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Friedenflechten. 30 Jahre Erfahrungen aus Südosteuropa | bpb.de

Friedenflechten. 30 Jahre Erfahrungen aus Südosteuropa Kulturelle und gesellschaftliche Wegweiser zum nachhaltigen Frieden – Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Katarina Berg Dr. Alida Bremer

/ 6 Minuten zu lesen

Die Veranstaltungsreihe der Bundeszentrale für politische Bildung setzte sich mit den Folgen der Kriege im ehemaligen Jugoslawien auseinander, insbesondere mit dem Krieg in Bosnien und Herzegowina sowie mit den regionalen Auswirkungen des Dayton-Abkommens, mit dem dieser Krieg 1995 beendet wurde.

(© Irma Markulin / bpb)

Diese Kriege haben tiefe gesellschaftliche Wunden hinterlassen, die bis heute das Leben in Südosteuropa prägen. Deshalb wollten wir nach Orten der Versöhnung und des Friedens suchen, nach Dynamiken, die Hoffnung geben, und nach Kooperationen, die in dieser Region immer schon existierten, allen Konflikten und Missverständnissen zum Trotz. Unser Projekt zeigte, dass Friedensmotive in Musik, Literatur, Theater und Film nach wie vor präsent sind und dass Medien mit aufklärerischem Anspruch sowie verschiedene Akteurinnen und Akteure in der Gesellschaft Räume für Erinnerungen, Dialog und Versöhnung schaffen können.

Wir folgten unserer Überzeugung, dass Frieden möglich ist und dass andere Europäerinnen und Europäer durch Austausch und Gespräche von den südosteuropäischen Erfahrungen profitieren können. Der Titel Friedenflechten ist symbolisch gemeint, genauso wie das visuelle Erscheinungsbild des Projekts. Dafür hat die Künstlerin Irma Markulin die Silhouetten berühmter und im Krieg zerstörter Brücken aus Kroatien, Bosnien und Herzegowina und Serbien als Linolschnitte abgebildet. Die Brücken als Motiv verwendete auch der Schriftsteller und Videokünstler Edi Matić, der für das Projekt persönliche Gespräche mit Zeitzeugen und Akteuren der Medienszene aus den Neunzigerjahren in kurzen Videobeiträgen dokumentierte.

Der Frieden – so zeigte sich immer wieder im Verlauf des Projekts – ist kein Zustand, der einmal erreicht wird und dann bleibt – er muss immer wieder neu „geflochten“, neu verhandelt, noch überbrückt und geknüpft werden, indem Menschen miteinander sprechen, sich zuhören und unterschiedliche Perspektiven kennenlernen. In einer Zeit, in der Konflikte weltweit wieder zunehmen, ist es wichtig, sich mit den Mechanismen von Gewalt, Ausgrenzung und Versöhnung auseinanderzusetzen. So stellte das Projekt folgende Fragen: Wie gehen wir mit traumatischen Erlebnissen um? Wie pflegen wir Gemeinsamkeiten? Und wie kann nachhaltiger Frieden entstehen?

Einer der zentralen Programmpunkte von Friedenflechten war die Auseinandersetzung mit Musik als Mittel des kulturellen Austauschs. Bei dem Festival in Rudolstadt zeigte sich, wie Musik als Ausdruck von Widerstand, Erinnerung und Lebensfreude funktionieren kann. Musik vermag es, Grenzen zwischen Sprachen, Generationen, Ethnien und politischen Ansichten zu überbrücken, weil sie unmittelbar Gefühle anspricht und gemeinsame Erfahrungen schafft. Darko Rabrenović und Vernesa Berbo gelang es, das Publikum des Open-Air-Konzerts in Rudolstadt mit Balkanrhythmen zu begeistern; Petar Janjatović und Rüdiger Rossig erzählten von der großartigen Kunst der jugoslawischen Rock-Szene.

