Aushang Stellenangebote im Schaufenster der Zeitarbeitvermittlung Randstad. Hier: Job-Angebot für Industriemechaniker. Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 19.12.2003

29.3.2012 | Von:
Martin Dietz
Michael Stops
Ulrich Walwei

Vollbeschäftigung in Sicht? Zur Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Aktuelle Arbeitsmarktperformance

Um ein möglichst umfassendes Bild der Arbeitsmarktperformance zu erhalten, werden die verschiedenen Indikatoren im Folgenden komplementär betrachtet. Neben einer gesamtwirtschaftlichen Perspektive werden zudem regionale, qualifikatorische und berufliche Aspekte berücksichtigt, da sich auf Teilarbeitsmärkten Entwicklungen zeigen können, die sich einer rein gesamtwirtschaftlichen Betrachtung verschließen.

Gesamtlage.
Nachdem Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung bis 2005 angestiegen waren, hat sich die Lage seitdem spürbar verbessert. Die Arbeitslosen- und Unterbeschäftigungsquoten zeigen einen nahezu parallelen Verlauf und haben deutlich abgenommen (vgl. Abbildung 1 und 2 in der PDF-Version). Der Rückgang von 2005 bis 2011 umfasst absolut 39% (vgl. Abbildung 1 in der PDF-Version) oder 4,6 Prozentpunkte (vgl. Abbildung 2 in der PDF-Version) bei der Arbeitslosigkeit sowie 34% oder 5 Prozentpunkte bei der Unterbeschäftigung. Die Entwicklung der absoluten Größen macht zudem deutlich, dass die Verbesserung der Arbeitsmarktlage nicht allein auf Verschiebungen zwischen Arbeitslosigkeit und Stiller Reserve zurückzuführen ist.

Trotz allem ist eine Zahl von rund drei Millionen Arbeitslosen nicht als niedrig zu bezeichnen. Besondere Sorgen machen vor allem Personen, die bereits längere Zeit arbeitslos und nur mit größeren Problemen wieder in Beschäftigung zu bringen sind. So liegt die Zahl der Langzeitarbeitslosen noch immer bei knapp einer Million.[4] Betrachtet man die Arbeitslosigkeit nach Rechtskreisen, so zeigt sich, dass etwa zwei Drittel der Arbeitslosen auf die Grundsicherung entfallen. Dieser Personenkreis ist relativ arbeitsmarktfern, gerade auch im Vergleich zu Personen, die noch Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung erhalten.[5]

Die insgesamt positive Entwicklung bei der Arbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung zeigt sich auch bei der Erwerbstätigkeit (vgl. Abbildung 3 in der PDF-Version). Deren Zahl ist zwischen 2005 und 2011 besonders kräftig gestiegen - um 5,4 % beziehungsweise 2,124 Millionen. Blickt man auf die Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Vollzeitäquivalenten, so ist die Aufwärtsbewegung nicht ganz so stark ausgeprägt. Die Erwerbstätigenzahl in Vollzeitäquivalenten erhöhte sich im gleichen Zeitraum lediglich um 4,5 % beziehungsweise 1,411 Millionen.[6] Wesentliche Gründe hierfür sind der kontinuierliche Aufwuchs bei der Teilzeitbeschäftigung und temporäre Verkürzungen der Arbeitszeit (beispielsweise durch Kurzarbeit, weniger Überstunden oder auch dem Abbau von Arbeitszeitkonten) im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009. Diese Einschränkungen tun dem grundsätzlich positiven Trend auf der Beschäftigungsseite jedoch keinen Abbruch.

Der Blick auf Arbeitslose und offene Stellen zeigt zunächst, dass deren Verhältnis dem Konjunkturverlauf folgt. In Zeiten des Aufschwungs mit hohen Wachstumsraten benötigen die Betriebe vermehrt neues Personal, so dass die Zahl der offenen Stellen steigt, die Arbeitslosigkeit sinkt und die entsprechende Relation zurückgeht. Die Arbeitsmarktanspannung steigt also, während in Phasen der Rezession die umgekehrte Entwicklung zu beobachten ist. Bis 2011 sank die Relation auf einen Wert, der noch unterhalb des bereits niedrigen Niveaus vor der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 liegt. Die Zahl der sofort zu besetzenden Stellen stieg im vierten Quartal 2011 auf gut 850.000.

