Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek
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24.9.2012 | Von:
Kurt Möller

Männlichkeit, Mannhaftigkeit und Mannbarkeit: Wie aus Jungen Männer werden

Für Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren sind und waren Jungs schon immer das Thema Nummer 1. Im Gegensatz dazu sind sie für die Sozialwissenschaften und die professionelle Pädagogik erst in den vergangenen zehn bis 15 Jahren stärker in den Fokus gerückt. Während sich in den 1990er Jahren und zu Beginn der 2000er Jahre die Diskussion dabei vor allem auf jene Probleme konzentrierte, die (junge) Kerle machen, werden seit einigen Jahren in wachsendem Maße auch solche Aspekte kommunikativ salonfähig, die stärker auf die Probleme abheben, die Jungen haben – angeblich oder tatsächlich: Schwierigkeiten in der Schule, Benachteiligungen durch die fortschreitende Feminisierung des Betreuungs- und Bildungswesens, gesundheitliche Beeinträchtigungen, Opferrollen im gesellschaftlichen Gewaltgeschehen oder Irritationen in der männlichen Identitätsbildung überhaupt. Die zunehmende Thematisierung von Jungen, Jungenrollen und Jungenleben ist nicht zufällig, sondern ein Indiz für die Menge an Klärungsbedarfen, die mit Blick auf das Aufwachsen des männlichen Teils der nachwachsenden Generation(en) gesehen werden.

Um diesen Bedarfen in einzelnen Fragen nachkommen zu können, sind einige grundlegende Klarstellungen zu den Charakteristiken von Jungesein und Mannwerdung unter den heutigen Bedingungen modernisierter Geschlechterverhältnisse notwendig. Diese versuche ich vorzunehmen, indem ich in einem ersten Schritt unter Hinweis auf die Spezifik des Jugendalters als bestimmte Lebensphase und unter einführender Verwendung der beiden Begriffe der "Mannhaftigkeit“ und "Mannbarkeit“ Dimensionen männlicher Sozialisation herausarbeite, in einem zweiten Schritt kurz mit zentralen Befunden der jungenbezogenen Sozialisationsforschung bekannt mache und abschließend in einem dritten Schritt einige Vorschläge für den Umgang mit Jungen und Jungenproblemen unterbreite.

Jungs – die unbekannten Wesen?

Jungen, vulgo: Jungs, sind Kinder und Jugendliche, die männlich sind. Dabei ist in Rechnung zu stellen, dass die Jugendphase soziologisch betrachtet durchaus nicht mit der Volljährigkeit enden muss. Status-, sozialisations- und entwicklungsbezogen können auch bei über 18-Jährigen Charakteristika vorliegen, die sie als Jugendliche kennzeichnen. Dies gilt dann, wenn sie noch in Entwicklungsaufgaben stecken, die der Lebensphase Jugend zugerechnet werden (zum Beispiel Ablösung vom Elternhaus, Aufbau einer beruflichen Perspektive, Entwicklung sexueller Identität).[1] Bekanntlich machen sich auch Jugendhilfe, Polizei und Rechtsprechung solche Vorstellungen von der erweiterten Jugendphase zu eigen, wenn sie Hilfeberechtigung (in der Jugendhilfe bis zum 27. Lebensjahr), Verdächtigenkategorisierung und Strafbemessung davon abhängig machen (bis 21-Jährige sind in der Kriminalstatistik "Heranwachsende“ und können unter das Jugendstrafrecht fallen).

Jungesein und Männlichkeit sind allerdings auch Angelegenheiten der Selbstdefinition, der Selbstdarstellung und der Zuschreibung. Insofern sind als Jungen auch diejenigen Kinder und Jugendlichen zu bezeichnen, die sich männlich fühlen, aber nicht unbedingt – wie etwa Intersexuelle und Transidentitäre – von ihrer Umwelt so wahrgenommen werden, oder diejenigen, die als männlich gelten, ohne dass sie dies dem Eigenempfinden nach sind. Die Eigendefinition als maskulin und die Attribuierung von Männlichkeit wiederum können von sehr unterschiedlichen Faktoren abhängig gemacht werden. Sie können etwa das Körperempfinden, das Aussehen, bestimmte Eigenschaften, unterstellte oder beobachtete Haltungen, Gefühlsbekundungen, spezifische Verhaltensweisen und anderes mehr betreffen.

