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29.3.2012 | Von:
Thomas Straubhaar

Wege zur Vollbeschäftigung - Essay

Das"deutsche Jobwunder“ in Krisenzeiten verblüfft die Welt. Das Ziel der Vollbeschäftigung erscheint wieder erreichbar. Die erfolgreiche Politik der vergangenen Jahre muss fortgesetzt werden und weitere Reformen müssen erfolgen.

Einleitung

Voller Bewunderung schaut die Welt auf Deutschland. Mit German Miracle oder mit "deutschem Jobwunder" wird bezeichnet, was sich hierzulande abspielt.[1] Das für die meisten schon zur Utopie gewordene Ziel der Vollbeschäftigung könnte bereits in wenigen Jahren Wirklichkeit werden.[2] Deutschland, dank Marshallplan und Sozialer Marktwirtschaft wie Phönix aus der Asche des Zweiten Weltkriegs aufgestiegen, dann erst zum Wirtschaftswunder und später nach der Wiedervereinigung zum kranken Mann Europas gewandelt, hat sich mittlerweile zum europäischen Kraftprotz entwickelt. Von vielen bewundert, anderen nachgeahmt und manchen neidisch bis misstrauisch beäugt, ist Deutschland wiederum und wie vor hundert Jahren das wirtschaftliche Gravitationszentrum Europas, um das sich heutzutage alles dreht. Zugleich ist es der makroökonomische Musterschüler, der für alle anderen nicht nur Vorbild, sondern auch das Maß aller Dinge ist.

In der Tat sind die deutschen Erfolgszahlen beeindruckend. Das gilt sowohl für das Niveau wie die Dynamik makroökonomischer Kennziffern.[3] Deutschland erwirtschaftet etwa ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Europäischen Union, Frankreich nicht einmal ein Sechstel, Großbritannien und Italien nur je gut ein Achtel. In den vergangenen beiden Jahren wuchs die deutsche Wirtschaftsleistung real insgesamt um 6,8% und damit rund doppelt so stark wie jene des Euro-Raums (3,4%) oder die französische (3,1%), britische (2,5%) oder italienische (2,0%). Die Staatsverschuldung ist in Deutschland im vergangenen Jahr zurückgegangen. In allen anderen Ländern des Euro-Raums (außer Estland) ist sie gestiegen. Noch eindrücklicher fällt ein Vergleich der Beschäftigungssituation aus. In Deutschland sank die (standardisierte) Arbeitslosenquote von 7,1% 2010 auf 5,8% 2011. In Frankreich verharrte sie auf dem weit höheren Niveau von 9,8%, in Italien ging sie lediglich von 8,4% auf 8,1% zurück, in Großbritannien blieb sie unverändert bei 7,8%. Der Arbeitsmarkt in Deutschland hat somit die Krise im internationalen Vergleich mehr als gut überstanden.

Die deutsche Beschäftigungsentwicklung der vergangenen Jahre ist weder mit früheren Abschwungphasen vergleichbar noch mit den wesentlich ungünstigeren Entwicklungen in den meisten anderen Industrieländern. Obwohl die gesamtwirtschaftliche Produktion erst allmählich wieder das Vorkrisenniveau von Anfang 2008 erreichte, hat sich die Arbeitsmarktlage verbessert. Trotz Euro-Krise und weltweiten Rezessionsängsten waren 2011 im Jahresdurchschnitt lediglich 2.976.000 Personen arbeitslos gemeldet, 263.000 weniger als im Vorjahr.[4] Ebenso erfreulich entwickelten sich Erwerbstätigkeit und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Sie nahmen 2011 weiter zu. Ende des Jahres lag die Zahl der Erwerbstätigen bei 41,5 Millionen und damit um 572.000 höher als im Vorjahr; und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erreichte 29 Millionen, was einem Zuwachs von 721.000 gegenüber 2010 entspricht.[5] Das sind unglaubliche Rekorde. Nie waren im wiedervereinten Deutschland weniger Menschen ohne Arbeit, nie hatten mehr Menschen eine Beschäftigung. Noch vor Kurzem hätte man von solchen Erfolgen nicht zu träumen gewagt. Die Beschäftigungsentwicklung verblüfft, weil sie trotz einer Globalisierung zustande kommt, von der Pessimisten immer befürchtet haben, dass sie zu einer Verlagerung der Jobs in Billiglohnländer führe. Und der Beschäftigungserfolg ist möglich, obwohl der Strukturwandel beschleunigt voranschreitet, was viele Skeptiker bewogen hatte, von einem "Ende der Arbeit" zu reden. Nichts davon ist geschehen. Die südasiatischen Arbeiter haben deutsche Facharbeiter nicht verdrängt, sondern ergänzt. Und Maschinen haben den Menschen nicht ersetzt, sondern leistungsfähiger werden lassen.

Gründe für die Beschäftigungserfolge

Das German Job Miracle hat viele Gründe. Auf der Mikroebene sind deutsche Firmen international und zwar weltweit hochgradig wettbewerbsfähig, auch da liegt ein Unterschied zum übrigen Europa. Auf der Makroebene hat der gemeinsame europäische Binnenmarkt den deutschen Unternehmen die Möglichkeit geschaffen, die mikroökonomische Überlegenheit europaweit auszunutzen. Aus Deutschland wurden vergangenes Jahr erstmals Güter im Wert von mehr als einer Billion Euro ins Ausland verkauft. Entsprechend robust sind die Absatzentwicklung und damit die Beschäftigungslage.

