Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek

24.9.2012 | Von:
Kurt Möller

Männlichkeit, Mannhaftigkeit und Mannbarkeit: Wie aus Jungen Männer werden

Was man weiß, was man wissen sollte

Freilich sind männliche Kinder und Jugendliche im Allgemeinen nicht in der Lage, Positionen zu besetzen, die ihnen hegemoniale Männlichkeit zuweisen können. Zugleich stehen sie nicht zuletzt aufgrund entsprechender altersspezifischer Entwicklungsaufgaben und -interessen unter dem besonderen Druck, männliche Identität, hier verstanden als die Kontinuität, Kohärenz und Konsistenz eines männlichen Selbsterlebens, herauszubilden. Sie nehmen zudem an sie herangetragene Erwartungen wahr, männlich aufzutreten und jungenspezifisch mannhaft sowie mannbar zu wirken. Für sie liegt aus Anerkennungsgründen nahe, sich dabei am gesellschaftlich vorherrschenden Leitbild hegemonialer Männlichkeit zu orientieren.

Dennoch: Theoretisch stehen sie zunächst vor drei Alternativen, nämlich (1.) entweder geschlechtsspezifische Identitätsbezüge für sich selbst gänzlich abzulehnen, (2.) andere Männlichkeitsvorstellungen zu verfolgen als jene, die hegemonialer Männlichkeit entsprechen, oder (3.) sich an letztgenannter zu orientieren, sie auch zum Leitbild der Persönlichkeitsentfaltung in relevanten Lebensbereichen zu machen, sich vorerst aber, solange entsprechende Umsetzungen in Beruf, Partnerschaft oder öffentlichen Belangen nicht möglich sind, mit Realisierungen in gesellschaftlichen Symbolbereichen zufrieden zu geben. Eine weitere (4.) strategische Möglichkeit besteht darin, Mannhaftigkeitsaspekte und Mannbarkeitsnachweise entlang dem Muster hegemonialer Männlichkeit zwar bis zu einem gewissen Ausmaß und Grad für sich selbst zu akzeptieren, sie aber zugleich gänzlich oder teilweise zu ironisieren und dies auch durchgängig oder situativ zu erkennen zu geben. Es stellt sich die Frage, wie Jungen mit den damit verbundenen Herausforderungen geschlechtsspezifischer Identitätsbildung in ihren zentralen Lebensbereichen umgehen.

Innerhalb der Familie sind die Erfahrungen von Jungen gegenwärtig vielfach davon gekennzeichnet, dass die Vaterrolle anders gelebt wird als in den Vorgängergenerationen. Insbesondere aufgrund gestiegener Frauenerwerbstätigkeit, des Wandels vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt und liberalisierter Erziehungsvorstellungen sind patriarchale Muster bereits seit längerem in Auflösung begriffen. Der Alleinernährer als Alleinbestimmer hat längst Minderheitenstatus. Die Flexibilisierung der Vaterfigur wird aber auch durch den Trend zu mutterzentrierten Alleinerziehenden-Haushalten und zu familiären Konstellationen vorangetrieben, in denen Väter zwar vielleicht physisch existent, aber sozio-emotional weitgehend abwesend sind – nicht zuletzt aufgrund gestiegener beruflicher Beanspruchungen. Zugleich steigt die Anzahl der Männer, die modernisierte, das heißt enthierarchisierte und (tendenziell) egalitäre Geschlechterverhältnisse befürworten beziehungsweise leben, sowie derjenigen, die sich als Suchende auf dem Weg zu neuen männlichen Identitätsbezügen begreifen.[8] Für Jungen werden im Zuge dieser Prozesse potenzielle väterliche Männlichkeitsvorbilder, Mannhaftigkeitszuordnungen und Mannbarkeitsanforderungen weniger lebensweltlich greifbar, uneindeutiger und interpretationsbedürftiger. Diese Deutungsoffenheit ist Belastung, Chance und Gefährdungskonstellation zugleich: Sie stellt konventionelle Orientierungsgewissheiten infrage, öffnet eben dadurch Wege zu neuen Horizonten, kann aber auch den Rückzug auf archaische Maskulinitätsmuster befördern.

