Aushang Stellenangebote im Schaufenster der Zeitarbeitvermittlung Randstad. Hier: Job-Angebot für Industriemechaniker. Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 19.12.2003

29.3.2012 | Von:
Toni Pierenkemper

Kurze Geschichte der "Vollbeschäftigung" in Deutschland nach 1945

Wiederaufbau und Vollbeschäftigung in Westdeutschland

Die ersten Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs standen in den alliierten Besatzungszonen unter dem Signum von Not, Hunger und Chaos. Eine geordnete Wirtschaftstätigkeit war unter diesen Bedingungen kaum möglich und auch an einen Wiederaufbau von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft noch längst nicht zu denken. Die Menschen in Deutschland waren mit der notdürftigen Sicherung ihrer unmittelbaren Lebensbedürfnisse vollauf beschäftigt. Die deutsche Gesellschaft war durch die Zerstörungen des Krieges und die sozialen Verwerfungen auf ein Entwicklungsniveau zurückgeworfen, das demjenigen von 100 Jahren zuvor nicht unähnlich schien. Geregelte Erwerbsarbeit war unter diesen Umständen kaum sinnvoll und wenig lohnend, doch pro forma zum Bezug von Lebensmittelkarten notwendig.[7] Die offizielle Arbeitslosenrate lag daher 1947 mit rund 5% nicht überraschend auf einem bemerkenswert geringen Niveau, da sich reguläre Arbeit kaum lohnte und die zur Verfügung stehende Zeit effektiver für Selbstversorgungsaktivitäten und Schwarzmarktgeschäfte genutzt werden konnte.

Schwarzmärkte und Hamsterreisen spielten neben Hilfslieferungen der ehemaligen Kriegsgegner in der Überlebensgesellschaft der 1940er Jahre eine bedeutsame Rolle für die Lebensgestaltung der Bevölkerung, die Bedeutung einer geregelten Erwerbstätigkeit trat demgegenüber zurück. Die Fabriken, sofern sie nicht zerstört waren, standen zunächst weitgehend still. "Es fuhr keine Eisenbahn, keine Tram, kein Postkasten wurde geleert, alle Telefone waren tot", so die Schilderung von Zeitzeugen.[8] Rohstoffmangel und Zerstörungen standen der Aufnahme einer geregelten Produktion noch entgegen. Beschlagnahmungen und Demontagen verschärften die Situation zusätzlich. Die Löhne waren so gering, dass es sich kaum lohnte zu arbeiten, zumal entwertetes Geld in großem Umfang zur Verfügung stand. Die offiziellen Preise waren auf niedrigem Niveau festgehalten, Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs unterlagen weiterhin wie in der NS-Zeit einer strikten Bewirtschaftung und waren nur gegen Marken zu erhalten, sodass ihr Kauf angesichts des ungeheuren inflationären Geldüberhanges finanziell keine Schwierigkeiten bildete. Anders war es auf den schwarzen Märkten, wo die Preise ein Vielfaches der administrierten Preise betrugen.[9] Eine grundlegende Veränderung wurde erst nach der Neuordnung der Währungsverhältnisse möglich.

Im Zusammenhang mit der Währungsreform und dem Beginn des Wiederaufbaus in den nächsten Jahren schnellte dann die Arbeitslosenrate plötzlich auf einen Wert von über 10% (1950).[10] "Arbeit" wurde erst jetzt in der deutschen Nachkriegsgesellschaft wieder zu einem knappen Produktionsfaktor und ihr Einsatz produktiv und nutzbringend möglich, weil nunmehr die Arbeitsentgelte in effektive Kaufkraft umgesetzt werden konnten. Der Abbau der drückenden Arbeitslosigkeit in Westdeutschland stand nunmehr im Vordergrund der Bemühungen, und die Lage verschärfe sich wegen des stetigen Zustroms von Vertriebenen und Flüchtlingen noch zusätzlich. Es waren ja nicht nur die Kriegsschäden am Kapitalstock der deutschen Volkswirtschaft, die eine schwere Hypothek für die Nachkriegszeit darstellten, sondern auch das Arbeitskräftepotenzial und das "Humankapital" war wesentlich beeinträchtigt. "Während vor der Währungsreform viele Personen keinen Wert auf Arbeit in abhängiger Stellung legten, nahm die Zahl der Arbeitssuchenden nach der Währungsreform stark zu."[11] Im Dezember 1946 wurden im späteren Bundesgebiet insgesamt 820.000 Arbeitslose registriert. Diese Zahl sank im Dezember 1947 auf 466.000 und stieg bis Dezember 1948 nur mäßig auf 760.000 an, ehe sie sich dann bis Dezember 1949 auf 1,558 Millionen mehr als verdoppelte.[12] Die Hauptlast der Beschäftigungslosigkeit hatten zu diesem Zeitpunkt die Heimatvertriebenen zu tragen, deren Arbeitslosenrate mehr als doppelt so hoch war wie die der ortsansässigen Bevölkerung und jener Bundesländer, die diese Bevölkerungsgruppen vornehmlich aufnehmen mussten.

