Aushang Stellenangebote im Schaufenster der Zeitarbeitvermittlung Randstad. Hier: Job-Angebot für Industriemechaniker. Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 19.12.2003

29.3.2012 | Von:
Martin Dietz
Michael Stops
Ulrich Walwei

Vollbeschäftigung in Sicht? Zur Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Die Arbeitsmarktlage hat sich zuletzt deutlich verbessert, der Aufwärtstrend könnte sich nach Prognosen fortsetzen. Von Vollbeschäftigung kann noch nicht die Rede sein, aber von guten Chancen, die Beschäftigungssituation weiter zu verbessern.

Einleitung

Die Arbeitsmarktlage hat sich zuletzt deutlich verbessert und der Aufwärtstrend könnte sich nach den vorliegenden Prognosen weiter fortsetzen. Angesichts dessen macht das Thema Vollbeschäftigung in der öffentlichen Diskussion zunehmend die Runde. Dabei ist zunächst eine wichtige Frage, wie Vollbeschäftigung überhaupt zu definieren ist. So nennt das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft vom 8. Juni 1967 vier Ziele, die als "magisches Viereck"[1] in die Literatur eingegangen sind. Hierzu gehören ein angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum, Preisniveaustabilität, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und zu guter Letzt ein hoher Beschäftigungsstand oder im besten Fall "Vollbeschäftigung".

Vollbeschäftigung ließe sich also als eine Situation interpretieren, in der alle Personen, die zu bestimmten Bedingungen arbeiten können und sich dazu bereit erklärt haben, auch beschäftigt sind. Konkretisiert wird dieses Ziel häufig mit einer möglichst niedrigen Arbeitslosenquote. Dem Gesetz und seinen Kommentaren ist allerdings nicht zu entnehmen, ab welchem Wert der Arbeitslosenquote Vollbeschäftigung gegeben ist.

Eine Situation mit geringer Arbeitslosigkeit wäre allerdings aus volkswirtschaftlicher Sicht nur dann optimal, wenn gleichzeitig die Zahl der offenen Stellen bei den Betrieben nicht zu hoch ausfällt. Begründung hierfür ist, dass Vollbeschäftigung in einer breiteren, gesamtwirtschaftlichen Perspektive die Auslastung aller Produktionsfaktoren voraussetzt. Eine Situation mit einer hohen ungedeckten Arbeitskräftenachfrage wäre hingegen als Zeichen für einen nicht ausgelasteten Kapitalstock zu werten. Sicher ist, dass die Arbeitslosigkeit oder das Niveau der offenen Stellen niemals bei Null liegen werden, denn immer wird es Personen geben, die nicht friktionsfrei zwischen Beschäftigungsverhältnissen wechseln können, und ebenso werden Betriebe nicht immer den geeigneten Arbeitnehmer zu dem Zeitpunkt finden, zu dem eine Stelle vakant wird. Solche Friktionen sind durchaus funktional, denn es ist sinnvoll, Zeit für die Suche nach einer geeigneten Arbeitsstelle oder nach einem möglichst passenden Bewerber zu investieren. Diese Suchprozesse verbessern die Passung zwischen Angebot und Nachfrage und sind somit auch volkswirtschaftlich erwünscht. Unter diesem Gesichtspunkt läge Vollbeschäftigung also vor, wenn arbeitslose Personen nach einer angemessenen Zeit eine Beschäftigung finden können.[2] Außerdem sollte Langzeitarbeitslosigkeit keine nennenswerte Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund bewerten wir im folgenden Beitrag die aktuelle Arbeitsmarktperformance und fragen, ob in absehbarer Zeit eine auf diese Weise umschriebene Vollbeschäftigungssituation zu erwarten ist. Hierzu werden geeignete Indikatoren eingeführt, um anhand dieser die aktuelle Arbeitsmarktlage zu beschreiben. Das Fazit benennt Herausforderungen, die für eine weitere Verbesserung der Beschäftigungssituation zu bewältigen sind.

