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26.5.2000 | Von:
Wolfram Kaiser

Die Welt im Dorf

Weltausstellungen von London 1851 bis Hannover 2000

V. Bildung und Unterhaltung

Im 19. Jahrhundert konstituierten die Weltausstellungen nahezu exklusiv solche globalen Kommunikationsräume, in denen weltgesellschaftliche Themen öffentlich verhandelt werden konnten. Die Vermittlung dieser Diskurse über technische, wirtschaftliche und politische Eliten hinaus wurde durch ihren massenhaften Besuch und die Presseberichterstattung garantiert. Im ausgehenden 20. Jahrhundert haben die Weltausstellungen diese herausragende internationale Bedeutung längst verloren. Weltöffentlichkeit wird auch durch viele andere Großereignisse hergestellt, seien es die Olympischen Spiele oder eine WTO-Konferenz. Auch die medialen Vermittlungsinstanzen haben sich radikal verändert. Hörfunk und Kino ergänzten die Presseberichterstattung bereits in den dreißiger Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Fernsehen hinzu. Im Jahr 2000 erlaubt das Internet internationale Kommunikation in Echtzeit und die Konstituierung ganz neuer Formen globaler interaktiver Diskussionsforen.

Dennoch gibt es die Weltausstellungen noch immer, womöglich weil eine virtuelle Erfahrung das reale Erlebnis einer solchen Welt im Dorf für viele (noch) nicht ersetzen kann. Das Versprechen eines vergnüglichen Zeitvertreibs allein kann ihre verbliebene Attraktivität nicht ausmachen. Mit dem kulturkritischen Vorwurf, sie ersetzten Information, Lernen und Bildung durch inhaltsleere Unterhaltung und sollten deshalb nicht mehr veranstaltet werden, war schon der Architekt Gustave Eiffel 1889 konfrontiert. Eine solche scharfe Trennung zwischen Bildung und Unterhaltung ist ein bildungsbürgerliches Argument des 19. Jahrhunderts, das im Jahr 2000 in einem Land ohne Bildungsbürger merkwürdig deplaziert wirkt. Und wer weiß schon, ob nicht die Erwartung einer jungen Frau, die der Schriftsteller Adolphe Brisson in Paris 1900 traf, heute so aktuell sein könnte wie vor 100 Jahren: "Warum sollen wir uns nicht amüsieren, solange wie wir dazu noch Gelegenheit haben. Wenn uns später Katastrophen erwarten, dann können wir uns wenigstens an dieses Erlebnis erinnern." [46]

Fußnoten

46.
Zitiert nach Adolphe Brisson, Scènes et types de l'Exposition, Paris 1901, S. 20.