Ort:	Berlin, Charlottenburg
Gebiet:	Berlin
Alte PLZ:	W-1000
Neue PLZ:	10000
Beschreibung:	Luisenplatz; Berliner Straße; Rathaus
Verlag:	Berl. Phototyp. Inst. Rob. Prager, Berlin
Datierung:	1913
Status:	gelaufen

11.3.2013 | Von:
Florian Illies

Schlaglichter aus dem Jahr 1913

Sommer

Es würde nie wieder zu einem Krieg kommen können, da war sich Norman Angell sicher. Sein Buch "The Great Illusion" ("Die falsche Rechnung") von 1911 wurde zu einem Weltbestseller. 1913 schreibt er einen vielbeachteten "Offenen Brief an die deutsche Studentenschaft", wodurch seine Thesen eine noch größere Verbreitung erfahren. Parallel erscheint die vierte Auflage seines Buches. Und so dürfen die Intellektuellen in Berlin, in München und Wien in diesem Frühsommer, als vom Balkan immer irritierendere Zwischengeräusche nach Norden dringen, beruhigt in dem Buch des britischen Publizisten lesen. Angell legte dar, dass das Zeitalter der Globalisierung Weltkriege unmöglich mache, da alle Länder längst wirtschaftlich zu eng miteinander verknüpft seien. Und Angell sagt, dass neben den wirtschaftlichen Netzwerken auch die internationalen Verbindungen in der Kommunikation und vor allem auch in der Finanzwelt einen Krieg sinnlos machen. Angell argumentierte so: Selbst wenn das deutsche Militär sich vielleicht an England messen wolle, gebe es "keine bedeutsame Einrichtung in Deutschland, die nicht schweren Schaden leiden" werde. Deshalb werde der Krieg verhindert, weil dann "der Einfluss der gesamten deutschen Finanzwelt gegenüber der deutschen Regierung zum Tragen kommen würde, um eine für den deutschen Handel ruinöse Situation zu beenden". Angells These überzeugte die Intellektuellen in der ganzen Welt. David Starr Jordan, der Präsident der Stanford University, spricht nach der Lektüre von Angell 1913 die großen Worte: "Der große Krieg in Europa, der ewig droht, wird nie kommen. Die Bankiers werden nicht das Geld für solch einen Krieg auftreiben, die Industrie wird ihn nicht in Gang halten, die Staatsmänner können es nicht. Es wird keinen großen Krieg geben."

*

Zum 25-jährigen Thronjubiläum schreibt der 15-jährige Bertolt Brecht in sein Tagebuch die folgenden Verse: "Und wenn am Abend wir sinken/u. sterben den Heldentod,/dann soll uns tröstend winken/die Fahne schwarz-weiß-rot." Und noch eine Strophe: "Der Wind soll in ihr singen:/Du hast deine Pflicht getan!/Du starbst im Kampf u. Ringen/als treuer, deutscher Mann." Interessant.

*

Am 3. Juli eskaliert der Streit zwischen Serbien und Bulgarien über Gebiete in Mazedonien. Serbien erklärt den Krieg – und die Türken, Griechen und Rumänen stellen sich ebenfalls gegen Bulgarien. Der zweite Balkankrieg ist da. Ständig erreichen neue Depeschen den Kaiser in Bad Ischl. Doch er will nicht gestört werden von diesen Heißblütern im Balkan. Er geht hinüber zu Frau Schratt und trinkt einen Tee.

*

In Den Haag wird im September der Friedenspalast eingeweiht, gebaut mit Spenden aus aller Welt, davon etwa 1,25 Millionen Dollar des amerikanischen Multimillionärs Andrew Carnegie. Man beginnt mit den Vorbereitungen für eine neue Haager Friedenskonferenz, die 1915 alle offenen Fragen zwischen den Völkern klären soll.

