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29.3.2012 | Von:
Martin Dietz
Michael Stops
Ulrich Walwei

Vollbeschäftigung in Sicht? Zur Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Die Arbeitsmarktlage hat sich zuletzt deutlich verbessert, der Aufwärtstrend könnte sich nach Prognosen fortsetzen. Von Vollbeschäftigung kann noch nicht die Rede sein, aber von guten Chancen, die Beschäftigungssituation weiter zu verbessern.

Einleitung

Die Arbeitsmarktlage hat sich zuletzt deutlich verbessert und der Aufwärtstrend könnte sich nach den vorliegenden Prognosen weiter fortsetzen. Angesichts dessen macht das Thema Vollbeschäftigung in der öffentlichen Diskussion zunehmend die Runde. Dabei ist zunächst eine wichtige Frage, wie Vollbeschäftigung überhaupt zu definieren ist. So nennt das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft vom 8. Juni 1967 vier Ziele, die als "magisches Viereck"[1] in die Literatur eingegangen sind. Hierzu gehören ein angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum, Preisniveaustabilität, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und zu guter Letzt ein hoher Beschäftigungsstand oder im besten Fall "Vollbeschäftigung".

Vollbeschäftigung ließe sich also als eine Situation interpretieren, in der alle Personen, die zu bestimmten Bedingungen arbeiten können und sich dazu bereit erklärt haben, auch beschäftigt sind. Konkretisiert wird dieses Ziel häufig mit einer möglichst niedrigen Arbeitslosenquote. Dem Gesetz und seinen Kommentaren ist allerdings nicht zu entnehmen, ab welchem Wert der Arbeitslosenquote Vollbeschäftigung gegeben ist.

Eine Situation mit geringer Arbeitslosigkeit wäre allerdings aus volkswirtschaftlicher Sicht nur dann optimal, wenn gleichzeitig die Zahl der offenen Stellen bei den Betrieben nicht zu hoch ausfällt. Begründung hierfür ist, dass Vollbeschäftigung in einer breiteren, gesamtwirtschaftlichen Perspektive die Auslastung aller Produktionsfaktoren voraussetzt. Eine Situation mit einer hohen ungedeckten Arbeitskräftenachfrage wäre hingegen als Zeichen für einen nicht ausgelasteten Kapitalstock zu werten. Sicher ist, dass die Arbeitslosigkeit oder das Niveau der offenen Stellen niemals bei Null liegen werden, denn immer wird es Personen geben, die nicht friktionsfrei zwischen Beschäftigungsverhältnissen wechseln können, und ebenso werden Betriebe nicht immer den geeigneten Arbeitnehmer zu dem Zeitpunkt finden, zu dem eine Stelle vakant wird. Solche Friktionen sind durchaus funktional, denn es ist sinnvoll, Zeit für die Suche nach einer geeigneten Arbeitsstelle oder nach einem möglichst passenden Bewerber zu investieren. Diese Suchprozesse verbessern die Passung zwischen Angebot und Nachfrage und sind somit auch volkswirtschaftlich erwünscht. Unter diesem Gesichtspunkt läge Vollbeschäftigung also vor, wenn arbeitslose Personen nach einer angemessenen Zeit eine Beschäftigung finden können.[2] Außerdem sollte Langzeitarbeitslosigkeit keine nennenswerte Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund bewerten wir im folgenden Beitrag die aktuelle Arbeitsmarktperformance und fragen, ob in absehbarer Zeit eine auf diese Weise umschriebene Vollbeschäftigungssituation zu erwarten ist. Hierzu werden geeignete Indikatoren eingeführt, um anhand dieser die aktuelle Arbeitsmarktlage zu beschreiben. Das Fazit benennt Herausforderungen, die für eine weitere Verbesserung der Beschäftigungssituation zu bewältigen sind.