Betrachtet man das Gesamtbild aus Beschäftigungsentwicklung, Arbeitslosenzahlen sowie Arbeitsmarktanspannung, so ist der positive Trend unübersehbar. Die Ursachen für diese Entwicklung sind nur schwer wissenschaftlich zu identifizieren, da man Probleme hat, einzelne Erklärungsfaktoren zu isolieren.[7] So viel lässt sich aber sagen: Sie ist im Kern weder auf ein besonders kräftiges Wirtschaftswachstum noch auf geänderte Erfassungsregeln bei der Arbeitslosigkeit oder gar auf Auswirkungen des demografischen Wandels zurückzuführen. Den positiven Trend verstärkt haben dürften dagegen die Arbeitsmarktreformen, welche die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes, die Konzessionsbereitschaft der Bewerber und die Suchaktivitäten von Arbeitslosen erhöht haben. Dazu kommt eine beschäftigungsfreundliche Lohnpolitik, die insbesondere in Phasen des wirtschaftlichen Aufschwungs die Arbeitsnachfrage beflügelt und im Abschwung den Kostendruck gebremst hat. Schließlich hat das erfolgreiche Krisenmanagement während der Wirtschafts- und Finanzkrise einen neuerlichen Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit verhindert. Qualifiziertes und gut eingearbeitetes Personal wurde in einem bisher nicht gekannten Maße gehalten.[8]

Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene kann festgehalten werden, dass sich der Beschäftigungsstand zuletzt spürbar verbessert hat und man damit einer Vollbeschäftigungssituation zumindest näher gekommen ist. Sie ist aber bei Weitem noch nicht erreicht. Bei einer näheren Betrachtung von Teilarbeitsmärkten wird zudem deutlich, dass sich die Situation zwischen Regionen, Qualifikationen und Berufen zum Teil erheblich unterscheidet.

Unterschiedliche Entwicklung auf Teilarbeitsmärkten.
Der erreichte Beschäftigungsstand variiert nicht nur über die Zeit, es zeigen sich auch Divergenzen im regionalen Vergleich (vgl. Abbildung 5 in der PDF-Version). So lagen die Erwerbstätigenquoten im Jahre 2010 zwischen 65,6% in Berlin und 74,6% in Bayern und die Arbeitslosenquoten zwischen 3,8% in Bayern und 13,2% in Berlin. Einige Regionen im Süden Deutschlands sind einer Vollbeschäftigungssituation damit bereits deutlich näher gekommen als andere, vor allem im Nordosten Deutschlands.

Eine Spaltung des bundesdeutschen Arbeitsmarktes wird auch beim Blick auf die Beschäftigungschancen in Abhängigkeit von der Qualifikation deutlich. Abbildung 6 (vgl. Abbildung 6 in der PDF-Version illustriert die qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten in den Jahren 2000 bis 2009. Es zeigt sich, dass die Arbeitslosenquote umso niedriger liegt, je höher die Qualifikation ist. Gering Qualifizierte tragen mit einer Arbeitslosenquote von über 20% das mit Abstand größte Arbeitslosigkeitsrisiko. Im Vergleich dazu liegen die Arbeitslosenquoten der hoch Qualifizierten mit unter 3% sehr viel näher am Ziel der Vollbeschäftigung. Dazwischen finden sich Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, deren Arbeitslosenquote unter dem Durchschnitt liegt. Spiegelbildlich verhalten sich die Erwerbstätigenquoten von Personen zwischen 30 und 64 Jahren nach formaler Qualifikation. Laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes weisen die Akademiker im Jahr 2010 mit gut 88% die höchsten Werte auf, gefolgt von Personen mit einem Ausbildungsabschluss (78%) und den Personen ohne formale Qualifikation (57%).