Auch der Begriff "Männlichkeit“ an sich ist komplizierter als er auf den ersten Blick erscheint. Da sich Männlichkeit letztlich nicht eindeutig objektiv bestimmen lässt – zu denken ist etwa an die ungelösten Probleme von Geschlechtsnachweisen bei manchen Sportlerinnen und Sportlern –, liegt es nahe, dann von Maskulinität und Männlichsein zu sprechen, wenn eine Person dies aus dem Selbsterleben heraus so fühlt und für sich reklamiert. Von dieser subjektiven Dimension der "bio-psychischen Maskulinität“ ist die Dimension "sozialer Männlichkeit“ abzugrenzen, die sich darauf bezieht, wie Männlichkeit sozial verhandelt, (re-)präsentiert und damit hergestellt wird (Performanz). Sie schlägt sich im Verhalten und in Handlungen von Personen und in Strukturen nieder, die als "männlich“ betrachtet werden und mitbestimmend sind für gesellschaftliche Machtkonstellationen.[2] Das, was den ihnen zugrunde liegenden Praxen an "Männlichkeit“ zugerechnet wird, lässt sich als "Mannhaftigkeit“ verstehen. Mannhaftigkeit bezeichnet demnach den Bereich der Resultate intersubjektiver Verständigung über "Männlichkeit“, also das, was als personaler Ausdruck von Männlichkeit gesellschaftlich anerkannt wird.

Damit wird nicht behauptet, dass die Eigendefinition von Personen als "männlich“ unabhängig von den gesellschaftlichen Konstruktionen von Männlichkeit verliefe. Allein die inhaltlichen Füllungen von Begriffen wie "männlich“ sind ja historisch und kulturell spezifisch und mithin konstruiert. Sie sind aber nur typisierende Bezeichnungen für das bio-psycho-physische Erleben des eigenen Körpers und seiner zeitlichen, räumlichen und sozialen Verortung. Dieses Erleben selbst vollzieht sich unabhängig von ihnen. Demzufolge liegt zwischen Mannsein und der Zuschreibung von Mannhaftigkeit die gleiche Kluft wie zwischen dem Jungesein und dem Attest von Jungenhaftigkeit, das bisweilen auch noch gestandenen Männern ausgestellt wird.

Männliche Sozialisation ist demnach mindestens dreierlei: zum Ersten der auf der Basis des Empfindens leiblich-seelischer Maskulinität sich vollziehende Prozess der Entwicklung individueller und sozialer Handlungsfähigkeit über die aktiv-produktive Auseinandersetzung mit der natürlichen, materiellen und sozialen Umwelt;[3] zum Zweiten die Entwicklung einer spezifischen Performanz, nämlich einer solchen, die mit männlicher Selbstdefinition, vor allem aber mit gesellschaftlich verbreiteten Männlichkeitsmustern assoziiert wird; und zum Dritten die nach außen wirkende Signalisierung einer Männlichkeit, der im obigen Sinne Mannhaftigkeit zugeschrieben werden kann.

Männliche Sozialisation ist damit nicht nur Männlichkeitssozialisation, sondern zum großen Teil auch Mannhaftigkeitssozialisation, also die aktive Aneignung gesellschaftlicher Muster von (Eigen-)"Arten“ des Männlichen. Das zentrale Diktum für männliche Kinder und Jugendliche heißt entsprechend: "Steh Deinen Mann!“ beziehungsweise "Sei ein Kerl!“ Mit anderen Worten: "Verhalte Dich, wie man es von jemandem erwartet, dem man zweifelsfrei Männlichkeit zuschreibt!“[4]

In einer Welt der Pluralisierung von Männlichkeit sind solche Zuschreibungen zwar immer weniger eindeutig und stereotyp. Dennoch sind unterschiedliche männliche Praxen und Mannhaftigkeitsmuster keineswegs jederzeit austauschbar und gleichwertig. In der männlich hegemonialisierten Gesellschaft erweist sich vielmehr nach wie vor der Typus hegemonialer Männlichkeit als Leitfigur geschlechtsspezifischer Sozialisation.[5] Von diesem Leitbild geht – vereinfacht gesprochen – die Botschaft aus: Ein "richtiger Kerl“ ist heterosexuell, handelt (wenigstens scheinbar und gemäß männlicher Kriterien) vernünftig und sagt, wo es langgeht.