Indikatoren zur Beurteilung der Beschäftigungssituation

Der in der öffentlichen Diskussion wichtigste Indikator für die Beschreibung der Beschäftigungssituation ist die Zahl der Arbeitslosen. Sie gibt an, wie viele Personen dem Arbeitsmarkt zusätzlich zu den bereits Beschäftigten zur Verfügung stehen und durch die Meldung bei Arbeitsagenturen und Grundsicherungsträgern zu erkennen geben, dass sie keine Beschäftigung finden können. Die Arbeitslosenquote setzt die Zahl der Arbeitslosen in Beziehung zu den Erwerbspersonen, also der Summe aus Erwerbstätigen und Arbeitslosen. Einen Schritt weiter geht man mit der Betrachtung der Unterbeschäftigung, die sich als die Summe aus der Zahl der gemeldeten Arbeitslosen und der "Stillen Reserve" ergibt.[3] Letztere schließt beispielsweise beschäftigungslose Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik (wie Fort- und Weiterbildung) oder solche Personen ein, die sich entmutigt vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben. Die Unterbeschäftigungsquote misst die Zahl der Personen in Unterbeschäftigung in Relation zur Summe der Erwerbstätigen und der Unterbeschäftigung. Dabei ist zu beachten, dass eine niedrige Arbeitslosen- oder Unterbeschäftigungsquote nicht automatisch mit einem hohen Erwerbstätigen- oder Beschäftigungsniveau einhergehen muss. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Gruppe der Über-60-Jährigen, von denen sich nicht wenige im vorzeitigen Ruhestand befinden und damit weder arbeitslos noch beschäftigt sind.

Insofern ist auch die Erwerbstätigen- beziehungsweise Beschäftigungsquote für die Berurteilung der Arbeitsmarktlage von großer Relevanz. Die Erwerbstätigenquote misst die Zahl der Erwerbstätigen als Anteil an der Bevölkerung. Sie kann als ein direktes Maß für den Beschäftigungsstand gesehen werden. Je höher sie ausfällt, desto eher kann von einer Vollbeschäftigungssituation gesprochen werden. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass die Erwerbstätigenquote nicht beliebig gesteigert werden kann. Es gibt viele Gründe, warum Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht erwerbstätig sind. So wurde bereits darauf hingewiesen, dass Arbeitslosigkeit auch als Suchzeit interpretiert werden kann. Außerdem investieren junge Menschen durch Schul- und Hochschulbildung sowie Berufsausbildung in ihr "Humankapital". Im familiären Kontext können Auszeiten benötigt werden, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen. Im Laufe des Erwerbslebens kann beispielsweise in Folge eines Arbeitsplatzverlustes eine Umschulung oder Weiterbildung für einen Perspektivwechsel und damit Zeiten der Nicht-Erwerbstätigkeit sorgen. Schließlich können Menschen auch aufgrund von vorzeitigem Ruhestand oder auch von Krankheit und Unfallfolgen nicht am Arbeitsmarkt präsent sein.

Als Maß für die Anspannung von Arbeitsmärkten kann schließlich die Relation von Arbeitslosen und offenen Stellen herangezogen werden. Je mehr Arbeitslose auf eine offene Stelle kommen, desto weniger kann von einem "angespannten" oder "geräumten" Arbeitsmarkt gesprochen werden und umso weiter wäre man von einer Vollbeschäftigungssituation entfernt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass eine geringe Relation von Arbeitslosen zu offenen Stellen noch nichts über das absolute Niveau beider Größen aussagt. So kann sich eine niedrige Relation von Arbeitslosen zu offenen Stellen auch dann ergeben, wenn die Zahl der Arbeitslosen und der offenen Stellen groß ist. Ein solcher Fall wäre als Zeichen einer niedrigen Matching-Effizienz auf dem Arbeitsmarkt anzusehen.

Aktuelle Arbeitsmarktperformance

Um ein möglichst umfassendes Bild der Arbeitsmarktperformance zu erhalten, werden die verschiedenen Indikatoren im Folgenden komplementär betrachtet. Neben einer gesamtwirtschaftlichen Perspektive werden zudem regionale, qualifikatorische und berufliche Aspekte berücksichtigt, da sich auf Teilarbeitsmärkten Entwicklungen zeigen können, die sich einer rein gesamtwirtschaftlichen Betrachtung verschließen.

Gesamtlage.
Nachdem Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung bis 2005 angestiegen waren, hat sich die Lage seitdem spürbar verbessert. Die Arbeitslosen- und Unterbeschäftigungsquoten zeigen einen nahezu parallelen Verlauf und haben deutlich abgenommen (vgl. Abbildung 1 und 2 in der PDF-Version). Der Rückgang von 2005 bis 2011 umfasst absolut 39% (vgl. Abbildung 1 in der PDF-Version) oder 4,6 Prozentpunkte (vgl. Abbildung 2 in der PDF-Version) bei der Arbeitslosigkeit sowie 34% oder 5 Prozentpunkte bei der Unterbeschäftigung. Die Entwicklung der absoluten Größen macht zudem deutlich, dass die Verbesserung der Arbeitsmarktlage nicht allein auf Verschiebungen zwischen Arbeitslosigkeit und Stiller Reserve zurückzuführen ist.

