Aushang Stellenangebote im Schaufenster der Zeitarbeitvermittlung Randstad. Hier: Job-Angebot für Industriemechaniker. Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 19.12.2003

29.3.2012 | Von:
Toni Pierenkemper

Kurze Geschichte der "Vollbeschäftigung" in Deutschland nach 1945

Beschäftigung in der DDR

In der DDR war in der unmittelbaren Nachkriegszeit in einer ähnlich schwierigen Situation wie im Westen, in einer "Zusammenbruchsgesellschaft", nach sowjetischem Vorbild eine ganz andere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung etabliert worden.[27] Dazu wurde es als eine wesentliche Voraussetzung nötig, die "überkommenen Eigentumsverhältnisse" durch eine Bodenreform und Enteignung der Produktionsbetriebe gänzlich neu zu gestalten. Damit war zugleich die Basis für eine zentrale Planung auch für eine solche des Arbeitskräfteeinsatzes geschaffen.[28] Dadurch gelang es, die ebenfalls am Ende des Krieges herrschende große Arbeitslosigkeit, auch hier verschärft durch einen hohen Zustrom von "Umsiedlern", relativ rasch zu überwinden. Der Zugriff auf das Arbeitspotenzial erfolgte teilweise unkoordiniert durch die Militärbehörden und erwies sich daher zunächst häufig als nicht optimal.[29] Auf der Basis der sozialistischen Planwirtschaft wurde in der DDR ein Beschäftigungssystem geschaffen, das kurzfristig bemerkenswerte Erfolge ermöglichte, langfristig aber den Keim des Scheiterns in sich trug. Grundproblem der Wirtschaft war und blieb die unzureichende Arbeitsproduktivität. Durch die Ausschaltung des Marktmechanismus wurde auch im Beschäftigungssystem ein marktwirtschaftlicher Wettbewerb entscheidend eingeschränkt und die sozialpolitischen Zwänge des Systems führten darüber hinaus zu einer starken Nivellierung der Einkommen. Der Versuch zur Anhebung der Arbeitsnormen hatte bereits 1953 zum Fiasko geführt und alle weiteren Maßnahmen zur Hebung der Arbeitsproduktivität (beispielsweise Aktivistenbewegung) konnten dieses Grundproblem niemals lösen.

Eine offene Arbeitslosigkeit war dem Beschäftigungssystem der DDR völlig fremd, denn es gab ein "Recht auf Arbeit", das angesichts einer ebenfalls verfassungsrechtlich verankerten "Ehrenpflicht" zur Arbeit gelegentlich auch als Zwang empfunden werden konnte. In den 1960er und 1970er Jahren herrschte in der DDR ebenfalls wie in Westdeutschland eine Arbeitskräfteknappheit, der man zum Teil durch die Beschäftigung ausländischer "Vertragsarbeiter" entgegenzuwirken suchte.[30] Darüber hinaus war man bestrebt, auch Frauen in großer Zahl ins Erwerbsleben zu integrieren. Auch Arbeitszeitverkürzungen wurden nur zögerlich umgesetzt, so dass noch 1989 eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 43,75 Stunden in der DDR üblich war. Probleme ergaben sich hinsichtlich der Qualität und der regionalen Verteilung der Arbeitskräfte. Staatliche Versuche zur Anpassung wurden häufig durch ein beachtliches Maß an Fluktuation unterlaufen.

Trotz des Fehlens einer offiziellen Arbeitslosenstatistik kann man dennoch davon ausgehen, dass auch in der DDR verschiedene Formen von Arbeitslosigkeit existierten. Strukturelle Anpassungen führten zu Freisetzungen ebenso wie Formen fluktuationsbedingter Arbeitslosigkeit vorhanden waren. Eine konjunkturelle Arbeitslosigkeit konnte systembedingt allerdings nicht auftreten, doch muss demgegenüber von einem beachtlichen Umfang versteckter Arbeitslosigkeit ausgegangen werden. Diese fand ihren Ausdruck in der außerordentlich geringen Arbeitsproduktivität der DDR-Wirtschaft, die dieser schließlich zum Verhängnis wurde.[31] Der Preis dieser "Vollbeschäftigung" war der geringe Lebensstandard der Bevölkerung.