Entscheidend für die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist die weltweite Technologieführerschaft einiger deutscher Firmen, vor allem vieler kleiner und mittelständischer Unternehmen. Anders als Großbritannien oder Irland, die auf Dienstleistungen und insbesondere Finanz- und Kapitalmärkte gesetzt haben, ist Deutschland ein Industrieland geblieben. Das bedeutet nicht einen Verzicht auf Dienstleistungen. Aber im Kern steht immer noch die industrielle Wertschöpfung. Sie wird durch industrienahe Dienstleistungen und Software ergänzt. Zusammen bilden industrielle Hardware und industriebezogene Software eine perfekte Symbiose, die weniger in Form von Produkten als vielmehr in klug durchdachten Prozessketten daherkommt. Dies sorgt für stabile Beschäftigungsverhältnisse auch bei konjunkturell schwierigen Umständen. Die ausgeprägte Lohnzurückhaltung der Belegschaften und die als Folge davon gegenüber der Konkurrenz attraktiver gewordenen Lohnstückkosten haben dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet.

In Teilen hat während der Rezession 2008/2009 auch die staatlich geförderte Kurzarbeit zur Stabilisierung der Beschäftigung beigetragen. Darüber hinaus wurden aber auch "atmende" Arbeitszeitkonten genutzt, die in guten Zeiten Überstunden und in schlechteren Tagen ein Abbummeln ermöglichen. Hier zeigt sich, dass sich die Arbeitgeber stärker als in früheren Abschwungphasen darüber bewusst sind, wie sehr sie auf das Wissen und die spezifischen Fähigkeiten ihrer Belegschaften angewiesen sind. Um das für den langfristigen Betriebserfolg unverzichtbare "Humankapital" nicht kurzfristiger Krisen wegen zu verlieren, "horteten" sie qualifizierte Arbeitskräfte. Firmen behalten ihre Fachkräfte auch unter schwierigen Zeiten, um für einen später erhofften und erwarteten Aufschwung gut gerüstet zu sein und ihre Produktion rasch wieder nach oben fahren zu können. Deshalb wurden Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten auch im Interesse der Unternehmen so häufig als Flexibilisierungsmaßnahmen gewählt. Aus Sicht der Betriebe spielt schließlich auch die, wenn auch erst schwach und langsam, nun doch bereits zunehmend spürbare, demografische Entwicklung eine verstärkende Rolle. Die schrumpfende Zahl jüngerer Menschen lässt einen Fachkräftemangel entstehen. Da werden auch ältere Arbeitnehmer wieder wertvoller. Es wird attraktiver, bei vorübergehender Unterauslastung Belegschaften länger zu halten und auf Entlassungen zu verzichten.

Vor allem aber haben die Hartz-Reformen der rot-grünen Regierung Gerhard Schröders in den Köpfen der Deutschen mehr verändert, als gemeinhin wahrgenommen wird. Sie haben Wille und Bereitschaft gestärkt, so rasch wie möglich aus der Arbeitslosigkeit wieder zurück in die Beschäftigung zu drängen. Fördern und Fordern ist heute akzeptierte Realität geworden. Flexibilität für betriebliche Bündnisse für Arbeit und ein Verzicht der Belegschaften auf überrissene Lohnforderungen im Tausch gegen Beschäftigungsgarantien sind gang und gäbe. Alles in allem hat sich Deutschland in den vergangenen zwölf Jahren enorm verändert, stärker wohl als das übrige Europa. Es hat jene strukturellen Reformen und Modernisierungsschritte angepackt, die allen anderen Euro-Ländern noch bevorstehen.

Fußnoten

1.
Vgl. The Economist: Germany: Europe's engine: Special Report vom 13. März 2010; Michael C. Burda/Jennifer Hunt, What Explains the German Labor Market Miracle in the Great Recession, in: Brookings Papers on Economic Activity, 42 (2011) 1, S. 273-335; Jens Boysen-Hogrefe/Dominik Groll, The German Labour Market Miracle, in: National Institute Economic Review, 214 (2010) 1, S. R38-R50.
2.
Vgl. Michael Bräuninger/Jörg Hinze, Vollbeschäftigung in Reichweite - Eine Projektion, in: Thomas Straubhaar (Hrsg.), Wege zur Vollbeschäftigung, Hamburg 2011, online: www.hwwi.org/fileadmin/hwwi/Publikationen/Studien/Vollbeschaeftigung_final.pdf (21.2.2012), S. 12-26.
3.
Für die Datengrundlage dieses Abschnitts vgl. Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose, Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2011 vom 11.10.2011, online: www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoContent/N/data/forecasts/forecasts_container/GD20111013/GD-Herbst-11.pdf (21.2.2012).
4.
Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Der Arbeitsmarkt im Dezember und im Jahr 2011, Presse Info 001 vom 3.1.2012, online: www.arbeitsagentur.de/nn_27030/zentraler-Content/Pressemeldungen/2012/Presse-12-001.html (22.2.2012).
5.
Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Der Arbeitsmarkt im Januar 2012, Presse Info 004 vom 31.1.2012, online: www.arbeitsagentur.de/nn_27030/zentraler-Content/Pressemeldungen/2012/Presse-12-004.html (22.2.2012).