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12.11.2010 | Von:
Helmut Ebert

Verwaltungssprache: Bürokratenspeak oder Bürgerdeutsch

Barrieren des Funktionalstils

Verwaltungssprache: Bürokratenspeak oder BürgerdeutschVerwaltungssprache: Bürokratenspeak oder Bürgerdeutsch
Funktionalstilistische Verstehensbarrieren sind solche Eigenschaften der Verwaltungssprache, die Ausdruck der fachsprachlichen Funktion sind und der Alltagssprache eher fremd sind. Dazu gehören vor allem juristische Fachbegriffe (z. B. dolus directus, dolus eventualis oder – da vom normalsprachlichen Gebrauch abweichend - Eigentümer, Besitzer, Sache, Erwerb und Verzug) und differenzierte Bedeutungsunterschiede (z. B. Raub vs. Ausführung des Raubs). Der bereits erwähnte Nominalstil (z. B. Inbrandsetzung, Geltendmachung, Unbrauchbarmachung) sowie der Passivstil und die Täterverschweigung (z. B. es wird gebeten mitzuteilen; es ist verboten, die Wege zu verlassen; die Festsetzung der Gebühren richtet sich nach ...) können ebenfalls Verstehensbarrieren aufbauen. Dazu gehört auch, dass Situationen aus der Geschehensperspektive gedeutet werden: Der Aufenthalt im Park bei starkem Wind geschieht auf eigene Gefahr und die Personifizierung abstrakter Sachverhalte (z. B. von Rechtsstellungen: Erblasser, Gesamtschuldner, Wiederbeklagter, Inverkehrbringer). Neben komplexen Wortgruppen und langen Sätzen (Satzgefüge, Schachtelsätze) sind weitere funktionalistische Verstehensbarrieren:
  • Genitivketten (Als Erlaubnistatbestandsirrtum bezeichnet man die irrige Annahme der sachlichen Voraussetzungen eines anerkannten Rechtfertigungsgrundes)
  • Partizipialkonstruktionen (z. B. Sie war nicht dazu bestimmt und geeignet, einen über den geprüften Inhalt der in ihr enthaltenen Einzelurkunden hinausgehenden, für sich bestehenden Gedankeninhalt zu beweisen)
  • Präpositionalketten (z. B. nach dem Gebührengesetz für das Land NRW vom ... in Verbindung mit ... in der derzeit gültigen Fassung)
  • Überlange Wortzusammensetzungen (Pflegeleistungsergänzungsgesetz, Kostenzusageübernahmeerklärung)
  • Oxymera, d. h. Wörter, die einen Widerspruch in sich selbst enthalten (dienende Grundstücke, kalte Aussperrung, Minuswachstum)
  • besondere Metaphorik (Leihmutter, Rechte erwachsen und erlöschen)
  • Ideologiegebundenheit juristischer Sprache (z. B. durch Scheinpräzision rechtssprachlicher Begriffe und "Wertwörter" wie betrügerisch, gewissenlos, Reinheit und Gesundheit des Geschlechtslebens; ...)
  • redundanzloser Stil: Mit Kreisverordnung über die Inschutzstellung des Starnberger Sees ... wurde der Feldafinger Park unter Landschaftsschutz gestellt.