Im Schul- und Bildungssystem ziehen die Jungen im Geschlechtervergleich seit geraumer Zeit den Kürzeren: Sie erzielen die schlechteren Noten, werden doppelt so häufig wie Mädchen von Lehrkräften als verhaltensauffällig eingestuft und sind überproportional an Förderschulen, unter Sitzenbleibern und Jugendlichen ohne Schulabschluss vertreten. Auch wenn man darin nicht unbedingt eine "systematische Benachteiligung“[9] oder gar einen "Krieg gegen Jungen“[10] sehen muss, so scheint doch eine strukturelle Fehlpassung zwischen den Erwartungen von Schule einerseits und den Bedürftigkeiten, bevorzugten Lernweisen und Verhaltensstilen von Jungen andererseits vorzuliegen. In den strukturellen Verursachungszusammenhängen ist dies durchaus eine Analogie zur Mädchenbenachteiligung früherer Jahrzehnte, die ebenso wenig auf intellektuelle Defizite oder subjektiv zu verantwortende Schuld der Zukurzgekommenen zurückzuführen war. Eine jungengerechte Schule wird daher nicht durch ein Zurückdrängen der oft beklagten Feminisierung des Bildungspersonals oder allein durch eine Erhöhung der Anzahl der männlichen Beschäftigten in Betreuungs- und Bildungsinstitutionen für Kinder und Jugendliche erzielt werden können. Vielmehr ist entscheidend, die im Gegensatz zu verbreiteten pauschalen Verdächtigungen durchaus bestehende Lernmotivation, Regelakzeptanz, Schulwertschätzung und Lehrkräfteanerkennung der weitaus meisten Jungen durch systemische und unterrichtliche Innovationen so aufzugreifen, dass sie sich besser als bislang für sie auszahlt.[11]

Unter Gleichaltrigen sind für Jungen vor allem in der Jugendphase die Zugehörigkeit zu und die Anerkennung in einer geschlechtshomogenen Gruppe von hochgradiger Relevanz. Sie bildet so etwas wie den Durchlauferhitzer für männliche Sozialisation. Hier wird von jeher gelernt, was als mannhaft gelten kann. Hinweise verdichten sich jedoch, dass in diesem Kontext längst nicht mehr ungebrochen maskulinistische Konventionen ausgetauscht und eingeübt werden. Selbst dort, wo sie weiterhin zelebriert werden, geschieht dies meist mit einer gewissen ironischen Distanz, die das Wissen um die Ambivalenz und Modulhaftigkeit solcher Männlichkeitskultur zu erkennen gibt.[12]

Arbeit und Beruf stellen für Angehörige des männlichen Geschlechts traditionell wichtige Ankerpunkte von Identitätsbildung und Lebensführung dar. Die ökonomische und technologische Rationalisierung dieser Sphäre löst allerdings zunehmend das Normalarbeitsverhältnis als einen bedeutsamen Definitionskern von Männlichkeit auf. Gefragt ist immer mehr der jederzeit flexible abstract worker "als eine Figur, die ihre sozialen Bindungen und ihre Geschlechtszugehörigkeit in der Privatheit zurücklassen muss“.[13] Physische Kraft und Geschicklichkeit des "Arbeitsmannes“ verlieren an Wert als Vorbildtugenden; Zuverlässigkeit, Disziplin und Ordnungstugenden sowie familiäre Versorgungskompetenzen des mittleren Angestellten werden relativiert, wenn männliches Ansehen und männliche Hegemonie immer mehr über Insignien des öffentlichen und ökonomischen Erfolgs ausgewiesen werden. Männliche Jugendliche orientieren sich entsprechend um, tragen dabei aber umso mehr das Risiko des Scheiterns und der Resignation, je stärker ihnen Zugänge zu modernisierten Männlichkeitsausweisen des Arbeitsmarkts verbaut sind beziehungsweise erscheinen.

