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29.3.2012 | Von:
Toni Pierenkemper

Kurze Geschichte der "Vollbeschäftigung" in Deutschland nach 1945

Vollbeschäftigung als gänzliche Abwesenheit von Arbeitslosigkeit, wie in der DDR offiziell immer, in Westdeutschland lediglich in den 1960er Jahren erreicht, gilt noch häufig als Ziel der Arbeitsmarktpolitik, erweist sich aber als eine Chimäre.

Einleitung

Wenn man den Titel dieses Beitrages wortwörtlich nehmen würde, dann bliebe sein Umfang tatsächlich sehr kurz. Bei der Verabschiedung des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft (Stabilitätsgesetz) im Jahre 1967 ging der Bundesminister für Wirtschaft nämlich noch davon aus, "dass Vollbeschäftigung dann erreicht sei, wenn die Arbeitslosenquote 0,8 v.H. erreicht".[1] Dies ist in der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich nur in den wenigen Jahren einer bereits damals empfundenen "Überbeschäftigung" der Fall gewesen.[2] Auch eine Modifikation des Vollbeschäftigungsziels auf eine Marke von 2% der Arbeitslosenquote angesichts der seit den 1970er Jahren verbreiteten Arbeitslosigkeit hat das Vollbeschäftigungsziel nur wenig realistischer gemacht. Auch weiterhin wurde es in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit meistens verfehlt und daher die Zielgröße in der Praxis gelegentlich auch weiter angehoben bis auf Arbeitslosenquoten von 3, 4, 5 oder gar 6%, je nach Konjunkturlage. Vollbeschäftigung im Sinne der gänzlichen Abwesenheit konjunktureller und struktureller Arbeitslosigkeit hat es in der deutschen Geschichte somit allenfalls in einer einzigen Dekade des 20. Jahrhunderts, nämlich auf dem Höhepunkt des sogenannten Wirtschaftswunders in den 1960er Jahren, gegeben. Ansonsten blieb eine Vollauslastung des Arbeitspotenzials in Deutschland eher Episode oder war kriegsbedingten Zwangslagen geschuldet. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung bildeten daher auch in Deutschland während der gesamten Industrialisierungsperiode seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine stetige Begleiterscheinung der ökonomischen Entwicklung.[3] Eine Geschichte der Vollbeschäftigung kann daher auch in Deutschland nur sehr knapp beschrieben werden, eine Geschichte der Arbeitslosigkeit würde hingegen weitaus mehr Raum beanspruchen.[4]

Eine derartig glückliche Konstellation auf dem Arbeitsmarkt wie im Golden Age der 1960er Jahre der Bundesrepublik mit einer Vollauslastung des Erwerbspotenzials hat es zuvor niemals in der Wirtschaftsgeschichte des Landes gegeben und wird es wohl auch in absehbarer Zukunft nicht mehr geben. Umso überraschender erscheint es daher, dass sich die Wirtschaftswissenschaften und die Arbeitsmarktpolitik bis heute überwiegend an dieser außergewöhnlichen Ausgangslage zu Charakterisierung der Beschäftigungslage in Deutschland und als Zielgröße der Arbeitsmarktpolitik orientieren. Historisch betrachtet zeichnen sich kapitalistische Arbeitsmärkte hingegen weit eher durch eine tendenzielle Unterauslastung des Erwerbspotenzials aus, durch instabile Beschäftigungsverhältnisse und latente Arbeitslosigkeit.[5] Dennoch lohnt sich ein kurzer Blick auf die Entwicklung der Beschäftigung in Deutschland, auch um vor allzu wohlfeilen und naiven Vorstellungen einer am Vollbeschäftigungsziel orientierten Arbeitsmarktpolitik zu warnen.[6]


Fußnoten

1.
Anhang zum Jahreswirtschaftsbericht 1968, Bundestagsdrucksache V/2511, zit. nach: Axel Möller, Kommentar zum Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft, Hannover 1968, S. 93.
2.
Die Arbeitslosenrate lag zwischen 1961 und 1966 bei unter 1%, schnellte dann in der Minikrise von 1966/67 kurz auf 2,1% (1967) und 1,5% (1968) hoch und lag dann 1969 bis 1971 wieder unter der Zielgröße von 1%. Seitdem lag die Arbeitslosenrate stetig höher und sie wuchs in Schüben bis ins 21. Jahrhundert immer weiter an. Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 1977/78: Mehr Wachstum - Mehr Beschäftigung, Stuttgart 1977, S. 236, und diverse folgende Gutachten des Sachverständigenrates; Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004, S. 300f.
3.
Vgl. Martin Werding, Einbahnstrasse in die Beschäftigungskrise? Arbeitsmarktentwicklung und Arbeitsmarktsituation und Arbeitsmarktinstitutionen in den OECD Staaten seit 1960, in: Thomas Raithel/Thomas Schlemmer (Hrsg.), Die Rückkehr der Arbeitslosigkeit. Die Bundesrepublik Deutschland im europäischen Kontext 1973-1989, München 2009, S. 23-36, hier: S. 26.
4.
Vgl. Frank Niess, Geschichte der Arbeitslosigkeit. Ökonomische Ursachen und politische Kämpfe: ein Kapitel deutscher Sozialgeschichte, Köln 1982; John A. Garraty, Unemployment in History. Economic Thought and Public Policy, New York 1978; John Burnett, Idle Hands. The experience of unemployment, 1790-1990, London 1994.
5.
Vgl. Toni Pierenkemper, Das Ende des Normalarbeitsverhältnisses: Aus Arbeitnehmern werden Unternehmer in eigener Sache, in: Klaus S. Zimmermann/Holger Hinte (Hrsg.), Zeitenwende am Arbeitsmarkt (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, i.E.); Toni Pierenkemper, Der Auf- und Ausbau eines Normalarbeitsverhältnisses in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, in: Rolf Walter (Hrsg.), Geschichte der Arbeitsmärkte, Stuttgart 2009, S. 77-112.
6.
Vgl. Carl-Ludwig Holtfrerich, Wo sind die Jobs? Eine Streitschrift für mehr Arbeit, München 2007.