Barrieren des Bürokratenstils

Auch der unangemessene, übertriebene und falsche Gebrauch von Mitteln der Verwaltungssprache erschwert das Verstehen. Hierzu gehören neben dem Umgang mit Verneinung (Stimmen Sie für die Aufforderung an das Bezirksamt, in Ablehnung der Drucksache 1911/2 ... die Parkraumbewirtschaftung nicht in und um die Wohnquartiere ... auszuweiten?) vor allem:
  • inhaltsleere Füllwörter, Blähwörter und Abkürzungen (eventuelle Rückfragen, gezielte Nachfrage, abschlägig bescheiden; Räumlichkeiten, Eignungsfeststellungsverfahren; u.A.w.g. = um Antwort wird gebeten)
  • Floskeln (ich hoffe, Ihnen mit den Unterlagen gedient zu haben, und verbleibe hochachtungsvoll)
  • Funktionsverbgefüge ohne Bedeutungsmehrwert (in Kenntnis versetzen = mitteilen)
  • veraltete Ausdrücke und Wendungen (dergestalt, obliegen, postwendend, Kinder sind das köstlichste Gut eines Volkes, im Nachgang zu meinem Schreiben)
  • einfache Inhalte in übertriebenem sprachlichen Gewand: Das Füttern von Tauben als eine das Wohlbefinden von Tieren unterstützende Äußerungsform von Tierliebe kann bei Vorliegen vernünftiger Gründe nach Maßgabe des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes durch staatliche Maßnahmen beschränkt werden
  • grammatische Fehler und Mehrdeutigkeiten: vorläufige Vollstreckbarkeitserklärung eines Urteils (statt: vorläufige Erklärung der V.), große Strafrechtskommission (Ist die Zahl der Mitglieder oder die Bedeutung der Kommission groß?)
  • unnötige Gesetzesverweise mitten im Text
Weiter ist die Verwendung eines bestimmten Jargons als Imponiergehabe mit Denkfehlern zu nennen, wie etwa treten die Rechtswerte der Rechtssicherheit und des Vertrauensschutzes ... in den Vordergrund [8]. Dass Rechtssicherheit und Vertrauensschutz wichtig sind, hätte im Kontext des Urteils nicht eigens hervorgehoben werden müssen: "Ihre Bezeichnung als "Rechtswerte" bringt dies auch nicht zum Ausdruck ... Dass das Recht ein "Wert" sei, besagt für Juristen nichts, sondern macht die Sache nur geheimnisvoll dunkel. Durch die Verquickung von "Recht" und "Wert" werden zwei sauber voneinander zu scheidende Normenbereiche vermischt: das Recht und die Ethik. Damit wird einer heute politisch besonders gefährlichen Moralisierung des Rechts Vorschub geleistet" [9]

Wie überlange und daher unübersichtliche Sätze, die durch einfache Umformulierung verständlicher werden, das Verstehen behindern, zeigt das folgende Beispiel aus einem kantonalen Schulgesetz der Schweiz [10]: Art. 14 Ausschluss // Schülerinnen und Schüler, welche trotz Mahnung und Orientierung der Erziehungsberechtigten den Unterricht oder das Unterrichtsklima dauernd belasten, können durch Schulratsbeschluss aufgrund eines schriftlichen Berichtes des zuständigen Schulinspektorates und des Schulpsychologischen Dienstes und unter Meldung an die Vormundschaftsbehörde vom Unterricht ausgeschlossen werden. In diesem Satz geht die zentrale Norm in Begleitnormen unter, die Handlungsbeteiligten und Handlungsschritte sind nicht scharf markiert. In mehrdeutiger Weise kann Mahnung auch auf die Eltern bezogen werden. Diese Verstehensprobleme können durch Umformung gelöst werden: Art. 14 Ausschluss // 1. Schülerinnen und Schüler, welche den Unterricht oder das Unterrichtsklima dauernd belasten, können vom Unterricht ausgeschlossen werden. 2. Vor dem Ausschluss muss die Schülerin oder der Schüler gemahnt und müssen die Erziehungsberechtigten orientiert worden sein. 3. Der Ausschluss wird vom Schulrat beschlossen. Dieser stützt sich dabei auf einen schriftlichen Bericht des zuständigen Schulinspektorates und des schulpsychologischen Dienstes. 4. Der Ausschluss muss der Vormundschaftsbehörde gemeldet werden.

Barrieren der Beziehungskommunikation

Kommunikation erfolgt auf der Inhaltsebene (Was wird gesagt?) und auf der Beziehungsebene (Wie wird es gesagt?). Nicht nur Schwerverständlichkeit ist beziehungsgefährdend, sondern auch der Verstoß gegen Akzeptanzregeln, Glaubwürdigkeits-/Wahrheitsregeln, Respekt- und Vertrauensregeln. Unpersönliche Ausdrücke lassen nicht nur offen, wer handeln soll, sondern sie schränken auch die Kooperationsbereitschaft ein: Es wird daran erinnert ... (besser: wir erinnern Sie ... ), die Steuerpflichtige (besser: Frau Elke Müller).

