Aushang Stellenangebote im Schaufenster der Zeitarbeitvermittlung Randstad. Hier: Job-Angebot für Industriemechaniker. Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 19.12.2003

29.3.2012 | Von:
Toni Pierenkemper

Kurze Geschichte der "Vollbeschäftigung" in Deutschland nach 1945

Vollbeschäftigung im vereinigten Deutschland

Nach der Wiedergewinnung der deutschen Einheit im Jahre 1990 stieg daher die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland sprunghaft an[36] und erreichte dort ihren Höhepunkt trotz massiver arbeitsmarktpolitischen Hilfsmaßnahmen mit einer Arbeitslosenrate von über 20% im Jahre 2004. Der naive Optimismus der "Wendezeit" begründete einen Machbarkeitswahn, der die Stabilisierung des ostdeutschen Arbeitsmarktes nur als eine vorübergehende Notmaßnahme erscheinen ließ.[37] Die Gewährung von Kurzarbeitergeld bis hin zu "Kurzarbeit Null", was nichts anderes als kaschierte Arbeitslosigkeit bedeutete, Vorruhestands- beziehungsweise Altersübergangsgeld sowie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in vielfältigen Formen sollten Beschäftigungsbrücken in den regulären Arbeitsmarkt schaffen. Doch diese Maßnahmen führten nicht zu dem gewünschten Ergebnis, weil die Basis der DDR-Wirtschaft gänzlich weggebrochen war. Ab Ende des Jahres 1992 kam es daher aus fiskalischen Erwägungen heraus zu einer Neuorientierung der Arbeitsmarktpolitik in Ostdeutschland hin zu einer "aktivierenden" Arbeitsmarktpolitik mit einer Orientierung am gesamtdeutschen Arbeitsmarkt.[38]

Seitdem hat sich die vertraute Konstellation eines stetigen Arbeitskräfteüberhanges mit einer Massenarbeitslosigkeit in der durch die neuen Bundesländer erweiterten Bundesrepublik wiederum eingestellt. Man kann darüber streiten, wie groß die Arbeitslosigkeit heute tatsächlich ist und ob mit den gegenwärtig (Februar 2012) gut drei Millionen registrierten Arbeitslosen ihr Umfang tatsächlich hinreichend erfasst wird. Man muss auch in Rechnung stellen, dass etwa knapp zwei Millionen Menschen sich entmutigt vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben oder wegen Arbeitslosigkeit bereits Rente beziehen, dass gut eine halbe Million in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen oder im Vorruhestand verharren und dass sich knapp eine halbe Million in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen befinden.[39] Man kann also die Zahl der registrierten Arbeitslosen in etwa verdoppeln, um einen realistischen Anhaltspunkt für die Unterauslastung des Erwerbspotenzials der deutschen Wirtschaft zu erhalten. Dass diese Konstellation recht weit vom Ziel "Vollbeschäftigung" entfernt ist, erscheint unbestreitbar. Und auch der gegenwärtig beobachtbare erfreuliche Anstieg der Beschäftigung in Deutschland auf über 41 Millionen Erwerbstätige und der Rückgang bei den registrierten Arbeitslosen bringt uns dem hehren Vollbeschäftigungsziel allenfalls partiell näher.

Trotz des bemerkenswerten Rückgangs der Arbeitslosenrate in Gesamtdeutschland - ein Trend, der sich vermutlich aufgrund demografischer Faktoren weiter fortsetzen wird - bleibt eine Vollbeschäftigung im Sinne des Golden Age der 1960er Jahre, nämlich als eine vollständige Ausschöpfung des vorhandenen Erwerbspotenzials, eine Illusion. Da das deutsche Produktionssystem in einem hohen Maß auf Qualitätsarbeit beruht, bieten sich für weniger qualifizierte Arbeitnehmer nur begrenzte Beschäftigungschancen, die auch bei allen Bemühungen um Weiterqualifizierung der Beschäftigten nicht dazu führen können, jedermann einen Arbeitsplatz zu verschaffen. Da aber aus sozialpolitischen Erwägungen unqualifizierte Tätigkeiten zu marktgängigen Preisen nicht akzeptiert werden, lässt sich ein bestimmter Bodensatz an Arbeitslosigkeit auch in Zukunft kaum vermeiden. Der Ausweg über eine gesteigerte Flexibilisierung des Arbeitsmarktes durch die Ausweitung eines Sektors "atypischer" Beschäftigung außerhalb des Normalarbeitsverhältnisses ist politisch ebenfalls stark umstritten. Mit dem Anstieg der atypischen Beschäftigungsformen in den vergangenen Jahren lässt sich zugleich eine zunehmende Spreizung der Lohnsätze beobachten, weil atypische Jobs häufiger geringer entgolten werden. Minijobs, Befristungen und Zeitarbeit sind meist mit deutlichen Lohnabschlägen verbunden, sodass atypische Beschäftigungsformen zugleich zu prekären Lebensverhältnissen führen können. Und selbst im Segment der im privilegierten Normalarbeitsverhältnis Beschäftigten lassen sich Tendenzen der Flexibilisierung aufzeigen, weil dort verstärkt Überstunden, unbezahlte Mehrarbeit oder ein Ausgleich durch Freizeit und ähnliches gefordert werden. Inwieweit alle diese Entwicklungen mit Vorstellungen über Vollbeschäftigung zu verknüpfen sind, muss daher hinterfragt werden. Vollbeschäftigung am Arbeitsmarkt in der modernen Gesellschaft erweist sich daher als eine Chimäre einer längst versunkenen Zeit.

Fußnoten

36.
Vgl. Karl-Heinz Paqué, Was ist am ostdeutschen Arbeitsmarkt anders?, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, (2001) 2, S. 407-423.
37.
Vgl. H.-W. Schmuhl (Anm. 20), S. 557.
38.
Vgl. ebd., S. 582-594.
39.
Zu diesen Zahlen, die allerdings für 1998 gelten, vgl. Wolfgang Klauder, Arbeit, Arbeit, Arbeit. Mit offensiven Strategien für mehr Beschäftigung, Zürich 1999, S. 17.