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Im Praxistest: Fluter – Streit: Darf man noch Michael Jackson hören? | bpb.de

Im Praxistest: Fluter – Streit: Darf man noch Michael Jackson hören?

/ 4 Minuten zu lesen

Auswahl des Materials und didaktische Motivation

Angesichts der aktuellen Corona-Krise und der damit verbundene bundesweiten Schulschließungen liegt die Rezension ihren Schwerpunkt darauf, wie mit einem relativ kurzen Material in wenigen Stunden politische Urteilsfähigkeit gefördert werden kann. Die Rezension soll somit der aktuellen Situation Rechnung tragen, in der Lehrkräfte gefordert sind, sehr kurzfristig nicht nur für die Fächer der politischen Bildung Unterricht "aus der Ferne" zu organisieren. Angesichts der Stundensituation in diesen Fächern ist davon auszugehen, dass in der Regel nur wenige Wochenstunden anteilig hierfür zur Verfügung stehen. Nichtsdestotrotz kann und soll die Beschäftigung mit diesem Material auch im Nachhinein als Anregung dienen – nicht zuletzt als Beispiel für dezentralen Unterricht.

Grundlegend für die Rezension ist das Format der Streitgespräche im Fluter. Dabei wird nachfolgend nur exemplarisch auf den Streit zwischen Künstler und Werk eingegangen – dem aktuellsten Thema der regelmäßigen Pro-Kontra-Gegenüberstellungen.

In der Didaktik der politischen Bildung wird die Urteilskompetenz überwiegend als die zentrale Kompetenz gesehen. Sie erfordert die Auseinandersetzung mit sowohl aktuellen als auch kontroversen politisch (oder gesellschaftlich, ökonomisch…) relevanten Fragestellungen. Hierzu dient der Einsatz einer problembezogenen Leitfrage, die die Kontroversität auf eine prägnante schülernahe Frage herunterbricht. Um sich nun im politischen Urteilsbildungsprozess als Schüler oder Schülerin hierzu eine Meinung zu bilden, braucht es geeignete Quellen, aus denen Pro- oder Kontra-Argumente herausgearbeitet werden können. Die Auswahl geeigneter Materialien hinsichtlich inhaltlicher Qualität, Länge und Verständlichkeit der Texte ist dabei häufig herausfordernd. An dieser Stelle setzt das vorliegende Material an und soll genau hierfür eine Grundlage darstellen. Dabei wird durch die Struktur des Materials vorgegeben, ob es sich um Argumente der Pro- oder Kontraseite handelt: Es schreiben jeweils ein Autor bzw. eine Autorin im gleichen Umfang und begründet eine Pro- und eine Kontra-Darstellung zu einer gegebenen Leitfrage, die auf der Seite gegenübergestellt werden. Diese Leitfragen erfüllen die oben genannten Kriterien: Politisch relevant, schülernah, kontrovers, problemorientiert und aktuell. So taucht die Frage, ob man bestimmte Werke aus Kunst, Musik, Film oder Fernsehen, noch losgelöst von der Person bzw. überhaupt konsumieren darf, immer wieder auf. Dabei betrifft dies auch die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, wie bei der von dem mit Missbrauchsvorwürfen konfrontierten Kevin Spacey mitproduzierten und bei jungen Menschen eben sehr beliebten Serie "House of Cards".

Anregungen für den Einsatz im Unterricht "aus der Ferne"

Das Material eignet sich in erster Linie für den Einsatz in der 9. oder 10. Klasse. Die Schülerinnen und Schüler könnten das Material einfach selbstständig aufrufen, ohne der Integration der Texte in einem klassischen Arbeitsblatt durch die Lehrkraft. Dabei geht es nicht (nur) darum, dass es zeitökonomisch vorteilhaft ist oder motivierende Abwechslung bedeuten kann, sondern so können sich die Schüler und Schülerinnen diesem Format nähern: Als klein gedruckter Link geht der Fluter als Quelle wahrscheinlich unter – aber durch den selbstständigen Aufruf der Internetseite des Fluters kann das Format nebenbei nahe gebracht werden. Als Einstieg könnte man die Lernenden fragen oder recherchieren lassen, welche Beispiele sie für derartige Konflikte zwischen Werk und Autor kennen. Ggf. kann ein gemeinsamer Chatraum oder ein digitales Klassenzimmer eingerichtet werden, wo Beispiele genannt werden können.

Im klassischen Unterricht böte sich zur Texterschließung nun z.B. ein Partnerpuzzle an, wo in Zweiergruppen arbeitsteilig beide Positionen erarbeitet werden. Nachteil dabei ist jedoch, dass so vermutlicher häufiger die selbst erarbeitete Position vertreten wird. Außerdem wird dadurch das Ziel des dezentralen Unterrichts erschwert. Es ist somit auch vertretbar, dass jede und jeder beide Positionen liest und sich Notizen (z.B. zu den Argumenten macht). Hierzu könnten im digitalen Lernort Verständnisfragen gestellt werden können.

Die spannende Frage ist nun, inwieweit die Erkenntnisse gesichert werden können bzw. in welcher Form es zur Diskussion und damit zur sichtbaren Urteilsfindung kommt. Hier bieten sich zahlreiche Möglichkeiten an. Klassischerweise wäre es möglich, dass die Lernenden einen (kurzen) Essay verfassen, indem sie zur Leitfrage Stellung beziehen und dabei in eigenen Worten die Argumente des Autors oder Autorin wiedergeben und zunächst gewichten. Dies könnte insbesondere als Übung für eine Klassenarbeit sinnvoll sein. Zusätzlich bestünde auch eine Möglichkeit darin, die Kommentarfunktion des Fluters zu nutzen. Hierüber (oder über einen anderen digitalen Lernort) könnten die Lernenden eine Diskussion führen, in der sie mindestens ein Argument in eigenen Worten wiedergegeben und ihre Meinung darlegen. So würden ggf. auch Externe von der Diskussion profitieren. Man könnte auch eine Mindestzahl von Kommentaren vorgeben. So könnten die Diskussion virtuell stattfinden und man könnte sie im Nachhinein sehr gut analysieren. Denkbar wäre es auch zur Differenzierung, dass nur ein Teil selbst die Diskussion führt und ein anderer die Argumente den Texten zuordnet – oder dass explizit als Zusatzaufgabe die Nutzung weiterer Quellen genannt wird. Abschließend würde sich beispielsweise eine virtuelle Abstimmung anbieten.

Fazit

Insgesamt lässt sich sagen, dass dieses Material eine sehr gute Grundlage für die exemplarische Förderung der Urteilskompetenz ist. Vor allem zeichnet sich das Material dadurch aus, dass es auf den Seiten des Fluters schülergerecht aufbereitet ist, die beiden Texte eine passende Länge und Komplexität aufweisen und die Leitfrage(n) wie bereits erwähnt alle didaktischen Anforderungen erfüllen. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass das Material flexibel einsetzbar ist. Andererseits erfordert die fehlende Ausarbeitung als explizites Unterrichtsmaterial dafür jedoch eine genaue Ausformulierung der Aufgaben und z.B. die Planung von Differenzierungsmaßnahmen.

Zugriff

Externer Link: https://www.fluter.de/trennung-k%C3%BCnstler-werk-pro-contra

Fussnoten