Bei Normformulierungen wird die Zunahme von Legaldefinitionen zu einem ernsthaften Akzeptanzproblem. Es werden immer mehr unnötige Legaldefinitionen verwendet, die nicht an die Lebenswelt der Bürger anschließen und von tiefem Misstrauen in den Alltagssprachverstand zeugen: Als Spielzeug gelten alle Gegenstände, die dazu gestaltet oder offensichtlich dazu bestimmt sind, von Kindern unter 14 Jahren zum Spielen verwendet zu werden [11]. Sinnvoll sind Legaldefinitionen nur dann, wenn Fachausdrücke für Laien verständlich gemacht oder wenn unscharfe Ausdrücke "geschärft" werden sollen. Letzteres ist zum Beispiel der Fall, wenn deutlich gemacht wird, dass im Seilbahngesetz der Ausdruck Seilbahn auch Skilifte bezeichnet.

Viele amtliche Schreiben sind nach wie vor wenig serviceorientiert, geizen mit Tipps, informieren nicht voraussetzungslos oder sagen nicht explizit, wer zuständig ist oder mit einer Auskunft weiterhelfen kann. Nicht immer ist für den Adressaten auf den ersten Blick ersichtlich, was ein Schreiben bezweckt und was zu tun ist: Der Bescheid wird Ihnen nach Eingang der Gebühren auf eines der Konten der Stadtkasse zugesandt. Besser ist es, Handlungsappell und Handlungsfolge auf zwei Sätze zu verteilen: Bitte überweisen Sie die Gebühren an die Stadtkasse. Den Bescheid sende ich Ihnen zu, wenn die Zahlung eingegangen ist.

Die Glaubwürdigkeit kann durch politisch motivierte Benennungen Schaden nehmen: Hartz IV, Friedenswahl, Arbeitgeberanteil, Großer Lauschangriff usw. Sie kann auch durch ein Missverhältnis zwischen Form und Inhalt in Zweifel gezogen werden: Infrastrukturplanungsbeschleunigungsgesetz, Gesetzliche-Krankenversicherung-Wettbewerbsstärkungsgesetz.

Bei dem Thema Respekt geht es darum, die Bürger als Partner ernstzunehmen, höflich zu kommunizieren und jeden Anschein von Willkür, Machtanmaßung, Repression, Bevormundung, Rechthaberei, geschäftsmäßiger Gleichgültigkeit, Misstrauen oder Anbiederung zu vermeiden: Ein Wechsel in der Geschäftsführung ist mir unverzüglich anzuzeigen (Willkür), Sollte ich bei einer späteren Überprüfung feststellen, dass ... Sie Einkommensänderungen nicht gemeldet haben, bin ich auch zu einer nachträglichen Neufestsetzung des Beitrags verpflichtet (Misstrauen); Die Einwendung wirtschaftlicher Nachteile ist unbegründet, da die beabsichtigte Unterschutzstellung [einer landwirtschaftlichen Nutzfläche] nicht in eigentumsrechtlich geschützte Rechtspositionen eingreift. Gemäß dem Beschluß des Bundesverwaltungsgerichtes vom 10.5.1995 spiegeln Ge- und Verbotsregelungen, die sich darin erschöpfen, die vorhandene Nutzung festzuschreiben, lediglich die Situationsgebundenheit des Eigentums wider. Sie sind grundsätzlich entschädigungslos hinzunehmende Inhaltsbestimmungen des Eigentums, die die Sozialbindung konkretisieren (Repression durch absichtsvolle Unverständlichkeit); Ich bedaure, Ihnen keinen günstigeren Bescheid erteilen zu können (Anbiederung).

Auch Bezeichnungen wie Mini-Job und Grenzgänger sind respektlos, da sie die Tätigkeit bzw. die Person abwerten. Gegen Aufrichtigkeitsbedingungen wird verstoßen, wenn der Adressat absichtlich in die Irre geführt wird, sei es durch Kleingedrucktes, Verklausulierung oder Verschweigen von Information. Ohne Minimalvertrauen gibt es kein funktionsfähiges Rechtssystem. Dieses Vertrauen wird jedoch nicht durch Gesetze und Vorschriften erzeugt, sondern es muss aus einer angemessenen gemeinschaftlichen Dynamik hervorgehen. Wer dieses Verhältnis umgekehrt sieht, verwechselt Vertrauen mit Vertautsein im Sinne von Gewöhnung.

