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Schlagwörter

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Schlagwörter

Thomas Niehr

/ 8 Minuten zu lesen

Aus der politischen Kommunikation sind sie nicht mehr wegzudenken: Schlagwörter können Forderungen und Programme auf ein Wort verkürzt unter das Volk bringen. Aber nicht alle, die ein und dasselbe Schlagwort benutzen, wollen auch das Gleiche sagen.

Beispiele für Schlagwörter in Politik und Öffentlichkeit der vergangenen Jahre. (© BPB)

Schlagwort – ein Ausdruck mit mehreren Bedeutungen

Der Ausdruck Schlagwort wurde schon im 19. Jahrhundert geprägt und verwendet. Er begegnet uns seitdem in umgangs- wie auch fachsprachlichen Zusammenhängen. Wer umgangssprachlich von Schlagwörtern spricht, wertet damit meist Äußerungen einer anderen Person ab. So ist es beispielsweise vorstellbar, dass man seiner Verärgerung über scheinbar nichtssagende Politikeräußerungen dadurch Ausdruck verleiht, dass man diesen Politikern vorwirft, sie äußerten sich in "bloßen Schlagworten". Dann bedeutet Schlagwort so etwas wie hohle Phrase oder nichtssagendes Gerede.

Im Gegensatz zu dieser umgangssprachlichen Bedeutung steht die sprachwissenschaftliche (linguistische) Bedeutung des Ausdrucks Schlagwort. Insbesondere Linguisten, die sich mit der Sprache der Politik beschäftigen – dieser Zweig der Lingustik wird auch Politolinguistik genannt –, haben sich mit Schlagwörtern beschäftigt und verstehen darunter Ausdrücke, die in der öffentlichen Auseinandersetzung zur Propagierung bestimmter Forderungen und Programme verwendet werden. Diese fachsprachliche Bedeutung von Schlagwort soll im Folgenden näher erläutert werden.

Sprache in der Politik – ein strategisches Sprachspiel

Sprache in der Politik – wie Sprache überhaupt – dient neben der Informationsvermittlung v.a. auch der Selbstdarstellung der Sprecher bzw. Schreiber. Diese möchten sich durch ihren sprachlichen Stil – und dazu gehört auch die Wortwahl – ihren Zuhörern in einer bestimmten Weise präsentieren. Insbesondere von Politikern ist dieses Phänomen gut bekannt: So stellen sie sich in Parlamentsdebatten gerne als wortgewandt und schlagfertig dar. Und auch der eindeutige Verlierer einer Wahl findet meist noch eine Formulierung, um dem verheerenden Wahlergebnis etwas Positives abzugewinnen. So weist er beispielsweise darauf hin, dass aufgrund der ungünstigen Wirtschaftslage mit noch schlimmeren Verlusten gerechnet werden musste oder dass er zwar die Wahl nicht gewonnen habe, die politischen Gegner aber die Realitäten anerkennen müssten und ihre Fraktion auch nicht über die nötige Stimmenmehrheit zur Bildung einer handlungsfähigen Regierung verfügten. Dieses kleine Beispiel zeigt bereits, dass politische Sprache strategisch angelegt ist. Die sprachliche Strategie besteht meist darin, die eigene Position aufzuwerten und gleichzeitig die des politischen Gegners abzuwerten. Zur Umsetzung dieser Strategie sind Schlagwörter hervorragende Werkzeuge, weil man mit ihnen das Denken und Fühlen der Menschen beeinflussen kann.

Schlagwörter – Instrumente zur Manipulation der Massen

Freiheit – Gleichheit –Brüderlichkeit - die Schlagworte der Französischen Revolution sind noch heute auf Anhieb plausibel und sympathisch. Das Bild zeigt Kurt Beck und Peter Struck beim Bundesparteitag der SPD in Hamburg im Jahr 2007. (© AP)