*

Hugo von Hoffmannsthal liegt in seinem Hotelbett im Vier Jahreszeiten in München und träumt, sein Haus sei zu einem Gefängnis der Französischen Revolution geworden – "und ich bin mir bewusst, dass dies der letzte Tag meines Leben ist: ich bin zum Tode verurteilt". Rundherum Schreiber, die mit der Erledigung von Todesurteilen beschäftigt sind. Da erscheint seine Frau: "doch es ist ein Wesen, dessen Gesicht ich nie gesehen habe, doch im Traum mir so vertraut, wie nur die Frau, mit der man zehn Jahre gelebt hat. Blitzschnell sagen wir uns beide, dass wir uns jetzt nicht umarmen dürfen." Seine Frau lässt ihn bei den Schreibern, die das Todesurteil vollstrecken. "Ich fühle, dass ich ihr nicht nachsehen kann, drehe mich gegen das Fenster, durch das die grelle Sonne hereinscheint." Hoffmannsthal wacht auf. Benommen zieht er sich an und versucht, sich durch einen Gang im Englischen Garten von dem Traum zu erholen. Doch die Bilder gehen ihm nicht aus dem Kopf, sein Körper fühlt sich noch immer an, als sei er zum Tode verurteilt. Es ist noch sehr früh, es sind kaum Spaziergänger im Park. Warm scheint die Herbstsonne über die Bäume. Er geht über die kleine Brücke des Eisbachs, da kommt ihm – das ist nun kein Traum mehr – ein Mann entgegen, der aussieht wie der große Traumdeuter Sigmund Freud. Und es ist Sigmund Freud. Der begrüßt den Wiener Bekannten herzlich, fragt nach dem Befinden und ob er denn gut geschlafen habe, er sehe etwas mitgenommen aus. "Alles bestens, verehrter Herr Doktor", sagt Hoffmannsthal. Und als dann auch noch Rainer Maria Rilke um die Ecke kommt, der sich mit Freud hier zum Spazieren verabredet hat, ist Hoffmannsthal endgültig, als träume er noch. Aber es ist, wie alles in diesem besonderen Jahr, wahr.

Herbst und Winter

Nach 15-jähriger Bauzeit wird am 18. Oktober zum hundertjährigen Jubiläum der Schlacht gegen Napoleon in Leipzig das bombastische "Völkerschlachtdenkmal" eingeweiht. Kaiser Wilhelm II. würdigt die Kampfkraft des deutschen Volkes. Das einundneunzig Meter hohe, sechs Millionen Reichsmark teure Monument, das daran erinnert, wie die Preußen gemeinsam mit Russland und Österreich die Franzosen schlugen, ist komplett mit Spenden und aus Lotteriemitteln finanziert worden. Der dunkle Stein ist ein Granitporphyr, der in Beucha bei Leipzig gebrochen worden ist. Für den Bau wurden 26.500 Granitwerkstücke und 120.000 Kubikmeter Beton verwendet. An der Einweihung des Denkmals von Clemens Thieme nehmen neben dem deutschen Kaiser und dem sächsischen König auch alle Fürsten der deutschen Staaten und Vertreter Österreichs, Russlands und Schwedens teil. Die Einweihung wird zu einer nationalen, martialischen Jubelfeier mit einer großen Parade. Würdenträger der drei Siegerländer legen Kränze am Fuß des Monuments ab. Anschließend gibt es im Gewandhaus ein feierliches Diner für 450 Gäste. Es wurde kein Toast auf den Frieden ausgebracht, sondern nur auf die unerschütterliche Waffenbrüderschaft zwischen Preußen und Österreich-Ungarn.

*

Die lebenslustige Gräfin von Schwerin-Löwitz, Gattin des Landtagspräsidenten, lädt Mitte November zum Tango-Tee in den Preußischen Landtag. Auf dem Parkett: Tänzerinnen engumschlungen mit Amtsträgern und hohen Militärs. Daraufhin greift Kaiser Wilhelm II. durch, der den Tango für vulgär hält. Am 20. November ergeht ein kaiserlicher Erlass, wonach es Offizieren in Uniform künftig verboten ist, den Tango zu tanzen.

*

Im kleinen Garnisonsstädtchen Zabern in Elsaß-Lothringen, das seit 1871 zum Deutschen Kaiserreich gehört, geschieht am 28. Oktober etwas Ungeheuerliches. Am Abend finden sich vor der Kaserne der deutschen Armee ein paar Dutzend Demonstranten ein, die dagegen protestieren, dass der Regimentskommandeur Günter Freiherr von Forstner seinen Rekruten erklärt hat, die Franzosen seien alle "Wackes" und: "Auf die die französische Fahne könnt ihr scheißen". Diese Worte waren an die Lokalzeitung gelangt und hatten für Entsetzen bei der Bevölkerung gesorgt. Als die Demonstranten Plakate hochhalten und um mehr Respekt werben, lässt der Kommandeur des Regiments drei Züge Infanterie mit scharfer Munition und aufgesetztem Bajonett anrücken. Unter den Demonstranten bricht Panik aus, doch die deutschen Soldaten prügeln auf sie ein und nehmen über dreißig Personen fest, darunter etliche unbeteiligte Passanten. Sie werden im Kohlenkeller ohne Licht und Toiletten eingesperrt. Darauf spricht der Regimentskommandeur Günter Freiherr von Forstner die folgenden Worte: "Ich betrachte es als ein Glück, wenn jetzt Blut fließt … Ich habe jetzt das Kommando, ich bin es der Armee schuldig, Respekt zu verschaffen."