Vom Nutzen einer verständlichen Verwaltungssprache

Durch eine verständliche und bürgernahe Sprache gewinnt die Verwaltung an Ansehen, spart Kosten und kann glaubwürdiger Anstoßgeber sein. "Weniger Aufwand, mehr Effizienz in der Bearbeitung, weniger Kosten in der Verwaltung und in den Betrieben, weniger Missverständnisse und Reibungsverluste, weniger Entmündigung und Behördenverdrossenheit" zählt Allefeld [12] als Vorteile auf. Kosten entfallen z. B., wenn weniger Zeit für Beratungsgespräche, Ausfüllhilfen und die Bearbeitung von Widersprüchen benötigt wird. Gleichzeitig wird der Arbeitsalltag weniger "zerrissen" und die Arbeitsmotivation steigt, wenn Rückfragen und das Nachreichen von Unterlagen unnötig werden [13]

Aber nicht nur die Verwaltung ist herausgefordert, sondern auch die Bürgerschaft. So wie Textverfasser eine rhetorische Bringschuld haben, haben die Rezipienten eine hermeneutische Holschuld. Der Gewinn für das Gemeinwesen ist eine gute Verwaltung im Rahmen einer "Wissensdemokratie", die nicht nur Ordnung und Sicherheit in ruhigen Zeiten "produziert", sondern die sich auch als Ideengeber und innovativer Problemlöser in Zeiten stürmischer Veränderungen bewährt und sich dabei der Unterstützung der Bürger als Mitproduzenten gesellschaftlicher und kultureller Werte sicher sein kann.

Literatur

  • Allefeld, Hans (2010): Verständlich? Selbstverständlich! Wie Kommunen verständlich kommunizieren können. In: Amtsdeutsch a.D.? Europäische Wege zu einer modernen Verwaltungssprache, hg. v. H.-R. Fluck u. M. Blaha. Tübingen: Stauffenburg, S. 23-28.
  • GfdS (2009): Wie denken den Deutschen über die Rechts- und Verwaltungssprache? Eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache, durchgeführt vom Institut für Demoskopie Allensbach, hg. v. K. M. Eichhoff-Cyrus, G. Antos u. R. Schulz. Wiesbaden 2009.
  • Häberle, Peter (2004): Verständnis des Rechts als Problem des Verfassungsstaates. In: Die Sprache des Rechts Bd. 1 – Recht verstehen, hg. v. K. D. Lerch, Berlin: Walter de Gruyter, S. 155-165.
  • Hattenhauer, Hans (1995), Denkfehler zeigen sich in Stilfehlern. Über Juristen- und Allgemeinsprache, in: F.A.Z. v. 10.11.1995, S. 17.
  • Kühn, Peter (2001), Juristische Fachtexte. In: Deutsch als Fremdsprache. Ein internationales Handbuch. 1. Halbband, hg. v. G. Helbig, L. Götze, G. Henrici u. H.-J. Krumm. Berlin, New York: Walter de Gruyter, S. 582-594.
  • Nussbaumer, Markus (2004): "Von Schwärmern und Skeptikern und ein Versuch, Realist zu sein. Bilanz und Entwurf des Sprachspiels vom unverständlichen Gesetz", in: Die Sprache des Rechts Bd. 1 – Recht verstehen, hg. v. K. D. Lerch, Berlin: Walter de Gruyter, S. 285-296.
  • Nussbaumer, Markus (2008): Der Verständlichkeit eine Anwältin!, in: Verständlichkeit als Bürgerrecht, hg. von der Dudenredaktion und der Gesellschaft für deutsche Sprache. Wiesbaden: GfdS.
  • Schmidt, Manfred (2007): Das politische System Deutschlands. Bonn: bpb.
  • Schwintowski, Hans-Peter (2003), Die Bedeutung interdisziplinären Arbeitens von Rechts- und Sprachwissenschaft, in: Muttersprache 1, 1-14.
  • Veld in't, Roeland J. (Ed.)(2010), Knowledge Democracy. Consequences for Science, Politics and Media. Berlin, Heidelberg: Springer 2010.

Fußnoten

8.
aus einer Entscheidung des Bundesgerichtshofes v. 25.3.1983
9.
Hattenhauer 1995
10.
vgl. Nussbaumer 2008, S. 315.
11.
vgl. Nussbaumer 2008, S. 313.
12.
Allefeld 2010, S. 26
13.
"vgl. ebda.. "

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