Politische Kultur

Die Vereinigung von BRD und → DDR bedeutete zwar eine rasche Homogenisierung der politischen Institutionen in beiden Teilen der Nation, aber damit nicht gleichzeitig schon eine Angleichung der politischen Orientierungen der alten und der neuen Bundesbürger. Man hatte auf Grund von Meinungsumfragen während und kurz nach dem Umbruch, die überraschend ähnliche Meinungen bei den Ost- und Westdeutschen zu Tage förderten, zunächst eine sehr rasche Angleichung der Einstellungen und Werte in beiden Populationen erwartet. Nachfolgende Untersuchungen deckten allerdings eine teilweise tiefe Kluft zwischen zwei ganz verschiedenen pKen in Ost und West auf.

Obrigkeitsstaatliche Traditionen, die in der BRD im Laufe von 40 Jahren Erfahrung mit westlicher Demokratie langsam abgebaut wurden, lebten in der DDR fort, wurden durch die sozialistische Staatsbürokratie und SED-Herrschaft sogar noch verstärkt. So gab und gibt es bis heute große Unterschiede zwischen der westdeutschen pK und der ostdeutschen. Das gilt z. B. für "sekundäre Tugenden", für mangelnde Ambiguitätstoleranz (das Ertragen von Situationen und Themen, die nicht nach einem Entweder-oder-Schema gelöst werden können) oder die Unvertrautheit mit parteipolitischer Streitkultur. Ein eigenes ostdeutsches Einstellungsprofil zeigt sich vor allem im Blick auf die Staats-Orientierung: Ältere Strukturen einer deutschen "Staatskultur" (gegenüber angelsächsischer "Gesellschaftskultur"; vgl. Rohe 1994) wurden durch die Erfahrungen mit sozialistischer Staatsbürokratie verstärkt; sie äußern sich heute in hohen Erwartungen an staatliche Leistungen. Unterschiede gibt es auch im Blick auf das Vertrauen in das System der Demokratie. Im Wertebereich finden sich andererseits vielerlei Ähnlichkeiten zwischen ostdeutschem und westdeutschem Bevölkerungsteil, z. B. hinsichtlich der Verteilung bestimmter Werte-Typen in der Gesellschaft.

Die Erforschung des deutschen Vereinigungsprozesses hat inzwischen eine eigene Forschungsgeschichte. Die Kritik an den hergebrachten Konzepten führte zu einer Umorientierung im forschungsleitenden Zugang mit entsprechenden Veränderungen im methodischen Zugriff (Thumfart 2002). Nicht nur aus Mangel an zuverlässigen Zeitreihen und überhaupt Ergebnissen der Umfrageforschung, sondern aus grundsätzlichen theoretischen Überlegungen gerieten nun historisch-hermeneutische, auch ethnologische Zugänge in den Blick. Kritik gab es vor allem an der ahistorischen rational-choice-Methode, die ungeeignet sei, kulturell-regionale Eigenheiten in die Analyse mit einzubeziehen. Heute stellt sich die Transitionsforschung als ein Kosmos vieler sozialwissenschaftlicher Disziplinen und Forschungsansätze dar.


Literatur

Almond, Gabriel/Verba, Sidney 1963: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations. Princeton.

Greiffenhagen, Martin und Sylvia (Hrsg.) 2002: Handwörterbuch zur politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden.

Greiffenhagen, Sylvia 2009: Theorie(n) der politischen Kultur. In: .Salzborn (Hrsg.) 2009.

Pickel, Susanne/Pickel, Gerd 2006: Politische Kultur und Demokratieforschung. Grundbegriffe, Theorien, Methoden. Eine Einführung. Wiesbaden.

Rohe, Karl 1994: Politische Kultur. Zum Verständnis eines theoretischen Konzepts, in: Niedermayer, Oskar/Beyme, Klaus v. (Hrsg.): Politische Kultur in Ost- und Westdeutschland. Berlin.

Salzborn, Samuel (Hrsg.) 2009: Politische Kultur. Forschungsstand und Forschungsperspektiven. Frankfurt a. M.

Thumfart, Alexander 2002: Die Politische Integration Ostdeutschlands. Frankfurt a. M.

Westle, Bettina 2009: Kap. 1-3, in: Westle, Bettina/Gabriel, Oskar W. (Hrsg.): Politische Kultur. Eine Einführung. Baden-Baden.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Martin und Sylvia Greiffenhagen



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