht. Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund sind zu einem Fünftel von mindestens einer Risikolage betroffen. Mit Migrationshintergrund liegt der Anteil deutlich höher: in der ersten Generation bei 55 % und in der zweiten Generation bei 42 %.

Die Zielsetzungen der demokratischen Bildungsreformen der 1960er und 1970er mit allgemeiner Chancengleichheit, die auch individuelle Förderung verlangt, scheinen noch in weiter Ferne.[3] Hierauf macht u. a. das Bundesministerium für Bildung und Forschung aufmerksam:

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Bedeutung der sozio-ökonomischen Herkunft

"In kaum einem anderen Industriestaat [entscheidet] die sozio-ökonomische Herkunft so sehr über den Schulerfolg und die Bildungschancen wie in Deutschland."

Quelle: bmbf.de (https://www.bmbf.de/de/internationale-vergleichsstudien-1229.html), letzter Aufruf 15.09.2017

Insbesondere Jugendliche, die mit einer anderen Muttersprache als Deutsch aufwachsen, verfügen nicht über dieselben Chancen, wie andere. Ein zentraler Grund dafür, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund an niedriger qualifizierenden Schulen stark überrepräsentiert. Dies liegt zum Beispiel an der fehlenden sprachlichen Unterstützung in Kindertagesstätten und Grundschulen. Dieser "monolinguale Schulhabitus"[4] scheint vorhandene Differenzen mehr zu erhärten als aufzuweichen. Die Segregationsfolgen des deutschen Bildungssystems zeigen sich seit Jahrzehnten als besonders störrisch. Es müsste demnach restrukturiert oder durchlässiger werden, indem zum Beispiel individuelle Sprachförderung und multilinguale Ansätze integriert werden.

"Scheiß auf Politik" – Rap von Jugendlichen (DBAW-DVD). In diesem Video zeigen zwei Jugendliche kontroverse Sichtweisen auf Politik."Scheiß auf Politik" – Rap von Jugendlichen (DBAW-DVD). In diesem Video zeigen zwei Jugendliche kontroverse Sichtweisen auf Politik. (© DBAW-Video)
Nach eigener Recherche zu dieser Zielgruppe [5] wollte das Autorenteam von DBAW genau hier ansetzen: mit einem Programm für demokratische Bildung. Es verlangt zunächst kein besonders hohes Maß an deutschen Sprachkenntnissen, sondern liefert ein niederschwelliges Angebot, das jedoch zentrale Kompetenzen vermittelt. Daher ist "Die Beste Aller Welten"
  • mit wenigen Vorkenntnissen spielbar,
  • attraktiv durch die zentrale Rolle der Medien und
  • mit geringeren sprachlichen Barrieren für weite Zielgruppen.
DBAW möchte die scheinbare Alternativlosigkeit sogenannter "bildungsbenachteiligter" Jugendlichen aufweichen, was sich im pädagogischen Ansatz widerspiegelt. Es geht darum, dass die Jugendlichen Lernerfahrungen sammeln, die die erlebte Selbstwirksamkeit fördern und den gefühlten "Graben" zur etablierten Politik verkleinern. Ressourcenorientiert möchte DBAW die Jugendlichen im Planspiel
  • in ihrer Selbstwahrnehmung als "Akteure" fördern,
  • neue Handlungsstrategien für eigene Positionen zu entwickeln helfen,
  • strukturelle Perspektiven auf das Gesellschaftliche vorstellen, um
  • Bestehendes zu hinterfragen und
  • neue gesellschaftliche Räume wie Handlungsoptionen in der Simulation kennenzulernen (wie z. B. das Rathaus, Formen politischer Beteiligung wie Unterschriftensammlung etc.).


Es geht also um eine Auseinandersetzung mit dem Politischen, die hilft, die eigene Position im Gesellschaftlichen zu hinterfragen und neben der persönlichen Verantwortung auch Perspektiven auf strukturelle Aspekte von Macht kennenzulernen.

Recherche-Ergebnisse zur Zielgruppe

Eigene Recherchen zu dieser Zielgruppe [6] zeigten folgende Aspekte:
  • Die Jugendlichen verfügen über implizite Vorstellungen von Demokratie und halten mehrheitliche Abstimmungen für ein legitimes Mittel der Politik.
  • Sie lehnen mehrheitlich diktatorische oder extreme Herrschaftsformen ab.
  • Sie legen besonderes Gewicht auf eine möglichst gerechte Lebensform.
  • Sie unterschätzen sehr stark ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten bei der Entwicklung politischer Verhältnisse.
  • Sie tragen ein implizites Bild der kulturellen Strömungen unserer Zeit mit sich: eine Mixtur aus gemeinsamen Grundüberzeugungen, Widersprüchen und Ambivalenzen.
  • Sie zeigen sich leicht beeinflussbar durch Außensichten, Vorbilder, Führerpersönlichkeiten und mediale Settings.
Ausgehend von diesen Erkenntnissen orientierte sich das Bildungsprogramm DBAW wie folgt:
  • Den sogenannten "bildungsbenachteiligten" Jugendlichen ist eine eigenständige Auseinandersetzung mit politischen Themen und Prozessen innerhalb einer stark handlungsoffenen Methode Planspiel durchaus zuzutrauen.
  • Wichtig ist, dass einseitige Perspektiven auf "die" Gerechtigkeit in der Reflexion mit aufgebrochen und um weitere Sichtweisen innerhalb der Gruppe ergänzt werden. Kurz: Verschiedene Ansichten auf Gerechtigkeit(en) innerhalb dieser Zielgruppe müssen geschützt werden.
  • Um Lernprozesse der eigenen Selbstwirksamkeit nachhaltig anzuregen, sollten die Jugendlichen im Spielverlauf selbstständig als Akteur_innen Verantwortungsübernahme übernehmen.
  • Innerhalb des Spielverlaufes sollten stets Situationen geschaffen werden, die einmal etablierte Machtaufteilungen ("Führerpersönlichkeiten" und "Mitläufer") kritisch hinterfragen und diese Dynamiken herausfordern.

    Weitere Informationen:

    bpb.de / Aus Politik und Zeitgeschichte: Joachim Detjen: Politische Bildung für bildungsferne Milieus (2007): http://www.bpb.de/apuz/30306/politische-bildung-fuer-bildungsferne-milieus

    bpb.de / Aus Politik und Zeitgeschichte: Benedikt Sturzenhecker: "Politikferne" Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit (2007): http://www.bpb.de/apuz/30308/politikferne-jugendliche-in-der-kinder-und-jugendarbeit

    bpb.de: Politisches einfach erklärt: Webseiten: http://www.bpb.de/lernen/projekte/inklusiv-politisch-bilden/204007/politisches-einfach-erklaert-webseiten


  • Fußnoten

    1.
    Vgl. Vgl. Bildungsbericht 2016, Online unter: http://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/
    2.
    Vgl. Bildungsbericht 2016, S. 27. Online unter: http://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2016/
    3.
    Flam/Kleres 2007: 68.
    4.
    gl. Flam/Kleres 2007: 70-72.
    5.
    Vgl. Reich 2005 und Roth 2005.
    6.
    Vgl. insbesondere Reich 2005 und Roth 2005.