Trotz allem ist eine Zahl von rund drei Millionen Arbeitslosen nicht als niedrig zu bezeichnen. Besondere Sorgen machen vor allem Personen, die bereits längere Zeit arbeitslos und nur mit größeren Problemen wieder in Beschäftigung zu bringen sind. So liegt die Zahl der Langzeitarbeitslosen noch immer bei knapp einer Million.[4] Betrachtet man die Arbeitslosigkeit nach Rechtskreisen, so zeigt sich, dass etwa zwei Drittel der Arbeitslosen auf die Grundsicherung entfallen. Dieser Personenkreis ist relativ arbeitsmarktfern, gerade auch im Vergleich zu Personen, die noch Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung erhalten.[5]

Die insgesamt positive Entwicklung bei der Arbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung zeigt sich auch bei der Erwerbstätigkeit (vgl. Abbildung 3 in der PDF-Version). Deren Zahl ist zwischen 2005 und 2011 besonders kräftig gestiegen - um 5,4 % beziehungsweise 2,124 Millionen. Blickt man auf die Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Vollzeitäquivalenten, so ist die Aufwärtsbewegung nicht ganz so stark ausgeprägt. Die Erwerbstätigenzahl in Vollzeitäquivalenten erhöhte sich im gleichen Zeitraum lediglich um 4,5 % beziehungsweise 1,411 Millionen.[6] Wesentliche Gründe hierfür sind der kontinuierliche Aufwuchs bei der Teilzeitbeschäftigung und temporäre Verkürzungen der Arbeitszeit (beispielsweise durch Kurzarbeit, weniger Überstunden oder auch dem Abbau von Arbeitszeitkonten) im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009. Diese Einschränkungen tun dem grundsätzlich positiven Trend auf der Beschäftigungsseite jedoch keinen Abbruch.

Der Blick auf Arbeitslose und offene Stellen zeigt zunächst, dass deren Verhältnis dem Konjunkturverlauf folgt. In Zeiten des Aufschwungs mit hohen Wachstumsraten benötigen die Betriebe vermehrt neues Personal, so dass die Zahl der offenen Stellen steigt, die Arbeitslosigkeit sinkt und die entsprechende Relation zurückgeht. Die Arbeitsmarktanspannung steigt also, während in Phasen der Rezession die umgekehrte Entwicklung zu beobachten ist. Bis 2011 sank die Relation auf einen Wert, der noch unterhalb des bereits niedrigen Niveaus vor der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 liegt. Die Zahl der sofort zu besetzenden Stellen stieg im vierten Quartal 2011 auf gut 850.000.

Betrachtet man das Gesamtbild aus Beschäftigungsentwicklung, Arbeitslosenzahlen sowie Arbeitsmarktanspannung, so ist der positive Trend unübersehbar. Die Ursachen für diese Entwicklung sind nur schwer wissenschaftlich zu identifizieren, da man Probleme hat, einzelne Erklärungsfaktoren zu isolieren.[7] So viel lässt sich aber sagen: Sie ist im Kern weder auf ein besonders kräftiges Wirtschaftswachstum noch auf geänderte Erfassungsregeln bei der Arbeitslosigkeit oder gar auf Auswirkungen des demografischen Wandels zurückzuführen. Den positiven Trend verstärkt haben dürften dagegen die Arbeitsmarktreformen, welche die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes, die Konzessionsbereitschaft der Bewerber und die Suchaktivitäten von Arbeitslosen erhöht haben. Dazu kommt eine beschäftigungsfreundliche Lohnpolitik, die insbesondere in Phasen des wirtschaftlichen Aufschwungs die Arbeitsnachfrage beflügelt und im Abschwung den Kostendruck gebremst hat. Schließlich hat das erfolgreiche Krisenmanagement während der Wirtschafts- und Finanzkrise einen neuerlichen Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit verhindert. Qualifiziertes und gut eingearbeitetes Personal wurde in einem bisher nicht gekannten Maße gehalten.[8]

Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene kann festgehalten werden, dass sich der Beschäftigungsstand zuletzt spürbar verbessert hat und man damit einer Vollbeschäftigungssituation zumindest näher gekommen ist. Sie ist aber bei Weitem noch nicht erreicht. Bei einer näheren Betrachtung von Teilarbeitsmärkten wird zudem deutlich, dass sich die Situation zwischen Regionen, Qualifikationen und Berufen zum Teil erheblich unterscheidet.