Schlagwörter dienen in der politischen Kommunikation dazu, Forderungen und Programme unter das Volk und damit unter die potentiellen Wählerinnen und Wähler zu bringen. Dabei haben Schlagwörter den entscheidenden Vorteil, dass sie Forderungen und Programme so verkürzen, dass diese mithilfe nur eines Wortes ausgedrückt werden können. Ein berühmtes Beispiel für ein Schlagwort (bzw. eine Schlagwort-Kombination) ist etwa der aus der Französischen Revolution bekannte Ruf nach Freiheit – Gleichheit –Brüderlichkeit. Auf Anhieb finden wir solch eine Forderung plausibel und sympathisch, weil sie demokratische Prinzipien auf den Punkt bringt. Würde man aber mehrere Menschen auffordern zu erklären, was sie genau unter Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit verstehen, so kämen dabei mit Sicherheit ganz unterschiedliche Vorstellungen zum Vorschein. Und kaum einer könnte auf Anhieb darüber Auskunft geben, wie er sich denn das Verhältnis dieser drei Forderungen zueinander vorstellt: Sollen alle drei gleichberechtigt nebeneinander stehen oder ist vielleicht Freiheit Voraussetzung von Gleichheit und Brüderlichkeit? Was ist der Unterschied zwischen Gleichheit und Brüderlichkeit? Und was wollen wir unter Freiheit (und Gleichheit und Brüderlichkeit) überhaupt verstehen? Diese Fragen werden von den Schlagwort-Benutzern meist nicht beantwortet, und die Schlagwort-Rezipienten (also die Adressaten, an die solche Schlagwörter gerichtet werden) legen sich meist keine Rechenschaft darüber ab, ob sie die mit den Schlagwörtern transportierten Forderungen wirklich identifizieren können.

Man kann diese Problematik auch sehr schön an Schlagwörtern verdeutlichen, die in den letzten Jahrzehnten in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit kursierten. Schaut man sich die Parteiprogramme und Internetauftritte der im Bundestag vertretenen Parteien an, so findet sich dort ausnahmslos auch das Schlagwort Umweltschutz, mithin die Forderung, unsere Umwelt zu schützen. Dieses Schlagwort wird etwa seit 40 Jahren in der öffentlichen Diskussion der Bundesrepublik Deutschland verwendet. Analysiert man die Diskussion, so wird offensichtlich, dass der Ausdruck Umweltschutz ganz unterschiedliche Bedeutungen trägt. So wird beispielsweise der Standpunkt vertreten, der Betrieb von Atomkraftwerken sei aktiver Umweltschutz, weil dadurch die C02-Emission verringert und somit der Klimawandel positiv beeinflusst werden könnte. Es findet sich auch die gegensätzliche Position, nach der der Betrieb von Atomkraftwerken aus Umweltschutzgründen nicht infrage komme, etwa wegen der Gefährdung der Umwelt und der ungeklärten Endlagerung des Atommülls. Ohne diese gegensätzlichen Positionen hier inhaltlich bewerten zu wollen, kann man doch festhalten, dass beide Seiten mit dem positiv besetzten Schlagwort Umweltschutz operieren können. Dies heißt aber mit anderen Worten: Das positiv besetzte Schlagwort Umweltschutz dient Vertretern vollkommen gegensätzlicher Positionen für ihre jeweiligen Zwecke, ohne dass für die Schlagwort-Rezipienten auf Anhieb deutlich würde, welche (konträren) Forderungen jeweils mit dem Ruf nach Umweltschutz verbunden werden.

Schlagwörter – Wörter mit vielfältigen Eigenschaften

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Mit einigem Recht kann man sich die Frage stellen, was denn ein Wort zum Schlagwort macht. Welche Eigenschaften muss ein Wort haben, um Schlagwort zu sein oder zum Schlagwort zu werden? So berechtigt diese Frage auch sein mag – die sprachwissenschaftliche Forschung konnte darauf bislang keine einfache Antwort geben. Und dies, obwohl Schlagwörter schon seit Jahrhunderten benutzt werden, höchstwahrscheinlich schon so lange, wie es öffentliche Auseinandersetzungen um im weitesten Sinne politische Sachverhalte gibt.

