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Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.

2.8.2012 | Von:
Sandra Nuy

Erinnerung und Fiktion

Gedächtnis in der Fiktion

Als Film pocht "Der Untergang" auf eine Glaubwürdigkeit, die durch Zeitzeugen bekräftigt wird, basiert doch das Drehbuch auf den Erinnerungen von Hitlers Sekretärin Traudl Junge und Joachim Fests Schilderungen der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs. Zu Beginn und am Ende des Films werden Ausschnitte aus einem Interview gezeigt, in dem die "echte" Traudl Junge kurz vor ihrem Tod 2002 über Schuld und Verantwortung reflektiert.[21] Durch diese Rahmung wird die Erzählung über die letzten Tage des Krieges ähnlich einer Rückblende inszeniert, so dass Erinnerung einerseits als dramaturgische Strukturierung eingesetzt und andererseits als ein Garant für die Wahrhaftigkeit der Geschichte bemüht wird.

Die (scheinbare) Beglaubigung der Erzählung durch den Zeugen in der Gegenwart ist keine Seltenheit in den Filmen, die wirkliche Leidens- und Lebenswege fiktionalisiert erzählen. Treten in "Schindlers Liste" die Überlebenden auf, so wird die Rolle des Zeitzeugen in anderen Filmen von Schauspielern übernommen. Mit der Verschränkung von Gegenwart und Vergangenheit innerhalb der erzählten Zeit wird Authentizität suggeriert, selbst wenn sich realhistorische Ungenauigkeiten und Fehler in der Darstellung nachweisen lassen. Beispiele sind hier die melodramatische Liebesgeschichte zweier Frauen in "Aimée und Jaguar" von Max Färberböck (1998) oder der Film über die Proteste von Berliner Frauen gegen die Internierung ihrer Männer in "Rosenstraße" von Margarethe von Trotta (2003).

Wird in diesen Filmen der Akt des Erinnerns zum Antrieb einer Handlung mit quasi-dokumentarischem Charakter, so zeigen die Arbeiten George Taboris entgegengesetzte Formen des Erinnerns auf. Wie kein anderer Theatermacher hat Tabori die Erinnerung an die Shoah in den Mittelpunkt seiner Arbeit gerückt und dabei zugleich den Prozess aufgezeigt, wie Erinnerung eine literarische Gestaltung erfährt. Beispielhaft sei "Mutters Courage" erwähnt, die Geschichte seiner Mutter Elsa Tabori, die im Sommer 1944 aus Budapest deportiert wurde und überlebte, weil sie einem SS-Offizier erzählte, sie habe eigentlich einen Schutzpass des Roten Kreuzes, den sie aber leider zu Hause vergessen habe. "Mutters Courage", 1995 von Michael Verhoeven verfilmt, wurde im Mai 1979 in München uraufgeführt. Tabori wollte der Melodramatik von "Holocaust" etwas entgegensetzen – nämlich die Einsicht in die langsame Verfertigung der Erinnerung beim Sprechen. Auf der Bühne erzählen sich Mutter und Sohn gegenseitig die Rettungsgeschichte; oder besser: Der Sohn erzählt und die Mutter greift korrigierend ein: "Ich kann Dir meine Geschichte nicht erzählen. Was ich dir zuliebe behalten hatte, damit du eine Geschichte daraus machen kannst, habe ich inzwischen vergessen. Mehr als dich von Zeit zu Zeit korrigieren, kann ich nicht, wenn du das willst. Denn du neigst zu Übertreibungen und Schönfärbereien, mein Schatz, und nur weniges war so schön, wie du es heute hinstellst."[22]

Erinnerung als soziale Praxis

George Tabori lässt keinen Zweifel daran, dass das Gedächtnis eine höchst unsichere Sache ist. Wenn Mutter und Sohn über Lesarten von Geschichte streiten, werden Erinnerungen in ihrer brüchigen Verlässlichkeit verbalisiert und über das Medium des Theaters versinnlicht. Gleiches gilt für den fiktionalen Film: Bilder, Töne und vor allem die Figuren, die durch Schauspieler verkörpert werden, machen historische Erfahrungen und Ereignisse sinnlich wahrnehmbar. Zugleich werden durch die filmische Dramaturgie kognitive und emotionale Aktivitäten des Publikums strukturiert.

Und noch etwas zeigt das Gespräch zwischen "Mutter" und "Sohn" Tabori: Gedächtnis ist immer auch soziale Praxis. Individuelle und kollektive Erinnerungen sind nicht nur abhängig von Sinnzuschreibungen, sondern werden durch Kommunikation immer neu ausgehandelt. Der Spielfilm tritt dabei als eine kulturelle Ausdrucksform auf den Plan, in welcher historisches Wissen durch fiktionale Geschichten vermittelt wird – ohne dass sich das ästhetische Medium Film in eine "Geschichtsstunde" verwandelt. Doch indem die erzählten Geschichten Anschlusskommunikation provozieren und gesellschaftliche Diskurse auslösen, bewahren sie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für die Gegenwart.

Fußnoten

21.
Es handelt sich jeweils um einen Ausschnitt aus "Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin", einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2002 von André Heller und Othmar Schmiderer.
22.
George Tabori, Mutters Courage, in: Unterammergau oder Die guten Deutschen, Frankfurt/M. 1981, S. 139-178, hier: S. 152.