Unterschiedliche Entwicklung auf Teilarbeitsmärkten.
Der erreichte Beschäftigungsstand variiert nicht nur über die Zeit, es zeigen sich auch Divergenzen im regionalen Vergleich (vgl. Abbildung 5 in der PDF-Version). So lagen die Erwerbstätigenquoten im Jahre 2010 zwischen 65,6% in Berlin und 74,6% in Bayern und die Arbeitslosenquoten zwischen 3,8% in Bayern und 13,2% in Berlin. Einige Regionen im Süden Deutschlands sind einer Vollbeschäftigungssituation damit bereits deutlich näher gekommen als andere, vor allem im Nordosten Deutschlands.

Eine Spaltung des bundesdeutschen Arbeitsmarktes wird auch beim Blick auf die Beschäftigungschancen in Abhängigkeit von der Qualifikation deutlich. Abbildung 6 (vgl. Abbildung 6 in der PDF-Version illustriert die qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten in den Jahren 2000 bis 2009. Es zeigt sich, dass die Arbeitslosenquote umso niedriger liegt, je höher die Qualifikation ist. Gering Qualifizierte tragen mit einer Arbeitslosenquote von über 20% das mit Abstand größte Arbeitslosigkeitsrisiko. Im Vergleich dazu liegen die Arbeitslosenquoten der hoch Qualifizierten mit unter 3% sehr viel näher am Ziel der Vollbeschäftigung. Dazwischen finden sich Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, deren Arbeitslosenquote unter dem Durchschnitt liegt. Spiegelbildlich verhalten sich die Erwerbstätigenquoten von Personen zwischen 30 und 64 Jahren nach formaler Qualifikation. Laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes weisen die Akademiker im Jahr 2010 mit gut 88% die höchsten Werte auf, gefolgt von Personen mit einem Ausbildungsabschluss (78%) und den Personen ohne formale Qualifikation (57%).

Unterschiedliche Arbeitsmarktkonstellationen zeigen sich auch bei den Berufen (vgl. Abbildung 7 in der PDF-Version). In einigen Berufsfeldern sind Werte zu beobachten, die weit über dem Durchschnittswert von 4,2 Arbeitslosen pro sofort zu besetzender Stelle liegen. Bei den Warenprüfern mit 27 Arbeitslosen pro offene Stelle wird ein deutlicher Angebotsüberschuss sichtbar. Bei den Ingenieuren, Chemikern, Physikern und Mathematikern, bei den Elektro- und Gesundheitsberufen liegen die Werte dagegen unter 1 - hier steht also nicht jeder offenen Stelle ein Arbeitsloser gegenüber, sodass man von einer starken Anspannung auf den jeweiligen Teilarbeitsmärkten ausgehen kann. Hier spricht also bereits einiges für Vollbeschäftigung. Eine solche Situation kann allerdings an anderer Stelle Probleme aufwerfen. So mag eine Knappheit an bestimmten Fachkräften die wirtschaftliche Aktivität der Betriebe beschränken und damit volkswirtschaftliche Kosten verursachen.

Allerdings gilt es bei dieser Darstellung beruflicher Teilarbeitsmärkte zu berücksichtigen, dass der betrieblichen Nachfrage mit den Arbeitslosen nur ein - zudem sehr spezielles - Segment der Angebotsseite gegenübergestellt wird. So vernachlässigt man, dass Personen aus dem Bildungssystem nachrücken und eine entsprechende Nachfrage bedienen. Zudem gibt es auch zwischen Berufsfeldern eine gewisse Flexibilität, sodass durch Übergänge zwischen Berufen Anspannung aus bestimmten Marktsegmenten genommen werden kann.[9]

Längerfristige arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitische Herausforderungen

Die längerfristige Entwicklung am Arbeitsmarkt wird zunehmend durch die demografische Entwicklung geprägt. Es steht zu erwarten, dass es zu einem beschleunigten Rückgang der verfügbaren Arbeitskräfte kommen wird (vgl. Abbildung 8 in der PDF-Version). Die demografische Entwicklung wird sich aber nicht nur auf die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte (das Erwerbspersonenpotenzial) auswirken, sondern auch auf deren Struktur. Der Geburtenrückgang führt zu einer veränderten Zusammensetzung der Altersgruppen und zu einer Alterung des Arbeitskräfteangebots.

