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Wie akut ist der Mangel an Arbeitskräften auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

Wie akut ist der Mangel an Arbeitskräften auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

Dr. Christina Boswell Prof. Dr. Thomas Straubhaar

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In Deutschland sowie in vielen anderen OECD-Ländern findet ein beträchtlicher Wandel in Bezug auf die Nachfrage und das Angebot auf dem Arbeitsmarkt statt. Soweit es die Nachfrage-Seite betrifft, sind hier zwei Tendenzen von besonderer Bedeutung:

Wandel zur Wissensgesellschaft


Es wird weiterhin Beschäftigungseinbußen in Deutschland im verarbeitenden Gewerbe und in der Landwirtschaft geben, hingegen Beschäftigungsgewinne im Dienstleistungssektor. Begründet liegt dies in der Verlagerung von arbeitsintensiven Produktionen in Regionen mit niedrigeren Lohnkosten, insbesondere nach Asien. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch groß, dass Tätigkeiten mit hoher Qualifikation bzw. besonderer Fachkompetenz weiterhin in den OECD-Ländern ausgeführt werden, da hier entsprechende Fachkräfte mit den erforderlichen Fremdsprachenkenntnissen und spezifischen Kenntnissen über Rahmenbedingungen vorhanden sind. Im Ergebnis wird es daher eine Nachfragesteigerung nach qualifizierten und hoch-qualifizierten Arbeitskräften in Sektoren wie den Informationstechnologien (IT), dem Ingenieurwesen, der Unternehmensberatung und den Finanzdienstleistungen geben.

Technologische Entwicklung und Innovation

In einer wissensbasierten Wirtschaft ist die Qualifikation entscheidend. Schätzungen gehen davon aus, dass über die Hälfte des BIP in OECD-Ländern auf Humankapital, d.h. auf den Kompetenzen von Arbeitskräften und weniger auf dem materiellen Wert der Ware basiert. Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit hängen mehr denn je von dem richtigen Wissen und den richtigen Fähigkeiten ab. Die Bedeutung von Technologie lässt sich am besten am florierenden IT - Sektor erkennen. Im weiteren Sinne ist Innovation die treibende Kraft für Produktivität und Wachstum im internationalen Wettbewerb, welcher sich insbesondere durch kurze Produktzyklen auszeichnet. Technologie und Innovation erfordern daher nicht nur Arbeitskräfte mit den passenden Qualifikationen. Die Arbeitskräfte müssen vor allem auch fähig sein, sich flexibel an den raschen technologischen Wandel anzupassen. Die Tendenz zu einer gesteigerten Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften ist bereits klar erkennbar: zwischen 1975 und 2000 ist die Beschäftigung von Hochqualifizierten um 180% gestiegen. Der Bedarf wird in den kommenden Jahren weiter steigen, selbst in wirtschaftlich schwächeren Phasen.

Anteile der Sektoren an den Erwerbstätigen 1991 - 2015 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieser Wandel vor allem eine erhöhte Nachfrage nach hochqualifizierten und qualifizierten Arbeitskräften im Dienstleistungssektor mit sich bringen wird. Die Nachfrage nach gering qualifizierten und ungelernten Arbeitskräften wird hingegen abnehmen, was schätzungsweise 2,2 Mio. weniger Arbeitsstellen zwischen 1996 und 2015 bedeutet . Des Weiteren wird sich voraussichtlich die Form der gering qualifizierten Arbeit ändern. Manuell ausgeführte Tätigkeiten in der Industrie und in der Landwirtschaft nehmen ab, jedoch wird es aufgrund der alternden Bevölkerung und der wachsenden Bedeutung des Dienstleistungssektors eine steigende Nachfrage nach unterschiedlichen Dienstleistungen geben, welche auch gering qualifizierte Tätigkeiten mit einbeziehen.

Dieser kurze Überblick über den Bedarf an Arbeitskräften ist jedoch für die Einschätzung von Engpässen allein nicht aussagekräftig. Vielmehr muss nun überprüft werden, inwieweit dieser Bedarf durch inländische Arbeitskräfte gedeckt werden kann. Für diese Fragen sind drei Bereiche von besonderer Bedeutung: die demographische Entwicklung, Bildung und Ausbildung sowie regionale und berufsfachliche Mobilität.

Demographische Entwicklung

Bevölkerung im Ruhestand (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de

