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Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.

2.8.2012 | Von:
Christian Mentel

Die Debatte um "Das Amt und die Vergangenheit"

Fortgang der Debatte

Auch wenn zunächst kaum Reaktionen zu verzeichnen waren – zu Ende war die Debatte damit noch nicht. Stattdessen rückte die Frage in den Fokus, wie sowohl mit der Studie als auch der Debatte umzugehen ist. Innerhalb der Fachwissenschaft trat diese Wende Ende 2011 ein, als neben Rezensionen nun einerseits neue Forschungen zu umstrittenen inhaltlichen Aspekten der Studie, andererseits Aufsätze erschienen, denen das Werk und die Debatte als Ausgangs- und Referenzpunkt einer Reflexion über die deutsche Zeitgeschichtsschreibung dienten.[43] Und auch der fachinterne Austausch über Grundsatzfragen, etwa hinsichtlich der Chancen und Gefahren von Auftragsforschung, wurde intensiviert. Dies ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass – angestoßen durch den Auftrag des AA – in den vergangenen Jahren eine Welle an Forschungsprojekten zu verzeichnen ist, die sich auf die eigene Institution beziehen: Auf Bundesebene gilt dies etwa für das Finanz-, das Wirtschafts- und das Justizministerium, aber auch die Geschichte des Bundesnachrichtendiensts und des Bundesamts für Verfassungsschutz wird erforscht. Vor diesem Hintergrund stellen die Erfahrungen der Historikerkommission des AA, die Studie und die Debatte für viele Forscher einen im Positiven wie im Negativen wichtigen Bezugspunkt dar.

Doch nicht nur wissenschaftsintern entwickelte sich die Debatte weiter, auch in die Presse kehrte sie zurück, und zwar mit dem bereits kontrovers diskutierten Vorwurf der Historikerkommission, im Archiv des AA – das als einziges Bundesministerium seine Akten nicht dem Bundesarchiv übergibt, sondern vollständig selbst verwahrt – habe es an Kooperation und Transparenz gemangelt. Grund für diese jüngste Aktualisierung war das Ergebnis einer vom AA in Auftrag gegebenen externen Evaluation: Der im März 2012 nach fast einjähriger Arbeit übergebene Bericht kam zu dem Schluss, es gebe "keinerlei Hinweise oder Vermutungen, dass der transparente und demokratische Zugang zu Archivalien durch interne Weisungen beschränkt" oder das Archiv in seiner Arbeit behindert werde.[44] Während Blasius den Bericht in einem Leitartikel als "Rehabilitierung" des Archivs interpretierte, galt er der Historikerkommission in einem dritten gemeinsamen Beitrag als "Persilschein" mit zweifelhafter Methodik und Aussagekraft.[45] In ihrem in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS) platzierten Artikel machten die Autoren eine "entscheidende Rolle" des Archivs bei der "Vertuschung" der NS-Vergangenheit aus und griffen insbesondere auch seinen amtierenden Leiter Ludwig Biewer an. "Vernichtete Akten, verschwundene Dokumente, nicht zugängliche Unterlagen" seien Alltagserfahrung gewesen, man sei "nicht nur nicht unterstützt, sondern zum Teil sogar behindert" worden. Gleichzeitig habe Biewer, der sich in der Nachruf-Affäre gegen Außenminister Fischer stellte, Blasius jedoch Unterstützung gewährt, als es darum gegangen sei, die Auslöserin der Affäre, Marga Henseler, zu diskreditieren.[46]

Einordnung der Debatte

Nachdem die Debatte fast zwei Jahre währte, scheint sie sich in den jüngsten – nur noch wenigen – Pressebeiträgen zunehmend zu einem Zwiegespräch mit immer längeren Intervallen und stetig weniger neuen Konfliktherden zwischen der Historikerkommission auf der einen und Rainer Blasius auf der anderen Seite verengt zu haben. Um sie, wie angesichts der Nähe zum Geschehen geboten, vorsichtig und vorläufig einordnen zu können, ist der Blick auf die Kontexte zentral.

Markant stechen zunächst die institutionellen Verbindungen und Affinitäten der Debattenteilnehmer hervor, also die jeweiligen Beziehungen, in denen die Akteure zu den involvierten Einrichtungen wie dem Archiv des AA, zum IfZ oder auch zur viel zitierten AA-Aktenedition stehen. Ein weiterer wichtiger Hintergrund sind – von der Debatte zunächst unabhängige – grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen, wie sie etwa hinsichtlich der Entschlussbildung und der Ingangsetzung des Holocaust bestehen. Als relevanter Faktor nicht zu vernachlässigen ist auch die persönliche Involvierung einiger Debattenteilnehmer in den Gegenstand der Studie, sei es als Zeitzeuge durch eigene Tätigkeit im AA, durch familiäre Bande oder auch durch entsprechende Positionierung während der Nachruf-Affäre. Weiterhin ist der mediale Aspekt zu beachten und danach zu fragen, welche Medien sich in der Debatte wie engagierten. So ist etwa auffällig, in welch hohem Maße die FAZ und insbesondere Blasius sich dem Kommissionsbericht widmeten, andere Blätter jedoch vergleichsweise still blieben, etwa die Wochenzeitung "Die Zeit", die sich in früheren Jahren als Fürsprecherin selbst hochbelasteter Diplomaten profiliert hatte und in anderen historischen Debatten meist eine zentrale Rolle spielte. Schlussendlich muss der wohl wichtigste Kontext genannt werden: der (geschichts-)politische. Bedeutsam ist er nicht nur, weil die Historikerkommission ihren Auftrag aus der Politik erhielt, sondern vor allem, weil ihre Berufung einen politischen Konflikt – die Nachruf-Affäre – lösen sollte. Dass dies den Abschlussbericht über das ansonsten erwartbare Maß politisch auflud, dürfte einer der Schlüssel zur Erklärung der Debatte darstellen, zugleich verweist er auch auf ein allgemeines Problem der Zeitgeschichte, nämlich die Nähe von Wissenschaft und Politik.