Es handelte sich bei den Vertriebenen allenfalls um eine Arbeitskraftreserve "zweiter Linie",[13] weil durch Umsiedlung und Qualifizierungen weitere Maßnahmen nötig waren, um dieses Reservoir zu erschließen. Für die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland stellte diese Form der Zuwanderung zunächst gewiss eine zusätzliche Belastung dar, weil knappe Ressourcen auch für unproduktive soziale Transfers nötig wurden und damit für Investitionen nicht zur Verfügung standen.[14] Die Eingliederung dieser Menschen in das Beschäftigungssystem stellte die Wirtschaft in der frühen Bundesrepublik vor eine gewaltige Aufgabe und latente Unterbeschäftigung bildete somit zunächst eines ihrer Hauptprobleme. Die Bewältigung dieser Aufgabe im Zuge des bald einsetzenden "Wirtschaftswunders" gelang jedoch in erstaunlich kurzer Zeit.

Erst die Währungsreform hatte ja den wahren Umfang der Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit in Westdeutschland deutlich werden lassen. Trotz einer Zunahme der Zahl der Beschäftigten in der Bi-Zone im Jahre 1948 um etwa 1,3 Millionen Personen wuchs parallel dazu auch die Zahl der Arbeitslosen um rund 700.000.[15] Vollbeschäftigung schien daher noch in weiter Ferne, denn 1949 stieg die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt sogar auf über eine Million Personen an, was einer Arbeitslosenrate von etwa 8% entsprach und verharrte auch während des gesamten Jahres auf diesem hohen Niveau, ehe sie bis zum Februar 1950 mit über zwei Millionen (12%) Arbeitslosen einen absoluten Höhepunkt erreichte. In manchen Regionen waren die Verhältnisse sogar noch katastrophaler und die Arbeitslosenrate erreichte dort teilweise Werte zwischen 15% und 25%. Erst im Frühling 1955 setzte eine durchgreifende Wende zum Besseren ein und der Rückgang der Arbeitslosigkeit erreichte um 1961 eine Situation, die "im Zeitalter der kapitalistischen Wirtschaft noch nie eingetreten war".[16]

Nunmehr kehrte sich die Situation geradezu in ihr Gegenteil. Das enorme Wirtschaftswachstum der 1950er und 1960er Jahre führte zu einer gewaltigen Nachfrage nach Arbeitskräften, die aus dem heimischen Erwerbspotenzial nicht zu befriedigen war. Diese Lücke wurde zunächst durch Flüchtlinge aus der DDR gefüllt. Das bedeutete für die DDR einen schmerzlichen Verlust von "Humankapital" und für die Bundesrepublik einen entsprechenden Zugewinn, denn bei den Flüchtlingen handelte es sich zumeist um junge, gut ausgebildete Arbeitskräfte. Etwa 11% der Bevölkerung und 13% der Erwerbstätigen gingen der Wirtschaft Ostdeutschlands in dem Zeitraum zwischen 1949 und 1961 auf diese Weise verloren und Westdeutschland konnte sich eines stetigen Zustroms von etwa einer Million Arbeitskräften erfreuen.[17] Als dieser Zustrom 1961 abrupt durch den Bau der Berliner Mauer versiegte, trat eine verstärkte Anwerbung von Gastarbeitern, die bereits mit dem Anwerbeabkommen mit Italien 1955 begonnen hatte, an dessen Stelle. Zwischen 1961 und 1965 wurden weitere Abkommen mit der Türkei, Marokko, Portugal und Jugoslawien abgeschlossen und bereits 1966 waren mit 1,3 Millionen Personen 6,3% der Beschäftigten in der Bundesrepublik Ausländer. Die Probleme, die mit der wachsenden Ausländerbeschäftigung verbunden waren, wurden damals zwar von Experten bereits thematisiert, von Politik und Öffentlichkeit jedoch ignoriert.[18] Unter diesen Bedingungen ließ sich eine Vollbeschäftigung sehr leicht realisieren und eine aktive Arbeitsmarktpolitik zur Förderung von Beschäftigung war nicht notwendig. Die Politik von Bundesregierung und Bundesanstalt für Arbeit betrieb in dieser Zeit daher lediglich eine auf die Vermittlung von Arbeitskräften und die Verwaltung von Arbeitslosigkeit ausgerichtete "reaktive" Arbeitsmarktpolitik.[19]