Der zweite Programmpunkt war „Friedenflechten & Medien“, bei dem die Expertinnen und Experten Livia Klingl (Der Standard, Wien) und Michael Martens (FAZ, Frankfurt a. M.) sowie Prof. Dr. Lejla Turčilo (Universität Sarajevo) über die Rolle der Medien während und nach den Kriegen diskutierten. In Südosteuropa wandelte sich der Journalismus nach dem Zerfall Jugoslawiens grundlegend: Staatsmedien verloren ihre Macht, während neue journalistische Stimmen entstanden – oft unter schwierigen Bedingungen. Bei der Veranstaltung wurde darüber gesprochen, wie Medien zur Wahrheitsfindung, Transparenz und gesellschaftlichem Engagement beitragen, aber auch, wie sie durch Nationalismus und Desinformation gespalten werden können. Diese Diskussion machte deutlich, dass Medien heute eine Verantwortung haben – nicht nur zu berichten, sondern zur konstruktiven Auseinandersetzung beizutragen.

Der dritte Bestandteil des Projekts war die Veranstaltung „Friedenflechten & Literatur“. In Frankfurt am Main lasen während der Buchmesse der Autor Faruk Šehić und die Autorin Slađana Nina Perković aus ihren Werken und teilten ihre persönlichen Erfahrungen über den Krieg und das Leben danach. Šehić verwebt in seinem Werk Erinnerungen an Kriegstraumata mit Naturbildern, während Perković Alltag und Tragik spielerisch und zugleich intensiv in Szene setzt. Literatur lässt uns verstehen, wie Menschen ihre Lebenswirklichkeit wahrnehmen, und gibt Raum für Reflexion und Empathie – sie macht die Geschichte greifbar.

Auch Theater spielte im Projekt eine besondere Rolle. Im Rahmen des Festivals Politik im Freien Theater kamen Theaterschaffende aus Slowenien (Janez Janša), Kroatien (Ivana Sajko), Bosnien und Herzegowina (Nihad Kreševljaković), dem Kosovo (Jeton Neziraj) und Serbien (Milena Dragićević-Šešić) nach Leipzig, um über die Bedeutung von Theater in Zeiten des Krieges und Friedens zu sprechen. In der Region des ehemaligen Jugoslawiens war Theater schon immer mehr als Unterhaltung: Es war politischer Resonanzraum und bot Möglichkeiten für gesellschaftliche Auseinandersetzung. Durch Theaterproduktionen und Diskussionen konnten Menschen sich mit Identität, Erinnerung und Widerstand auseinandersetzen – und dies auf eine sehr unmittelbar erfahrbare Weise. Während der langjährigen Belagerung Sarajevos wurde dem Theater eine neue, existenzielle Rolle zugeschrieben. In dieser Zeit wurden in der Stadt zahlreiche Theaterproduktionen realisiert, darunter auch solche mit der Beteiligung international renommierter Persönlichkeiten wie Susan Sonntag. Das Theater war eine Quelle der Überlebenshoffnung und des Glaubens an Menschlichkeit.

