Darknet: onion

10.11.2017 | Von:
Friedemann Brenneis

Phänomen Bitcoin. Geld, Technologie und gesellschaftliches Ereignis

Mysterium Satoshi Nakamoto

Satoshi Nakamoto ist zunächst nur ein Name und keine Person. Es handelt sich vielmehr um eine Persona, eine digitale Identität, von der bis heute nicht bekannt ist, wer und wie viele Menschen sich dahinter verbergen beziehungsweise verborgen haben. Zum ersten Mal in Erscheinung trat Satoshi Nakamoto im November 2008. Über eine Mailingliste, die sich auf die Diskussion von Verschlüsselung und deren politischen Implikationen spezialisierte, veröffentlichte er das Bitcoin-Whitepaper, in dem er sein Konzept eines "Peer-to-Peer Electronic Cash Systems" erstmals darstellte.[4] Menschen, so seine Idee, sollten sich mit ihren Computern zu einem Netzwerk zusammenschließen und allein mithilfe dieses Netzwerks Geldwerte rein digital untereinander austauschen können. Kryptografie, Algorithmen und das Interesse aller Teilnehmer daran, dass das System stabil und verlässlich läuft, sorgen für die Sicherheit. Jeder, der wolle, solle Bitcoin nutzen, aber niemand das System nach seinen Interessen manipulieren oder zensieren können. Die im Code verankerte, unveränderliche Anzahl aller jemals verfügbaren Bitcoins würden sie zu einem knappen Gut machen. Mit beständig steigendem Interesse daran stiege auch die Nachfrage und damit der Wert. Langfristig entstünde so ein stabiles, sich selbst verwaltendes und erhaltendes System, von dem alle profitieren, die es nutzen.

Einige Zeit nach der Veröffentlichung des Whitepaper meldete sich Satoshi Nakamoto in einem Online-Forum an, um Mitstreiter für das Bitcoin-Projekt zu finden und das Potenzial des Konzepts zu diskutieren. Seine Hinterlassenschaft – E-Mails, das Whitepaper, Foreneinträge und der originale Quellcode der Bitcoin-Software – ist in ihrem Umfang überschaubar, ganz im Gegensatz zu seinem ideellen Vermächtnis, das sich beständig verbreitete. Denn spätestens mit dem Start der Blockchain am 3. Januar 2009 und dem daraus resultierenden Beweis, dass Bitcoin technisch funktionieren kann, wuchs auch das Interesse an Bitcoin und der Frage, ob dieses neue Medium tatsächlich auch als digitales Geld verwendet werden könne. Anhand dieser Frage bildete sich schon bald eine Community. Weitere Entwickler kamen hinzu und nach Tausenden rein virtuellen Transaktionen wurde schließlich im Mai 2010 zum ersten Mal reale Ware mit Bitcoins bezahlt: Zwei Pizzen wechselten für 10000 Bitcoins den Besitzer. Für das digitale Geld war dieser privat initiierte Handel ein Meilenstein. Denn zum ersten Mal konnte man Bitcoins einen tatsächlichen monetären Wert zuordnen. Die Pizzen hatten rund 20 US-Dollar gekostet. Ein einzelner Bitcoin hatte somit einen Wert von 0,2 Cent.

Da die Bitcoin-Idee inzwischen eine hinreichende Menge Anhänger überzeugt und ökonomisch Fuß gefasst hatte, begann Satoshi Nakamoto sich immer mehr zurückzunehmen. Als er sich im April 2011 endgültig aus der Öffentlichkeit zurückzog, wurde ein Bitcoin bereits für mehr als einen Dollar gehandelt. Über tausend Transaktionen wickelte das Bitcoin-Netzwerk täglich online ab, und kurze Zeit später sollte in Berlin mit einer Kneipe sogar das weltweit erste Ladengeschäft das neue digitale Geld als Bezahlung für Bier und Burger akzeptieren. Auch im Darknet erlebte Bitcoin damals einen Boom. Die Möglichkeit anonymer Transaktionen stieß insbesondere auf verborgenen Handelsplätzen wie "Silk Road" auf großes Interesse und sorgte für eine stetig wachsende Nachfrage. Satoshi Nakamoto war zu diesem Zeitpunkt bereits Millionär. Doch deutet nichts darauf hin, dass persönliche Bereicherung Teil seiner Motivation war, das digitale Geld überhaupt ins Leben zu rufen. Bis heute hat er nachweislich keinen einzigen der rund eine Million Bitcoins, die sich seinem Besitz zurechnen lassen, ausgegeben – obwohl sie mittlerweile einen Gesamtwert von über sechs Milliarden Euro haben. Für Satoshi Nakamoto scheint diese Summe keine Bedeutung zu haben. Doch wenn es nicht der Wunsch nach persönlichem Wohlstand und Reichtum war, was hat ihn dazu bewogen, Bitcoin zu erschaffen?

