Aushang Stellenangebote im Schaufenster der Zeitarbeitvermittlung Randstad. Hier: Job-Angebot für Industriemechaniker. Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 19.12.2003

29.3.2012 | Von:
Aysel Yollu-Tok
Werner Sesselmeier

Vollbeschäftigung: ein zeit- und gesellschaftskontingenter Begriff

Die rein ökonomische Definition von Vollbeschäftigung ist nicht in zeitlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eingebettet und muss daher, je nach gesellschaftlicher Organisation von Arbeit, wirtschaftspolitisch übersetzt werden.

Einleitung

Die Beschäftigungssituation in einem Land ist sicherlich eine der kritischsten Größen für die Politik, denn die Arbeitsmarktlage kann über Wahlen entscheiden und tut dies auch oft. Der Grund hierfür ist die zentrale Rolle der Beschäftigung für Wohlstand und Wohlfahrt der Bevölkerung. Prinzipiell profitiert die ganze Gesellschaft von einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt. Vollbeschäftigung führt zu einer nachhaltigen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und damit zu einem stabilen Wirtschaftswachstum. Auf der mikroökonomischen Ebene bedeutet Erwerbsarbeit, dass Individuen ihre Bedürfnisse mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, das heißt einem stabilen Einkommen, kontinuierlich befriedigen können. Erwerbsarbeit ist aber nicht nur die zentrale Größe für objektives, das heißt materielles, sondern auch für subjektives Wohlstandsempfinden. Die gesellschaftliche Anerkennung ist eng mit der Erwerbstätigkeit verknüpft und trägt zusätzlich über das Erwerbseinkommen und die daraus generierte soziale Absicherung einen großen Teil zur sozialen Teilhabe bei.[1] Da dem so ist, soll im Folgenden vier Fragen nachgegangen werden. Erstens: Was ist unter Vollbeschäftigung zu verstehen? Zweitens: Welches sind die theoretischen Grundlagen zur Erklärung von Beschäftigungsentwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften? Drittens: Ist Vollbeschäftigung ein "einfach" zu verfolgendes Ziel? Viertens: Und nochmals: Was ist Vollbeschäftigung?

Was ist Vollbeschäftigung?

Der Begriff der Beschäftigung, im Sinne einer über den Markt organisierten Erwerbstätigkeit, entstand im Zuge der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Einer der Katalysatoren für die Industrialisierung in Deutschland war Bevölkerungswachstum in Kombination mit dem Bedeutungsverlust des primären Sektors. Folglich gab es ein großes Angebot an Arbeitskräften, worauf der wachsende Industriesektor zurückgriff. Anfang des 20. Jahrhunderts kippte diese Situation aber: Die Weltwirtschaftskrise 1929 führte zur Entlassung von sechs Millionen Erwerbstätigen und damit erstmals zu einer Massenarbeitslosigkeit in Deutschland. Diese Zeit kann als Geburtsstunde der Vollbeschäftigung als wirtschaftspolitisches Ziel bezeichnet werden. Vollbeschäftigung ist also ein eher junger Begriff, der erst seit etwa 150 Jahren eine Rolle spielt.

Wann ist Vollbeschäftigung erreicht? Sicherlich nicht erst, wenn alle Bürger, die arbeiten können und wollen, auch Arbeit haben, die Arbeitslosenquote also bei Null liegen würde. In einer dynamischen Marktwirtschaft wird es aufgrund von diversen Übergängen wie Jobwechsel oder dem Übertritt vom Bildungssystem in die Arbeitswelt immer ein gewisses Quantum an sogenannter friktioneller beziehungsweise Sucharbeitslosigkeit geben, die in etwa bei 2% angesiedelt wird.[2] Daneben schwankt die Vorstellung, wann Vollbeschäftigung erreicht sei, mit der gesamtwirtschaftlichen Großwetterlage. So ist in Paragraf 1 des mittlerweile vergessenen, aber immer noch gültigen Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft aus dem Jahre 1967 von einem hohen Beschäftigungsgrad die Rede. Mit "hoher Beschäftigungsgrad" kann, muss aber nicht Vollbeschäftigung gemeint sein. Das Erreichen eines hohen Beschäftigungsstandes bedeutet nicht zwangsläufig Abbau von Arbeitslosigkeit, wenn sich gleichzeitig die Erwerbsbevölkerung ausdehnt. So stiegen beispielsweise in den 1980er Jahren sowohl die Zahl der Erwerbstätigen als auch die Zahl der Arbeitslosen an. Eine Quantifizierung dieser Zielsetzung ist somit gesetzlich nicht fixiert, sondern lässt politische Interpretationsmöglichkeiten offen. Für den Sachverständigenrat war 1967 eine Arbeitslosenquote von 0,8% als Vollbeschäftigung zu verstehen[3] und heute spricht man bei einer Arbeitslosenquote von 5% von Vollbeschäftigung.[4]

Fußnoten

1.
Vgl. Uwe Blien, Arbeitslosigkeit als zentrale Dimension sozialer Ungleichheit, in: APuZ, (2008) 40-41, S. 3-6; Markus Promberger, Arbeit, Arbeitslosigkeit und soziale Integration, in: ebd., S. 7-15.
2.
Vgl. Thomas Straubhaar/Michael Bräuninger, Wege zur Vollbeschäftigung. Zusammenfassung des Gutachtens "Wege zur Vollbeschäftigung", April 2011, online: www.hwwi.org/fileadmin/hwwi/Publikationen/Studien/Schriftenreihe7_Onlineversion.pdf (9.3.2012), S. 12.
3.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Stabilität im Wachstum, Wiesbaden 1967, S. 128.
4.
Vgl. Oliver Blanchard/Lawrence F. Katz, What We Know and Do Not Know About the Natural Rate of Unemployment, in: Journal of Economic Perspectives, 11 (1997) 1, S. 51-72.