Zunächst einmal kann man festhalten, dass es keine Wörter gibt, die per se Schlagwörter sind. Wörter benötigen nämlich bestimmte Umgebungsbedingungen, um überhaupt als Schlagwörter verwendet werden zu können. Unverzichtbar ist das Vorhandensein einer Öffentlichkeit, in der Schlagwörter verwendet und rezipiert werden können. Wird in einer solchen Öffentlichkeit eine Forderung oder ein Programm brisant und von einer Gruppierung vertreten, kann ein Schlagwort entstehen. Im Nachhinein wird deutlich, dass solch ein Schlagwort im öffentlichen Diskurs aufgetaucht ist und plötzlich sehr häufig verwendet wurde. Dies trifft etwa für Umweltschutz ab den 1970er Jahren zu. Wenn ein Schlagwort den Zeitgeist trifft und das in ihm enthaltene Programm über Parteigrenzen hinweg viele Befürworter findet, dann setzt etwas ein, das Linguisten den "Kampf um Wörter" nennen: Unterschiedliche Gruppierungen werden versuchen, das Schlagwort als ihr eigenes auszugeben, das Schlagwort für sich zu "besetzen". Auch dies lässt sich gut an dem Beispiel Umweltschutz nachvollziehen: Konservative Kreise beteiligten sich zunächst kaum an der öffentlichen Diskussion um Umweltschutz. Schließlich als dieses Thema jedoch in aller Munde war und kein Politiker mehr an einem Bekenntnis zum Umweltschutz vorbei kam, versuchten alle politischen Parteien deutlich zu machen, dass auch für sie Umweltschutz ein wichtiges Anliegen sei. Allerdings gibt es auch Schlagwörter, die nicht direkt ein Programm oder einen erstrebenswerten Zustand bezeichnen. Denn wer wollte sich schon dazu bekennen – um aktuelle Beispiele zu zitieren – für Klimawandel und Erderwärmung oder gar für Kindesmissbrauch einzutreten?

Schlagwörter – Wörter mit unterschiedlicher Programmatik

"Nie wieder Sozialismus" - mit diesem Wahlslogan gewann 1990 die "Allianz für Deutschland" die ersten freien Wahlen zur Volkskammer der DDR. Foto: AP

An den zuvor genannten Beispielen sieht man deutlich, dass es zu einfach wäre, unter Schlagwörtern solche Wörter zu verstehen, mit denen das Bezeichnete propagiert wird. Dies trifft zwar für viele Schlagwörter zu, die positiv konnotierte Dinge oder Ideen wie Frieden, Freiheit, Demokratie, Menschenrechte bezeichnen. Es gibt aber zahlreiche Schlagwörter wie beispielsweise Finanzkrise, Waldsterben und Kindesmissbrauch, mit denen dazu aufgefordert wird, sich von den bezeichneten Dingen zu distanzieren oder diese zu bekämpfen und nach Möglichkeit aus der Welt zu schaffen. Schließlich werden viele Schlagwörter je nach politischer Einstellung höchst unterschiedlich bewertet: Für die einen verbindet sich mit Sozialismus eine politische Heimat, in der zumindest annähernde Gerechtigkeit herrscht, für die anderen jedoch ist das Wort nahezu gleichbedeutend mit Unfreiheit und Misswirtschaft. Man unterscheidet deshalb positive Schlagwörter von den Kampf- oder Stigmawörtern. Letztere werden dazu verwendet, die Ideen des politischen Gegners zu diskreditieren. So war es zu Zeiten des Kalten Krieges in der Bundesrepublik Deutschland durchaus üblich, politische Gegner des linken Spektrums als Kommunisten zu diskreditieren und sie und ihre politischen Vorstellungen damit in die Nähe der nicht frei gewählten, autoritär herrschenden DDR-Politiker zu rücken. Andererseits scheuten die so Gescholtenen teilweise nicht davor zurück, ihre politischen Gegner als Faschisten oder Nazis zu bezeichnen. Diese Beispiele zeigen deutlich, dass die Feststellung, das Wort X sei ein Schlagwort, wenig aussagekräftig ist. Um eine annähernde Vorstellung von der strategischen Wirkung dieses Schlagworts zu bekommen, muss man zusätzlich wissen, wer dieses Schlagwort in welcher Weise im öffentlichen Diskurs verwendet hat. Dies gilt insbesondere für Schlagwörter, mit denen auf umstrittene politische Ideen referiert wird.