Ein geringeres Erwerbspersonenpotenzial nimmt zunächst Druck vom Arbeitsmarkt. Weniger Arbeitskräfte bedeuten aber nicht zwangsläufig, dass die Arbeitslosigkeit in gleichem Umfang abnehmen muss und somit eine verbesserte Arbeitsmarktperformance zum Selbstläufer würde. Denn eine rückläufige Bevölkerung und ein zurückgehendes Arbeitskräfteangebot können die Investitionen und somit den Kapitalstock in der Volkswirtschaft schrumpfen lassen sowie den Konsum bremsen.[10]

Ein weiteres Risiko besteht zudem in einem möglicherweise wachsenden Mismatch, wenn aufgrund von Fachkräfteengpässen einerseits und verfestigter Arbeitslosigkeit andererseits wirtschaftliche Möglichkeiten nicht in vollem Maße wahrgenommen werden können. Aus beiden Formen von Marktungleichgewichten ergeben sich damit weiterhin wichtige arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitische Handlungsfelder.

Als dritte Herausforderung hat sich in der öffentlichen und der wissenschaftlichen Diskussion der vergangenen Jahre die Qualität der Beschäftigung herauskristallisiert. Es geht also um die Frage, ob die positive Beschäftigungsentwicklung möglicherweise durch einen Qualitätsverlust bei der Beschäftigungssicherheit oder der Einkommen erkauft wurde. Diese drei Handlungsfelder werden im Folgenden beschrieben und zeigen, dass das Vollbeschäftigungsziel trotz Verbesserungen der vergangenen Jahre noch immer ambitioniert ist und zudem darauf zu achten wäre, in welcher Form weitere Beschäftigungszuwächse erzielt werden können.

Weiterhin stark verfestigte Arbeitslosigkeit.
Ein hoher Beschäftigungsstand ist nur dann erreicht, wenn es auch gelingt, den Sockel an verfestigter Arbeitslosigkeit weitgehend abzubauen, denn trotz der ermutigenden Befunde wird es einem Teil der Arbeitslosen nicht ohne Weiteres gelingen, wieder in Beschäftigung zu kommen.

Juliane Achatz und Mark Trappmann identifizierten Risikomerkmale für Arbeitslosengeld-II-Empfänger, denen ein Übergang in eine mindestens 15 Stunden umfassende Beschäftigung nicht gelang.[11] Hierzu gehören beispielsweise fehlende Schul- und Ausbildungsabschlüsse, gesundheitliche Einschränkungen, lange Verweildauern im Grundsicherungsbezug, ein höheres Alter (50 Jahre und älter), eine begrenzte Beherrschung der deutschen Sprache, die Pflege von Angehörigen sowie Mutterschaft. Je mehr dieser Merkmale gleichzeitig vorliegen, desto niedriger sind die Eingliederungschancen. Für Personen mit diesen Vermittlungshemmnissen ist ein besonderer Aufwand nötig, um sie wieder an den allgemeinen Arbeitsmarkt heranzuführen. Das SGB II bietet dabei bereits eine Vielzahl an Förderinstrumenten, die angepasst an die Problemlagen der Arbeitslosen eingesetzt werden können. Dabei kann zunächst auch öffentlich geförderte Beschäftigung eine Rolle spielen, jedoch nur, wenn sie wohl dosiert und gezielt eingesetzt wurde. Häufig ist eine intensive individuelle Betreuung notwendig und auch flankierende passgenaue Qualifikationsmaßnahmen können förderlich sein.[12]

Wachsende Fachkräfteengpässe.
Viele Betriebe klagen bereits heute über einen Fachkräftemangel, wobei dieser nicht als flächendeckend anzusehen ist, sondern eher bestimmte regionale Arbeitsmärkte oder berufliche Teilsegmente betrifft.[13] Mit Blick auf die auch zukünftig hohen Qualifikationsanforderungen der Betriebe und den demografischen Wandel ist eher eine Verschärfung der Situation zu erwarten, auch wenn mit Lohnsteigerungen oder kapitalintensiveren Produktionswegen Ausgleichsmechanismen der Märkte greifen können. Denn bevölkerungsstarke und im Durchschnitt gut qualifizierte Kohorten verlassen den Arbeitsmarkt und relativ schwach besetzte Jahrgänge rücken nach.