Die Medien bringen ihren enorm gewachsenen Stellenwert dadurch zur Geltung, dass sie gerade in weiten Teilen der für Jugendliche attraktiven Genres – etwa in Filmen, Computerspielen und Musik(clips) – der Abflachung und tendenziellen Neutralisierung von lebensweltlich erfahrbaren geschlechtsspezifischen Ordnungen Bilder entgegensetzen, die überkommene geschlechtsspezifische Zuweisungen ästhetisierend in Szene setzen. Hier können sie als (doing) masculinity-Module konsumiert werden, ohne sie real zu leben.[14]

Insgesamt wird deutlich: Im Prozess des Aufwachsens werden Jungen heute bereichsübergreifend schwierige Balanceakte abgefordert: Sie sehen sich auf der einen Seite mit der gesellschaftlichen Anforderung konfrontiert, eine von (nur) zwei gesellschaftlich akzeptierten Geschlechtsidentitäten, eine männliche Identität nämlich, herauszubilden. Auf der anderen Seite werden aufgrund der Modernisierungen von Geschlechterverhältnissen und -bildern die Konturen dessen, was damit gemeint ist, immer undeutlicher. Zwar bleibt die Aneignung eines Habitus männlicher Hegemonie Orientierung stiftend, in dem Maße aber, wie er sich von physischen Voraussetzungen löst, damit in seiner geschlechtsspezifischen Ausrichtung neutralisiert, ja sogar von Mädchen und Frauen erworben wird und in einer Kultur der sozioökonomischen Durchsetzung und Erfolgsdemonstration aufgeht, wird seine geschlechtliche Zuordnung ambivalenter und abstrakter. Im Zuge dessen haben sich die Kriterien für Atteste von Mannhaftigkeit und Mannbarkeit enttraditionalisiert und pluralisiert. Sie werden insgesamt deutungsoffener, variieren jedoch nicht mehr nur lebensphasen-, lebensbereichs- und situations-, sondern zunehmend auch milieuspezifisch, weil Bildung(szertifikate), Statuspositionen, überdurchschnittliche Konsumfähigkeit und beruflicher Erfolg immer stärker zu zentralen Belegen männlich-hegemonialer Potenz werden, sozial benachteiligte und abgehängte Teile der Bevölkerung aber nicht an ihnen partizipieren (können). Diese neuen Nachweise von Männlichkeit beziehungsweise Mannhaftigkeit entwerten konventionelle Muster männlicher Überlegenheit und schieben diese in Reservate ab (etwa Sport, Mode, Medien), wo sie nur noch symbolkulturelle Funktionen haben.

Gerade für Jungen, denen – zum Beispiel aufgrund eingeschränkter Bildungschancen oder Trübungen beruflicher Aussichten – Zugänge zu modernisierten Formen hegemonialer Männlichkeit nur unzureichend oder gar nicht zur Verfügung stehen, kann allerdings auch das archaische Muster interpersonaler Dominanz – und damit dann auch eine Orientierung an Bedrohlichkeitsinszenierungen und physischer Gewalt[15] – nachhaltig Attraktivität entfalten. Auch weil jungenspezifische gegenüber erwachsener Mannhaftigkeit ohnehin experimenteller, fluider, wilder, risikobereiter, unangepasster, ja unter Umständen provokanter sowie rebellischer und vergleichsweise stärker auf physisch-sinnliches Erleben (wollen) bezogen ist, sind derartige Lösungen männlicher Identitätsproblematiken für sie eher naheliegend.

Fußnoten

8.
Vgl. Rainer Volz/Paul M. Zulehner, Männer in Bewegung, Baden-Baden 2009.
9.
Wassilios Fthenakis, Ist das moderne Verlierertum männlich?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.11.2007, S. 48.
10.
Christina Hoff Sommers, The War Against Boys. How Misguided Feminism Is Harming Our Young Men, New York 2001.
11.
Vgl. aktuelle Anregungen auf den Internetseiten www.neue-wege-fuer-jungs.de und www.koordination-maennerinkitas.de (11.9.2012).
12.
Vgl. Projektgruppe Mannopoly, Kerlekulte. Inszenierungen von Männlichkeit, Berlin 2012.
13.
Lothar Böhnisch, Soziale Konstruktion von Männlichkeit und Kristallisationspunkte männlicher Sozialisation, in: Michael Matzner/Wolfgang Tischner (Hrsg.), Handbuch Jungen-Pädagogik, Weinheim–Basel 2008, S. 63–76, hier: S. 67.
14.
Vgl. ebd.
15.
Vgl. Kurt Möller, Jungen und Gewalt, in: M. Matzner/W. Tischner (Anm. 13), S. 274–289.