Aushang Stellenangebote im Schaufenster der Zeitarbeitvermittlung Randstad. Hier: Job-Angebot für Industriemechaniker. Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 19.12.2003

29.3.2012 | Von:
Markus Promberger

Mythos der Vollbeschäftigung und Arbeitsmarkt der Zukunft

Blick in die Glaskugel: Probleme möglicher Vollbeschäftigungsarbeitsmärkte

Denken wir über einen Arbeitsmarkt ohne Massenarbeitslosigkeit nach, wie er sich in einigen Jahren vielleicht entwickeln könnte, so ist zunächst ein wichtiger Unterschied zwischen der Vollbeschäftigung der Wirtschaftswunderära und den möglichen Vollbeschäftigungsszenarien augenfällig: Das Jobwachstum der Jahre nach 2005 bestand zu einem großen Teil aus prekärer und instabiler Beschäftigung im Gegensatz zur weitgehend auf dem Normalarbeitsverhältnis beruhenden Vollbeschäftigung der Jahre 1958 bis 1974. So fand im vergangenen Jahrzehnt vor allem ein Ausbau atypischer, sozialrechtlich weniger geschützter Beschäftigung statt: Von 2004 bis 2011 ging die Arbeitslosigkeit um rund 1,4 Millionen Menschen zurück, im selben Zeitraum wuchs die Zahl der Leiharbeitnehmer um 525.000, die befristete Beschäftigung stieg um 850.000, die Teilzeitbeschäftigung um knapp 1,9 Millionen Personen; mehr als eine Million Menschen musste und muss zu ihrem geringen Arbeitslohn ergänzende Leistungen aus der Grundsicherung (Hartz IV) beziehen.[27] Dass einige Beobachter anführen, ab 2010 sei der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung an den neuen Jobs wieder etwas gewachsen,[28] lässt sich womöglich eher als Vorbote des Konjunkturhöhepunkts und anschließenden Abschwungs deuten denn als nachhaltige Expansion der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Auch wenn der Rückgang der Arbeitslosigkeit nicht direkt mit der Zunahme der atypischen Beschäftigung verrechnet werden kann,[29] sprechen Sozialwissenschaftler bereits von einer Spaltung der Beschäftigungs- und Arbeitsmarktverhältnisse,[30] bei der einer gut geschützten Gruppe von Arbeitnehmern in "Normalarbeitsverhältnissen" eine wachsende Gruppe von Arbeitnehmern gegenüber steht, die zu schlechteren Bedingungen arbeiten.

Fraglich ist, ob sich diese duale Struktur bei einem Übergang zur Vollbeschäftigung auflösen wird. Im klassischen Modell müsste bei einem Nachfragewachstum oder einem Angebotsrückgang des Faktors Arbeit eine Lohnanpassung nach oben entstehen oder eine Verbesserung nichtmonetärer Charakteristika des Arbeitsvertrages, so dass Befristungen, Leiharbeit, ungewünschte Teilzeitarbeit und niedrige Löhne mit sinkender Arbeitslosigkeit unwahrscheinlicher würden. Wenn es jedoch Institutionen gibt, die dies verhindern oder kompensieren, wie etwa staatliche Zuschüsse zu als gering produktiv klassifizierten Arbeitsplätzen oder verstärkte institutionelle Zwänge zur Arbeitsmarktbeteiligung, werden solche Anpassungsprozesse verzögert oder verhindert. Schwerer als diese Modellüberlegungen wiegt jedoch die empirische Beobachtung, dass die Verhältnisse von Angebot und Nachfrage auf den derzeitigen Teilarbeitsmärkten schon jetzt extrem unterschiedlich sind, man denke etwa an die Gleichzeitigkeit von Fachkräftemangel und Erwerbslosigkeit von Geringqualifizierten. Bei beidem spielt die selektive Substitutionswirkung des technischen Fortschritts eine Rolle - er scheint einfache Arbeit in der Tendenz zu ersetzen oder unter Preisdruck zu bringen, während er Wissensarbeit begünstigt. So erscheint es auch durchaus wahrscheinlich, dass sich eine dualisierte Vollbeschäftigung entwickelt, mit schlecht und unstet beschäftigten gering Qualifizierten und gut beschäftigten höher Qualifizierten, gewissermaßen ein heterogener Vollbeschäftigungsarbeitsmarkt.

Fußnoten

27.
Vgl. Kerstin Bruckmeier/Tobias Graf/Helmut Rudolph, Working Poor: Arm oder bedürftig? Umfang und Dauer von Erwerbstätigkeit bei Leistungsbezug in der SGB-II-Grundsicherung, in: Wirtschafts- und Sozialstatistisches Archiv. AStA, 4 (2010) 3, S. 201-222.
28.
Vgl. z.B.T. Straubhaar (Anm. 3).
29.
Eine direkte Verrechnung ist ausgeschlossen, weil die Zugänge zu atypischer Beschäftigung nicht nur aus Arbeitslosigkeit, sondern auch aus der Stillen Reserve oder aus anderer Beschäftigung kommen können. Überdies werden in der Aufzählung befristete Teilzeitbeschäftigte doppelt gezählt.
30.
Vgl. z.B. Alexandra Krause/Christoph Köhler, Von der Vorherrschaft interner Arbeitsmärkte zur dynamischen Koexistenz von Arbeitsmarktsegmenten, in: WSI-Mitteilungen, 64 (2011) 11, S. 590.