Was nunmehr in der Bundesrepublik folgte war eine Phase der Vollbeschäftigung, ein Golden Age mit Arbeitslosenraten unter 2%.[20] Damit war erstmals "Vollbeschäftigung" beziehungsweise, wie man aus einer historischen Betrachtung eher anzumerken geneigt ist, bereits eine "Überbeschäftigung" erreicht. Doch diese kurze Phase währte lediglich von 1960 bis 1973, gilt aber bis heute noch vielfach als Maßstab und Ziel für die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland.[21] In dieser Zeit herrschte in der boomenden deutschen Wirtschaft kein Überschuss, sondern eher ein gravierender Mangel an Arbeitskräften und man sah sich zur Aufrechterhaltung des Wirtschaftswachstums genötigt, weitere Beschäftigungspotenziale zu erschließen. Doch "das abrupte Ende der Zuwanderung aus der DDR seit dem Mauerbau, das schrumpfende deutsche Arbeitspotenzial und die Unterschichtung des deutschen Arbeitsmarktes durch ausländische Arbeitskräfte, dazu der technische Wandel, die Rationalisierung und Automatisierung der Industriearbeit, die anhaltende Ausweitung des Dienstleistungsbereichs"[22] - das alles stellte das deutsche Beschäftigungssystem und die Arbeitsmarktpolitik vor neue Herausforderungen. Zugleich war die einmalig günstige Konstellation auf dem deutschen Arbeitsmarkt von den Arbeitnehmerorganisationen mit Unterstützung des Staates dazu genutzt worden, das sogenannte Normalarbeitsverhältnis endgültig institutionell auszubauen und abzusichern.[23] "Als Normalarbeitsverhältnis galt - und gilt weithin noch heute - eine in Vollzeit verrichtete abhängige Beschäftigung, die als einzige Einkommensquelle zumindest das Existenzminimum sichert. Das Arbeitsverhältnis ist unbefristet und auf Dauer angelegt und in ein engmaschiges Netz von rechtlichen und tariflichen Normen eingebettet."[24] Das Arbeitsförderungsgesetz (AFG) von 1969 bildet daher den Höhepunkt staatlicher Maßnahmen in diesem Politikfeld, die durch vielfältige tarifliche Vereinbarungen zwischen den Arbeitsmarktparteien ergänzt und erweitert wurden.

Nachdem der "kurze Traum immerwährender Prosperität" ausgeträumt und die "Rückkehr der Arbeitslosigkeit" zu beklagen war, folgte eine Entwicklung, die sich als die "Mühen der Ebene" umschreiben lässt.[25] Bereits in der "kleinen" Wirtschaftskrise von 1966/67 wurden in Westdeutschland die Herausforderungen einer zunehmend globalisierten internationalen Wirtschaft erstmals deutlich und seit Mitte der 1970er Jahre setzte diese die deutsche Wirtschaft unter permanenten Anpassungsdruck. Das führte zum Zusammenbruch des bis dahin vorherrschenden, auf standardisierter Massenproduktion und Massenkonsum beruhenden fordistischen Produktionssystems, was sich beispielsweise im Niedergang der Textilindustrie, des Bergbaus, der Eisen- und Stahlindustrie, der optischen Industrie und der Werften offenbarte und eine lang anhaltende strukturelle Arbeitslosigkeit nach sich zog.[26] In verschiedenen Schüben, die durch die folgenden konjunkturellen Krisen verursacht wurden, schaukelte sich die Arbeitslosenrate in der Bundesrepublik bis zum Ende des Jahrhunderts auf Werte von über 10% (1994-2006) hoch. Diese latente Strukturkrise der westdeutschen Wirtschaft wurde noch verschärft durch den 1990 vollzogenen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik und den danach folgenden Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft.

