Aushang Stellenangebote im Schaufenster der Zeitarbeitvermittlung Randstad. Hier: Job-Angebot für Industriemechaniker. Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 19.12.2003

29.3.2012 | Von:
Martin Dietz
Michael Stops
Ulrich Walwei

Vollbeschäftigung in Sicht? Zur Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Längerfristige arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitische Herausforderungen

Die längerfristige Entwicklung am Arbeitsmarkt wird zunehmend durch die demografische Entwicklung geprägt. Es steht zu erwarten, dass es zu einem beschleunigten Rückgang der verfügbaren Arbeitskräfte kommen wird (vgl. Abbildung 8 in der PDF-Version). Die demografische Entwicklung wird sich aber nicht nur auf die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte (das Erwerbspersonenpotenzial) auswirken, sondern auch auf deren Struktur. Der Geburtenrückgang führt zu einer veränderten Zusammensetzung der Altersgruppen und zu einer Alterung des Arbeitskräfteangebots.

Ein geringeres Erwerbspersonenpotenzial nimmt zunächst Druck vom Arbeitsmarkt. Weniger Arbeitskräfte bedeuten aber nicht zwangsläufig, dass die Arbeitslosigkeit in gleichem Umfang abnehmen muss und somit eine verbesserte Arbeitsmarktperformance zum Selbstläufer würde. Denn eine rückläufige Bevölkerung und ein zurückgehendes Arbeitskräfteangebot können die Investitionen und somit den Kapitalstock in der Volkswirtschaft schrumpfen lassen sowie den Konsum bremsen.[10]

Ein weiteres Risiko besteht zudem in einem möglicherweise wachsenden Mismatch, wenn aufgrund von Fachkräfteengpässen einerseits und verfestigter Arbeitslosigkeit andererseits wirtschaftliche Möglichkeiten nicht in vollem Maße wahrgenommen werden können. Aus beiden Formen von Marktungleichgewichten ergeben sich damit weiterhin wichtige arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitische Handlungsfelder.

Als dritte Herausforderung hat sich in der öffentlichen und der wissenschaftlichen Diskussion der vergangenen Jahre die Qualität der Beschäftigung herauskristallisiert. Es geht also um die Frage, ob die positive Beschäftigungsentwicklung möglicherweise durch einen Qualitätsverlust bei der Beschäftigungssicherheit oder der Einkommen erkauft wurde. Diese drei Handlungsfelder werden im Folgenden beschrieben und zeigen, dass das Vollbeschäftigungsziel trotz Verbesserungen der vergangenen Jahre noch immer ambitioniert ist und zudem darauf zu achten wäre, in welcher Form weitere Beschäftigungszuwächse erzielt werden können.

Weiterhin stark verfestigte Arbeitslosigkeit.
Ein hoher Beschäftigungsstand ist nur dann erreicht, wenn es auch gelingt, den Sockel an verfestigter Arbeitslosigkeit weitgehend abzubauen, denn trotz der ermutigenden Befunde wird es einem Teil der Arbeitslosen nicht ohne Weiteres gelingen, wieder in Beschäftigung zu kommen.

Juliane Achatz und Mark Trappmann identifizierten Risikomerkmale für Arbeitslosengeld-II-Empfänger, denen ein Übergang in eine mindestens 15 Stunden umfassende Beschäftigung nicht gelang.[11] Hierzu gehören beispielsweise fehlende Schul- und Ausbildungsabschlüsse, gesundheitliche Einschränkungen, lange Verweildauern im Grundsicherungsbezug, ein höheres Alter (50 Jahre und älter), eine begrenzte Beherrschung der deutschen Sprache, die Pflege von Angehörigen sowie Mutterschaft. Je mehr dieser Merkmale gleichzeitig vorliegen, desto niedriger sind die Eingliederungschancen. Für Personen mit diesen Vermittlungshemmnissen ist ein besonderer Aufwand nötig, um sie wieder an den allgemeinen Arbeitsmarkt heranzuführen. Das SGB II bietet dabei bereits eine Vielzahl an Förderinstrumenten, die angepasst an die Problemlagen der Arbeitslosen eingesetzt werden können. Dabei kann zunächst auch öffentlich geförderte Beschäftigung eine Rolle spielen, jedoch nur, wenn sie wohl dosiert und gezielt eingesetzt wurde. Häufig ist eine intensive individuelle Betreuung notwendig und auch flankierende passgenaue Qualifikationsmaßnahmen können förderlich sein.[12]

Wachsende Fachkräfteengpässe.
Viele Betriebe klagen bereits heute über einen Fachkräftemangel, wobei dieser nicht als flächendeckend anzusehen ist, sondern eher bestimmte regionale Arbeitsmärkte oder berufliche Teilsegmente betrifft.[13] Mit Blick auf die auch zukünftig hohen Qualifikationsanforderungen der Betriebe und den demografischen Wandel ist eher eine Verschärfung der Situation zu erwarten, auch wenn mit Lohnsteigerungen oder kapitalintensiveren Produktionswegen Ausgleichsmechanismen der Märkte greifen können. Denn bevölkerungsstarke und im Durchschnitt gut qualifizierte Kohorten verlassen den Arbeitsmarkt und relativ schwach besetzte Jahrgänge rücken nach.

