17.6.2019 | Von:
Wolfram Hilpert

Einfach für Alle! Politische Bildung und Inklusion

Das Beispiel der multimedialen bpb-Reihe "einfach POLITIK:" Zum Konzept der inklusiven Materialien der politischen Bildung.

2. Bildungsmaterialien: Zielgruppe inklusiv definieren

Traditionelle Zielgruppenzuordnung in Frage stellen
Aus den vorangegangenen Überlegungen folgt, dass inklusive Bildungsmaterialien einerseits das Ziel der gesellschaftlichen und politischen Teilhabe im Blick behalten und zugleich auch mögliche Exklusionsprozesse durch diese Materialien vermeiden sollten.
In unserer Gesellschaft sind bestimmte vulnerable Gruppen besonders von Ausschluss bedroht, da die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe häufig mit negativen Zuschreibungen verbunden ist. Dies gilt zum Beispiel für Menschen mit Behinderung oder für Analphabetinnen und Analphabeten. Einzelne Menschen in Bildungsprozessen diesen Gruppen explizit zuzuordnen, kann Exklusion verstärken oder reproduzieren, "einerseits durch die Separierung, andererseits durch die defizitorientierte Perspektivierung" (Zurstrassen: 2014). Bei Textmaterialen, die sich durch deren grafisch-bildnerische Gestaltung oder durch die in dem Heft enthaltene schriftliche Aussagen und Textgestaltung erkennbar z.B. an Menschen mit Behinderungen, Analphabetinnen und Analphabeten, Migrantinnen und Migrantenwenden, besteht die Gefahr der Reproduktion defizitorientierter Zuschreibungskategorien (vgl. Besand und Jugel (2015 [2], S. 104 ff.)

Bei der Produktion von Bildungsmaterialien sollte somit Sensibilität dafür bestehen, ob die Adressierung bestimmter Gruppen selbst Elemente des Exklusionsprozesses sind. Insofern spricht vieles dafür, für inklusive Materialien der politischen Bildung traditionelle Zielgruppenschemata zu überwinden. Materialen, die zwar vom Anspruchsniveau geeignet sind, aber an eine Gruppe adressiert sind, der man sich nicht zugehörig fühlt, werden möglicherweise nicht genutzt.

Dies ist bei wesentlichen didaktischen Grundentscheidungen der inklusiven politischen Bildung zu berücksichtigen, die weder einen spezifischen Politikbegriff, noch einen besonderen Bildungsbegriff für bestimmte Zielgruppen beinhalten sollten. "Im Kontext einer inklusiven politische Bildung geht es […] nicht darum, Spezialdidaktiken für spezifische Zielgruppen wie »Behinderte «, »Migranten«, »Politikferne«, »sozioökonomisch Benachteiligte« usw. zu entwickeln, es geht vielmehr darum, sich gezielt mit den Zugangsschwierigkeiten zu beschäftigen, die Menschen davon abhalten, sich mit politischer Bildung zu beschäftigen, und Angebote zu entwickeln, die diese Hindernisse abbauen" (Besand/Jugel: 2015 [1], 55).
Eine inklusive Definition einer Zielgruppe für Materialen wäre nach Besand und Jugel eine, die nicht auf Eigenschaften wie Migrationshintergrund oder Behinderung rekurriert. Diese Eigenschaften konstituieren nämlich keine positiven kulturellen oder sozialen Gemeinsamkeiten. Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund sind kulturell, sozial und natürlich auch in ihrem Lebensalter heterogen. Die Materialien sollten vielmehr ausgerichtet sein auf einen bestimmten Bedarf des Komplexitätsniveaus der schriftlichen, grafischen und ggfs. audiovisuellen Informationen.

Unbestreitbar ist dieser Ansatz aus Sicht einer inklusiven, das heißt Barrieren zwischen Gruppen überwindenden Bildung naheliegend. Wie sollen Kommunikations-Ghettos aufgelöst werden, wenn nicht durch neue zielgruppenoffene Ansätze? Insofern ist auch die Zielgruppe der Reihe "einfach POLITIK:" im Wesentlichen durch den Bedarf des definierten Komplexitätsniveaus der schriftlichen und grafischen Informationen bestimmt.

"einfach POLITIK:" vermeidet eindeutige Zielgruppenzuschreibungen und wendet sich ganz bewusst nicht an eine eng definierte Zielgruppe. Sie wendet sich an alle, denen es einfache Sprache ermöglicht oder erleichtert, Zugang zu Politik zu finden. Dass für ein Produkt mit diesem Ansatz ein Bedarf da ist, bestätigen die hohen Absatzzahlen der Reihe. Die Hefte "einfach POLITIK:" haben derzeit eine Auflage von 50.000 bis 110.000 Stück. "Politik: Einfach für alle" (www.bpb.de/einfach-fuer-alle), das Angebot in einfacher Sprache auf bpb.de, wird monatlich mehrere zehntausendmal aufgerufen.

3. Barrieren überwinden: Verständliche Sprache, multimediale Vermittlungswege

Für manche Menschen stellt sprachliche Komplexität, für andere die Form der Vermittlung von politischen Inhalten, etwa mittels Schrift, Barrieren dar, die Verstehen verhindern. Aufgabe eines inklusiven Ansatzes ist es nun, Wege zu finden, wie diese Barrieren abgebaut werden können.