Ein weiterer kreativer Zugang bot die Filmreihe im Rahmen des Film Festival Cottbus, wo das Thema „Friedenflechten“ filmisch umgesetzt wurde. Inmitten von Krieg, Fragmentierung und politischem Umbruch wurde das Filmemachen für viele zu einer Form des zivilgesellschaftlichen Widerstands – ein künstlerischer Akt im Dienst der Aufklärung und Versöhnung, aber auch der Archivierung und Dokumentierung. Zusammen mit dem Film Festival Cottbus haben wir vier Filme ausgewählt, die die letzten dreißig Nachkriegsjahre in der Region aus verschiedenen zeitlichen und thematischen Perspektiven sowie im Kontext der Friedenserfahrung beleuchten. Der Film Snijeg (Snow, 2008) von Aida Begić handelt von den psychologischen und sozialen Folgen des Krieges, der Rolle der Frauen in der Aufbauphase und dem Überlebenswillen in einer zerstörten Gesellschaft. Im international preisgekrönten Film Mirotvorac (The Peacemaker, 2025) von Ivan Ramljak werden die letzten Monate im Leben des Brückenbauers Josip Reihl-Kir, Polizeichef von Osijek (Kroatien) und Vermittler zwischen den Fronten gezeigt. Mit seinem gewaltsamen Tod schwindet die Hoffnung auf Verständigung. Der Kurzfilm The Divided City of Mitrovica (2025) setzt sich mit dem konfliktreichen Miteinander verschiedener Bevölkerungsgruppen in der geteilten kosovarischen Stadt auseinander. Und schließlich erzählt der Film How come it’s all green out here (2025) von Nikola Ležaić von der Überführung des Sargs von Nikolas Großmutter. Eine Reise, die nicht nur von Serbien in die dalmatinische Heimatstadt der Großmutter führt, sondern auch die komplizierten Verstrickungen einer multiethnischen Familie und die politische Vergangenheit der Region aus heutiger Perspektive offenbart.

Als einen krönenden Abschluss des Projekts kann man die Veranstaltung in Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens, sehen: Hier wurde über „Friedenflechten“ in der Politik und in der Gesellschaft diskutiert. Prof. Dr. Dubravka Stojanović (Historikerin der Universität Belgrad) ermöglichte dem Publikum im vollen Saal des historischen Erbdrostenhofs Einblicke in Demokratisierungsprozesse und Geschichtsvermittlung im Balkan. Dr. Dušan Reljić, Analyst für Südosteuropa, EU-Erweiterung und Medien in Konfliktregionen sowie ehemaliger Leiter des Brüsseler Büros der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), berichtete von seinen Erfahrungen und der österreichische Schriftsteller und Essayist Robert Menasse fragte in seinem Beitrag nach der Zukunft des Friedens und der Demokratie in Europa. Die ukrainische Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk sendete eine Videobotschaft. Prof. Dr. Klaus Schubert, Experte für deutsche Politik und Politikfeldanalyse an der Universität Münster, moderierte dieses aufschlussreiche Gespräch. Die musikalischen Akzente setzte die international tätige Pianistin Senka Branković mit Werken von Franz Schubert und Fjodor Akimenko. Wieder einmal zeigte sich – wie in der ersten Veranstaltung der Reihe Friedenflechten, die ebenfalls mit einem Beitrag von Senka Branković endete – wie bedeutend die Musik für das Zusammensein von Menschen ist.

All diese Formate machten klar, dass Friedenflechten kein eindimensionales Projekt war, sondern ein vielschichtiges. Es verknüpfte unterschiedliche Ausdrucksformen – von Musik über Worte bis hin zu bewegten Bildern – und stellte dabei den Dialog in den Mittelpunkt. Unser Fazit war: Die Gesellschaften, die ihre Vergangenheit reflektieren und sich den Verletzungen ihrer Geschichte stellen, können Wege zu Versöhnung und Verständigung finden.

Friedenflechten zeigte uns, dass Kultur ein kraftvolles Instrument für politische Bildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Durch kreativen Austausch können Menschen Gemeinsamkeiten entdecken und sich mit Differenzen konstruktiv beschäftigen. Denn Frieden ist kein Endpunkt, sondern ein Prozess.

In einer Welt, in der vergangene Konflikte nachwirken und neue entstehen, ist es entscheidend, Formate wie Friedenflechten zu schaffen. Sie erinnern uns daran, dass Verständnis, Dialog und kritische Selbstreflexion wesentliche Grundlagen für nachhaltigen Frieden sind. Dazu bedarf es einer gewissen Distanz zum Krieg. In diesem Kontext sind die Erfahrungen aus den Kriegen und der Nachkriegszeit im ehemaligen Jugoslawien heute von größerer Relevanz denn je.

Fussnoten