Ob man nun davon ausgeht, dass männliche Kinder und Jugendliche aus intrinsischen Motiven heraus männliche Identität und männliche Habitualisierungen herausbilden wollen oder nicht: In der herrschenden "Kultur der Zweigeschlechtlichkeit“[6] sehen sie sich in jedem Fall mit dem Anspruch konfrontiert, sich in spezifischer, geschlechtlich unverwechselbarer Weise als männlich zu gerieren und über kurz oder lang ein "richtiger Mann“ zu werden. Sie müssen dafür ein doing masculinity praktizieren, das nicht nur ihre Männlichkeit und jungenspezifische Mannhaftigkeit, sondern auch ihre "Mannbarkeit“ unter Beweis stellt. Damit ist hier nicht ihre biologische Geschlechtsreife gemeint, sondern die primär in der Jugendphase bedeutsam werdende Fähigkeit, als jemand aufzutreten, der nicht nur altersentsprechende Momente von Mannhaftigkeit in sein aktuelles Sich-Orientieren und Agieren integrieren, sondern auch den Eindruck vermitteln kann, im Prozess der Mannwerdung zukünftig ein Niveau anerkennbarer erwachsener Mannhaftigkeit erwerben zu können. Das Leitbild hegemonialer Maskulinität hat dabei aufgrund seiner festen strukturellen Verankerung in den Geschlechterverhältnissen und seiner hohen gesellschaftlichen Anerkennung die Kraft, Habitus generierend zu wirken und damit bis hinein in die korporale und psychische Repräsentanz quasi als "zweite Natur“ Wahrnehmungs-, Orientierungs-, Bewertungs- und Ausdrucksformen zu prägen.[7]

Was man weiß, was man wissen sollte

Freilich sind männliche Kinder und Jugendliche im Allgemeinen nicht in der Lage, Positionen zu besetzen, die ihnen hegemoniale Männlichkeit zuweisen können. Zugleich stehen sie nicht zuletzt aufgrund entsprechender altersspezifischer Entwicklungsaufgaben und -interessen unter dem besonderen Druck, männliche Identität, hier verstanden als die Kontinuität, Kohärenz und Konsistenz eines männlichen Selbsterlebens, herauszubilden. Sie nehmen zudem an sie herangetragene Erwartungen wahr, männlich aufzutreten und jungenspezifisch mannhaft sowie mannbar zu wirken. Für sie liegt aus Anerkennungsgründen nahe, sich dabei am gesellschaftlich vorherrschenden Leitbild hegemonialer Männlichkeit zu orientieren.

Dennoch: Theoretisch stehen sie zunächst vor drei Alternativen, nämlich (1.) entweder geschlechtsspezifische Identitätsbezüge für sich selbst gänzlich abzulehnen, (2.) andere Männlichkeitsvorstellungen zu verfolgen als jene, die hegemonialer Männlichkeit entsprechen, oder (3.) sich an letztgenannter zu orientieren, sie auch zum Leitbild der Persönlichkeitsentfaltung in relevanten Lebensbereichen zu machen, sich vorerst aber, solange entsprechende Umsetzungen in Beruf, Partnerschaft oder öffentlichen Belangen nicht möglich sind, mit Realisierungen in gesellschaftlichen Symbolbereichen zufrieden zu geben. Eine weitere (4.) strategische Möglichkeit besteht darin, Mannhaftigkeitsaspekte und Mannbarkeitsnachweise entlang dem Muster hegemonialer Männlichkeit zwar bis zu einem gewissen Ausmaß und Grad für sich selbst zu akzeptieren, sie aber zugleich gänzlich oder teilweise zu ironisieren und dies auch durchgängig oder situativ zu erkennen zu geben. Es stellt sich die Frage, wie Jungen mit den damit verbundenen Herausforderungen geschlechtsspezifischer Identitätsbildung in ihren zentralen Lebensbereichen umgehen.

