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Inhaltliche Daten
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Sprachförderung in Kindertagesstätte 'Drimbornstraße' in Troisdorf. Auf spielerische Art werden von den Erzieherinnen die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder auch schon in sehr frühem Alter gefördert und unterstützt. (model released) Troisdorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 13.06.2006
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Schlagworte
Familie , Menschen , reading , Spiele , Reader , blond , Spiel , Kind , lesendes , Kita , Bildung , Bücher , Sprache , Kultur , Lesen , Pädagogik , EDU , Kleinkind , UPBRINGING , FAMILY , Buch , Kindertagesstätte , Kitas , Mädel , Kindergartenplatz , Vorschule , Kindergärten , Kinder , Förderung , Bilderbuch , Soziales , Mädchen , Spielen , GAMES , Gesellschaft , vorschulisch , Begabung , Kindergarten , Mensch , Intelligenz , Personen , vorschulische , Bilderbücher , Bildungswesen , LANGUAGE , Erziehung , lesend , Alter 2-4 , CULTURE (GENERAL) , Kindertagesstätten , Kleinkinder , Lesender , Lernen , PRESCHOOLING , Familien , Lesende , Person , frühkindliche Erziehung
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Überschrift 
Sprachförderung in de...  
Personen
 
Kontinent
-
Land
Deutschland  
Provinz
Nordrhein-Westfalen
Ort
Troisdorf
Aufnahmedatum
20060613
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Rechtliche Daten
Bildrechte
 Verwendung weltweit
Besondere Hinweise
2598 x 1738
Rechtevermerk
picture alliance / JOKER
Notiz zur Verwendung
picture alliance/JOKER
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21.5.2012 | Von:
Stefan Sell

Klasse und/oder Masse. Die Qualität von Kindertageseinrichtungen zwischen Theorie und Praxis

Personalfrage als Kernbereich

Aus der geschilderten komplexen Gemengenlage an Qualitätsdimensionen sollen abschließend die Fragen nach der Fachkraft-Kind-Relation und davon abgeleitet des Personalschlüssels näher betrachtet werden. Denn das Personal ist in einem doppelten Sinne hoch qualitätsrelevant gerade für die Kleinsten: Es müssen in einem rein quantitativen Sinne genügend Erzieherinnen und Erzieher da sein, und darüber hinaus müssen es auch die "richtigen" sein hinsichtlich ihrer Eignung und Professionalität für die Arbeit mit den Kindern. Schaut man in die einzelnen Bundesländer und fragt nach der quantitativen Ausformung des Personalschlüssels, dann ergibt beispielsweise eine aktuelle rechnerische Annäherung durch das Statistische Bundesamt mit Blick auf die Kinder von null bis zwei Jahren eine erhebliche Streuung. Dies verdeutlicht die Abbildung 2 (vgl. Abbildung 2 in der PDF-Version), wobei gleich anzumerken ist, dass das Statistische Bundesamt selbst darauf hinweist, dass es sich nur um einen rechnerischen Näherungswert handelt: "In der täglichen Betreuungssituation vor Ort können sich andere Bedingungen ergeben. Dies gilt insbesondere bei Ausfallzeiten des Personals oder in den sogenannten Randzeiten der Betreuung."[11] Im Klartext: In der Realität der meisten Einrichtungen ist der tatsächliche Personalschlüssel also schlechter als die hier angegebenen Werte. Unabhängig davon ist bei der Betrachtung der Wertevarianz zwischen den Bundesländern eine nicht akzeptable Streuung der Personalschlüssel schon auf Länderebene feststellen. Nach allem, was wir aus der Fachdiskussion wissen, sind gerade die Personalschlüssel, die hier für die ostdeutschen Bundesländer ausgewiesen werden, nicht akzeptabel.