Mit Blick auf die nachrückenden Kohorten wird es in erster Linie wichtig sein, für eine gute Ausbildung zu sorgen und den Anteil von Personen ohne Schul- oder Ausbildungsabschluss gering zu halten. Potenziale lassen sich noch bei der Erwerbsbeteiligung von Älteren und bei den Frauen erschließen, wobei es bei Letzteren wegen der starken Teilzeitbeschäftigung vor allem um eine Ausweitung des Arbeitsvolumens ginge. Schließlich kann eine gesteuerte Zuwanderung helfen, qualifizierte Arbeitnehmer nach Deutschland zu holen. Mit Blick auf die Arbeitsmarktprobleme von Personen mit Migrationshintergrund ist hiermit jedoch nicht nur der Aspekt des Anwerbens, sondern auch der Integration in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft mitzudenken.

Polarisierung der Beschäftigung.
Die Erwerbsarbeit ist in den vergangenen beiden Dekaden heterogener geworden. Vollzeitnahe, unbefristete Beschäftigungsverhältnisse außerhalb der Zeitarbeitsbranche haben relativ und absolut an Bedeutung verloren und sogenannte atypische Erwerbsformen wie selbstständige Tätigkeiten, Teilzeitbeschäftigung, befristete Beschäftigung und Leiharbeit sind stärker gewachsen als die Erwerbstätigkeit insgesamt.[14] Dazu kommt das wachsende Niveau der Niedriglohnbeschäftigung, die häufig bei atypischen Erwerbsformen anzutreffen ist.[15] Für die Akzeptanz eines hohen Beschäftigungsstandes wird es heute und in Zukunft wichtig sein, wie sich die Qualität der Erwerbstätigkeit weiter entwickelt. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass weniger attraktive Beschäftigung durchaus als Einstiegshilfe aus der Arbeitslosigkeit fungieren kann.[16] Genauso wichtig ist aber die Aufwärtsmobilität: Gelingt der Aufstieg in eine stabilere, höherwertige oder besser entlohnte Tätigkeit?

Abschließend ist also zu konstatieren, dass sich die Arbeitsmarktlage in den vergangenen Jahren deutlich verbessert hat. Dennoch kann von Vollbeschäftigung noch immer keine Rede sein. Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hoch - vor allem die Integration von Personen ohne formale Qualifikation gelingt weiterhin nicht zufriedenstellend. Weitere Verbesserungen am Arbeitsmarkt und damit die Annäherung an die Vollbeschäftigung sind zudem kein Selbstläufer, denn die demografische Entwicklung allein wird es nicht richten. Dennoch bestehen gute Chancen, die Beschäftigungssituation weiter zu verbessern, wenn die dargestellten Herausforderungen richtig adressiert werden. Die Vermeidung von Bildungs- und Ausbildungsarmut wird dabei ebenso von zentraler Bedeutung sein wie der Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit über den Erwerbsverlauf hinweg.

Fußnoten

10.
Vgl. Gianmarco I.P. Ottaviano/Giovanni Perri, Rethinking the Effects of Immigration on Wages, online: www.nber.org/papers/w12497.pdf (20.3.2011); Herbert Brücker/Elke J. Jahn, Arbeitsmarktwirkung der Migration: Einheimische Arbeitskräfte gewinnen durch Zuwanderung, IAB-Kurzbericht 26/2010.
11.
Vgl. Juliane Achatz/Mark Trappmann, Arbeitsmarktvermittelte Abgänge aus der Grundsicherung - Der Einfluss von personen- und haushaltsgebundenen Arbeitsmarktbarrieren, IAB-Discussion Paper 2/2011.
12.
Vgl. Susanne Koch/Peter Kupka, Öffentlich geförderte Beschäftigung. Integration und Teilhabe für Langzeitarbeitslose, Bonn 2012.
13.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Arbeitskräftereport, Berlin 2012.
14.
Vgl. Martin Dietz/Ulrich Walwei, Mehr Beschäftigung um jeden Preis?, in: Karin Kaudelka/Gerhard Kilger (Hrsg.), Die Arbeitswelt von morgen. Wie wollen wir leben und arbeiten?, Bielefeld 2010, S. 57-87.
15.
Vgl. Thorsten Kalina/Claudia Weinkopf, Niedriglohnbeschäftigung 2008: Stagnation auf hohem Niveau - Lohnspektrum franst nach unten aus, IAQ-Report 6/2010.
16.
Vgl. Christian Hohendanner/Hans-Dieter Gerner, Die Übernahme befristet Beschäftigter im Kontext betrieblicher Personalpolitik, in: Soziale Welt, 61 (2010) 1, S. 27-50; Florian Lehmer/Kerstin Ziegler, Brückenfunktion der Leiharbeit: Zumindest ein schmaler Steg, IAB-Kurzbericht 13/2010.