6.11.2017 | Von:
Wolfram Hilpert

Politische Bildung als Aufgabe. Inklusivität als Anspruch

Zielgruppendefinition. Schlussfolgerung für die Materialerstellung

Diese Überlegungen haben konkrete Folgen für die Produktion von Produkten in einfacher Sprache:
  • Weite Zielgruppendefinition
    Die Reihe „einfach POLITIK“ wendet sich ganz bewusst nicht an eine eng definierte Zielgruppe. Sie wendet sich an alle, denen einfache Sprache ermöglicht oder erleichtert, Zugang zu Politik zu finden. Dass für ein Produkt mit diesem Ansatz auch ein Bedarf da ist, bestätigen die hohen Absatzzahlen und die Evaluation der Reihe.
    Die Entwicklung der zielgruppenoffenen Konzeption ist auch von der begründeten Vermutung gefördert worden, dass es einen breiten Bedarf für Produkte in einfacher Sprache gibt. Und umgekehrt gibt es die Hoffnung, dass die zielgruppenoffene Konzeption dazu führt, dass sehr unterschiedliche Nutzerinnen und Nutzer die Hefte und die anderen Produkte verwenden. Diese Hoffnung scheint sich zu erfüllen. Die Ergebnisse der Evaluation der Reihe bestätigen dies. Die Hefte werden viel in (Sonder-)schulen eingesetzt aber auch in Gymnasien, in Werkstätten und Wohnheimen für Menschen mit Behinderung, in VHS-Kursen, in Integrationskursen, in der Vereinsarbeit oder zur privaten Information.

  • Vermeidung von eindeutigen Zielgruppenzuschreibungen
    Mit der von der SoVD Jugend herausgegeben „Wählen ist einfach“-Broschüre zur Bundestagswahl 2013 konnte man zum ersten Mal in dem Lieferverzeichnis der bpb eine Broschüre in Leichter Sprache finden. Auf der Titelseite wurde auf die Förderung durch den Bundesbeauftragen für die Belange behinderter Menschen und die Aktion Mensch verwiesen. Entsprechende eindeutige Verweise auf eine Zielgruppe wurden in allen folgenden Produkten vermieden.
    Das Reihenkonzept sieht entsprechend auch vor, dass sowohl in den Texten, als auch in den Bildern nicht die Lebenswelt einer gesellschaftlichen Gruppe die Broschüre dominiert. Natürlich achten gerade die Autoren darauf, dass auch Menschen mit Behinderung und die sie betreffenden Probleme Beachtung finden. Aber eben nicht so, dass diese im Mittelpunkt der Broschüre stehen.

  • Bildsprache auf Erwachsene ausgerichtet
    Angesichts der Nutzung durch Schulen stellt sich noch eine Frage: Wenn die Hefte doch so häufig in Schulen verwendet werden, müssen diese dann nicht – zumindest bei einigen Heften – den Sehgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen angepasst werden? Hier ist eine klare Entscheidung getroffen worden. Auch mit Blick auf den Entstehungskontext der Reihe. Die Hefte, Webseiten und Hörbücher sind für Kinder und Jugendliche geeignet. Auch der Einsatz im Unterricht ist von den Machern intendiert. Die Aufbereitung des Inhaltes berücksichtigt eine solche Nutzung.
    Allerdings: Die Bildsprache (sowohl die der Zeichnungen, als auch die der Texte/Textbeispiele) ist -und wird auch weiterhin- mit Blick auf Erwachsene konzipiert. Auf keinen Fall soll durch Unklarheiten in Frage gestellt werden, dass es sich um ein Angebot für Erwachsene handelt. Die hohen Nutzungszahlen durch Erwachsene zeigen auch, dass dies verstanden wird.

  • Hohe Anforderungen an die Bildsprache
    Die Bildsprache stellt die Illustratoren tatsächlich vor Herausforderungen. Die Bildauswahl bedarf deshalb sehr hoher Kompetenz bei der Einordnung in politisch-gesellschaftliche Sachverhalte und Sensibilität für politisch-gesellschaftliche Symbolik.
    Die Bildgestaltung insgesamt und die Auswahl der einzelnen Bilder dürfen die Lesenden nicht mit zu hoher Komplexität konfrontieren, andererseits darf die Bildgestaltung nicht kindlich, simplifizierend wirken. Von sehr hoher Bedeutung ist, dass die Reduktion von Komplexität nicht durch Rückgriff auf (problematische) Klischees erfolgt. Bei der Erstellung der Illustrationen wird berücksichtigt, dass nicht alle Personen, die die Hefte lesen, dieselbe Kompetenz bei der Entschlüsselung von Bildaussagen haben. Deshalb können durchaus Bilder gewählt werden, die auf unterschiedlichen Ebenen interpretiert werden können. Auch die Verwendung von Bildern mit unterschiedlichen Funktionen (anschaulich machen des Textes/weiterführende Erklärung) sind möglich.