Schlagwörter – Wörter, die kommen und gehen

Ähnlich wie Modewörter haben auch die meisten Schlagwörter eine bestimmte Zeit, in der sie Hochkonjunktur haben. Danach verlieren viele von ihnen an Brisanz und werden teilweise wieder in den "normalen" Wortschatz integriert, oder aber sie werden allmählich ganz vergessen. So wurde die öffentliche Diskussion der 1960er und 1970er Jahre von Schlagwörtern wie Gastarbeiter, Notstandsgesetze und Sex-Welle dominiert, Wörter, die für die aktuelle öffentliche Diskussion nicht mehr von Bedeutung sind.

Schließlich kennen wir auch das Phänomen, dass eine Forderung bzw. ein Programm unter einem neuen Namen bzw. Schlagwort wieder in die Diskussion gebracht wird. So wurden – ebenfalls in den 1960er Jahren – Probleme im Bildungsbereich mit dem Schlagwort Bildungskatastrophe etikettiert. Mit diesem Schlagwort wurde gleichzeitig dazu aufgerufen, etwas gegen diese Probleme (Mangel an Abiturienten, wachsende Schülerzahlen, Lehrermangel) zu tun. Eine ähnliche Funktion hatte in unserem Jahrzehnt das Schlagwort PISA bzw. PISA-Schock.

In diesem Zusammenhang ist ebenfalls das Phänomen zu erwähnen, dass manche Schlagwörter internationale Bedeutung erlangen und deshalb auch – teilweise zeitversetzt – in verschiedenen Sprachgemeinschaften kursieren: So ist uns auch heute noch – wie bereits oben erwähnt – die Schlagwort-Trias Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit geläufig, eine Übersetzung von liberté – égalité – fraternité. Das in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik diskutierte Schlagwort Lebensqualität ist hingegen eine Übersetzung des amerikanischen Schlagworts quality of life, das in den 1950er und 1960er Jahren in Amerika populär war.

Neben solchen Übersetzungen finden wir auch direkte Übernahmen von Schlagwörtern in andere Sprachen. So wurde etwa in den 1980er Jahren das deutsche Schlagwort Waldsterben zu fanzösisch le Waldsterben und englisch the Waldsterben.

Schlagwörter – Wörter wie Waffen?

Es ist ein verbreitetes Verfahren, sich in der öffentlichen Kommunikation die Wirkung von Schlagwörtern zunutze zu machen. Diese Strategie wird deshalb auch von allen Beteiligten gern und ausgiebig genutzt. Eine weitere Strategie ist es, dem jeweiligen politischen Gegner den Gebrauch von Schlagwörtern vorzuwerfen. Hier wird dann die umgangssprachliche Bedeutung von Schlagwort aktiviert und dem Gegner bescheinigt, lediglich Leerformeln und Worthülsen zu verwenden. Oder aber Schlagwörter werden zu gefährlichen Waffen stilisiert, mit denen man die Massen manipulieren kann. Selbstverständlich werden solche Strategien nur dem jeweiligen politischen Gegner unterstellt. Der eigene Sprachgebrauch dagegen ist demgegenüber wahrhaftig und redlich. Gründliche Schlagwort-Analysen können mit dazu beitragen, solche Selbstinszenierungen offenzulegen.

Detaillierte Informationen und Literaturhinweise zum Thema finden Sie hier:

  • Thomas Niehr (1993): Schlagwörter im politisch-kulturellen Kontext. Zum öffentlichen Diskurs in der BRD von 1966 bis 1974. Wiesbaden.

  • Thomas Niehr (2007): "Schlagwort". In: Ueding, Gert (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 8. Tübingen, Sp. 496-502.

Fussnoten

Thomas Niehr, geboren 1961, ist Professor am Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der RWTH Aachen. Er ist Mitglied der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) und Vorsitzender der Zweigstelle Aachen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Öffentlicher Sprachgebrauch, Argumentationsanalyse und Diskursanalyse. Veröffentlichungen u.a. "Schlagwörter im politisch-kulturellen Kontext. Zum öffentlichen Diskurs in der BRD von 1966 bis 1974", "Sprachkritik. Ansätze und Methoden der kritischen Sprachbetrachtung".