6.11.2017 | Von:
Wolfram Hilpert

Politische Bildung als Aufgabe. Inklusivität als Anspruch

Zielgruppendefinition. Die Diskussion

  • Sehr früh wurde in dem Diskussionsprozess um eine „Didaktik der inklusiven politischen Bildung“ angesprochen, dass eine gezielte Ansprache einer Zielgruppe, die als solche durch gegebene oder zugewiesene Defizite bestimmt ist, zum Beispiel Behinderte oder Analphabeten, ausgrenzende und ablehnende Effekte hervorrufen kann. Schon auf dem Workshop 2014 machte hierauf Frau Prof. Bettina Zurstrassen (http://www.bpb.de/180303) aufmerksam. Anja Besand beschäftigte sich mit David Jugel in ihrem Aufsatz „Zielgruppenspezifische politische Bildung jenseits tradierter Differenzlinien“ (2015) intensiv mit dieser Frage. Sie vertraten die Auffassung, dass bei Materialen, die sich durch deren grafisch-bildnerische Gestaltung oder durch die in dem Heft enthaltene schriftliche Aussagen und Textgestaltung erkennbar z.B. an Behinderte, Analphabeten, Migranten wenden, die Gefahr der Reproduktion defizitorientierter Zuschreibungskategorien besteht (http://www.bpb.de/219043).
    Die bpb nimmt diesen Hinweis ernst. Es wird die Gefahr registriert, dass solche Materialien bei der Zielgruppe selbst nur bedingt Akzeptanz erfahren.

  • Materialen, die zwar vom Anspruchsniveau geeignet sind, aber an eine Gruppe adressiert sind, der man sich nicht zugehörig fühlt, können mit noch erheblich geringerer Wahrscheinlichkeit genutzt werden. Personen, die aufgrund ihrer Bildungsgeschichte Leseschwierigkeiten haben, werden distanziert bis ablehnend Produkten gegenüberstehen, die sich erkennbar an Behinderte wenden.

  • Besand und Jugel fordern: „Es bedarf „einer sinnvollen inklusiven Perspektive, die nicht mehr an die traditionellen Zielgruppen gebunden ist. Denn nur so kann verhindert werden, dass unser Handeln durch den Bezug auf eine bestimmte Gruppe Teil der Reproduktion von Benachteiligung wird“ (http://www.bpb.de/219043). Eine inklusive Definition einer Zielgruppe für Materialen wäre nach Besand und Jugel eine, die nicht auf Eigenschaften wie Migrationshintergrund oder Behinderung rekurriert. Diese Eigenschaften konstituieren nämlich keine positiven kulturellen oder sozialen Gemeinsamkeiten. Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund sind kulturell, sozial und natürlich auch in ihrem Lebensalter heterogen. Die Materialien sollten vielmehr ausgerichtet sein auf einen bestimmten Bedarf des Komplexitätsniveaus der schriftlichen und grafischen Informationen.

  • Unbestreitbar ist dieser Ansatz aus Sicht einer inklusiven, das heißt Barrieren zwischen Gruppen überwindenden Bildung naheliegend. Wie sollen Kommunikations-Gettos aufgelöst werden, wenn nicht durch neue zielgruppenoffene Ansätze? Aus diesem Grund folgt die Reihenkonzeption den von Zurstrassen, Besand und Jugel gegebenen Überlegungen: Die Zielgruppe der Reihe „einfach POLITIK“ ist im Wesentlichen durch den Bedarf des definierten Komplexitätsniveaus der schriftlichen und grafischen Informationen bestimmt.
    Mit diesen Überlegungen soll jedoch nicht bestritten werden, dass in anderen Fällen die Erstellung von Materialien mit einer enger umgrenzten Zielgruppe sinnvoll und angeraten ist. Es ist sicher für den Bildungsprozess sinnvoll, Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I auch Bildungsmaterialien in für junge Menschen ansprechender Gestaltung zur Verfügung zu stellen. Zum Beispiel durch ein für junge Menschen attraktives Layout und ein auf sie zugeschnittenen Sprachstil des Materials. Ist diese Entscheidung für die Zielgruppe „junge Menschen“ getroffen, dann stellt sich die Frage des Komplexitätsniveaus und indirekt damit auch, in welcher Schulform eine größere Nachfrage zu erwarten ist. Auch in diesem Fall sind defizitorientierte Zuschreibungen nicht erforderlich.

Fachbegriffe erklären: Ein unterschätzter Bedarf

Es stellt sich dann die Frage, für wen denn die Hefte „einfach POLITIK“ tatsächlich geeignet und sinnvoll zu nutzen sind. Sind sie nicht für die allermeisten zu einfach? Werden dort nicht Begriffe erklärt, die allgemein bekannt sind?
Ein Blick auf den Medienalltag kann helfen diese Frage zu beantworten: Ein beliebtes Mittel, Lacher in Comedy-Sendungen zu generieren, sind Umfragen in Fußgängerzonen. Es werden Bürgerinnen oder Bürger auf der Straße befragt und dann sich darüber lustig gemacht, dass die befragte Person ganz offensichtlich gar nicht versteht, worüber sie redet. Auch wenn man dieses Genre nicht mag. Es deckt auf, dass viele Menschen, gerade auch wenn es um Politik geht, mit Begriffen oder Sachverhalten operieren, die nicht wirklich verstanden werden.
Daraus folgt: Wenn „einfach POLITIK“ Fachbegriffe erklärt, dann heißt dies vor allem, dass die Hefte und Webseiten die Lesenden oder die Hörenden nicht zwingen so zu tun, als ob die Beherrschung politischer Terminologie für alle selbstverständlich sei. „einfach POLITIK“ bringt Menschen nicht in Verlegenheit wie implizit die Befragung auf der Straße es tut. Nur weil die „Zweitstimme“ auch in den Fernsehnachrichten und auf Wahlplakaten auftaucht, muss nicht klar sein, was der Unterschied zur „Erststimme“ ist. Wenn die Unterschiede und ihre Bedeutung in den Heften zur Bundestagswahl erklärt werden, dann korrespondiert dies also nicht nur mit dem spezifischen Bedarf einer besonderen, der Sonderpädagogik zugeordneten Zielgruppe. Es wird etwas mit einfachen Worten beschrieben, das den meisten Menschen schwer fallen würde zu erklären.