In Deutschland zeichnet sich ein starker Anstieg des Altersquotienten ab. Der Altersquotient beschreibt die Zahl von Menschen, die aus Altersgründen aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind im Verhältnis zur Zahl der Erwerbstätigen in der Bevölkerung. Gründe dafür sind einerseits die niedrigen Geburtenraten und andererseits eine allgemein gestiegene Lebenserwartung. Im Jahr 2030 wird der Anteil an Rentnern in der Bevölkerung etwa 35,8% betragen. Im Vergleich dazu waren es 23,5% im Jahr 2000. Hingegen wird der Anteil an Erwerbstätigen zwischen 2010 und 2040 um durchschnittlich 0,7% pro Jahr sinken und als Folge zu einer Beeinträchtigung des Wirtschaftswachstums führen. Darüber hinaus wird es nahezu unmöglich sein, das jetzige Niveau des Wohlfahrts- und Sozialsystems zu halten. Der zunehmende Anteil an älteren Menschen bedeutet jedoch eine größere Abhängigkeit vom Sozial- und Gesundheitssystem bzw. von entsprechenden Leistungen und wird daher zu einer erhöhten Nachfrage nach Tätigkeiten im Gesundheitssektor führen. Diesen Tendenzen kann mit größerer Erwerbsbeteiligung entgegengewirkt werden, d.h. mit Arbeitskräften im erwerbsfähigen Alter, die einer entsprechenden Tätigkeit nachgehen oder nach einer solchen Tätigkeit suchen. Die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen in den letzten 15 Jahren hat bereits dazu beigetragen, die negativen Folgen des demographischen Wandels abzuschwächen (wobei hier anzumerken sei, dass die regionale Erwerbsbeteiligung von Frauen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR seit Anfang der 1990er Jahre kontinuierlich abnimmt). Die allgemein steigende Erwerbsbeteilung von Frauen ist von großem Vorteil, dennoch wird sie nicht ausreichen, um für die demographische Entwicklung in den nächsten 40 Jahren zu kompensieren.

Bildung und Ausbildung


Bis zum Anfang der 1990er Jahre war eine klare Tendenz von Berufsabschlüssen in Richtung einer besseren Qualifikation zu erkennen. Der Anteil ungelernter Arbeitskräfte nahm maßgeblich ab, der Anteil mit abgeschlossener Berufsausbildung zu. Seitdem hat zwar die Zahl der Hochschulabgänger zugenommen, jedoch stagniert die Gesamtzahl an Abschlüssen in den Bereichen Lehre und Fachhochschule . Vor dem Hintergrund einer grundsätzlich sinkenden Anzahl an Arbeitskräften, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, ist zwischen 1998 und 2015 mit einem Rückgang von bis zu zwei Mio. Arbeitskräften mit Berufsabschluss zu rechnen .

Berufsfachliche und regionale Mobilität


Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern lässt sich feststellen, dass die berufsfachliche und regionale Mobilität bei deutschen Arbeitskräften geringer ist . Gründe für den Mangel an berufsfachlicher Mobilität von Erwerbslosen liegen meist darin, dass der Lohn bzw. das Gehalt nicht akzeptabel oder die Arbeitsbedingungen unangemessen sind. Ein Mangel an berufsfachlicher Mobilität kann ebenfalls der verhältnismäßig "starren" Ausbildungsstruktur in Deutschland zugeschrieben werden. Dies macht es für Arbeitskräfte mit einem bestimmten Berufsabschluss oder Arbeitserfahrung in einer spezifischen Berufsgruppe besonders schwer, eine freie Stelle innerhalb einer anderen Berufsgruppe anzunehmen. Hinzu kommt, dass bei deutschen Arbeitskräften die geographische/ regionale Mobilität - d.h. die Bereitschaft, in einer anderen Region Deutschlands zu arbeiten - im EU-Vergleich geringer ist. Lediglich 1,1% der erwerbstätigen Bevölkerung zog 1999 in eine andere Region, im Vergleich dazu liegt der EU-Durchschnitt bei 1,4% . Die mangelnde berufsfachliche und regionale Mobilität erklärt teilweise die Tatsache, dass es nicht genügend Arbeitskräfte für Stellen gibt, bei denen ungelernte und gering ausgebildete Kräfte gebraucht werden. Dies bezieht sich zum Beispiel auf die Landwirtschaft, die Gastronomie und auf hauswirtschaftliche Tätigkeiten.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Munz, S., and Ochel, W. (2001): Fachkräftebedarf bei hoher Arbeitslosigkeit, Institut für Wirtschaftsforschung.

  2. Reinberg, A., Hummel, M. (2004): Fachkräftemangel bedroht Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, Aus Politik und Zeitgeschichte, H. B 28. S.3-10.

  3. BLK-Angebotsprojektion (2001): Bericht der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) an die Regierungschefs von Bund und Ländern, "Zukunft von Bildung und Arbeit, Perspektiven von Arbeitskräftebedarf und –angebot bis 2015", Heft 104.

  4. Klös, H.-P.; Schafer, H. (2002): Kombilöhne in Deutschland – Grundsatzreformen statt Mainzer Modell: Kann die Einführung des Kombilohns die Lage am Arbeitsmarkt nachhaltig verbessern?; in: ifo Schnelldienst 4, S. 8-11.

  5. Europäische Kommission (2002): Aktionsplan der Kommission für Qualifikation und Mobilität; KOM (2002) 72 Final.

Dr. Christina Boswell ist Leiterin der Migration Research Group. Die Migration Research Group ist am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) angesiedelt.

Prof. Dr. Thomas Straubhaar ist Präsident des HWWA und des HWWI sowie Professor für Volkswirtschaft an der Universität Hamburg.