19.1.2017 | Von:
Dorothee Meyer

Inklusive Seminare:
"Politik lebt vom Mitmachen"

Die Seminare "Gemeinsam Lernen" machen Mut, inklusive Angebote der politischen Bildung zu planen und umzusetzen. Das Lernen in einer inklusiven Gruppe ermöglicht inhaltliche Lernerfahrungen, regt zur Meinungsbildung an, bietet Erfahrungen von Gemeinsamkeit und einen veränderten, erweiterten Blickwinkel.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars "Gemeinsam Lernen" der Leibniz Universität Hannover.Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars "Gemeinsam Lernen" der Leibniz Universität Hannover. (© Leibniz Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik)

"Politik lebt vom Mitmachen." Dieses Zitat stellt das Fazit einer behinderten Teilnehmerin über die inklusiven Seminare dar, die seit 2012 an der Leibniz Universität Hannover stattfinden. Weiter ergänzt sie: "Und mitmachen tun alle Menschen die wenigstens eine eigene Meinung haben". Zielgruppe der Seminare sind Studierende im zweiten Semester Bachelor Sonderpädagogik und behinderte [1] Menschen ohne Hochschulzugangsberechtigung. Die Seminare sollen allen Beteiligten ermöglichen, Erfahrungen in inklusiven Lerngruppen zu sammeln und diese Erfahrungen zu reflektieren (vgl. Meyer 2013, 2014). Die Rahmenthemen dieser Seminare stammen aus dem historisch-politischen Themenfeld und lauten "Menschen mit Behinderungen in der NS Zeit", "Selbstbestimmung" sowie "Demokratie und politische Mitbestimmung".

Eine Studentin fasst ihre Lernerfahrungen im Seminar folgendermaßen zusammen:
    "Noch nie habe ich so viel Interesse an Politik entwickelt und noch nie 'nebenbei' so viel gelernt! Seit diesem Seminar haben sich meine Denkweisen und Verhaltensweisen hinsichtlich dessen verändert, dass ich Menschen mit Behinderung ernster nehme und ihnen mehr Mitbestimmung ermögliche!"
Die Konzeptionen der Seminare an der Leibniz Universität Hannover sind anschlussfähig an den in der Bundeszentrale für politische Bildung initiierten Diskurs über inklusive Politische Bildung (vgl. Hilpert 2015 und Dönges, Hilpert, Zurstrassen 2015). Die Ergebnisse dieses durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention angestoßenen Diskurses decken sich mit der Konzeption und der Praxis der Seminare: Der Inklusionsbegriff wird nicht allein auf den Schulbereich beschränkt. Er nimmt neben Behinderung ausdrücklich auch andere Differenzlinien wie Alter, Geschlecht, Bildungserschwernisse, Behinderung oder psychische Probleme der Studierenden explizit in den Blick (vgl. Lindmeier und Meyer 2016, Besand & Jungel 2015, 54f.). Inklusion wird entsprechend dem Modell integrativer Prozesse von Helmut Reiser (vgl. zusammenfassend Lindmeier & Lindmeier 2012, 170ff. und Klein et al. 1987, 41) dynamisch und prozesshaft gesehen und dient dazu, allen Beteiligten Lern- und Bildungserfahrungen zu bieten.

Im Folgenden wird ein Seminarkonzept "Gemeinsam Lernen" zum Thema Demokratie und politische Mitbestimmung mit seinen politischen Bezügen beleuchtet. Zitate der Seminarteilnehmenden konkretisieren oder reflektieren die theoretischen Ausführungen und stellen ihre Lernerfahrungen dar (vgl. dazu sowie zum Zusammenhang der Seminare zur politischen Bildung und politischen Teilhabe auch Meyer, Lücke 2016).

Konzeption der Seminare

Die Studierenden bei der Vorbereitung. (© Leibniz Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik)
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars sind zum einen Studierende des Bachelorstudiengangs Sonderpädagogik, für die das Seminar in die reguläre Studienstruktur eingebettet ist. Die Prüfungsleistungen werden im Anschluss an das Seminar angefertigt und bestehen aus der Reflexion des gemeinsamen Lernprozesses sowie aus einer wissenschaftlichen Hausarbeit zu einem Thema aus dem Bereich der Inklusion oder politischen Bildung.

Zum anderen wird das Seminar von behinderten Seminarteilnehmenden ohne Hochschulzugangsberechtigung als freiwilliges Angebot der Erwachsenenbildung besucht. Diese Teilnehmenden werden über Einrichtungen der Behindertenhilfe gewonnen. Werkstätten für behinderte Menschen, Wohneinrichtungen oder Förderschulen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung werden von der Universität angesprochen und helfen, die Kontakte zwischen den Interessierten und den Verantwortlichen des Universitätsseminars herzustellen. Da das Seminar seit mehreren Jahren durchgeführt wird, kann inzwischen auf ein Netzwerk an Kooperationspartnern zurückgegriffen werden. So melden sich behinderte Teilnehmerinnen und Teilnehmer wiederholt an oder geben Einladungen zur Anmeldung an Bekannte weiter. Der Aufbau von Vertrauen der Einrichtungen der Behindertenhilfe in die Seminararbeit an der Universität und die Bearbeitung der Frage nach der thematischen Relevanz des Seminars für die Zielgruppe hat einige Jahre gedauert. Dies zeigt, wie bedeutsam die Kontinuität eines solchen Bildungsangebots ist.

Vorbereitungskurs für die behinderten Seminarteilnehmenden

Lernen in einer inklusiven Gruppe (© Leibniz Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik)
Für die behinderten Seminarteilnehmenden findet in der vorlesungsfreien Zeit ein Vorbereitungskurs statt. Die vier Termine dienen einerseits zum einen dazu, sich dem Thema der Seminare inhaltlich zu nähern. Nach einer Phase des Kennenlernens, werden politische Themen sowie Fragen zur Zusammenarbeit in Gruppen behandelt. Andererseits ist jedoch die entscheidende Funktion des Vorbereitungskurses, sich mit dem Lernort der Universität räumlich sowie dem Ablauf der Seminartage vertraut zu machen.

Fußnoten

1.
Die Bezeichnung 'behinderte Menschen' umfasst das 'Behindertsein' ebenso wie das gesellschaftliche 'Behindert werden', während 'Menschen mit Behinderung' suggeriert, dass es sich um ein Persönlichkeitsmerkmal handelt. Erstmals wies Fredi Saal daraufhin, dass seine Identität nicht ohne seine Behinderung zu denken sei, und fragt: "Warum sollte ich jemand anders sein wollen?" (1992).