Sprachliche Komplexität reduzieren
Zur Reduktion sprachlicher Komplexität bieten sich folgende Empfehlungen an:
  • Nutzen Sie gut verständliche Wörter, vermeiden Sie Fachbegriffe oder (für Politik häufig unverzichtbar!) erklären Sie diese.
  • Formulieren Sie das, was Sie erklären wollen, in kurzen Sätzen. Vermeiden Sie Schachtelsätze.
Eine Reduktion der sprachlichen Komplexität ist aber eine besonders anspruchsvolle Herausforderung, die hohe fachliche Kompetenz auf dem Gebiet der politischen Bildung, aber auch Expertise im Schreiben leicht verständlicher Texte voraussetzt.

Bei den Heften "einfach POLITIK:" arbeiten Fachleute verschiedener Fachrichtungen zusammen: Fachleute für einfache Formulierungen, für politische Bildung und für wissenschaftliche oder juristische Fragen. Von besonderer Bedeutung ist das Feedback der Zielgruppe. Hinweise einer Gruppe von Prüferinnen und Prüfern, die aus eigener Erfahrung Kompetenzen bei der Beurteilung von Verständlichkeit haben, haben für die Textentwicklung hohe Relevanz.

Konkret erfolgt die Erstellung der Texte der Reihe "einfach POLITIK:" in Kooperation mit dem Lehrstuhl Allgemeine Behindertenpädagogik und -soziologie des Instituts für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover. Das Team unter Leitung von Frau Dorothee Meyer erstellt die Texte in Zusammenarbeit entweder mit einer Gruppe aus den inklusionsorientierten Seminaren Gemeinsam Lernen oder in Zusammenarbeit mit Beschäftigten des Büros für Leichte Sprache Hannover (vgl. auch http://www.bpb.de/241078). Die Texterstellung erfolgt in mehreren Erarbeitungsschleifen in enger Einbeziehung der Redaktion der bpb. Zusätzlich geben Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler vor der Texterstellung den Autorinnen und der Redaktion Fachinformationen zum jeweiligen Thema. Nach der Texterstellung erfolgt eine fachliche Qualitätskontrolle.

Intention der Kooperationspartner ist, leicht zu verstehende Texte zu produzieren, die auch komplexe politische oder gesellschaftliche Sachverhalte fachlich korrekt wiedergeben. Dies erfordert die Einbeziehung unterschiedlicher fachlicher Disziplinen.

Multimediale Vermittlungswege nutzen
In der Einladung zum 35. Forum Kommunikationskultur 2018 beschrieb die veranstaltende Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) mediale Kommunikation und Interaktion als ein wesentliches Element gesellschaftlicher Teilhabe. "Doch längst nicht alle haben einen gleichwertigen Zugang zu digitalen Medien und zu Medienbildung in der digital geprägten Welt", erinnerte die GMK. 2Um Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene jeden Alters und mit unterschiedlichen Voraussetzungen kreativ und kritisch teilhaben zu lassen, sind Politik, Kultur und Bildung aktuell besonders gefordert. Inklusive Medienbildung hat das Ziel, alle Menschen zu erreichen und gemeinsames mediales Agieren anzuregen" (GMK 2018).

Dabei ist zu berücksichtigen, dass Menschen unterschiedliche Mediennutzungsgewohnheiten und auch unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu bestimmten Medien haben. Manchen fehlt der Zugang zu digitalen Medien. Andere nutzen gerade diese, um für einen morgen stattfindenden Kurs unmittelbar Zugang zu einem bestimmten Material zu bekommen. Andere wiederum suchen gezielt digitales Material aus, mit dem sie Nutzungsprobleme bei schriftlichen Texten umgehen können. Insofern ist es zur Überwindung von Zugangsbarrieren für inklusive Materialien von Bedeutung, sich an diese unterschiedlichen Vorlieben und Zugangsmöglichkeiten anzupassen.

Für "einfach POLITIK:" ist es ein Anliegen, die schriftlichen Texte und Informationen auf verschiedene Weise auffindbar und zugänglich zu machen. So gibt es die Hefte "einfach POLITIK:", die als Print-Produkte nutzbar sind, auch auf den Webseiten der bpb als HTML-und PDF Versionen. Zudem sind die in den Heften erklärte Begriffe auch im Lexikon "einfach POLITIK:" zu finden (www.bpb.de/einfach-fuer-alle).

Für alle, die Schwierigkeiten haben, Dokumente zu lesen, ist die Nutzung von Audio- und Audiovisuelle Medien ein realer Weg, sich durch die Barriere "Schrift" nicht behindern zu lassen. Deshalb bietet "einfach POLITIK:" seine Angebote auch als Audio-Dateien an. Für diejenigen, die problemlos Dateien downloaden können, stehen die Audio-Dateien zum Herunterladen zur Verfügung. Für diejenigen, denen ein Download nicht möglich ist oder die heruntergeladene Dateien nicht abspielen können, sind Audio-CDs erhältlich.
Auch Bewegtbild-Angebote mit Bildbeschreibungen oder Gebärdensprachendolmetschung wären Wege, für potentielle Nutzende eine Barriere zu überwinden. Aufgrund der begrenzten Ressourcen hat "einfach POLITIK:" diesen Weg (noch) nicht bestritten.