Innerhalb der Familie sind die Erfahrungen von Jungen gegenwärtig vielfach davon gekennzeichnet, dass die Vaterrolle anders gelebt wird als in den Vorgängergenerationen. Insbesondere aufgrund gestiegener Frauenerwerbstätigkeit, des Wandels vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt und liberalisierter Erziehungsvorstellungen sind patriarchale Muster bereits seit längerem in Auflösung begriffen. Der Alleinernährer als Alleinbestimmer hat längst Minderheitenstatus. Die Flexibilisierung der Vaterfigur wird aber auch durch den Trend zu mutterzentrierten Alleinerziehenden-Haushalten und zu familiären Konstellationen vorangetrieben, in denen Väter zwar vielleicht physisch existent, aber sozio-emotional weitgehend abwesend sind – nicht zuletzt aufgrund gestiegener beruflicher Beanspruchungen. Zugleich steigt die Anzahl der Männer, die modernisierte, das heißt enthierarchisierte und (tendenziell) egalitäre Geschlechterverhältnisse befürworten beziehungsweise leben, sowie derjenigen, die sich als Suchende auf dem Weg zu neuen männlichen Identitätsbezügen begreifen.[8] Für Jungen werden im Zuge dieser Prozesse potenzielle väterliche Männlichkeitsvorbilder, Mannhaftigkeitszuordnungen und Mannbarkeitsanforderungen weniger lebensweltlich greifbar, uneindeutiger und interpretationsbedürftiger. Diese Deutungsoffenheit ist Belastung, Chance und Gefährdungskonstellation zugleich: Sie stellt konventionelle Orientierungsgewissheiten infrage, öffnet eben dadurch Wege zu neuen Horizonten, kann aber auch den Rückzug auf archaische Maskulinitätsmuster befördern.

Im Schul- und Bildungssystem ziehen die Jungen im Geschlechtervergleich seit geraumer Zeit den Kürzeren: Sie erzielen die schlechteren Noten, werden doppelt so häufig wie Mädchen von Lehrkräften als verhaltensauffällig eingestuft und sind überproportional an Förderschulen, unter Sitzenbleibern und Jugendlichen ohne Schulabschluss vertreten. Auch wenn man darin nicht unbedingt eine "systematische Benachteiligung“[9] oder gar einen "Krieg gegen Jungen“[10] sehen muss, so scheint doch eine strukturelle Fehlpassung zwischen den Erwartungen von Schule einerseits und den Bedürftigkeiten, bevorzugten Lernweisen und Verhaltensstilen von Jungen andererseits vorzuliegen. In den strukturellen Verursachungszusammenhängen ist dies durchaus eine Analogie zur Mädchenbenachteiligung früherer Jahrzehnte, die ebenso wenig auf intellektuelle Defizite oder subjektiv zu verantwortende Schuld der Zukurzgekommenen zurückzuführen war. Eine jungengerechte Schule wird daher nicht durch ein Zurückdrängen der oft beklagten Feminisierung des Bildungspersonals oder allein durch eine Erhöhung der Anzahl der männlichen Beschäftigten in Betreuungs- und Bildungsinstitutionen für Kinder und Jugendliche erzielt werden können. Vielmehr ist entscheidend, die im Gegensatz zu verbreiteten pauschalen Verdächtigungen durchaus bestehende Lernmotivation, Regelakzeptanz, Schulwertschätzung und Lehrkräfteanerkennung der weitaus meisten Jungen durch systemische und unterrichtliche Innovationen so aufzugreifen, dass sie sich besser als bislang für sie auszahlt.[11]

Unter Gleichaltrigen sind für Jungen vor allem in der Jugendphase die Zugehörigkeit zu und die Anerkennung in einer geschlechtshomogenen Gruppe von hochgradiger Relevanz. Sie bildet so etwas wie den Durchlauferhitzer für männliche Sozialisation. Hier wird von jeher gelernt, was als mannhaft gelten kann. Hinweise verdichten sich jedoch, dass in diesem Kontext längst nicht mehr ungebrochen maskulinistische Konventionen ausgetauscht und eingeübt werden. Selbst dort, wo sie weiterhin zelebriert werden, geschieht dies meist mit einer gewissen ironischen Distanz, die das Wissen um die Ambivalenz und Modulhaftigkeit solcher Männlichkeitskultur zu erkennen gibt.[12]

