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Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.

2.8.2012 | Von:
Uriel Kashi

Yad Vashem – Gedenken im Wandel

Zentrale Datenbank für die Namen von Holocaust-Opfern

Die namentliche Erfassung möglichst aller sechs Millionen jüdischer Opfer ist ein weiteres wichtiges Anliegen der Gedenkstätte. Ein Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, sind die sogenannten Gedenkblätter, symbolische "Grabsteine", welche am Ende der Ausstellung in der "Halle der Namen" aufbewahrt werden. Überlebende und Nachkommen werden gebeten, für jedes einzelne Opfer ein Gedenkblatt auszufüllen und mit möglichst vielen Einzelheiten und Fotografien zum Leben ihres Angehörigen zu ergänzen. Auf diese Weise versucht Yad Vashem, die ermordeten Juden nicht auf ihre anonyme Opferrolle zu reduzieren, sondern den Menschen ihre Namen und Gesichter und damit ihre Individualität zurückzugeben. Weiter gibt die Existenz des Gedenkblattes den Überlebenden die Gewissheit, dass die ermordeten Juden nicht aus dem Weltgedächtnis ausgelöscht sind.

Seit den 1990er Jahren werden die Gedenkblätter digitalisiert und seit 2004 sind diese öffentlich über eine Online-Datenbank einsehbar. Von jedem Ort der Welt kann man somit nicht nur einzelne Namen recherchieren, sondern man erhält über eine Suchmaske auch eine Auflistung der jüdischen Bewohner einer bestimmten Stadt oder eines Dorfes. Mittlerweile umfasst die Namensdatenbank von Yad Vashem mehr als vier Millionen unterscheidbare Personen und somit zwei Drittel aller während des Holocaust ermordeten Juden.

Langfristig beabsichtigt Yad Vashem sogenannte Personalakten zu jedem einzelnen Opfer zu erstellen. Dabei würden alle relevanten Dokumente, in denen eine Person erwähnt wird, gebündelt aufgelistet. Neben den Gedenkblättern gehören dazu auch Transportlisten, Geburtsurkunden, Polizeiakten, Evakuierungslisten der Sowjetunion und verschriftlichte Zeitzeugenberichte. Führte man all diese Dokumente zusammen, wäre es möglich, die persönliche Lebensgeschichte der einzelnen Opfer zu rekonstruieren. Aufgrund von Namensdoppelungen, Namensänderungen, unterschiedlichen Schreibweisen von Namen und Ähnlichem ist die automatisierte Erstellung solcher Personalakten jedoch mit zahlreichen technischen Schwierigkeiten verbunden. Bis die ersten Personalakten im Internet einsehbar sein werden, ist es sicherlich noch ein weiter Weg.

Fotografien aus der Zeit des Holocaust

Seit seiner Gründung sammelt Yad Vashem auch Fotomaterial aus der Zeit vor, während und nach dem Holocaust. Die Sammlung umfasst sowohl Schenkungen von Überlebenden beziehungsweise deren Nachkommen als auch zahlreiche Bilder von Privatsammlern und Archiven aus der ganzen Welt. Seit 1983 kümmert sich eine eigene Fotoabteilung um das Sammeln, Katalogisieren und Erforschen der historischen Fotografien. Heute umfasst das Fotoarchiv insgesamt etwa 214.000 Fotografien aus rund 9.000 unterschiedlichen Sammlungen. Bei dieser Menge an Fotomaterial ist es nicht verwunderlich, dass nicht alle Fotos gleich gut erschlossen sind. Oftmals ist unklar, wann und wo die Bilder genau gemacht wurden und wer auf ihnen abgebildet ist. Einen ungewöhnlichen Weg, zumindest einige der Informationen doch noch zu erhalten, geht Yad Vashem durch eine Zusammenarbeit mit Google, mit dessen Hilfe 2011 die ersten 130.000 digitalisierten Bilder online bereitgestellt wurden. Dabei werden nicht nur die Vorderseiten der Fotografien gescannt, sondern auch die Rückseiten, auf welchen sich handschriftlich notierte Informationen oder gar Namen finden lassen. Über die Nutzung einer speziell entwickelten Schrifterkennungssoftware werden diese Informationen nun in eine Datenbank eingepflegt und lassen sich über eine entsprechende Suchmaske abrufen. Weiter haben Internet-Besucher die Möglichkeit, die Bilder zu kommentieren und damit fehlende Angaben zu ergänzen. Erkennt man auf einem Foto etwa ein Gebäude oder eine Person, besteht die Möglichkeit, das Foto zu kommentieren und diese Information erscheint nach einer Überprüfung fortan gemeinsam mit der Fotografie selbst.

Fazit

Erinnerungskultur ist, in Deutschland ebenso wie in Israel, stets politisch und kulturell geprägt und Wandlungsprozessen unterlegen. Yad Vashem ist eine israelische und zionistische Gedenkstätte und der israelische Umgang mit der Geschichte des Holocaust spiegelte sich stets in der Entwicklung Yad Vashems wider, ebenso wie sich in der Arbeit und Ausrichtung der deutschen Gedenkstätten die deutsche Perspektive abbildet. Das Kennenlernen einer israelischen Gedenkstätte kann dazu beitragen, ein mehrdimensionales Geschichtsbewusstsein zu entwickeln und sich der eigenen Perspektive auf die Geschichte bewusster zu werden. Ein Verständnis von den nationalen Besonderheiten des Erinnerns festigt die starke Annäherung, die zwischen Deutschland und Israel in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden hat, und könnte langfristig zur Bildung einer gemeinsamen deutsch-israelischen Gedächtniskultur als Ergänzung zu nationalen Erinnerungsformen führen.