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Träume Editorial Eine Rede und ihre Folgen. 60 Jahre "I Have a Dream" Politik der Träume. Herrschaftseingebungen und Gemeinschaftsvisionen seit der Antike "Ich glaube an einen German Dream der Vielen". Ein Gespräch über "Integration", deutsche Debatten – und deutsche Träume – Interview Schöne neue Arbeitswelt – Essay Vom Ende der Welt. Apokalypse als kulturpolitische Methode Klimaschutz neu geträumt. Was der Staat und der Einzelne tun können, um effizient zu sein - Essay Der Traum von der freien Straße – noch nie so wertvoll wie heute

Politik der Träume Herrschaftseingebungen und Gemeinschaftsvisionen seit der Antike

Eva Marlene Hausteiner

/ 14 Minuten zu lesen

Die politische Ideengeschichte ist auch eine Geschichte wirkmächtiger Traumbeschreibungen. Wann und wozu aber werden Traumnarrative politisch eingesetzt? Der Beitrag untersucht politische Horizonterweiterungen zwischen Traum, Vision und Utopie seit der Antike.

Obwohl Politik vielen in erster Linie als das gilt, "was möglich ist", ist die Geschichte des politischen Denkens zugleich eine Geschichte bedeutungsschwerer Träume, oder vielmehr: der Schilderung solcher Träume. Bereits alttestamentarische Traumbeschreibungen haben eine eminent politische Qualität – so etwa die Fähigkeit Josefs, mysteriöse Träume des ägyptischen Pharaos einer sinnvollen Deutung zuzuführen und damit als "Politikberater" zu fungieren. In der Frühen Neuzeit entfalteten die prophetisch-warnenden Träume der Lucrecia de León gewaltige politische Sprengkraft. Für moderne emanzipatorische Traumrhetorik wiederum ist Martin Luther Kings Rede vom "March on Washington" 1963 emblematisch. Sie konturiert die Vision eines egalitären Zusammenlebens – und bekennt sich zum ambitionierten, wenn nicht utopischen Charakter dieser Vision: Sie ist immerhin fürs Erste nur ein Traum.

Trotz dieses roten Fadens der Traumschilderung, der sich durch die politische Ideengeschichte zieht, sind die Charakteristika und Funktionen dieser Sprech- und Schreibform aber kaum auf einen Nenner zu bringen. Eine universelle, überzeitliche Wirkungsweise des Träumens in der Politik oder gar des Sprechens über Träume im politischen Kontext existiert nicht. Umso aufschlussreicher ist es, zu analysieren, wie das Träumen unter verschiedenen politischen Bedingungen funktioniert – und in welchem Verhältnis es zu anderen Techniken imaginativer Horizonterweiterung im Politischen steht, etwa zu politischen Visionen und Utopien. Weshalb und wem also erzählen politische Akteure von ihren Träumen?

Träume von Herrschern, Träume von Herrschaft

Über einen langen Zeitraum sind politische Träume – zumindest im Kontext der kanonischen Ideengeschichte von biblischer beziehungsweise griechisch-römischer Antike über das Mittelalter bis in die Renaissance – die Traumbeschreibungen mächtiger Individuen. Beim eingangs erwähnten, von Josef gedeuteten Pharaonentraum handelt es sich nur um ein besonders prominentes Beispiel unter vielen. Die Schilderung wichtiger handlungsleitender Träume gerade von Führungspersonen lässt sich darauf zurückführen, dass "ihre Träume als besonders authentisch angesehen wurden. Ihre Träume waren also von Interesse, weil ihre Chancen größer waren, entsprechender Träume teilhaftig zu werden."

Der prophetisch-aktivierende Charakter politisch relevanter nächtlicher Eingebungen zieht sich als roter Faden bereits durch antike Traumschilderungen. Im 2. Gesang der Homerischen "Ilias" schickt Zeus dem König Agamemnon einen trügerischen Traum, der ihm einen schnellen und sicheren Sieg über Troja verheißt und ihn so zum Angriff motiviert. Im alttestamentarischen Buch des Propheten Daniel deutet der exilierte Seher einen allegorischen Traum des babylonischen Königs Nebukadnezar II. als Prophetie der Dynastien und Weltreiche – eine Grundlage für bis heute anhaltende Ideen der translatio imperii, also einer prädestinierten Abfolge von Weltreichen. Nicht minder folgenschwer ist die Schilderung eines Traumes des römischen Kaisers Konstantin aus dem Jahr 312 n. Chr., überliefert von dem frühchristlichen Autor und kaiserlichen Berater Laktanz; der Traum habe Konstantin motiviert, unter dem Zeichen Gottes in die Schlacht an der Milvischen Brücke zu ziehen und so nicht nur siegreich aus ihr hervorzugehen, sondern die Einführung des Christentums als römische Staatsreligion einzuläuten.

