Eliten

Vor dem Hintergrund der nahezu vollständigen Übertragung des westdeutschen Institutionensystems nach Ostdeutschland stellte die E.integration eine bedeutende Aufgabe dar. Empirische Untersuchungen, darunter bereits Mitte der 1990er Jahre die Potsdamer E.studie (Bürklin/Rebenstorf 1997), belegen ein erhebliches Maß an Annäherung ost- und westdt. E. nicht nur hinsichtlich sozialstruktureller Merkmale, sondern auch in der Rollenwahrnehmung und in Bezug auf (politische) Einstellungen. Mit Blick auf die horizontale E.integration kann die deutsche Einheit insoweit als weitgehend abgeschlossen und erfolgreich gelten. Allerdings fällt auch zwei Jahrzehnte nach der deutschen Einheit eine Ost-West-Asymmetrie auf: Während ostdeutsche E. in den westdeutschen Ländern weiterhin Seltenheitswert haben, kommen noch heute jeder dritte Landesminister und drei von vier Staatssekretären in den neuen Ländern aus Westdeutschland. Die Fortschritte bei der horizontalen E.integration finden zudem keine Entsprechung im Verhältnis zwischen E. und Bürgern. Für die vertikale E.integration ist vielmehr eine beträchtliche Distanz und Skepsis der Bürger gegenüber den politischen und wirtschaftlichen (Kern-)E. zu konstatieren. Die Kluft zwischen E. und Bürgern ist dabei in den neuen Ländern noch ausgeprägter als in den alten. Zudem ist der gesamtdeutschen E.integration keine Angleichung der politischen Kultur in Ost- und Westdeutschland gefolgt.

Ungeachtet der verbreiteten E.kritik erschallt der Ruf nach E. heute lauter als in früheren Jahrzehnten. Im öffentlichen Diskurs richtet sich die Aufmerksamkeit dabei vorwiegend auf den Bildungssektor. Die E.bildung wird solchermaßen auf die Frage nach Bildungseliten fokussiert. Entsprechende Programme wie Exzellenzinitiativen, "Spitzenforschung" oder sogenannte E.universitäten finden daher breite gesellschaftliche Akzeptanz. Zugleich hat die Selektivität des Bildungswesens im vereinten D und die darauf beruhende Reproduktion sozialer Ungleichheit jüngst erneute Debatten um Fragen der sozialen Schließung bei der E.auswahl ausgelöst. Im Vergleich etwa zur Wirtschaft erweist sich dabei der Zugang zu politischen E. als vergleichsweise offen. Dazu tragen die politischen → Parteien bei, die ihr Führungspersonal vorwiegend nach politischer Erfahrung und Loyalität auswählen und nicht nach der sozialen Herkunft.

4. Herausforderungen

Die E. in D sehen sich zu Beginn des 21. Jh.s mit gravierenden Herausforderungen konfrontiert, die teils in einem veränderten Umfeld, teils im institutionellen Wandel im Land selbst und in gestiegenen Erwartungen der Bürger begründet liegen. Globalisierungsprozesse, die steigende Bedeutung transnationaler Unternehmen sowie die zunehmende Europäisierung haben den Entscheidungsspielraum der nationalen, zumal der politischen E. erheblich verringert. Während in der Wirtschaft längst transnationale E. entstanden sind, finden sich im politischen Sektor – und ebenso bei den meisten Verbänden – nur Ansätze zur Herausbildung einer supranationalen E., was maßgeblich den nationalstaatlich geprägten Rekrutierungslogiken geschuldet ist. Im Bildungssektor ist durch die europäische Integration ein Anpassungsdruck entstanden, der erwarten lässt, dass die historisch bedingten Besonderheiten der E.bildung in D eher abgeschliffen werden und die gezielte Förderung von E. nach angloamerikanischem Muster weiter an Bedeutung gewinnt.

Für die nationalen E. wird es perspektivisch v. a. darum gehen, die verbliebene Handlungsautonomie zu wahren und vorhandene Gestaltungsspielräume auszuschöpfen. Ein solchermaßen untersetzter Anspruch auf (politische) Führung wird allerdings mit den hohen Erwartungen der Bevölkerung an Responsivität und Transparenz zu vermitteln und in Konkurrenz zu neuen gesellschaftlichen Akteuren (jüngst etwa die "Occupy-Bewegung") zu behaupten sein. Die Überzeugungskraft der dt. E. hängt maßgeblich davon ab, inwiefern es ihnen gelingt, die vertikale E.integration zu verbessern (durch Aufgreifen von Handlungsimpulsen, Öffnung zusätzlicher Partizipationskanäle o. ä.), ohne die Erfolge der horizontalen Integration zu gefährden.


Literatur

Best, Heinrich/Higley, John (Hrsg.) 2010: Democratic Elitism. New Theoretical and Comparative Perspectives. Leiden/Boston.

Bürklin, Wilhelm/Rebenstorf, Hilke u. a. 1997: Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration. Opladen.

Endruweit, Günter 1979: Elitebegriffe in den Sozialwissenschaften, in: Zeitschrift für Politik 26, S. 30-46.

Gabriel, Oscar W./Neuss, Beate/Rüther, Günther (Hrsg.) 2006: Eliten in Deutschland. Bedeutung, Macht, Verantwortung. Bonn.

Hartmann, Michael 2004: Elitesoziologie. Eine Einführung. Frankfurt a. M./New York.

Kaina, Viktoria 2009: Eliteforschung, in: Dies./Römmele, Andrea (Hrsg.): Politische Soziologie. Wiesbaden, S. 385-419.

Münkler, Herfried/Straßenberger, Grit/Bohlender, Matthias (Hrsg.) 2006: Deutschlands Eliten im Wandel, Frankfurt a. M.

Putnam, Robert D. 1976: The Comparative Study of Political Elites. Englewood Cliffs.

Wasner, Barbara 2004: Eliten in Europa. Wiesbaden.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Michael Edinger



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