Angesichts selbst nur dieser wichtigsten Einflussfaktoren lässt sich – im dichotomischen Sinne – kaum von zwei Lagern von "Befürwortern" und "Kritikern" sprechen, und alle Versuche, das disparate Feld in überzeugender Weise zu strukturieren, scheitern an seiner Komplexität. Auch wenn sich mit Rainer Blasius und der Historikerkommission die zwei entscheidenden Pole der Debatte benennen lassen, greift das scheinbar nächstliegende Strukturierungskriterium, die politischen Lager, nur bedingt. Denn obwohl, wie man nach dem holzschnittartigen Links-rechts-Schema erwarten konnte, die liberalkonservative FAZ die wichtigste Plattform der Kritiker darstellte und sich die linksliberale FR als prominenteste Befürworterin der Studie positionierte, gesellte sich, entgegen dem Schema, "Der Spiegel" zu den Kritikern und selbst durch die FAZ ging ein Riss. So wurden Blasius Andeutungen, dass es Henseler an Integrität mangele, in einem anderen Ressort desselben Blattes, in dem die AA-Studie zudem hoch gelobt wurde, als "Gipfel der Infamie" qualifiziert.[47] Und auch in anderer Hinsicht gab es den klaren Frontverlauf entlang der politischen Ausrichtung nicht – während ein Historiker mit konservativem Profil wie Michael Stürmer die Studie lobte, gehörte der in einer sozialdemokratischen Tradition stehende Hans Mommsen zu den schärfsten Kritikern.

Die Debatte um "Das Amt und die Vergangenheit" auf einen griffigen Nenner zu bringen, erscheint also alles andere als leicht. Doch kann die vielschichtige Debatte sinnvollerweise überhaupt derart konzise zusammengefasst werden? Blendet man alle Polemik, persönlichen Angriffe und Unterstellungen aus, dürfte ihr sachlicher Kern aus zwei Teilen bestehen. Zum einen aus historiografischen, quelleninterpretatorischen, methodischen und wissenschaftsethischen Differenzen und Streitpunkten, zum anderen aus dem auf höherem Niveau weitergeführten (geschichts-)politischen Konflikt um den angemessenen Umgang mit NS-belasteten Amtsangehörigen und der NS-Vergangenheit des AA insgesamt. Genauer: der Frage, ob es im AA der Bundesrepublik Bestrebungen gab – und auch in jüngster Vergangenheit noch gibt –, die als Vertuschung oder Beschönigung gelten können. Dass die Studie, in der diese politischen und wissenschaftlichen Elemente gleichermaßen zusammenkamen, geradezu zum Symbol wurde und manchmal weniger über den Inhalt des Buches als über die zugeschriebene Bedeutung (etwa als Inbegriff des Geschichtsbilds der 68er oder der NS-Aufarbeitung insgesamt) gestritten wurde, deutet neben der großen öffentlichen Resonanz darauf hin, dass die Debatte über den Einzelfall hinaus Relevanz besitzt.

Ohne die Debatte in die eine Richtung als ausschließlich historiografischen Disput überzubewerten oder in die andere als rein (geschichts-)politische Auseinandersetzung zu verkürzen, lässt sich die Vermischung beider Momente als das zentrale Merkmal dieser Auseinandersetzung festhalten. Auch wenn einmal der eine, das nächste Mal der andere Anteil überwog, war die Debatte sowohl durch ein hohes Maß an wissenschaftlicher Substanz als auch durch ungewöhnliche Schärfe und unverkennbar politischen Gehalt geprägt. Diese Eigenschaft rückt sie in eine Reihe mit anderen großen historischen Debatten der Bundesrepublik, von der Kontroverse um den Reichstagsbrand über den Historikerstreit bis hin zur Auseinandersetzung um die Wehrmachtsausstellung. Ob die Debatte um 2Das Amt und die Vergangenheit" in dieser Reihe den gleichen Rang einnehmen wird, bleibt indes abzuwarten.

Fußnoten

43.
Vgl. z.B. Michael Mayer, Akteure, Verbrechen und Kontinuitäten. Das Auswärtige Amt im Dritten Reich. Eine Binnendifferenzierung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 59 (2011) 4, S. 509–532; Neil Gregor, "Das Amt" und die Leitnarrative moderner deutscher Geschichte. Überlegungen zu einem Buch und dessen Rezeption, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 62 (2011) 11–12, S. 719–731.
44.
So die Zusammenfassung der Untersuchung, online: http://informationswissenschaften.fh-potsdam.de/pol_archiv.html (11.7.2012). Die Studie wurde von Carolin Baumann, Claudia Busse und Annika Manegold, drei Absolventinnen des Bachelor-Studiengangs Archivwissenschaft der Fachhochschule Potsdam, unter Leitung von Karin Schwarz, Professorin an der FH Potsdam, erstellt.
45.
Rainer Blasius, Das Amt und sein Archiv, in: FAZ vom 16.3.2012, S. 1; Eckart Conze/Norbert Frei/Peter Hayes/Moshe Zimmermann, Panzerschrank der Schande, in: FAS vom 6.5.2012, S. 30.
46.
Vgl. ebd.; vgl. auch Rainer Blasius, Der Generalkonsul und das Auswärtige Amt, in: FAZ vom 26.10.2010, S. 8.
47.
Edo Reents, Bei der Prophetin, in: FAZ vom 28.10.2010, S. 31.