Diese besonders kanonischen, aus heterogenen Kontexten stammenden Beispiele verdeutlichen bereits drei Merkmale des politischen Traumes in der Antike:

  1. Träume sind häufig als göttliche Kommunikation an Sterbliche konzipiert.

  2. Berichtet werden in erster Linie Träume politischer Führungspersonen, also von Monarchen oder Feldherren.

  3. Diese Herrscherträume drücken nicht etwa die Pläne oder Wünsche der träumenden Person aus, sondern stellen eine anleitende "Eingebung" dar. Sie haben somit prognostischen, prophetischen und daran orientierten handlungsanleitenden Charakter.

Besonders aufschlussreich sind die in einem engeren Sinne politischen Schriften der römischen Antike. Immer wieder nutzen Autoren politischer Schriften das Erzählvehikel des Traumes: Innerhalb der rahmenden Handlung eröffnet die Traumschilderung eine weitere narrative Dimension. Sie greift weit in die Zukunft vor oder in ein imaginiertes Jenseits und sprengt damit den Horizont des Erwartbaren und Möglichen in räumlicher wie zeitlicher Hinsicht. In der "Aeneis" des Vergil spielen Träume eine zentrale Rolle – so zum Beispiel die Traumerscheinung Kassandras im 5. Gesang, die den Untergang Trojas prophezeit und die Verbrennung der griechischen Flotte fordert, aber insbesondere auch der Traum von Aeneas selbst im zweiten Buch. Am Vorabend der Zerstörung Trojas erscheint der getötete Hektor dem Protagonisten und rät ihm, die Hausgötter aus der alten Stadt fortzuschaffen – in eine neue, von ihm zu errichtende. Die Gründung Roms, über das Vergil in dessen augusteisch-imperialer Blütezeit schreibt, ist also direkt auf die handlungsanweisende Weissagung aus dem Jenseits an einen künftigen Herrscher zurückzuführen. Nicht aus imperial-kaiserzeitlicher, sondern aus republikanischer Perspektive spricht Cicero in seinem Hauptwerk "De re publica" (54–51 v. Chr.) – und lässt die Abhandlung in einem Traumbericht gipfeln. Im einzig erhaltenen Teil des sechsten Buches schildert der Feldherr Scipio Aemilianus während des Dritten Punischen Krieges, ihm sei im Traum sein toter Großvater Scipio Africanus erschienen. Dieser habe ihm geweissagt, nur Männer, die staatspolitische Verantwortung übernähmen, würden einer kosmischen Vision der Himmelssphären teilhaftig. Irdischer Ruhm sei begrenzt, ein tugendhaftes Leben in republikanischer Pflicht aber werde mit Seligkeit belohnt.

Auffällig ist, dass in der Rezeption sowohl epischer Texte als auch politischer Abhandlungen gerade der römischen Antike den in epische Großnarrative eingepflegten Binnenträumen besondere Aufmerksamkeit zuteil wird; Traumszenen gelten mit großer Regelmäßigkeit als Schlüsselszenen. Der somnium scipionis wurde in seinen staatstheoretischen, narratologischen wie kosmologischen Implikationen von Petrarca über Johannes Kepler bis zu neueren Debatten um die Entstehung von Science Fiction in der Antike diskutiert, und beim von Vergil geschilderten Traum des Aeneas handelt es sich um nichts weniger als eine der zentralen Quellen römisch-imperialer Herrschaftslegitimation. Wie der Althistoriker Gregor Weber gezeigt hat, ist die Rolle politischer Träume in der Antike damit eine fundamental andere als in der Moderne: Sie sind kein Ausdruck des individuellen Inneren oder gar, wie die psychoanalytische Traumdeutung nahelegt, des Unterbewussten, sondern sie enthalten Voraussagen und kluge Ratschläge, die den Träumenden durch den Traum zugänglich werden. Anders als in modernen Traumdeutungen, die nicht zuletzt dank ihrer psychoanalytischen Prägung Träume meist als Ausdruck individuell-innerer, unterbewusster Vorgänge verstehen, beanspruchen die berühmten Elitenträume der Antike Faktualität: Sie werden geschildert als tatsächliche Traumerfahrungen mächtiger Personen, die überdies den epistemischen Status von solidem Wissen über Zukünftiges einnehmen – auch wenn dieses Wissen, wie im Fall des alttestamentarischen Pharaos und der Traumdeutung durch Josef, noch entschlüsselt werden muss.