Mit Blick auf die nachrückenden Kohorten wird es in erster Linie wichtig sein, für eine gute Ausbildung zu sorgen und den Anteil von Personen ohne Schul- oder Ausbildungsabschluss gering zu halten. Potenziale lassen sich noch bei der Erwerbsbeteiligung von Älteren und bei den Frauen erschließen, wobei es bei Letzteren wegen der starken Teilzeitbeschäftigung vor allem um eine Ausweitung des Arbeitsvolumens ginge. Schließlich kann eine gesteuerte Zuwanderung helfen, qualifizierte Arbeitnehmer nach Deutschland zu holen. Mit Blick auf die Arbeitsmarktprobleme von Personen mit Migrationshintergrund ist hiermit jedoch nicht nur der Aspekt des Anwerbens, sondern auch der Integration in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft mitzudenken.

Polarisierung der Beschäftigung.
Die Erwerbsarbeit ist in den vergangenen beiden Dekaden heterogener geworden. Vollzeitnahe, unbefristete Beschäftigungsverhältnisse außerhalb der Zeitarbeitsbranche haben relativ und absolut an Bedeutung verloren und sogenannte atypische Erwerbsformen wie selbstständige Tätigkeiten, Teilzeitbeschäftigung, befristete Beschäftigung und Leiharbeit sind stärker gewachsen als die Erwerbstätigkeit insgesamt.[14] Dazu kommt das wachsende Niveau der Niedriglohnbeschäftigung, die häufig bei atypischen Erwerbsformen anzutreffen ist.[15] Für die Akzeptanz eines hohen Beschäftigungsstandes wird es heute und in Zukunft wichtig sein, wie sich die Qualität der Erwerbstätigkeit weiter entwickelt. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass weniger attraktive Beschäftigung durchaus als Einstiegshilfe aus der Arbeitslosigkeit fungieren kann.[16] Genauso wichtig ist aber die Aufwärtsmobilität: Gelingt der Aufstieg in eine stabilere, höherwertige oder besser entlohnte Tätigkeit?

Abschließend ist also zu konstatieren, dass sich die Arbeitsmarktlage in den vergangenen Jahren deutlich verbessert hat. Dennoch kann von Vollbeschäftigung noch immer keine Rede sein. Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hoch - vor allem die Integration von Personen ohne formale Qualifikation gelingt weiterhin nicht zufriedenstellend. Weitere Verbesserungen am Arbeitsmarkt und damit die Annäherung an die Vollbeschäftigung sind zudem kein Selbstläufer, denn die demografische Entwicklung allein wird es nicht richten. Dennoch bestehen gute Chancen, die Beschäftigungssituation weiter zu verbessern, wenn die dargestellten Herausforderungen richtig adressiert werden. Die Vermeidung von Bildungs- und Ausbildungsarmut wird dabei ebenso von zentraler Bedeutung sein wie der Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit über den Erwerbsverlauf hinweg.
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Fußnoten