Die seit 1971 propagierte "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" sollte diesem Missstand abhelfen, doch blieb die Entwicklung des Lebensstandards in der DDR immer weit hinter dem der "Referenzgesellschaft" der Bundesrepublik zurück.[32] Über den Staatshaushalt erfolgte eine Subventionierung des Konsums der Bevölkerung, die sich vornehmlich auf eine Verbilligung des Grundkonsums an Nahrungsmitteln und der Mieten konzentrierte, während die Güter des gehobenen Bedarfs nahezu unerschwinglich oder auch gar nicht verfügbar blieben.[33] Die auf der betrieblichen Ebene durch eine egalitäre Lohnstruktur bereits erfolgte Entkoppelung von Lohn und Leistung wurde durch diese Politik nunmehr auch auf die gesellschaftliche Ebene transponiert. Diese als "Errungenschaften des Sozialismus" gefeierten Maßnahmen wurden von der Bevölkerung schnell als selbstverständlich angesehen und trugen ebenfalls zur Verschleierung des Zusammenhanges zwischen Arbeitseinkommen und Arbeitseinsatz bei. Der Förderung individueller Arbeitsmotivation und einer Steigerung der Arbeitsproduktivität wurde damit ein Bärendienst erwiesen. Die Lücke zwischen den Konsumansprüchen der Bevölkerung und der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft öffnete sich in der DDR daher immer weiter und der Staat suchte einen Ausweg über die Inanspruchnahme von Krediten und anderen Devisenhilfen, insbesondere von Seiten der Bundesrepublik.

Die Gesamtverschuldung der DDR gegenüber dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet stieg durch wachsende Importe und steigender Weltmarktpreise seit Anfang der 1970er Jahre deutlich an. Bis 1981 war das kumulierte Defizit der Handelsbilanz bis auf etwa 40 Milliarden Valutamark angestiegen und war damit doppelt so groß wie der Export jenes Jahres. Diese Politik zu Lasten der zukünftigen Möglichkeiten des Landes war auf Dauer nicht durchzuhalten und der Ende des Jahrzehnts erfolgte Kollaps der Wirtschaft zwangsläufig.[34] Für das Beschäftigungssystem der DDR bedeutete die deutsche Einheit eine Katastrophe, weil in der Währungsunion durch die Wahl des Wechselkurses zwischen der D-Mark und der Mark der DDR die Betriebe der DDR plötzlich mit der überlegenen Konkurrenz der internationalen Märkte konfrontiert wurden, und die produktionsbezogenen Reallöhne der ostdeutschen Exportindustrien stiegen schlagartig auf das Vierfache.[35]

Fußnoten

27.
Vgl. Christoph Kleßmann, Arbeiter im "Arbeiterstaat" DDR. Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell, westdeutsches Magnetfeld (1945-1971), Bonn 2007.
28.
Vgl. zum Folgenden Toni Pierenkemper, Vierzig Jahre vergebliches Mühen - die Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik, in: André Steiner, Überholen ohne einzuholen. Die DDR-Wirtschaft als Fußnote der deutschen Geschichte?, Berlin 2006, S. 45-66.
29.
Vgl. Dierk Hoffmann, Aufbau und Krise der Planwirtschaft. Die Arbeitskräftelenkung in der SBZ/DDR 1945-1963, München 2002.
30.
Vgl. Sandra Gruner-Domic, Zur Geschichte der Arbeitskräfteemigration in die DDR. Die bilateralen Verträge zur Beschäftigung ausländischer Arbeiter (1961-1989), in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz, 32 (1996), S. 204-230.
31.
Vgl. Holle Grünert, Beschäftigungssystem und Arbeitsmarkt in der DDR, Opladen 1997.
32.
Vgl. A. Steiner (Anm. 17), S. 158, S. 165-196.
33.
Vgl. Jennifer Schevardo, Von der Kartenwirtschaft zum "Exquisit": Verbraucherpreise, Lebensstandard und Herrschaftslegitimation in der DDR der fünfziger Jahre, in: André Steiner (Hrsg.), Preispolitik und Lebensstandard. Nationalsozialismus, DDR und Bundesrepublik im Vergleich, Köln 2006, S. 87-127.
34.
Eine ernüchternde Bilanz bei Gerhard Schürer et al., Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlussfolgerungen. Vorlage für das Politbüro des Zentralkomitees der SED, 30. Oktober 1989, online: http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/DDRGeschichte/Revolutionskalender/Oktober-1989/Dokumentenseiten/30-Oktober_d/30_okt_01_text.html (9.3.2012).
35.
Vgl. Hans-Werner Sinn/Gerlinde Sinn, Kaltstart. Volkswirtschaftliche Aspekte der deutschen Vereinigung, Tübingen 1991, S. 195.