Königliche Träume von großer politischer Relevanz durchziehen auch die mittelalterliche europäische Literatur – vom Rolandslied, das vier Träume Karls des Großen rekapituliert, bis zum Nibelungenlied, in dem Krimhilds Traum von Siegfrieds Tod eine zentrale Stellung einnimmt. Sukzessive aber werden auch "Normalsterbliche" zu Vehikeln der Traumeingebung – so etwa Lucrecia de León, die im Spanien des 16. Jahrhunderts auf Grundlage nächtlicher Träume Invasionen und den Niedergang des Hauses Habsburg vorhersagte. Auch hier ist der Traum keineswegs Ausdruck individueller Psychologie, sondern die Träumenden sind Medien höherer Mächte – typischerweise göttlicher Entitäten, die auf die diesseitigen politischen Ereignisse einzuwirken versuchen. Kennzeichnend für vormoderne politische Träume scheint also gerade die Relativierung des Politischen zu sein: Es ist zentral genug, damit sich göttliche Mächte einmischen, steht aber gleichzeitig unter dem Vorbehalt ebendieser Einmischung. Heroen, Könige und Gründer sind keine innerweltlich frei entscheidenden und abwägenden Akteure, sondern sie sind teilweise durch Dritte zur Handlung ge- und verleitet. Dies jedenfalls ist die Botschaft der Traumüberlieferung in der – im weiteren Sinne – politischen Ideengeschichte von der Ilias bis zum Nibelungenlied.

Visionen als Träume in der modernen Politik

Auch wenn eine holzschnittartige Epochentrennung häufig in die Irre führt: Im politischen Denken der Moderne spielen Träume, insbesondere im Vergleich zur Vormoderne, eine stark gewandelte Rolle. Zurückzuführen ist das nicht nur auf die Entwicklung der säkularen, am Individuum orientierten psychologischen Wissenschaft, sondern auch auf die Transformation von Politik: In der Moderne bildet sich zunehmend ein Politikbegriff heraus, der auf menschliche Gestaltbarkeit ebenso abhebt wie auf die Bedeutung langfristiger politischer Planung. Dieser gewandelte, kollektive Handlungsmöglichkeiten in den Vordergrund stellende Politikbegriff hat zur Folge, dass die Schilderung nächtlicher Traumeingebungen an Bedeutung verliert – nicht aber die Rede vom Träumen: Martin Luther Kings "I Have a Dream"-Rede kann als stellvertretend für eine Tendenz zur Traumerkundung gelten, hinter der kein nächtlicher Traum steht, sondern eine politische Zukunftsvorstellung, also: eine politische Vision.

Die politische Moderne ist durchzogen von Visionen gesellschaftlicher Verbesserung und Fortschritt, die zu Mobilisierungszwecken gegenüber einem größeren Adressatenkreis kommuniziert werden. Sie produzieren "ein alternatives, potenziell hegemonial wirksames Gesellschaftsbild – eine Vorstellung von einem normativ wünschenswerten und technisch-organisatorisch funktionalen gesellschaftlichen Zusammenwirken der Individuen". Im Falle Martin Luther Kings ist dies der Vorschlag einer von Gleichheit und Gerechtigkeit geprägten US-amerikanischen Gesellschaft, die den auch seit dem Ende der Sklaverei unüberwindbar scheinenden Rassismus sogar in Bundesstaaten wie Mississippi und Alabama ganz hinter sich lässt und damit die Versprechen von Vordenkern wie Abraham Lincoln einlöst; ganze acht Mal wiederholt King in seiner kurzen Rede die Formel "I have a dream", und eingeleitet wird seine Rede vom Zuruf der Mitdemonstrantin und Gospelsängerin Mahalia Jackson: "Tell them about the dream, Martin!"