Fußnoten

7.
Vgl. Werner Abelshauser, Wirtschaft in Westdeutschland. Rekonstruktion und Wachstumsbedingungen in der amerikanischen und britischen Zone, Stuttgart 1975; Willi A. Boelcke, Der Schwarz-Markt 1945-1948. Vom Überleben nach dem Kriege, Braunschweig 1986.
8.
Madlen Lorei/Richard Kirn, Frankfurt und die wilden Jahre. Ein Bericht, Frankfurt/M. 1962, S. 17.
9.
Vgl. Hans Möller, Die westdeutsche Währungsreform von 1948, in: Deutsche Bundesbank (Hrsg.), Währung und Wirtschaft in Deutschland 1876-1975, Frankfurt/M. 1976, S. 433-483, hier: S. 469.
10.
Zu den Daten vgl. W. Galenson/A. Zeller, International Comparison of Unemployment Rates, in: The Measurement and Behaviour of Unemployment, Princeton, NJ 1957, S. 439-581, hier: S. 455f.
11.
Wirtschaftswissenschaftliches Institut der Gewerkschaften, Deutschland in Zahlen. 1950, Köln 1951, S. 45.
12.
Vgl. Bruno Gleitze, Der Produktionsfaktor Arbeit in Westdeutschland, in: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, (1950) 3, S. 190.
13.
Valentin Siebrecht, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik in der Nachkriegszeit, Stuttgart 1956, S. 172.
14.
Vgl. Friedrich Edding, Die Flüchtlinge als Belastung und Antrieb der westdeutschen Wirtschaft, Kiel 1953.
15.
Vgl. V. Siebrecht (Anm. 13), S. 73.
16.
Otto Uhlig, Arbeit amtlich angeboten. Der Mensch auf seinem Markt, Stuttgart 1970, S. 298.
17.
Vgl. André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
18.
Vgl. Ulrich Herbert, Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880-1980: Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Berlin 1986, S. 179- 236; Carl Föhl, Stabilisierung und Wachstum bei Einsatz von Gastarbeitern, in: Kyklos, 20 (1967), S. 119-146; APuZ, (2011) 43, "50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei".
19.
Vgl. Hans-Walter Schmuhl, Arbeitsmarktpolitik und Arbeitsverwaltung in Deutschland 1871-2002, Nürnberg 2003, S. 450.
20.
Vgl. W. Abelshauser (Anm. 2), S. 275-301; Werner Glastetter et al., Die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland 1950-1980. Befunde, Aspekte, Hintergründe, Frankfurt/M. 1983. Kritisch Ludger Lindlar, Das missverstandene Wirtschaftswunder. Westdeutschland und die westeuropäische Nachkriegsprosperität, Tübingen 1997; Burkart Lutz, Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Eine Neuinterpretation der industriell-kapitalistischen Entwicklung im Europa des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1984. Vgl. zum Thema Frauenerwerbstätigkeit während dieser Zeit Friederike Maier in dieser Ausgabe.
21.
Verbunden war diese Erfahrung mit der Vorstellung der Beherrschbarkeit der ökonomischen Entwicklung durch eine wissenschaftlich basierte Wirtschaftspolitik. Vgl. Alexander Nützenadel, Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949-1974, Göttingen 2005.
22.
H.-W. Schmuhl (Anm. 19), S. 450.
23.
Vgl. T. Pierenkemper (Anm. 5).
24.
H.-W. Schmuhl (Anm. 19), S. 582.
25.
Vgl. ebd. S. 533.
26.
Vgl. Werner Abelshauser, Nach dem Wirtschaftswunder. Der Gewerkschaftler, Politiker und Unternehmer Hans Matthöfer, Bonn 2009, S. 369f.