Um die Brisanz der hier präsentierten Werte zu verstehen, sind sie an den Befunden aus der fachwissenschaftlichen Diskussion zu spiegeln: Unbeschadet der Tatsache, dass die Skala des Wünschenswerten nach oben hin unbegrenzt ist, konnte beispielsweise die Studie von Susanne Viernickel und Stefanie Schwarz "kritische Schwellenwerte" aufzeigen. Hierbei handelt es sich um Werte, ab denen negative Auswirkungen auf pädagogische Qualität und Wohlbefinden der Kinder zu erwarten sind. In ihrer Expertise zu den wissenschaftlichen Parametern für die Fachkraft-Kind-Relation kommen sie mit Blick auf die Gruppen mit unter dreijährigen Kindern zu einer Fachkraft-Kind-Relation von eins zu drei bzw. maximal eins zu vier. Hierbei handelt es sich um die erwähnten kritischen Schwellenwerte, bei deren Überschreitung man nach Auffassung der beiden Autorinnen der Studie von einer Gefahr für die Kinder sprechen kann.[12]

Ein besonderes Problem in Deutschland ist die zumeist fehlerhafte, wenn überhaupt vorhandene Einbeziehung der Ausfallzeiten von Erzieherinnen und Erziehern. Denn bei der Bestimmung des zu finanzierenden Personals ist zu berücksichtigen, dass die Ausfallzeiten durch Krankheit (die durchschnittliche jährliche Erkrankungszeit bei Erzieherinnen und Erziehern liegt derzeit bei 13 Tagen) und Urlaub (29 bis 30 Tage) jährlich etwa 20 Prozent des Arbeitsvolumens ausmachen. Hinzu kommen müsste eine Berücksichtigung der notwendigen und immer wichtiger werdenden Zeiten für Vor- und Nachbereitung: In der Fachdiskussion wird hierfür, für die "mittelbare pädagogische Arbeitszeit", die Kalkulation von weiteren 20 Prozent gefordert. Unterm Strich würde das bedeuten, dass nur 60 Prozent des Arbeitsvolumens für eine direkt kindbezogene Arbeit in Rechnung gestellt werden könnte. Es sei denn, man berücksichtigt die beschriebenen Zeiten nicht oder nur unzureichend, was leider genau der Situation in den meisten Bundesländern entspricht und bei vielen Fachkräften zu einem begründeten Gefühl der ständigen Überlastung führt - und das vor dem Hintergrund eines an sich schon zunehmenden Fachkräftemangels und "bescheidener" Arbeitsbedingungen im Zusammenspiel mit einer enormen Erwartungshypertrophie an die Einrichtungen (zum Beispiel hinsichtlich des Bildungsauftrags).

Angesichts dessen, was wir theoretisch wissen, in der Praxis sehen und unter den schwierigen Rahmenbedingungen erwarten müssen, bleibt in Bezug auf den Ausbau der Betreuungsangebote für die Kleinsten - so wie er derzeit vonstatten geht - ein großes Unbehagen. Auch Befürworter der familienergänzenden Betreuung, Bildung und Erziehung können gegenwärtig doch von großen Zweifeln und der Befürchtung beschlichen werden, ob wir hier nicht in eine Situation hineinlaufen, die dem Pflegenotstand am anderen Ende der Lebensspanne in Vielem gleicht. Es wäre jetzt die Zeit für einen großen "Krippengipfel", auf dem nicht nur mehr Geld bereitgestellt werden sollte, sondern auf dem sich alle Beteiligten auf verbindliche Standards für Qualität in Kindertageseinrichtungen einigen und diese verbindlich verabschieden sollten.

Fußnoten

11.
Destatis, Pressemitteilung Nr. 90 vom 13.3.2012.
12.
Vgl. Susanne Viernickel/Stefanie Schwarz, Schlüssel zu guter Bildung, Erziehung und Betreuung - Wissenschaftliche Parameter zur Bestimmung der pädagogischen Fachkraft-Kind-Relation. Expertise für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Berlin 2009.