Völlig andere politische Visionen wurden und werden ebenfalls emphatisch als "Träume" kommuniziert: Wladimir Iljitsch Lenin, charismatischer Orator und Agitator, berichtet in seiner zentralen Frühschrift "Čto delat’?" ("Was tun?") aus dem Jahr 1902 – also lange vor den sozialistischen Revolutionen und der Gründung der ersten Staatsduma 1905 – von seinem Traum (mečta) einer politischen Bewegung, die sich über ganz Russland erstrecke und damit endlich wie ein "gewaltiger Blasebalg" revolutionäre Kraft entfachen könne. Den nihilistischen Philosophen Dmitri Iwanowitsch Pissarew zitierend, lobt Lenin die Rolle mutiger Visionen in der Politik: "Wäre der Mensch aller Fähigkeit bar, in dieser Weise zu träumen, könnte er nicht dann und wann vorauseilen, um in seiner Phantasie als einheitliches und vollendetes Bild das Werk zu erblicken, das eben erst unter seinen Händen zu entstehen beginnt, dann kann ich mir absolut nicht vorstellen, welcher Beweggrund den Menschen zwingen würde, große und anstrengende Arbeiten auf dem Gebiet der Kunst, der Wissenschaft und des praktischen Lebens in Angriff zu nehmen und zu Ende zu führen. (…) Der Zwiespalt zwischen Traum und Wirklichkeit ist nicht schädlich, wenn nur der Träumende ernstlich an seinen Traum glaubt", so Pissarew in "Fehlgriffe eines unausgereiften Denkens"."Träume solcher Art", fährt Lenin fort, "gibt es leider in unserer Bewegung allzuwenig. Und schuld daran sind hauptsächlich diejenigen, die sich damit brüsten, wie nüchtern sie seien und wie ‚nahe‘ sie dem ‚Konkreten‘ stünden (…)." Lenin kontrastiert also explizit einen falsch verstandenen politischen Realismus, der sich auf das vermeintlich Mögliche beschränkt und damit unkreativ wird, mit einer von mutigen Träumereien geleiteten und erst dadurch zur Revolution fähigen politischen Avantgarde.

Mit der Rahmung der eigenen Zukunftsvorstellung als Traum – also genau genommen: mit der Metaphorik des Träumens – bekennen sich politische Redner*innen einerseits zu der ambitionierten, unrealistischen, geradezu phantastischen Qualität ihrer Vision. Andererseits reaktivieren sie aber auch die Semantik der höheren Botschaft: Ihre "Träume" sind gerade nicht nächtliche Verarbeitungen individueller unterbewusster Wünsche und Ängste; vielmehr rufen sie die oben erläuterte vormoderne Semantik des Traums als prophetische Wissenseingebung ab, auch wenn diese eigentlich als psychologisch überholt gilt.

Darauf weist etwa auch die nicht allein spirituelle, sondern ganz konkret christliche Aufladung von Kings Rede hin. Der Baptistenpastor entwirft seine Rede im Stil einer Predigt und durchwebt sie mit Bibelzitaten und -anspielungen – so etwa in der Schlusspassage ("all of God’s children, Black men and white men, Jews and Gentiles, Protestants and Catholics"), die direkt an den Brief des Paulus an die Galater angelehnt ist ("Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu."). Es ist eine politische Vision im Gewand der Prophezeiung, die King offeriert.

