Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek

24.9.2012 | Von:
Kurt Möller

Männlichkeit, Mannhaftigkeit und Mannbarkeit: Wie aus Jungen Männer werden

Ressourcen kapitalisieren

Selbst wenn es so scheint, als machten männliche Kinder und Jugendliche gesellschaftlich häufiger Probleme als ihre Altersgenossinnen: Junge Burschen sind mehr als Problemfälle. Als Kinder beziehungsweise Jugendliche sind sie Menschen in Entwicklung, Menschen, die darauf ausgerichtet sind, eine orientierungs- und handlungssichere, einzigartige Persönlichkeit mit sozialer Anschlussfähigkeit aufzubauen. Obschon ihre individuellen Praxen dabei höchst variationsreich ausfallen, zeigen sie in ihrem Durchschnitt doch alters- und geschlechtsspezifische Muster: Jungsein und Jungesein prägt sich in bestimmter Weise aus. Kennzeichnend ist dabei weniger ein Muster von Devianz, Delinquenz und Gewalt, sondern vor allem die Suche von und das proaktiv experimentierende Umgehen mit Herausforderungen. Diese liegen in erster Linie auf vier Feldern:
  • Jungen suchen handlungsbezogene (insbesondere erkundungsorientierte und wettbewerbliche) Herausforderungen, um sich als bewältigungskompetente, selbstwirksame und kontrollfähige Subjekte zu erfahren, die "die Dinge im Griff“ haben.
  • Jungen wollen vitale physisch-sinnliche Bedürfnisse realisieren beziehungsweise mit ihrer Befriedigung experimentieren.
  • Jungen suchen nach Integration – besonders in geschlechtshomogene Zusammenschlüsse von Gleichaltrigen (peers), aber auch in andere soziale Kontexte (familiäres Aufgehobensein, schulische Anerkennung, in der Jugendphase: Paarbeziehungen).
  • Jungen stellen Sinn-Fragen; sie wollen wissen, wozu von ihnen abgeforderte Tätigkeiten wie etwa lernen, arbeiten, helfen, öffentliche Belange berücksichtigen und gegebenenfalls auch beten gut sind und wie sie das umsetzen können, was ihnen sinnvoll erscheint.
Kurzum: Jungen fordern Lebensgestaltungsmöglichkeiten ein. Insofern sie dies nicht anders tun als Mädchen, wird deutlich: Jungen sind nicht nur männlich, sie sind auch junge Menschen. Insoweit sich ihre Lebensgestaltungsversuche jedoch von denen der meisten Mädchen unterscheiden, werden Orientierungspunkte relevant, die aus bio-physischen Charakteristika, männlichen Praxen sowie Männlichkeitsvorstellungen, Mannhaftigkeitsdefinitionen und wahrgenommenen Mannbarkeitsoptionen abgeleitet werden. Mit ihnen auf eine Weise balancieren zu können, die weder individuell noch sozial schädigend wirkt, mehr noch: die die Entwicklung einer selbst- und sozialkompetenten Persönlichkeit und die Gestaltung befriedigender Lebensverhältnisse vorantreibt, stellt eine erhebliche Ressource privater und gesellschaftlich relevanter Lebensführung dar.

Gesellschaftlich und pädagogisch werden junge Kerle gegenwärtig eher als Problemgruppe betrachtet: als Unruhestifter im öffentlichen Raum, als Krawallbrüder im Fußballstadion und anderswo, als (potenzielle) Kriminelle und Gewalttäter, als Störer im Unterricht, als Schulversager oder exzessive Alkohol- und dumpfe Ballerspiel-Konsumenten. Ihre überproportionale Betroffenheit von Phänomenen wie den genannten ist ebenso unbestreitbar wie die Notwendigkeit, sich mit solchen Problemen auseinanderzusetzen. Nur: Die überwältigende Mehrheit der Jungen geriert sich anders. Differenzierung tut Not. Gerade jene stärker in den Blick zu nehmen, die mit den hier erörterten Herausforderungen positiv umgehen, ist vermutlich viel mehr von Nutzen als eine einseitige Problemzentrierung.

Politik und Pädagogik für Jungen sollten sich nicht darauf beschränken, aus "Anti-Haltungen“ heraus Strategien der Vermeidung rückwärtsgewandter maskulinistischer Orientierungen zu überlegen. Entwürfe für neuartige Orientierungsmarken von Mannwerdung und Männlichkeit lassen sich auch aus einem "Pro“ gewinnen. So gesehen kommt es darauf an, jenseits homogenisierender Problemzuschreibungen die Ressourcen von zahlreichen Jungen zu identifizieren und sie als ihr sozial-kulturelles Kapital anzuerkennen: Experimentierfreude, Risikobereitschaft, unter Coolness suggerierendem Understatement verborgene Anstrengungsbereitschaft in Schule und Beruf, Akzeptanz von Regeln, Verantwortungsübernahme, Humor und Schlagfertigkeit, Freundschaft, Solidarität, Hilfsbereitschaft, soziales Engagement, Bereitwilligkeit zur Übernahme "weiblich“ konnotierter Aufgaben, Offenheit für aussichtsreich erscheinende Jungenförderungsprojekte und anderes mehr.[16]

Vor diesem Hintergrund ist eine Politik für Jungen, der private und institutionelle Umgang mit ihnen und insbesondere auch eine Arbeit mit Jungen in Kindergarten, Schule und Jugendhilfe weniger eine Frage der richtigen Methodik. Vielmehr ist sie eine der Haltung.

Fußnoten

16.
Vgl. zum Beispiel: Jürgen Budde/Stefanie Krüger, Mehrperspektivische Evaluationsstudie: Jungenförderung durch das bundesweite Projekt Neue Wege für Jungs, in: Zeitschrift für Evaluationsforschung, 9 (2010) 1, S. 125–136.