Arbeit und Beruf stellen für Angehörige des männlichen Geschlechts traditionell wichtige Ankerpunkte von Identitätsbildung und Lebensführung dar. Die ökonomische und technologische Rationalisierung dieser Sphäre löst allerdings zunehmend das Normalarbeitsverhältnis als einen bedeutsamen Definitionskern von Männlichkeit auf. Gefragt ist immer mehr der jederzeit flexible abstract worker "als eine Figur, die ihre sozialen Bindungen und ihre Geschlechtszugehörigkeit in der Privatheit zurücklassen muss“.[13] Physische Kraft und Geschicklichkeit des "Arbeitsmannes“ verlieren an Wert als Vorbildtugenden; Zuverlässigkeit, Disziplin und Ordnungstugenden sowie familiäre Versorgungskompetenzen des mittleren Angestellten werden relativiert, wenn männliches Ansehen und männliche Hegemonie immer mehr über Insignien des öffentlichen und ökonomischen Erfolgs ausgewiesen werden. Männliche Jugendliche orientieren sich entsprechend um, tragen dabei aber umso mehr das Risiko des Scheiterns und der Resignation, je stärker ihnen Zugänge zu modernisierten Männlichkeitsausweisen des Arbeitsmarkts verbaut sind beziehungsweise erscheinen.

Die Medien bringen ihren enorm gewachsenen Stellenwert dadurch zur Geltung, dass sie gerade in weiten Teilen der für Jugendliche attraktiven Genres – etwa in Filmen, Computerspielen und Musik(clips) – der Abflachung und tendenziellen Neutralisierung von lebensweltlich erfahrbaren geschlechtsspezifischen Ordnungen Bilder entgegensetzen, die überkommene geschlechtsspezifische Zuweisungen ästhetisierend in Szene setzen. Hier können sie als (doing) masculinity-Module konsumiert werden, ohne sie real zu leben.[14]

Insgesamt wird deutlich: Im Prozess des Aufwachsens werden Jungen heute bereichsübergreifend schwierige Balanceakte abgefordert: Sie sehen sich auf der einen Seite mit der gesellschaftlichen Anforderung konfrontiert, eine von (nur) zwei gesellschaftlich akzeptierten Geschlechtsidentitäten, eine männliche Identität nämlich, herauszubilden. Auf der anderen Seite werden aufgrund der Modernisierungen von Geschlechterverhältnissen und -bildern die Konturen dessen, was damit gemeint ist, immer undeutlicher. Zwar bleibt die Aneignung eines Habitus männlicher Hegemonie Orientierung stiftend, in dem Maße aber, wie er sich von physischen Voraussetzungen löst, damit in seiner geschlechtsspezifischen Ausrichtung neutralisiert, ja sogar von Mädchen und Frauen erworben wird und in einer Kultur der sozioökonomischen Durchsetzung und Erfolgsdemonstration aufgeht, wird seine geschlechtliche Zuordnung ambivalenter und abstrakter. Im Zuge dessen haben sich die Kriterien für Atteste von Mannhaftigkeit und Mannbarkeit enttraditionalisiert und pluralisiert. Sie werden insgesamt deutungsoffener, variieren jedoch nicht mehr nur lebensphasen-, lebensbereichs- und situations-, sondern zunehmend auch milieuspezifisch, weil Bildung(szertifikate), Statuspositionen, überdurchschnittliche Konsumfähigkeit und beruflicher Erfolg immer stärker zu zentralen Belegen männlich-hegemonialer Potenz werden, sozial benachteiligte und abgehängte Teile der Bevölkerung aber nicht an ihnen partizipieren (können). Diese neuen Nachweise von Männlichkeit beziehungsweise Mannhaftigkeit entwerten konventionelle Muster männlicher Überlegenheit und schieben diese in Reservate ab (etwa Sport, Mode, Medien), wo sie nur noch symbolkulturelle Funktionen haben.

Gerade für Jungen, denen – zum Beispiel aufgrund eingeschränkter Bildungschancen oder Trübungen beruflicher Aussichten – Zugänge zu modernisierten Formen hegemonialer Männlichkeit nur unzureichend oder gar nicht zur Verfügung stehen, kann allerdings auch das archaische Muster interpersonaler Dominanz – und damit dann auch eine Orientierung an Bedrohlichkeitsinszenierungen und physischer Gewalt[15] – nachhaltig Attraktivität entfalten. Auch weil jungenspezifische gegenüber erwachsener Mannhaftigkeit ohnehin experimenteller, fluider, wilder, risikobereiter, unangepasster, ja unter Umständen provokanter sowie rebellischer und vergleichsweise stärker auf physisch-sinnliches Erleben (wollen) bezogen ist, sind derartige Lösungen männlicher Identitätsproblematiken für sie eher naheliegend.