Wenn das Traum-hafte in der modernen Politik also vor allem zum rhetorischen Überzeugungs- und Überhöhungsvehikel wird, so bleibt die Frage nach der inhaltlichen Substanz der vermittelten Visionen offen: Was genau wird von modernen Rhetoriker*innen als Trauminhalt transportiert? Bei den politischen Visionen der Moderne handelt es sich um ambitionierte, fortschrittsorientierte Zukunftspläne, die bewusst über das direkt Machbare und Mögliche hinausgehen. Sie sind aufs Engste verwandt mit einem dritten Typus politischer Imagination: der Utopie. Utopien sind politische und gesellschaftliche "Phantasiebilder", die die eigene Gegenwart mittels einer positiven Kontrastfolie kritisieren und Lösungsvorschläge anbieten. Klassischerweise handelt es sich bei dem resultierenden utopischen Entwurf um einen konsistenten Gesamtplan, der sowohl politisch-institutionelle als auch soziale und ökonomische Aspekte berücksichtigt. Weniger im Vordergrund steht dagegen der Weg hin zur Utopie: Denkbarkeit und Machbarkeit haben Priorität, nicht aber die direkte Umsetzbarkeit. Ideengeschichtlich finden sich politische Utopien lange in sogenannten "utopischen Staatsromanen", deren erstes wichtiges Beispiel, Thomas Morus’ "Utopia", 1516 veröffentlicht wurde – in Romanen also, in denen ein Protagonist das ideale Staatsgebilde in all seinen Facetten erkundet und der Leser*innenschaft vorstellt. Utopien sind also politische Visionen besonders konsequenter Art: Von einer festen normativen oder ideologischen Perspektive aus skizzieren sie eine bessere politische, gesellschaftliche und ökonomische Ordnung – und erzählen von ihr als zeitlich oder räumlich entrückt, aber nicht als unerreichbar. Utopien erscheinen nicht einzelnen Individuen im Traum, sondern sind intersubjektiv nachvollziehbar, rational und planvoll.

Traum, Vision und Utopie

Wie eng Traum, Vision und Utopie miteinander verwoben sind, illustriert ein gut 130 Jahre alter US-amerikanischer Text. Edward Bellamys Roman "Looking Backward: 2000–1887" erzählt die Geschichte des Bostoners Julian West, der versehentlich aus dem Jahr 1887 in die Zukunft reist und sich dort mit einer sozialistischen Utopie vertraut macht. Im Boston des Jahres 2000 herrscht gesellschaftliche Gleichheit innerhalb einer globalen Föderation; die Menschheit hat eine Industriegesellschaft ohne Armut hervorgebracht, die effizient, aber ohne Ausbeutung von Mensch oder Umwelt funktioniert. Das zentrale Motiv des Romans ist jenes des Traumes: Der Protagonist "verschläft" 113 Jahre unter Hypnose und wähnt sich nach seinem Erwachen im neuen Boston erst in einem Traum; in der neuen Realität glücklich eingewöhnt, befürchtet er, aus dieser wiederum zu erwachen und sich ins Jahr 1887 zurückgeworfen zu finden: "I had but dreamed of that enlightened and care-free race of men and their ingeniously simple institutions, of the glorious new Boston with its domes and pinnacles, its gardens and fountains, and its universal reign of comfort." Dies aber stellt sich wiederum als Traum heraus; am Ende bleibt die Bostoner Sozialutopie durchaus erreichbare Wirklichkeit, auch wenn sie aus jeder vernünftigen Perspektive als zu schön, um wahr zu sein, erscheint. Mit dieser als Traum missverstehbaren utopischen Vision erreichte Bellamy in Folge der Veröffentlichung des Romans eine atemberaubende politische Wirkmächtigkeit. Neben einer Flut an Repliken, Parodien und Bekräftigungen des vorgeschlagenen Gesellschaftsmodells gründeten sich mindestens 165 "Nationalist Clubs" (auch "Bellamy Clubs" genannt), die es sich zum Ziel setzten, den Romaninhalt in gelebte Wirklichkeit zu überführen; Bellamy selbst wurde zur Führungsfigur des "Nationalist Movement", das sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts allerdings langsam und auch in Konkurrenz zur "Populist Party" auflöste.

Bellamys Roman wird häufig als frühes Beispiel des Genres Science Fiction bezeichnet, aber auch als Exempel einer politischen Utopie: Er liefert eine dichte und stimmige Beschreibung eines (in diesem Fall: zeitlich) weit entfernten gesamtgesellschaftlichen, politischen wie ökonomischen Idealzustandes – in Form einer persönlichen "Begehung" nach dem Vorbild Morus‘. Bezeichnend ist die kunstvolle Verwobenheit von Traum, Vision und Utopie in Bellamys Text: Die an sich große argumentative Stringenz des utopischen Plans wird traumartig eingefasst, wodurch die normative Botschaft weniger streng und imperativ wirkt.

