Aushang Stellenangebote im Schaufenster der Zeitarbeitvermittlung Randstad. Hier: Job-Angebot für Industriemechaniker. Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 19.12.2003

29.3.2012 | Von:
Markus Promberger

Mythos der Vollbeschäftigung und Arbeitsmarkt der Zukunft

Arbeitsmarktpolitische Aufgaben unter der Bedingung entspannter Arbeitsmärkte

Wenn es denn tatsächlich zu einem heterogenen Vollbeschäftigungsarbeitsmarkt käme, wäre er möglicherweise umgeben von einem gesellschaftlich finanzierten Institutionengefüge, das einen Teil der gering Qualifizierten erfolgreich weiterbildet und so in das höher qualifizierte Marktsegment verschiebt und für den anderen Teil mit Staatszuschüssen Arbeitsplätze mitfinanziert. Wie man das auch immer bewerten mag, Arbeitsmarktpolitik müsste im Verein mit Wirtschafts- und Sozialpolitik nach wie vor Arbeitsmarktprobleme im Bereich der Existenzsicherung von Niedriglohnarbeitsplätzen sowie nachholende Aus- und Weiterbildung von gering Qualifizierten bewältigen. Auch die Sucharbeitslosigkeit wird nicht verschwinden, sodass zu ihrer Verringerung Vermittlungs- und Beratungsdienste aller Art weiter benötigt werden. Eine Anforderung eigener Qualität auf einem heterogenen Vollbeschäftigungsarbeitsmarkt wäre die Bewältigung von Mangelsituationen bei mittel- und hochqualifizierten Arbeitskräften; hierzu gehört die Aktivierung stiller Reserven durch positive Anreize und lebenslauforientierte Sozialpolitik, nicht durch Druck, eine passende Immigrationspolitik und die Verzahnung von Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik sowie die Zentralisierung und Vereinheitlichung der Letzteren. Wissen und Bildung der Arbeitnehmer sind die Hauptressource einer rohstoffarmen Wirtschaftsgesellschaft, die sich darüber im Klaren ist, dass Finanzmärkte keine Profite generieren, sondern nur verteilen, was in der Realwirtschaft erarbeitet wird. Wichtig ist dabei, dass Wissen als Ressource sui generis mit seiner eigenen Entstehungslogik anerkannt und gefördert wird, selbst wenn die unmittelbare Verwertbarkeit von neu produziertem Wissen nicht in jedem Falle sofort erkennbar ist.

Ein weiteres Problem ist und bleibt die soziale Absicherung von Arbeitsmarktübergängen aller Art, wie sie nicht nur durch Erwerbslosigkeit, sondern auch durch Familienphasen, Jobwechsel und Bildungsperioden entstehen, die allesamt in Zeiten des postindustriellen flexiblen Kapitalismus mit seiner Destandardisierung von Lebensläufen[31] häufiger werden. "Flexicurity" mag ein Stichwort sein, das bereits lange kursiert,[32] doch praktikable und politisch kompromissfähige Lösungen sind bisher nicht in Sicht - aber vielleicht schafft eine veränderte Arbeitsmarktlage ja doch eine neue Verhandlungsbasis.

Ebenso steht fest, dass Globalisierung, Tertiarisierung und technischer Fortschritt ebenfalls - wiederum sozial selektiv - Arbeitslosigkeit erzeugen können. Gegen konjunkturelle und saisonale Arbeitslosigkeit gibt es ohnehin kein Allheilmittel. Einiges deutet darauf hin, dass die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes auch dessen Konjunkturreagibilität verstärkt.[33] Vielleicht folgt auf den fordistisch geprägten Arbeitsmarkt mit Vollbeschäftigung und die anschließende Übergangsperiode mit erhöhter struktureller Arbeitslosigkeit nun ein dualisierter Arbeitsmarkt, bei dem die frühere strukturelle durch die zunehmende konjunkturelle Arbeitslosigkeit eines wachsenden, staatlich bezuschussten instabil-prekären Arbeitnehmersegments abgelöst wird, während das - schrumpfende - Segment des Normalarbeitsverhältnisses weiterhin von Konjunktur und Krise wenig tangiert ist? Wenn dem so ist, bleibt zu hoffen, dass dieser Zustand nicht den Namen "Vollbeschäftigung" tragen und gesellschaftlich akzeptiert, sondern als Anlass zu arbeitsmarkt-, sozial- und wirtschaftspolitischen Anstrengungen verstanden werden wird, die ein neu konturiertes Normalarbeitsverhältnis mit Flexibilität, Produktivität, guter Arbeit und flexibel-lebenslauforientierter sozialer Sicherheit zum Ziel haben. Es gibt also keinen Grund, sich zurückzulehnen und von immerwährender Prosperität und Vollbeschäftigung zu träumen, wohl aber genug Anlass für eine reflektierte, sich den wandelnden Gegebenheiten anpassende und lebenslang lernende Arbeitsmarktpolitik.

Fußnoten

31.
Vgl. Martin Kohli, Arbeit im Lebenslauf: Alte und neue Paradoxien, in: Jürgen Kocka/Claus Offe (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt/M. 2000, S. 362-382.
32.
Vgl. Martin Kronauer/Gudrun Linne (Hrsg.), Flexicurity. Die Suche nach Sicherheit in der Flexibilität, Berlin 2005; Peter Ester et al. (Hrsg.), Innovating European Labour Markets, Cheltenham 2009; Günther Schmid, Activating labour market policy: "flexicurity" through transitional labour markets, in: Jean-Philippe Touffut (ed.), Institutions, Innovation and Growth, Cheltenham-Northampton, MA 2003, S. 68-96.
33.
So hat die zyklische Komponente der Arbeitslosigkeit seit 1991 zugenommen. Vgl. Ulrich Walwei, Die veränderte Struktur des Arbeitsmarktes: Zukunftsfähig oder doch nicht nachhaltig?, in: WSI-Mitteilungen, 64 (2011) 11, S. 564.