Mit letzter Gewissheit wird man es wohl nie erfahren. Denn trotz großer Anstrengungen ist es bisher weder gelungen, die wahre Identität von Satoshi Nakamoto aufzudecken, noch ist davon auszugehen, dass er sich selbst offenbaren wird. Zu gravierend wären die Folgen: Nicht ohne Grund wurde die digitale Wegwerf-Identität erschaffen und sämtliche Spuren zu realen Personen verschleiert. Diesen mühsam aufgebauten Schutz wieder aufzugeben, hätte für die Person(en) hinter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto unkalkulierbare und unumkehrbare Folgen. Denn dass der oder die Erfinder solch eines ökonomisch kontroversen und politisch brisanten Milliardenexperiments früher oder später zu Personen des öffentlichen Interesses werden und zunehmend in den Fokus von Regierungen, Unternehmen und anderen Interessenvertretern rücken, ist unausweichlich. Auch das haben gescheiterte Versuche der E-Cash-Historie gezeigt.

Mindestens ebenso wichtig ist: Die De-Anonymisierung von Satoshi Nakamoto würde das komplette Bitcoin-Projekt gefährden und dessen grundsätzliches Ideal verraten. Bitcoin wurde nämlich nicht nur als Geldsystem konzipiert, das ohne Staaten und Banken auskommt, sondern grundsätzlich ohne jegliche zentrale Institution, die es kontrollieren oder mit deren Hilfe sich das Projekt in irgendeiner Weise manipulieren ließe. Anstelle von Wenigen, die Macht über das System haben, verlagerte Satoshi Nakamoto die gesamte Entscheidungshoheit in ein computergestütztes Netzwerk und in die Hände einer weltweit operierenden Community, die dieses Netzwerk pflegt und nutzt. Doch lässt sich dieses Konzept der radikalen Enthierarchisierung nur konsequent umsetzen, wenn es gelingt, wirklich alle potenziellen Autoritäts- und Machtinstanzen zu eliminieren. Wenn Bitcoin Erfolg haben soll, darf es auch keine Person mit dem einflussreichen Status des Gründers geben, deren Meinung im Ernstfall ein höheres Gewicht hätte als die aller anderen Mitglieder der Community.

Die Persona Satoshi Nakamoto wieder verschwinden zu lassen, war deshalb unumgänglich. So notwendig dieser Schritt auf konzeptioneller Ebene ist, diesen letztendlich auch umzusetzen, ist außerordentlich. Immerhin verzichtete Satoshi Nakamoto im Gegenzug für die Wahrung seiner Anonymität und die Integrität des von ihm geschaffenen Bitcoin-Projekts auf Prominenz, Anerkennung für eine bemerkenswerte intellektuelle Leistung und die Würdigung für ein technisch brillantes Konzept, von dem bereits erwähnten Milliardenvermögen einmal ganz abgesehen.

Tatsächlich gibt es Hinweise auf eine politisch-altruistisch geprägte Motivation: Bitcoin als demokratische Alternative zu einem intransparenten und zu Reformen unfähigen Finanzsystem. Dieses politische Ziel lässt sich nicht nur am Konzept Bitcoin selbst ablesen, dessen Prinzip es ist, frei und offen für jeden zu sein, der es nutzen möchte. Es offenbart sich auch in den wenigen Spuren, die Satoshi Nakamoto bewusst im Netz hinterließ. So versteckte er beispielsweise im Code des allerersten Blocks der Blockchain, dem sogenannten Genesis Block, die Schlagzeile der Londoner Times vom 3. Januar 2009: "Schatzkanzler kurz vor zweitem Banken-Rettungspaket". Darüber hinaus wählte er als Geburtsdatum seines Profils im Online-Forum mit dem 5. April ein fiktives, aber geldpolitisch durchaus symbolträchtiges Datum: An diesem Tag im Jahr 1933 verbot der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt den Bürgern der USA den Besitz von Gold, konfiszierte dieses und zwang sie damit, den von der Notenbank ausgegebenen Dollar zu akzeptieren und damit das Währungssystem. Und zu diesem sollte Bitcoin ein alternatives System bieten:[5] ein Geldsystem, in dem die Menschen unabhängig sind von interessengeleiteten geldpolitischen Entscheidungen Weniger und das nicht durch Staats- und Bankenkrisen erschüttert werden kann. Denn zu diesen kam und kommt es immer wieder: Allein zwischen 1970 und 2007 zählte der Internationale Währungsfonds 124 Bankenkrisen, 326 Währungskrisen und 64 Staatsverschuldungskrisen auf nationaler Ebene.[6] Wer also argumentiert, dass ein staaten- und bankenloses Geld wie Bitcoin nicht funktionieren kann, muss auch anerkennen, dass Staaten und Banken nicht automatisch ein Garant für Stabilität sind.

