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Gesellschaft/Sozialstruktur

D war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Land großer Wanderungsbewegungen. Standen diese in den ersten Jahrzehnten im Zusammenhang mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges und der Gründung der DDR, so kamen seit den 1950er Jahren auch erste "Gastarbeiter" hinzu; im früheren Bundesgebiet waren es im Jahr 1987 4,4 Mio., im heutigen vereinten D leben ca. 7,3 Mio. ausländische Arbeitnehmer und ihre Familienangehörigen. Durch Einbürgerungen, Heiraten und Geburten ist der Anteil der Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund auf etwa 18 % gestiegen.

Der → Wertewandel (Meulemann 1996), zusammen mit den sozialen und kulturellen Bewegungen seit Ende der 1960er Jahre, war ein wichtiger Faktor für die Veränderung, wozu auch der Geburtenrückgang seit 1970 beitrug (Peuckert 2008). Zu den Trends zählen: Zunahme der nichtehelichen Lebensgemeinschaften, der Einelternfamilien, der binuklearen Familien (living apart together). Die Ein-Personen-Haushaushalte machen inzwischen fast 40 % aller Haushalte aus (in größeren Städten, zumal im Innenstadtbereich, geht ihr Anteil auf 80 %). Gesellschaftspolitisch waren gleichgeschlechtliche Partnerschaften als neue Lebensgemeinschaften schwieriger durchzusetzen als pluralisierte Familienformen. Seit dem Jahr 1996 werden sie im Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes berücksichtigt; 2001 trat ein Gesetz zur Legalisierung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften in Kraft (LPartG).

Stark verändert hat sich die Siedlungsstruktur, die trotz des Bevölkerungsrückgangs in zahlreichen Städten, v. a. in den neuen Bundesländern, durch eine weiterhin wachsende Verstädterung gekennzeichnet ist. Von rund 81,8 Mio. Einwohnern (2010) leben 31 % in 83 Großstädten mit mehr als 100 Tsd. Einwohnern, von denen zehn mehr als 500 Tsd. Einwohner haben, darunter vier Millionenstädte: BE (3,41 Mio.), HH (1,76 Mio.), München (1,34 Mio.) und Köln (1,02 Mio.). Im Jahr 1995 beschloss die "Ministerkonferenz für Raumordnung" die Abgrenzung "Europäischer Metropolregionen". In den größten Metropolregionen Ds – in der Reihenfolge ihrer Einwohner: Rhein-Ruhr, BE-BB, Stuttgart, HH, München, Rhein-Main – leben zusammen rund 19 Mio. Menschen, also fast ein Viertel aller Einwohner. Diese neuen Raumplanungseinheiten sollen das Gewicht Ds im Zusammenhang der Europäischen Metropolregionen bei anstehenden Planungen, nicht nur im Bereich der Infrastruktur, verstärken.

Die Veränderungen in der Klassen- und Schichtungsstruktur und die Entwicklungen der sozialen → Ungleichheit wurden zusammen mit z. T. älteren Begriffen wie (Lebenslage, Milieu, Lebensstile) abzubilden versucht. Neue G.sbegriffe (Pongs 1999) sollen die Veränderungen kenntlich machen: Nachindustrielle G. (D. Bell), Wissens- und Informationsg. (H. F. Spinner), Erlebnisg. (G. Schulze), Netzwerkg. (Castells 2004). Auch die S. Europas (Kaelble 1987; Mau/Verwiebe 2009) spielt für die Analyse der dt. G. eine immer größere Rolle, ist sie doch selbst ein gewichtiger Teil der in der EU vereinigten 27 europäischen Staaten.


Literatur

Castells, Manuel 2004: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Opladen (Orig. amerik. 1996).

Geißler, Rainer 52008: Die Sozialstruktur Deutschlands. Wiesbaden.

Kaelble, Hartmut 1987: Auf dem Weg zu einer europäischen Gesellschaft. Eine Sozialgeschichte Europas. München.

Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde. Frankfurt a. M.

Mau, Steffen/Verwiebe, Roland 2009: Die Sozialstruktur Europas. Konstanz.

Meulemann, Heiner 1996: Werte und Wertwandel. Zur Identität einer geteilten und wieder vereinten Nation. Weinheim/München.

Peuckert, Rüdiger 72008: Familienformen im sozialen Wandel. Wiesbaden.

Pongs, Armin 1999: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? 2 Bde. München.

Riedel, Manfred 1975: Gesellschaft, bürgerliche, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 2. Stuttgart.

Schäfers, Bernhard 82004: Sozialstruktur und sozialer Wandel in Deutschland. Stuttgart.

Tönnies, Ferdinand 1963: Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. Nachdruck der 8. Aufl. von 1935. Darmstadt.

Zapf, Wolfgang (Hrsg.) 21970: Theorien des sozialen Wandels. Köln/Berlin.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Bernhard Schäfers



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