Unterschiedliche Arbeitsmarktkonstellationen zeigen sich auch bei den Berufen (vgl. Abbildung 7 in der PDF-Version). In einigen Berufsfeldern sind Werte zu beobachten, die weit über dem Durchschnittswert von 4,2 Arbeitslosen pro sofort zu besetzender Stelle liegen. Bei den Warenprüfern mit 27 Arbeitslosen pro offene Stelle wird ein deutlicher Angebotsüberschuss sichtbar. Bei den Ingenieuren, Chemikern, Physikern und Mathematikern, bei den Elektro- und Gesundheitsberufen liegen die Werte dagegen unter 1 - hier steht also nicht jeder offenen Stelle ein Arbeitsloser gegenüber, sodass man von einer starken Anspannung auf den jeweiligen Teilarbeitsmärkten ausgehen kann. Hier spricht also bereits einiges für Vollbeschäftigung. Eine solche Situation kann allerdings an anderer Stelle Probleme aufwerfen. So mag eine Knappheit an bestimmten Fachkräften die wirtschaftliche Aktivität der Betriebe beschränken und damit volkswirtschaftliche Kosten verursachen.

Allerdings gilt es bei dieser Darstellung beruflicher Teilarbeitsmärkte zu berücksichtigen, dass der betrieblichen Nachfrage mit den Arbeitslosen nur ein - zudem sehr spezielles - Segment der Angebotsseite gegenübergestellt wird. So vernachlässigt man, dass Personen aus dem Bildungssystem nachrücken und eine entsprechende Nachfrage bedienen. Zudem gibt es auch zwischen Berufsfeldern eine gewisse Flexibilität, sodass durch Übergänge zwischen Berufen Anspannung aus bestimmten Marktsegmenten genommen werden kann.[9]

Fußnoten

4.
Als langzeitarbeitslos gilt, wer zwölf Monate und länger arbeitslos ist. Bei der Interpretation ist jedoch zu beachten, dass neben dem Abgang aus Arbeitslosigkeit in Erwerbstätigkeit auch die Teilnahme an bestimmten Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik sowie der Abgang in sonstige Nicht-Erwerbstätigkeit (insb. Krankheit) für eine Dauer von mehr als sechs Wochen den Arbeitslosenstatus beenden. Bei erneuter Arbeitslosigkeit beginnt dann die Zählung der Dauer von vorn. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen kann deshalb nur näherungsweise als ein Indikator für verfestigte Arbeitslosigkeit herangezogen werden und unterschätzt diese tendenziell.
5.
Vgl. Tobias Graf/Helmut Rudolph, Dynamik im SGB II 2005-2007: Viele Bedarfsgemeinschaften bleiben lange bedürftig, IAB-Kurzbericht 5/2009, S. 8.
6.
Berechnungen basieren auf Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Angaben zu den Vollzeitäquivalenten sind entnommen aus Dominik Asef/Susanne Wanger/Ines Zapf, Statistische Messung des Arbeitseinsatzes - Erkenntnisgewinn durch die Berechnung von Arbeitsvolumen und Vollzeitäquivalenten der Erwerbstätigen, in: Wirtschaft und Statistik, (2011) 11, S. 1058-1064.
7.
Vgl. Ulrich Walwei, Veränderte Strukturen des deutschen Arbeitsmarktes: zukunftsfähig oder doch nicht nachhaltig?, in: WSI-Mitteilungen, 64 (2011) 11, S. 563-570.
8.
Vgl. Martin Dietz/Laura Dittrich/Michael Stops/Ulrich Walwei, Beschäftigungssicherung durch Arbeitskräftehorten, in: Sozialer Fortschritt, 60 (2011) 10, S. 221-231.
9.
Vgl. Natascha Nisic/Parvati Trübswetter, Lohnentwicklung 1994 bis 2008: Berufswechsler in Deutschland und Großbritannien, IAB-Kurzbericht 01/2012; Joachim Möller/Achim Schmillen, Verteilung von Arbeitslosigkeit um Erwerbsleben: Hohe Konzentration auf wenige - steigendes Risiko für alle, IAB-Kurzbericht 24/2008.