Werte und Wertewandel

6. Kulturelles Patt

In den 1970er Jahren steuerte die Bundesrepublik in ihren kulturellen Leitbildern über die Erhaltung ihrer seit dem Wirtschaftswunder stark gestiegenen Wirtschaftskraft hinaus. Der Zeitgeist, geprägt von den neuen Intellektuellen, hatte kaum noch ein Verhältnis zur wirtschaftlichen Reproduktion und zur gesellschaftlichen Stabilität. Hilflos sah man sich mit einer nahezu unaufhaltsam steigenden Massenarbeitslosigkeit konfrontiert und mit einer "materialistischen" Arbeiter- und Angestelltenschaft, die in den prosperierenden Gebieten zunehmend konservativ wählte.

Kriminalität und Terrorismus brachten die Frage der öffentlichen Sicherheit wieder auf die Tagesordnung. Der Wertewandelschub in einem kulturellen Patt. Das "System" gab sich konservativ und der Ww. verlagerte sich in die "Lebenswelt" (Habermas). Erst die Umstrukturierung der Welt nach dem Fall des realen Sozialismus änderte diese Agenda entscheidend. Denkbar waren sowohl ein erneuter Zusammenprall von Emanzipation und Tradition als auch eine Synthese. Die Waagschale senkte sich jedoch in die zweite Richtung.

7. Zeitgeist im Zeichen der Wertesynthese

Wertorientierungen der Jugend (2002-2010)
Jugendliche im Alter ab 12 bis 25 Jahre (Angaben in Prozent)Abbildung 2: Wertorientierungen der Jugend (2002-2010)
Jugendliche im Alter ab 12 bis 25 Jahre (Angaben in Prozent) (© tns infratest / Gensicke 2010)
Wertorientierungen der Jugend (2002-2010) 
Jugendliche im Alter ab 12 bis 25 Jahre (Angaben in Prozent)Abbildung 1: Wertorientierungen der Jugend (2002-2010)
Jugendliche im Alter ab 12 bis 25 Jahre (Angaben in Prozent) (© tns infratest)


Die neuere Entwicklung ist wie stets in der jungen Generation besonders zu beobachten. Hineingewachsen in eine Welt ohne Ost-West-Gegensatz, ohne Vorbehalte gegen die so genannten Sekundärtugenden, fügte sie in den 1990er Jahren zusammen, was in der alten Bundesrepublik so lange nicht zusammenpassen wollte. Der Wunsch nach gesellschaftlicher Stabilität und ein starker Leistungswille verbinden sich in der jungen Generation mit der Freude am kreativen Engagement und am komfortablen Leben.

Im Laufe der 1990er Jahre entstand eine pragmatische Mentalität, die in wichtigen Punkten an Schelskys "Skeptische Generation" der 1950er Jahre erinnert. Wie in den 1950er Jahren steht die Jugend allerdings in Distanz zur Politik und konzentriert ihre Interessen auf die kleinen und mittleren sozialen Kreise, auch im zivilgesellschaftlichen Engagement. Manche Soziologen sprachen sogar von einem quasi rückläufigen "Wandel des Wertewandels" (vgl. Hradil 2002), was sicher übertrieben ist.

Die Daten der Shell Jugendstudien (Abb. 1 und 2) zeigen, dass die junge Generation auf den Schultern aller Generationen steht, die seit den 1950er Jahren auf den Plan getreten sind. Im Rahmen einer lebendigen Zivilgesellschaft sind viele junge Leute aktiv und viele sind an solchen Aktivitäten interessiert (vgl. Gensicke/Geiss 2010). Die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern haben sich seit den 1950er Jahren deutlich gewandelt. Auffällig ist die hohe Berufsorientierung der jungen Frauen.

8. Ausblick

Seit den 1980er und 1990er Jahren öffnete sich auch die ältere Generation zunehmend den neuen W.n. Politisches Interesse und bürgerschaftliches Engagement haben bei den älteren Menschen stark zugenommen (vgl. Gensicke/Geiss 2010). Außerdem sind sie erlebnis- und genussfreudiger geworden. Haben die Jüngeren zu ihren "neuen" W.n die "älteren" W. wieder hinzugefügt, so die Älteren zu ihren traditionellen W.n zunehmend die W. des Ww.s. Das ist die beste Erklärung für den zunehmenden Ausgleich der W. der Emanzipation und der sozialen Pflicht.

Auffällig ist, dass die nachwachsenden, besonders jungen Jugendlichen im Laufe der 2000er Jahre von einem sehr geringen Niveau aus wieder deutlich politisch interessierter geworden sind. Die pragmatische und politikferne Haltung der Jugend seit Mitte der 1990er Jahre könnte wieder einer mehr idealistischen, auf die Gesellschaft bezogenen Mentalität Platz machen. Allerdings wird diese Haltung weiterhin bodenständig sein. Zum anderen ist zu beobachten, ob die gestiegene Familienorientierung und der zunehmende Kinderwunsch zumindest langfristig den demografischen Wandel abschwächen werden.


Literatur

Gensicke, Thomas 1998: Die neuen Bundesbürger. Eine Transformation ohne Integration. Wiesbaden.

Gensicke, Thomas 2010: "Wertorientierungen, Befinden und Problembewältigung", in: Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich, Frankfurt a. M., 16 Shell Jugendstudie.

Gensicke Thomas/Geiss, Sabine 2010: "Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999–2004–2009", Ergebnisse des Freiwilligensurveys, der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. München, erscheint im VS Verlag 2011. Download: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationsliste,did=165004.htm

Hepp, Gerd 1994: Wertewandel. Politikwissenschaftliche Grundfragen. München/Wien.

Hillmann, Karl-Heinz 2003: Wertwandel. Ursachen – Tendenzen – Folgen. Würzburg.

Hradil, Stefan 2002: Vom Wandel des Wertewandels, in: Glatzer, Wolfgang/Habich, Roland/Mayer, Karl Ulrich (Hrsg.): Sozialer Wandel und gesellschaftliche Dauerbeobachtung. Für Wolfgang Zapf. Opladen.

Inglehart, Ronald 1977: The Silent Revolution. Princeton.

Klages, Helmut 1975: Die unruhige Gesellschaft. Untersuchungen über Grenzen und Probleme sozialer Stabilität. München.

Klages, Helmut/Gensicke Thomas 2006: Wertesynthese – funktional oder dysfunktional? in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialwissenschaft (KZfSS) 58.

Meulemann, Heiner 1996: Werte und Wertewandel. Zur Identität einer geteilten und wieder vereinten Nation. Weinheim/München.

Noelle-Neumann, Elisabeth 1978: Werden wir alle Proletarier? Wertewandel in unserer Gesellschaft. Zürich.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Thomas Gensicke



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