Die Rahmenhandlung einer höchst unwahrscheinlichen Zeitreise führt den Erzähler zur Entdeckung, Annahme und schließlich zur emphatischen Bekräftigung einer politischen Vision, die aus Sicht der 1880er Jahre gleichzeitig in weiter Ferne, anderseits aber auch in vorstellbarer zeitlicher Nähe erscheint.

"Looking Backward" verkörpert so die klassisch moderne Gemengelage aus Traum, Vision und Utopie: Im Vordergrund steht das politische Leitbild, das normativ beziehungsweise ideologisch fundiert ist – im Falle Bellamys also ein stimmiges sozialistisches Gesellschaftskonzept; es dominiert die Sicht auf Politik als Raum aktiver und planvoller politischer Gestaltung. Gleichzeitig ist die Zeitreise- beziehungsweise Traumrahmung ein narratives Vehikel, um den auf den ersten Blick illusorischen Charakter der Utopie einzuräumen und die schwierige Frage nach dem Weg zur Realisierung zu suspendieren.

Träume und Traumschilderungen sind in der modernen Politik also durchaus weiterhin präsent und wirkmächtig. Sie sind aber nicht mehr von einem transzendenten oder prophetischen Anspruch begleitet; moderne politische Träume sind keine Eingebungen. Vielmehr schildern politische Akteure ambitionierte politische Visionen utopischer Reichweite – und "verpacken" diese Schilderungen als Träume, um ihre Phantastik und scheinbare Unmöglichkeit anzuerkennen und sie sogleich zu transgredieren: Gute Politik, so die Botschaft bekennender Träumer*innen von Bellamy über Martin Luther King bis hin zu Jeremy Rifkin, bedarf horizontsprengender, ambitionierter Pläne.

Helmut Schmidts Bonmot aus den 1980er Jahren, wonach Visionen ärztlicher Behandlung bedürfen, ist damit in der politischen Gegenwart keineswegs unangefochten. Diese Vorsicht gegenüber überambitionierten Veränderungen der politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Realität speist sich aus dem Erfahrungshintergrund der ideologischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die von vielen Beobachter*innen mit dem Utopiegehalt der Totalitarismen in Verbindung gebracht wurden. Doch die Evokation des politischen Traumes – gerade, wenn kollektive Visionen für eine bessere, gemeinschaftlichere Zukunft gemeint sind – beharrt dagegen auf der Möglichkeit und dem kritischen Wert des Phantastischen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. So zum Beispiel Angela Merkel 2019 zur begrenzten Reichweite eines geplanten "Klimapaketes"; siehe auch die häufig Otto von Bismarck zugeschriebene Definition von Politik als "Kunst des Möglichen".

  2. Gregor Weber, Träume und ihre Deutung. Kontinuitäten und Rezeptionen von der Antike zur Renaissance, in: Peer Schmidt/ders. (Hrsg.), Traum und res publica. Traumkulturen und Deutungen sozialer Wirklichkeiten im Europa von Renaissance und Barock, Berlin 2008, S. 27–56, hier S. 45f.

  3. Vgl. Homer, Ilias, 2. Gesang, Vers 6ff. (Übersetzung nach Johann Heinrich Voß, bearbeitet von Egon Gottwein).

  4. Vgl. Heinz Thomas, Translatio Imperii, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 8., München 1997, S. 944ff.; Eva Marlene Hausteiner, Selbstvergleich und Selbstbehauptung: Die historische Imagination imperialer Eliten, in: Herfried Münkler/Eva Marlene Hausteiner (Hrsg.), Die Legitimation von Imperien. Motive und Argumente im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2012, S. 15–33.

  5. Konstantin besiegte dort seinen Rivalen Maxentius und wurde zum alleinigen Herrscher des römischen Westreichs.

  6. Vgl. Nikolaus Staubach, In hoc signo vinces, in: Frühmittelalterliche Studien 1/2009, S. 1–52.

  7. Vgl. Poulheria Kyriakou, Aeneas’ Dream of Hector, in: Hermes 3/1999, S. 317–327.

  8. Vgl. Karl Büchner, Somnium Scipionis. Quelle – Gestalt – Sinn, Wiesbaden 1976.

  9. Vgl. Gregor Weber, Politische Träume in der römischen Kaiserzeit. Deuter, Deutung und Verbreitung, in: Saeculum 62/2012, S. 229–246.