1.
Von einem "magischen Viereck" wird deshalb gesprochen, weil wirtschaftspolitische Maßnahmen nicht alle Ziele gleichzeitig adressieren können und Konflikte zwischen den Zielen auftreten können.
2.
Vgl. Herrmann Gartner, Vollbeschäftigung aus Sicht der modernen Arbeitsmarkttheorie. Wie hoch will man springen?, in: IAB-Forum, (2008) 2, S. 9-13.
3.
Im Folgenden stellen wir die Entwicklung der Unterbeschäftigung als Summe aus der Zahl der Kurzzeitarbeitslosen, der Langzeitarbeitslosen und der Stillen Reserve dar. Zur Messung der Unterbeschäftigung und Stillen Reserve vgl. Johann Fuchs, Erwerbspersonenpotenzial und Stille Reserve - Konzeption und Berechnungsweise, in: Gerhard Kleinhenz (Hrsg.), IAB-Kompendium Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg 2002, S. 79-94.
4.
Als langzeitarbeitslos gilt, wer zwölf Monate und länger arbeitslos ist. Bei der Interpretation ist jedoch zu beachten, dass neben dem Abgang aus Arbeitslosigkeit in Erwerbstätigkeit auch die Teilnahme an bestimmten Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik sowie der Abgang in sonstige Nicht-Erwerbstätigkeit (insb. Krankheit) für eine Dauer von mehr als sechs Wochen den Arbeitslosenstatus beenden. Bei erneuter Arbeitslosigkeit beginnt dann die Zählung der Dauer von vorn. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen kann deshalb nur näherungsweise als ein Indikator für verfestigte Arbeitslosigkeit herangezogen werden und unterschätzt diese tendenziell.
5.
Vgl. Tobias Graf/Helmut Rudolph, Dynamik im SGB II 2005-2007: Viele Bedarfsgemeinschaften bleiben lange bedürftig, IAB-Kurzbericht 5/2009, S. 8.
6.
Berechnungen basieren auf Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Angaben zu den Vollzeitäquivalenten sind entnommen aus Dominik Asef/Susanne Wanger/Ines Zapf, Statistische Messung des Arbeitseinsatzes - Erkenntnisgewinn durch die Berechnung von Arbeitsvolumen und Vollzeitäquivalenten der Erwerbstätigen, in: Wirtschaft und Statistik, (2011) 11, S. 1058-1064.
7.
Vgl. Ulrich Walwei, Veränderte Strukturen des deutschen Arbeitsmarktes: zukunftsfähig oder doch nicht nachhaltig?, in: WSI-Mitteilungen, 64 (2011) 11, S. 563-570.
8.
Vgl. Martin Dietz/Laura Dittrich/Michael Stops/Ulrich Walwei, Beschäftigungssicherung durch Arbeitskräftehorten, in: Sozialer Fortschritt, 60 (2011) 10, S. 221-231.
9.
Vgl. Natascha Nisic/Parvati Trübswetter, Lohnentwicklung 1994 bis 2008: Berufswechsler in Deutschland und Großbritannien, IAB-Kurzbericht 01/2012; Joachim Möller/Achim Schmillen, Verteilung von Arbeitslosigkeit um Erwerbsleben: Hohe Konzentration auf wenige - steigendes Risiko für alle, IAB-Kurzbericht 24/2008.
10.
Vgl. Gianmarco I.P. Ottaviano/Giovanni Perri, Rethinking the Effects of Immigration on Wages, online: www.nber.org/papers/w12497.pdf (20.3.2011); Herbert Brücker/Elke J. Jahn, Arbeitsmarktwirkung der Migration: Einheimische Arbeitskräfte gewinnen durch Zuwanderung, IAB-Kurzbericht 26/2010.
11.
Vgl. Juliane Achatz/Mark Trappmann, Arbeitsmarktvermittelte Abgänge aus der Grundsicherung - Der Einfluss von personen- und haushaltsgebundenen Arbeitsmarktbarrieren, IAB-Discussion Paper 2/2011.
12.
Vgl. Susanne Koch/Peter Kupka, Öffentlich geförderte Beschäftigung. Integration und Teilhabe für Langzeitarbeitslose, Bonn 2012.
13.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Arbeitskräftereport, Berlin 2012.
14.
Vgl. Martin Dietz/Ulrich Walwei, Mehr Beschäftigung um jeden Preis?, in: Karin Kaudelka/Gerhard Kilger (Hrsg.), Die Arbeitswelt von morgen. Wie wollen wir leben und arbeiten?, Bielefeld 2010, S. 57-87.
15.
Vgl. Thorsten Kalina/Claudia Weinkopf, Niedriglohnbeschäftigung 2008: Stagnation auf hohem Niveau - Lohnspektrum franst nach unten aus, IAQ-Report 6/2010.
16.
Vgl. Christian Hohendanner/Hans-Dieter Gerner, Die Übernahme befristet Beschäftigter im Kontext betrieblicher Personalpolitik, in: Soziale Welt, 61 (2010) 1, S. 27-50; Florian Lehmer/Kerstin Ziegler, Brückenfunktion der Leiharbeit: Zumindest ein schmaler Steg, IAB-Kurzbericht 13/2010.