17.6.2019 | Von:
Wolfram Hilpert

Einfach für Alle! Politische Bildung und Inklusion

Das Beispiel der multimedialen bpb-Reihe "einfach POLITIK:" Zum Konzept der inklusiven Materialien der politischen Bildung.

4. Die Aufgabe "Inklusion" annehmen: Schlussfolgerungen für die Erstellung von Bildungsmaterialien

Inklusive Materialien sind keine "Übersetzungen" herkömmlicher Materialien
Inklusion ist als Akzeptanz von Heterogenität zu verstehen. Insofern gibt es keine herkömmlichen Lehrmaterialien und andere ergänzende Materialien für bestimmt Zielgruppen. Für die Zielgruppe "Bildungsbürger" konzipierte Bildungsmaterialien und Lehrprozesse können nicht normsetzend sein. Inklusion ist in der politischen Bildung nicht realisierbar als Übersetzung von in Fachsprache verfassten Inhalten in Leichte Sprache.

Warum Übersetzungen bei politischen Bildungsmaterialien nicht möglich sind, kann ein Beispiel verdeutlichen: In jedem Text werden Begriffe als bekannt vorausgesetzt. Mit diesen Begriffen werden unbekannte Sachverhalte erklärt. Bei Texten in einfacher oder Leichter Sprache, können und müssen weniger Begriffe als bekannt vorausgesetzt werden. Daraus ergeben sich nicht nur mehr Begriffsklärungen, sondern auch die Notwendigkeit, den didaktischen Aufbau eines Bildungsmaterials zu ändern. Wenn zum Beispiel das politische System der Bundesrepublik Deutschland erklärt werden soll, dann ist es ein grundlegender Unterschied, ob vorausgesetzt werden kann, dass die Begriffe "Staat" und "Gewaltmonopol des Staates" bekannt sind oder nicht.

In den 1990er-Jahren hat die Selbstvertretungsbewegung von Menschen mit Lernschwierigkeiten wichtige Impulse für die öffentliche Diskussion über Verständlichkeit von Informationen aller Art für Menschen mit Lernschwierigkeiten gegeben, die auch Ausgangspunkt der Entwicklung der Reihe "einfach POLITIK" waren (Meyer/ Hilpert 2018, 353).
In der Diskussion um die Nutzung der Leichten Sprache in der Politischen Bildung weist Zurstrassen (2015, 130) auf die Gefahr einer unkritischen Nutzung der Leichten Sprache hin. Wenn Menschen mit Lernschwierigkeiten lese- und schreibkulturell spezifisch sozialisiert werden und einen eigenen normierten Schreib- und Sprachstil, mit spezifischen Schreibweisen und abweichenden grammatikalischen Regeln verwenden, wenn zudem Fachbegriffe vermieden werden, dann kann dies auch zu nicht gewünschten Exklusionsprozessen führen.

Fachbegriffe verwenden und erklären
Weder "bildungsbürgerliche" Informations- und Lehrmaterialien, noch die in der Politik gebräuchliche Sprache und Redewendungen sind als normsetzend für einfache Materialien anzusehen.

Dies heißt aber nicht, dass die Ignorierung von Fachbegriffe einem inklusiven Anspruch gerecht werden. Fachbegriffe sind Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses. Begriffe wie "Erststimme" oder "Landesliste" finden sowohl in Fernsehnachrichten, als auch in amtlichen Wahldokumenten Verwendung. Deshalb sollten wichtige, im Medienalltag und im politischen Geschehen genutzte Begriffe auch in inklusiven Lehrsituationen bzw. in Lehrmaterialien verwendet werden. Erforderlich ist allerdings, sie zu erklären.
Da die Erklärungen mit dem Ziel erfolgen, Teilhabe zu erleichtern, ist es sinnvoll diese in den Bildungsmaterialien so zu verwenden, wie die Begriffe den Lesenden im Partizipationsalltag begegnen. Deswegen trennt zum Beispiel "einfach POLITIK:", anders als gemäß den Regeln der Leichten Sprache vorgesehen, zusammengesetzte Wörter wie "Wahlbenachrichtigung" nicht. In den Wahlbenachrichtigungen, die die zur Wahl aufgerufenen Bürgerinnen und Bürger zugesandt bekommen, soll der Begriff wiedererkannt werden.

Es stellt sich dann die Frage, für wen denn die Hefte "einfach POLITIK" tatsächlich geeignet und sinnvoll zu nutzen sind. Sind sie für die allermeisten zu einfach? Werden dort Begriffe erklärt, die allgemein bekannt sind?

Ein Blick auf den Medienalltag kann helfen diese Frage zu beantworten: Ein beliebtes Mittel, Lacher in Comedy-Sendungen zu generieren, sind Umfragen in Fußgängerzonen. Dabei werden Bürgerinnen oder Bürger auf der Straße befragt und später wird sich in der Comedy-Sendung darüber lustig gemacht, wenn die befragte Person ganz offensichtlich gar nicht versteht, worüber sie redet. Auch wenn man dieses Genre nicht mag. Es deckt auf, dass viele Menschen, gerade auch wenn es um Politik geht, mit Begriffen oder Sachverhalten operieren, die nicht wirklich verstanden werden.
Daraus folgt: Wenn "einfach POLITIK:" Fachbegriffe erklärt, dann heißt dies vor allem, dass die Hefte und Webseiten die Lesenden oder die Hörenden nicht zwingen, so zu tun als ob die Beherrschung politischer Terminologie für alle selbstverständlich sei. "einfach POLITIK:" bringt Menschen nicht in Verlegenheit wie die oben genannte Umfrage auf der Straße es tut. Nur weil die "Zweitstimme" auch in den Fernsehnachrichten und auf Wahlplakaten auftaucht, muss nicht klar sein, was der Unterschied zur "Erststimme" ist. Wenn die Unterschiede und ihre Bedeutung in den Heften zur Bundestagswahl erklärt werden, dann korrespondiert dies also nicht nur mit dem spezifischen Bedarf einer besonderen, der Sonderpädagogik zugeordneten Zielgruppe sondern es wird etwas mit einfachen Worten beschrieben, das den meisten Menschen schwer fallen würde zu erklären.