Ressourcen kapitalisieren

Selbst wenn es so scheint, als machten männliche Kinder und Jugendliche gesellschaftlich häufiger Probleme als ihre Altersgenossinnen: Junge Burschen sind mehr als Problemfälle. Als Kinder beziehungsweise Jugendliche sind sie Menschen in Entwicklung, Menschen, die darauf ausgerichtet sind, eine orientierungs- und handlungssichere, einzigartige Persönlichkeit mit sozialer Anschlussfähigkeit aufzubauen. Obschon ihre individuellen Praxen dabei höchst variationsreich ausfallen, zeigen sie in ihrem Durchschnitt doch alters- und geschlechtsspezifische Muster: Jungsein und Jungesein prägt sich in bestimmter Weise aus. Kennzeichnend ist dabei weniger ein Muster von Devianz, Delinquenz und Gewalt, sondern vor allem die Suche von und das proaktiv experimentierende Umgehen mit Herausforderungen. Diese liegen in erster Linie auf vier Feldern:
  • Jungen suchen handlungsbezogene (insbesondere erkundungsorientierte und wettbewerbliche) Herausforderungen, um sich als bewältigungskompetente, selbstwirksame und kontrollfähige Subjekte zu erfahren, die "die Dinge im Griff“ haben.
  • Jungen wollen vitale physisch-sinnliche Bedürfnisse realisieren beziehungsweise mit ihrer Befriedigung experimentieren.
  • Jungen suchen nach Integration – besonders in geschlechtshomogene Zusammenschlüsse von Gleichaltrigen (peers), aber auch in andere soziale Kontexte (familiäres Aufgehobensein, schulische Anerkennung, in der Jugendphase: Paarbeziehungen).
  • Jungen stellen Sinn-Fragen; sie wollen wissen, wozu von ihnen abgeforderte Tätigkeiten wie etwa lernen, arbeiten, helfen, öffentliche Belange berücksichtigen und gegebenenfalls auch beten gut sind und wie sie das umsetzen können, was ihnen sinnvoll erscheint.
Kurzum: Jungen fordern Lebensgestaltungsmöglichkeiten ein. Insofern sie dies nicht anders tun als Mädchen, wird deutlich: Jungen sind nicht nur männlich, sie sind auch junge Menschen. Insoweit sich ihre Lebensgestaltungsversuche jedoch von denen der meisten Mädchen unterscheiden, werden Orientierungspunkte relevant, die aus bio-physischen Charakteristika, männlichen Praxen sowie Männlichkeitsvorstellungen, Mannhaftigkeitsdefinitionen und wahrgenommenen Mannbarkeitsoptionen abgeleitet werden. Mit ihnen auf eine Weise balancieren zu können, die weder individuell noch sozial schädigend wirkt, mehr noch: die die Entwicklung einer selbst- und sozialkompetenten Persönlichkeit und die Gestaltung befriedigender Lebensverhältnisse vorantreibt, stellt eine erhebliche Ressource privater und gesellschaftlich relevanter Lebensführung dar.

Gesellschaftlich und pädagogisch werden junge Kerle gegenwärtig eher als Problemgruppe betrachtet: als Unruhestifter im öffentlichen Raum, als Krawallbrüder im Fußballstadion und anderswo, als (potenzielle) Kriminelle und Gewalttäter, als Störer im Unterricht, als Schulversager oder exzessive Alkohol- und dumpfe Ballerspiel-Konsumenten. Ihre überproportionale Betroffenheit von Phänomenen wie den genannten ist ebenso unbestreitbar wie die Notwendigkeit, sich mit solchen Problemen auseinanderzusetzen. Nur: Die überwältigende Mehrheit der Jungen geriert sich anders. Differenzierung tut Not. Gerade jene stärker in den Blick zu nehmen, die mit den hier erörterten Herausforderungen positiv umgehen, ist vermutlich viel mehr von Nutzen als eine einseitige Problemzentrierung.