  • Zwischen dem Bedarf der Reduktion und dem von Auswahlmöglichkeiten: Anforderungen bei der Abgrenzungen des Themenfeldes
    Bei der Erstellung der Produkte sind unbestreitbar hohe Anforderungen an die Fachkompetenz der Autorinnen und Autoren bei der Suche nach geeigneten sprachlichen Formulierungen gegeben. Mit Blick auf die Inklusivität der Produkte ist aber die inhaltliche Abgrenzung des Themenfeldes eine größere Herausforderung als die sprachliche Gestaltung.
    Materialien in einfacher Sprache können Menschen mit erweiterter Lesekompetenz helfen, Sachverhalte klarer zu verstehen. Ein Einsatz der Materialien in einfacher Sprache in inklusiven Gruppen kann durchaus bei entsprechender didaktischer Planung für alle sinnvoll sein. Einfache Sprache ist zumindest kein grundsätzlicher Hinderungsgrund für die gemeinsame Nutzung.
    Wenn tiefer in ein politisches Themenfeld eingedrungen wird, werden die Inhalte komplexer und das Produkt umfangreicher. Komplexere Inhalte können insbesondere Menschen mit Lernschwierigkeiten überfordern. Dickere Hefte können bei Menschen mit Leseschwierigkeiten Unlust hervorrufen.

    Andererseits: Zu starke Reduktion des thematischen Angebotes schränkt die Auswahl nach dem individuellen Bedarf unverhältnismäßig ein und vermindert die Möglichkeit des Einsatzes in inklusiven Settings. Im Folgenden sind einige Beispiele für zu treffende Entscheidungen aufgelistet: Soll zum Beispiel im Heft zur Bundestagswahl bei der Erklärung des Vorganges der Bundestagswahl der Unterschied von Erst- und Zweitstimme erklärt werden? Dies ist wohl unverzichtbar. Aber wie sieht es mit der 5% Klausel aus? Oder mit den Überhangmandaten?
    Bei der Erstellung der Hefte kämpfen die Machenden bei jeder Ausgabe um einen Weg, der einerseits dem Erfordernis der zielgruppengerechten Reduktion gerecht wird, der zugleich aber die Möglichkeit eröffnet, bei gegebenen Bedarf mehr als das Allernotwendigste zu erfahren. Was das Allernotwendigste ist, ist zudem streng genommen auch nur individuell zu bestimmen. Die Redaktion der Hefte ist an einer Diskussion, wohin der Weg genau verlaufen könnte, sehr interessiert.

    Sicher wäre eine Beschränkung auf einen minimalen Heftumfang möglich. Dieser hätte aber erhebliche Nachteile. Derjenige, der individuell das Heft bestellt oder die Webseite liest, hat aber einen individuellen Wissensbedarf. Aus Sicht der Redaktion sollte dem Lesenden bei aller gebotenen Reduktion der Komplexität noch die Möglichkeit bleiben, gemäß des individuellen Bedarfs auszusuchen und sich mit tiefergehenden Inhalten zu beschäftigen.

    Die Möglichkeit, Schwerpunkte auszusuchen, ist für den Lehrbetrieb aber noch wichtiger. Die Hefte der Reihe werden sehr viel in der Schule und in anderen Lehrsituationen verwendet. Dort können die Materialien als Ganzschrift eingesetzt werden. Aber es ist auch möglich, einzelne Kapitel gemäß der Unterrichtssituation herauszugreifen und zu behandeln. Und – dies ist ausgehend von der inklusiven Konzeption besonders wichtig – die Hefte bieten der oder dem Lehrenden die Möglichkeit der leistungsgerechten differenzierten Aufgabestellung.


  • Zusammenfassung und Ausblick

    Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die Entwicklung des Konzeptes der Reihe „einfach POLITIK“ ist eng angebunden an den inklusionspädagogischen und fachdidaktischen Diskurs. Eine bloße Übernahme entwickelter Standards konnte den fachlichen Anforderungen der politischen Bildung und den intendierten Bildungszielsetzungen, Stichwort: Teilhabe, nicht entsprechen. Den Qualitätsanforderungen der politischen Bildung wird Rechnung getragen.
    Vieles – wie zum Beispiel Fragen der Breite und Tiefe der zu behandelnden Fragen – muss immer wieder erarbeitet werden. Die Evaluation der Reihe hat deshalb eine große Bedeutung. Aber auch der fachliche Dialog. Zudem sind mit Blick auf die Reihengestaltung neue Fragen aufgekommen, die noch nicht vertieft behandelt wurden. Zum Beispiel: Sind Didaktisierungen in den Heften bzw. Lehrerbegleitheften sinnvoll und erforderlich? Können weitere Medienzugänge die barrierefreie Nutzung erleichtern? Wie kann auch die digitale Nutzung erleichtert werden?

    PDF-Icon Handout zum Vortrag als PDF zum Download