Sprachliche Gestaltung von einfach POLITIK:
Die Anregungen und Forderungen der Selbstvertretungsbewegung sind auch Ausgangspunkt der Entwicklung der Reihe "einfach POLITIK:". Die Reihe ‚einfach POLITIK:‘ greift als Regel formulierte Gestaltungselemente der Leichten Sprache auf. Aber sie weicht zum Teil auch bewusst von einzelnen Vorgaben des vom "Netzwerk Leichte Sprache" veröffentlichten Regelwerkes ab. Die Notwendigkeit hierzu ergibt sich aus den Zielsetzungen der Politischen Bildung, wie etwa in dem oben genannten Beispiel, aber auch aus dem inklusiven, zielgruppenoffenen Ansatz der Reihe.

a) Charakteristika analog der Regeln "Leichte Sprache"
In Texten der Reihe "einfach POLITIK" finden Verwendung:
  • einfache Wörter,
  • kurze Sätze,
  • möglichst keine Nebensätze,
  • möglichst keine Passivkonstruktionen.
Typisch für die Gestaltung der Broschüren der Reihe:
  • größere Schrift als üblich (z.B. 14 pt),
  • Zeilenumbruch nach Satzende oder nach Sinnabschnitten,
  • kurze Absätze, übersichtliches Layout,
  • Fotos, Illustrationen oder gezeichnete Bilder unterstützen das Textverständnis.
b) Charakteristika, die die Bezeichnung "einfache Sprache" induzieren
Andere Charakteristika der Reihe sind Ergebnisse des Diskussionsprozesses. Sie sind Gründe, warum von Produkten in einfacher Sprache gesprochen wird und nicht von solchen in Leichter Sprache. Dazu zählt:
  • Es werden keine Bindestriche zwischen den Wortteilen zusammengesetzter Wörter verwendet.
  • Fachbegriffe werden verwendet und eingeführt (z.B. absolute Mehrheit). Sie sind gekennzeichnet, fett geschrieben und werden erklärt.
  • Die Texte vermeiden möglichst wertende Aussagen wie "das ist gut", auch wenn dies manchmal einfacher ist, als sachlich zu beschreiben.
  • Die Sätze sind einfach, aber grammatikalisch korrekt.
  • Um dem individuellen Bedarf derer, die etwas mehr wissen wollen, gerecht zu werden, erklären wir ergänzend auch Zusammenhänge, die etwas schwieriger sind, zum Beispiel: die 5% Klausel im Bundestagswahlheft.
Zielgruppe Erwachsene: Hohe Anforderungen an die Bildsprache
Die Strichzeichnung zeigt im Vordergrund einen jungen Mann. Er wirft seinen Stimmzettel in eine Wahlurne. Links hinter ihm warten eine Frau und ein Mann mit ihren Stimmzetteln und rechts ist eine junge Frau in einem Rollstuhl zu sehen. (© bpb)

Illustration haben in der Reihe "einfach Politik" eine das Verständnis des Textes unterstützende Aufgabe. Die Bildauswahl bedarf sehr hoher Kompetenz bei der Einordnung in politisch-gesellschaftliche Sachverhalte und Sensibilität für politisch-gesellschaftliche Symbolik. Eindeutige Überrepräsentanz wie auch Unterrepräsentanz von Personen, die bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zuzuordnen sind, wenn nicht inhaltlich besonders begründet, zu vermeiden. Mit anderen Worten: In inklusiven Bildungsmaterialien sollten z.B. auch Menschen mit Behinderung oder weibliche Muslima ihren Platz in den Darstellungen finden. Inklusivität bei Bilddarstellungen heißt aber nicht, dass auf die bildliche Wiedergabe von "alten weißen Männer" oder "jungen weißen Frauen" verzichtet werden sollte.
Von hoher Relevanz ist, dass die Reduktion von Komplexität nicht durch Rückgriff auf (problematische) Klischees erfolgt.

Die Bildgestaltung insgesamt und die Auswahl der einzelnen Bilder sollen die Lesenden nicht mit zu hoher Komplexität konfrontieren. Trotzdem dürfen die in Produkten der Reihe "einfach POLITIK:" verwandten Bilder nicht kindlich, simplifizierend wirken. Denn obwohl die Hefte, Webseiten und Hörbücher auch für Schülerinnen und Schüler geeignet sind und die Produkte hohe Nutzungszahlen an Schulen aufweisen: die Reihe ist und bleibt für Erwachsene konzipiert. Bei der Erstellung der Illustrationen wird berücksichtigt, dass nicht alle Personen, die die Hefte lesen, dieselbe Kompetenz bei der Entschlüsselung von Bildaussagen haben. Deshalb können durchaus Bilder gewählt werden, die auf unterschiedlichen Ebenen interpretiert werden können. Auch die Verwendung von Bildern mit unterschiedlichen Funktionen (Veranschaulichung des Textes/ weiterführende Erklärung) sind möglich.