Politik und Pädagogik für Jungen sollten sich nicht darauf beschränken, aus "Anti-Haltungen“ heraus Strategien der Vermeidung rückwärtsgewandter maskulinistischer Orientierungen zu überlegen. Entwürfe für neuartige Orientierungsmarken von Mannwerdung und Männlichkeit lassen sich auch aus einem "Pro“ gewinnen. So gesehen kommt es darauf an, jenseits homogenisierender Problemzuschreibungen die Ressourcen von zahlreichen Jungen zu identifizieren und sie als ihr sozial-kulturelles Kapital anzuerkennen: Experimentierfreude, Risikobereitschaft, unter Coolness suggerierendem Understatement verborgene Anstrengungsbereitschaft in Schule und Beruf, Akzeptanz von Regeln, Verantwortungsübernahme, Humor und Schlagfertigkeit, Freundschaft, Solidarität, Hilfsbereitschaft, soziales Engagement, Bereitwilligkeit zur Übernahme "weiblich“ konnotierter Aufgaben, Offenheit für aussichtsreich erscheinende Jungenförderungsprojekte und anderes mehr.[16]

Vor diesem Hintergrund ist eine Politik für Jungen, der private und institutionelle Umgang mit ihnen und insbesondere auch eine Arbeit mit Jungen in Kindergarten, Schule und Jugendhilfe weniger eine Frage der richtigen Methodik. Vielmehr ist sie eine der Haltung.
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Fußnoten

1.
Vgl. Robert J. Havighurst, Developmental Tasks and Education, New York 1948; Eva Dreher/Michael Dreher, Entwicklungsaufgaben im Jugendalter: Bedeutsamkeit und Bewältigungskonzepte, in: Detlef Liepmann/Arne Stikrud (Hrsg.), Entwicklungsaufgaben und Bewältigungsprobleme in der Adoleszenz, Göttingen u.a. 1985, S. 56–70.
2.
Vgl. zu dieser begrifflichen Abgrenzung: Øystein Gullvåg Holter, Social Theories für Researching Men and Masculinities, in: Michael S. Kimmel/Jeff Hearn/R. Connell (eds.), Handbook of Studies on Men and Masculinities, Thousend Oaks u.a. 2005, S. 15–34.
3.
Vgl. Klaus Hurrelmann, Einführung in die Sozialisationstheorie, Weinheim–Basel 20069, S. 15f.
4.
Von hervorgehobener Bedeutung ist dabei die Bewertung durch andere Jungen und Männer. Mädchen und Frauen fungieren eher als "schmeichelnde Spiegel“, die bei den "ernsten Spielen des Wettbewerbs“ um verlässliche Männlichkeitsausweise dem jeweiligen maskulinen Akteur "das vergrößerte Bild seiner selbst zurückwerfen“. Vgl. Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, in: Irene Dölling/Beate Krais (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Frankfurt/M. 1997, S. 153–217; hier: S. 203.
5.
Vgl. R. Connell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeit, Wiesbaden 20063. Zum Konzept der hegemonialen Männlichkeit siehe auch den Beitrag von Lothar Böhnisch in dieser Ausgabe ().
6.
Vgl. Carol Hagemann-White, Sozialisation: Weiblich – männlich?, Opladen 1994.
7.
Vgl. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. 1982; ders., Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt/M. 1993; Michael Meuser, Geschlecht und Männlichkeit, Wiesbaden 20103.
8.
Vgl. Rainer Volz/Paul M. Zulehner, Männer in Bewegung, Baden-Baden 2009.
9.
Wassilios Fthenakis, Ist das moderne Verlierertum männlich?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.11.2007, S. 48.
10.
Christina Hoff Sommers, The War Against Boys. How Misguided Feminism Is Harming Our Young Men, New York 2001.
11.
Vgl. aktuelle Anregungen auf den Internetseiten www.neue-wege-fuer-jungs.de und www.koordination-maennerinkitas.de (11.9.2012).
12.
Vgl. Projektgruppe Mannopoly, Kerlekulte. Inszenierungen von Männlichkeit, Berlin 2012.
13.
Lothar Böhnisch, Soziale Konstruktion von Männlichkeit und Kristallisationspunkte männlicher Sozialisation, in: Michael Matzner/Wolfgang Tischner (Hrsg.), Handbuch Jungen-Pädagogik, Weinheim–Basel 2008, S. 63–76, hier: S. 67.
14.
Vgl. ebd.
15.
Vgl. Kurt Möller, Jungen und Gewalt, in: M. Matzner/W. Tischner (Anm. 13), S. 274–289.
16.
Vgl. zum Beispiel: Jürgen Budde/Stefanie Krüger, Mehrperspektivische Evaluationsstudie: Jungenförderung durch das bundesweite Projekt Neue Wege für Jungs, in: Zeitschrift für Evaluationsforschung, 9 (2010) 1, S. 125–136.