Fünf Tage später wird er mit einem Trupp Soldaten erkannt und einige Arbeiter einer Schuhfabrik rufen ihm "Wackes-Leutnant" zu, daraufhin verliert er die Beherrschung und haut einem gehbehinderten Gesellen, der nicht schnell genug fliehen konnte, den Säbel über den Kopf, so dass dieser blutüberströmt zusammensinkt.

Schon einen Tag später debattiert der Reichstag in Berlin über die Vorgänge in Zabern. Die "Zabern-Affäre" bedrohte den Frieden zwischen Frankreich und dem Deutschen Kaiserreich wie kein Ereignis zuvor. Der deutsche Kriegsminister Erich von Falkenhayn lässt sich von dem offenen Rechtsbruch der deutschen Militärs nicht beirren. Er behauptet, "lärmende Tumultanten" und "hetzerische Presseorgane" seien für die Zuspitzung der Situation in Zabern verantwortlich. Daraufhin kommt es zu Tumulten im Landtag, die Opposition verwahrt sich gegen die Rechtfertigung eines Agierens des Militärs außerhalb des Rahmens von Gesetz und Ordnung. Der Zentrumsabgeordnete Konstantin Fehrenbach: "Auch das Militär untersteht dem Gesetz und dem Recht, und wenn wir zu den Zuständen kommen, das Militär exlex zu stellen und die Zivilbevölkerung der Willkür des Militärs preiszugeben, dann, meine Herren: Finis Germaniae! … Es ist ein Desaster für das Deutsche Reich." Das wahre Desaster aber kommt erst noch: Denn dem deutschen Staatsoberhaupt Wilhelm II. sagt das schneidige Auftreten des deutschen Militärs eigentlich zu, und er kann nichts wirklich Dramatisches an der sogenannten "Zabern-Affäre" finden. Zu einem Aufschrei steigert sich die Reaktion der europäischen Presse aber, als das Urteil gegen den Kommandeur Forstner, das zunächst wegen vorsätzlicher Körperverletzung auf 43 Tage Gefängnis lautete, im Berufungsverfahren vom Oberkriegsgericht in einen Freispruch umgewandelt wird. Forstner, so die Richter, habe sich in "Putativnotwehr" befunden und sei folglich unschuldig.

*

Am Ende des Jahres 1913 erscheint ein überraschendes Buch. Es heißt "Das Jahr 1913" – darin der Versuch, eine Bilanz der Gegenwart zu ziehen, die "überreich an Kulturwerten" ist, aber zugleich eine "steigende Abstumpfung und Oberflächlichkeit der Massen sieht". Höhepunkt ist der letzte Beitrag von Ernst Troeltsch über die religiösen Erscheinungen der Gegenwart: "Es ist die alte Geschichte, die wir alle kennen, die man eine Zeitlang den Fortschritt genannt hat und dann die Dekadenz, und in der man heute gern die Vorbereitung eines neuen Idealismus sieht. Sozialreformer, Philosophen, Theologen, Geschäftsmänner, Nervenärzte, Historiker signalisieren ihn. Noch aber ist er nicht da." Die alte Geschichte, die man einmal den Fortschritt nannte – so weise also sprach man im Dezember 1913. Aber wer verstand diese Sprache im Stimmengewirr dieses Jahres?

*

Es ist der 31. Dezember 1913. Arthur Schnitzler notiert in sein Tagebuch ein paar Worte: "Vormittags die Wahnsinnsnovelle zu Ende dictiert." Nachmittags liest er: Ricarda Huchs Buch "Der große Krieg in Deutschland". Ansonsten: "Sehr nervös tagsüber." Dann Abendgesellschaft: "Es wurde Roulette gespielt". Um Mitternacht stoßen sie an auf das Jahr 1914.