  10. Vgl. ebd., S. 231f.

  11. Vgl. Paul Edward Dutton, The Politics of Dreaming in the Carolingian Empire, Lincoln–London 1994.

  12. Jerold C. Frakes, Kriemhild’s Three Dreams. A Structural Interpretation, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 113/1984, S. 173–187.

  13. Vgl. Richard L. Kagan, Lucrecia’s Dreams. Politics and Prophecy in Sixteenth-Century Spain, Oakland 1995.

  14. Diese Aussage ist stark vereinfachend; aber trotz politischer Vorstellungen von Determinismus oder Kontingenz ist es in erster Linie die säkulare Abkehr von Vorstellungen göttlicher Prädestination und Bestimmung zugunsten eines politischen Handlungskonzeptes, das für die Politik der Moderne prägend ist.

  15. Traditionell wird unterschieden zwischen nächtlichen Träumen und im Wachzustand auftretenden, oft spirituellen Visionen. Im Folgenden verwende ich den Begriff der "Vision" abseits seiner religiösen Konnotation. Vgl. hierzu Karl Rahner, Visionen und Prophezeiungen. Zur Mystik und Transzendenzerfahrung, Freiburg 1989.

  16. Georg Hubmann/Jakob Kappeler, Fortschrittsidee und Politische Vision, in: Momentum Quarterly 4/2014, S. 188–280, hier S. 238.

  17. Zit. nach Stevie Chick, "She Told Martin Luther King: Tell ’em About the Dream!" The Eternal Life of Gospel Singer Mahalia Jackson, 19.5.2022, Externer Link: http://www.theguardian.com/music/2022/may/19/mahalia-jackson-martin-luther-king-al-sharpton.

  18. Wladimir I. Lenin, Was tun?, in: ders., Werke, Bd. 5, Berlin 1955, S. 528.

  19. Zit. nach ebd., S. 529.

  20. Ebd.

  21. Behauptet wird nämlich nicht eine tatsächliche nächtliche Eingebung, sondern eine Vision, die vergleichbare traumartige Qualitäten hat.

  22. Martin Luther King, "I Have a Dream", Volltext z.B. hier: Externer Link: http://www.npr.org/2010/01/18/122701268/i-have-a-dream-speech-in-its-entirety.

  23. Galater 3:28, Textbibel des Alten und Neuen Testaments, hrsg. von Emil Kautzsch/Carl Heinrich Weizsäcker, Tübingen 1899.

  24. Vgl. Hubmann/Kappeler (Anm. 16).

  25. So Richard Saage in Anlehnung an Norbert Elias. Richard Saage, Plädoyer für den klassischen Utopiebegriff, in: Erwägen, Wissen, Ethik 3/2005, S. 291–298, hier S. 291.

  26. Vgl. den Entwurf der drei Kriterien "desirability", "viability" und "achievability" des Philosophen Erik Olin Wright, die dieser zur Analyse von Utopien und sogenannten "Realutopien" in Stellung bringt. Erik Olin Wright, Envisioning Real Utopias, London–New York 2010, S. 20ff.

  27. Neben den zahlreichen sozialistischen Utopien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gibt es z.B. durchaus auch libertäre Utopien, wie sie die russisch-US-amerikanische Autorin Ayn Rand entworfen hat.

  28. Nützlich ist die Unterscheidung zwischen Raum- und Zeitutopien – also zwischen Utopien, die an einem weit entfernten oder unbekannten Ort lokalisiert sind, und solchen, die in einer mehr oder weniger weit entfernten Zukunft angesiedelt sind.

  29. Edward Bellamy, Looking Backward: 2000–1887, hrsg. von Matthew Beaumont, Oxford 2007, S. 180.

  30. Vgl. Jeremy Rifkin, The European Dream. How Europe’s Vision of the Future Is Quietly Eclipsing the American Dream, New York 2004.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Eva Marlene Hausteiner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
E-Mail Link: eva.hausteiner@fau.de