Banken als notwendiges Übel

Doch der Wunsch nach Veränderung und das Ideal eines alternativen demokratischeren Geldsystems reichen nicht aus, um dieses auch zu erschaffen. Nicht ohne Grund sind Banken und andere Finanzdienstleister fundamentaler Bestandteil des bestehenden Finanzsystems. Sie erfüllen wichtige und notwendige Funktionen, indem sie als zentrale Institutionen mit besonderem Status etwa die Gültigkeit von Finanztransaktionen sicherstellen. Ohne Intermediäre wie sie, die überprüfen, ob Person A oder Unternehmen X tatsächlich über das entsprechende Guthaben verfügt, um Rechnungen bei Person B oder Unternehmen Y zu begleichen, und den Geldtransfer letztlich ordnungsgemäß abwickeln, würden unsere Ökonomien noch immer auf Tauschhandel basieren. Denn wenn es ums Geld geht, muss letztendlich immer eine Instanz beteiligt sein, der man vertrauen kann – eine Instanz, die bestätigt, dass das Geld, das man für Leistungen und Produkte erhält, auch als solches in Zukunft wieder für andere Leistungen und Produkte ausgegeben werden kann.

Auf den ersten Blick scheint die Behauptung also plausibel, ein Geldsystem könne ohne Banken nicht funktionieren. Doch dies ist eben nicht die ganze Wahrheit. Zwar braucht ein funktionierendes Geldsystem eine vertrauenswürdige Instanz, die die Validität der Geldeinheiten überprüft, ordnungsgemäße Transaktionen abwickelt und das Guthaben der Nutzer vor Manipulation schützt. Diese Instanz muss im Zeitalter des Internets und der fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft aber nicht zwingend eine Bank sein, sondern könnte – und genau das zeigt Bitcoin – auch mithilfe eines dezentralen Netzwerks etabliert werden. Denn während das bestehende Finanzsystem das Internet nutzt, um über Zahlungen zu kommunizieren, die hinter verschlossenen Türen auf IT-Systemen aus dem vergangenen Jahrhundert verarbeitet werden, macht Bitcoin das Internet selbst zur universellen Finanzinfrastruktur. Zahlungen, Konten, Buchungen – das alles findet mithilfe des Bitcoin-Protokolls rund um die Uhr in Echtzeit im Netz statt, und bislang ist es offen, ausfall- und manipulationssicher sowie überall auf der Welt verfügbar.

Solch eine internetbasierte Finanzinfrastruktur technisch zu etablieren, ist alles andere als trivial, sondern vielmehr hochgradig experimentell. Man kann zwar nicht beweisen, dass Bitcoin funktioniert. Aber wir sehen, dass es bislang nicht gescheitert ist. Wie relevant das "bislang" ist, darüber wird gestritten. Fest steht jedoch: Je länger Bitcoin besteht und je stärker das Phänomen wächst, desto sicherer und vertrauenswürdiger wird es und desto mehr zeigt sich, dass Kryptowährungen und das ihnen zugrundeliegende Blockchain-Konzept die wachsenden Erwartungen erfüllen könnten, die derzeit an sie gestellt werden. Binnen 20 Jahren, so erklärte immerhin erst kürzlich die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, könnten Kryptowährungen nationale Währungen ablösen.[7] Um zu verstehen, warum das Interesse an dem Phänomen Bitcoin mittlerweile selbst auf institutioneller Ebene wächst, muss man sich mit der Funktionsweise des Netzes beschäftigen, wie wir es bisher kennen und nutzen.

Fußnoten

4.
Satoshi Nakamoto, Bitcoin P2P E-Cash Paper, 1.11.2008, http://satoshi.nakamotoinstitute.org/emails/cryptography/1/#selection-101.0-101.29«.
5.
Vgl. Elfriede Sixt, Bitcoins und andere dezentrale Transaktionssysteme. Blockchains als Basis einer Kryptoökonomie, Wiesbaden 2017.
6.
Vgl. Größere Finanzkrisen seit 1970, 25.9.2010, http://www.bpb.de/52625«.
7.
Vgl. Jeffrey A. Tucker, IMF Head Foresees the End of Banking and the Triumph of Cryptocurrency, 30.9.2017, https://fee.org/articles/imf-head-predicts-the-end-of-banking-and-the-triumph-of-cryptocurrency«.