Indikatoren zur Beurteilung der Beschäftigungssituation

Der in der öffentlichen Diskussion wichtigste Indikator für die Beschreibung der Beschäftigungssituation ist die Zahl der Arbeitslosen. Sie gibt an, wie viele Personen dem Arbeitsmarkt zusätzlich zu den bereits Beschäftigten zur Verfügung stehen und durch die Meldung bei Arbeitsagenturen und Grundsicherungsträgern zu erkennen geben, dass sie keine Beschäftigung finden können. Die Arbeitslosenquote setzt die Zahl der Arbeitslosen in Beziehung zu den Erwerbspersonen, also der Summe aus Erwerbstätigen und Arbeitslosen. Einen Schritt weiter geht man mit der Betrachtung der Unterbeschäftigung, die sich als die Summe aus der Zahl der gemeldeten Arbeitslosen und der "Stillen Reserve" ergibt.[3] Letztere schließt beispielsweise beschäftigungslose Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik (wie Fort- und Weiterbildung) oder solche Personen ein, die sich entmutigt vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben. Die Unterbeschäftigungsquote misst die Zahl der Personen in Unterbeschäftigung in Relation zur Summe der Erwerbstätigen und der Unterbeschäftigung. Dabei ist zu beachten, dass eine niedrige Arbeitslosen- oder Unterbeschäftigungsquote nicht automatisch mit einem hohen Erwerbstätigen- oder Beschäftigungsniveau einhergehen muss. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Gruppe der Über-60-Jährigen, von denen sich nicht wenige im vorzeitigen Ruhestand befinden und damit weder arbeitslos noch beschäftigt sind.

Insofern ist auch die Erwerbstätigen- beziehungsweise Beschäftigungsquote für die Berurteilung der Arbeitsmarktlage von großer Relevanz. Die Erwerbstätigenquote misst die Zahl der Erwerbstätigen als Anteil an der Bevölkerung. Sie kann als ein direktes Maß für den Beschäftigungsstand gesehen werden. Je höher sie ausfällt, desto eher kann von einer Vollbeschäftigungssituation gesprochen werden. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass die Erwerbstätigenquote nicht beliebig gesteigert werden kann. Es gibt viele Gründe, warum Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht erwerbstätig sind. So wurde bereits darauf hingewiesen, dass Arbeitslosigkeit auch als Suchzeit interpretiert werden kann. Außerdem investieren junge Menschen durch Schul- und Hochschulbildung sowie Berufsausbildung in ihr "Humankapital". Im familiären Kontext können Auszeiten benötigt werden, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen. Im Laufe des Erwerbslebens kann beispielsweise in Folge eines Arbeitsplatzverlustes eine Umschulung oder Weiterbildung für einen Perspektivwechsel und damit Zeiten der Nicht-Erwerbstätigkeit sorgen. Schließlich können Menschen auch aufgrund von vorzeitigem Ruhestand oder auch von Krankheit und Unfallfolgen nicht am Arbeitsmarkt präsent sein.

Als Maß für die Anspannung von Arbeitsmärkten kann schließlich die Relation von Arbeitslosen und offenen Stellen herangezogen werden. Je mehr Arbeitslose auf eine offene Stelle kommen, desto weniger kann von einem "angespannten" oder "geräumten" Arbeitsmarkt gesprochen werden und umso weiter wäre man von einer Vollbeschäftigungssituation entfernt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass eine geringe Relation von Arbeitslosen zu offenen Stellen noch nichts über das absolute Niveau beider Größen aussagt. So kann sich eine niedrige Relation von Arbeitslosen zu offenen Stellen auch dann ergeben, wenn die Zahl der Arbeitslosen und der offenen Stellen groß ist. Ein solcher Fall wäre als Zeichen einer niedrigen Matching-Effizienz auf dem Arbeitsmarkt anzusehen.

Fußnoten

1.
Von einem "magischen Viereck" wird deshalb gesprochen, weil wirtschaftspolitische Maßnahmen nicht alle Ziele gleichzeitig adressieren können und Konflikte zwischen den Zielen auftreten können.
2.
Vgl. Herrmann Gartner, Vollbeschäftigung aus Sicht der modernen Arbeitsmarkttheorie. Wie hoch will man springen?, in: IAB-Forum, (2008) 2, S. 9-13.
3.
Im Folgenden stellen wir die Entwicklung der Unterbeschäftigung als Summe aus der Zahl der Kurzzeitarbeitslosen, der Langzeitarbeitslosen und der Stillen Reserve dar. Zur Messung der Unterbeschäftigung und Stillen Reserve vgl. Johann Fuchs, Erwerbspersonenpotenzial und Stille Reserve - Konzeption und Berechnungsweise, in: Gerhard Kleinhenz (Hrsg.), IAB-Kompendium Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg 2002, S. 79-94.