Darknet: onion

10.11.2017 | Von:
Friedemann Brenneis

Phänomen Bitcoin. Geld, Technologie und gesellschaftliches Ereignis

Funktionsweise der Blockchain

Die große Stärke des World Wide Web ist es, Daten und Informationen schnell, billig und beliebig oft zu vervielfältigen. E-Mails verschicken, Dokumente in der Cloud synchronisieren, bloggen, posten, tweeten, sharen, liken – das Internet ist eine riesige Kopiermaschine für Daten und Informationen jeglicher Art. Das ist praktisch, führt allerdings auch zu Problemen. Denn nicht alle Daten im Netz sollten beliebig kopierbar sein. Doch stellen wir Daten ins Netz, verlieren wir unweigerlich die Kontrolle über sie. In einem solchen Copy-and-Paste-Netz eine Geldinfrastruktur aufzubauen, ist eigentlich unmöglich. Wie sollte das Geld seinen Wert behalten, wenn es sich unkontrollierbar beliebig oft vervielfältigen lässt?

An dieser Stelle kommt die Blockchain ins Spiel, eine Datenbank, die es erstmals technisch ermöglicht, einmalige Daten im Internet zu erzeugen und sicher zu verwalten. Ihre Daten können nicht beliebig oft kopiert werden, sondern wechseln den Besitzer, wenn sie verschickt werden. Werden sie geteilt, vervielfältigen sie sich nicht, sondern werden aufgeteilt und verkleinert. Ihre Anzahl ist begrenzt, weshalb sie die Möglichkeit haben, wertvoll zu werden. Diese Daten sind die Bitcoins, und aufgrund ihrer speziellen Eigenschaften lassen sie sich wie Geld verwenden: Sie sind einmalig, fälschungssicher und lassen sich schnell, einfach und kostengünstig im Netz verschicken. Bitcoin ist damit für Bargeld das, was die E-Mail für den Brief ist: ein digitales Pendant, das die Möglichkeiten des Internets nutzt, um die sich verändernden Bedürfnisse einer zunehmend vernetzten Gesellschaft zu erfüllen. Eines dieser Bedürfnisse ist zum Beispiel, Geld so schnell, günstig und einfach zu versenden wie eine E-Mail und nicht aufwendig und abhängig von den AGB und den Arbeitszeiten von Banken. Genau das ermöglicht die Blockchain.

Als zentrale Datenbank ist die Blockchain das Herzstück des Bitcoin-Netzwerks und hält dieses am Laufen, indem sie Transaktionen abwickelt, die Gültigkeit von Zahlungsvorgängen kontrolliert und Buch darüber führt, auf welchem ihrer Konten sich gerade wie viele Bitcoins befinden. Die Blockchain vergisst dabei nichts. Alle jemals getätigten Bitcoin-Transaktionen befinden sich gebündelt in ihren namengebenden Datenblöcken. Diese werden mithilfe kryptografischer Funktionen untrennbar miteinander verknüpft und schützen so vor nachträglicher Manipulation. Denn da alle Blöcke sowohl chronologisch als auch kryptografisch aufeinander aufbauen, würde jede noch so kleine Veränderung der Kette sofort auffallen und zurückgewiesen werden. Die Blockchain übernimmt damit quasi die Rolle einer Zentralbank. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die Blockchain wird nicht zentral, sondern dezentral organisiert. Sie ist nicht einfach nur eine Datenbank, sondern Tausende Datenbanken auf Tausenden Rechnern gleichzeitig. Und was in ihr steht, ist das Ergebnis eines global verteilten Netzwerks aus unabhängigen, aber gleichberechtigten Computern, den sogenannten Minern, von denen jeder seine eigene Version der Blockchain besitzt und die sich dennoch alle zehn Minuten verlässlich darauf einigen, wem gerade welcher Bitcoin gehört.

Dass das funktioniert, ist paradox. Denn eigentlich dürfte es das nicht. In der Informatik gibt es sogar einen Beweis, dem zufolge in einem dezentralen Netzwerk niemals ein Konsens gefunden wird, weil man nie weiß, wer gerade nach den Regeln spielt und wer nicht. Daher dürften sich eigentlich auch die Teilnehmer der Blockchain nicht über ihre Zusammensetzung und den Bitcoin-Bestand einigen können. Dass sie es dennoch tun, ist vermutlich Satoshi Nakamotos größte intellektuelle Leistung. Zwar hat auch er das Koordinationsproblem nicht lösen können, aber er hat es mit einem geschickten Kniff überwunden. In seine technische Lösung implementierte er ein ökonomisches Anreizsystem: Die Blockchain funktioniert, weil sie diejenigen finanziell belohnt, die sie unterstützen. Wer dem Bitcoin-Netzwerk Rechenleistung zur Verfügung stellt und damit hilft, es gegen Manipulationen abzusichern, wird dafür in Bitcoins bezahlt. Diese interne Ökonomie führt dazu, dass es für die Teilnehmer des Netzwerks lukrativer ist, sich dem Blockchain-System anzuschließen, anstatt es anzugreifen. Und je größer das Netzwerk wird, desto sicherer sind die Bitcoins aller Beteiligten.

Dass diese technisch-ökonomische Anreizstruktur auf Dauer funktioniert, lässt sich zwar wissenschaftlich nicht beweisen, der seit Jahren laufende Praxistest spricht jedoch für sich. Obwohl der Bitcoin-Quellcode offen im Netz steht, ist es bisher noch niemandem gelungen, die Blockchain und die Milliardenwerte, die sie verwaltet, zu knacken. Denn ohne zentrale Institution, auf die sich ein Angriff konzentrieren könnte, muss man es in einem dezentralisierten System immer gleich mit dem gesamten Netzwerk aufnehmen. Das macht eine erfolgreiche Attacke zwar nicht unmöglich, aber komplex, teuer und aufwendig. Schon längst steht hinter Bitcoin das mit großem Abstand rechenstärkste Computer-Netzwerk der Welt, dessen Strombedarf bereits enorm ist und in absehbarer Zeit sogar auf das Niveau einer kleineren Industrienation steigen könnte.[8]

Kritik und Ausblick

Diese energiehungrige Rechenpower sichert die Milliardenwerte, die Bitcoin heute schon verwaltet, sorgt aber auch für berechtigte Kritik. Denn trotz seines enormen Ressourcenbedarfs ist Bitcoin noch weit davon entfernt, eine echte Alternative zum Euro und US-Dollar zu sein. Viel zu gering sind die Kapazitäten, die Bitcoin bislang bietet. Mit 350000 Transaktionen kann die dezentrale Blockchain aktuell so viele Transaktionen an einem Tag verwalten wie die zentralisierten Transaktionssysteme von Banken und Zahlungsdienstleistern in Sekunden.

Doch solche quantitativen Vergleiche sind nur Momentaufnahmen. Dass Bitcoin im Vergleich zur globalen Finanzindustrie noch ein Experiment und Nischenphänomen ist, sollte nicht über das mögliche Potenzial hinwegtäuschen. Schließlich hat sich Bitcoin bereits binnen weniger Jahre von einem theoretischen Konzept zu einem globalen Milliarden-Projekt entwickelt. Das Image als Darknet-Währung hat Bitcoin dabei längst hinter sich gelassen. Denn auch die Ermittlungsbehörden wissen mittlerweile, wie sie die offenen Daten der Blockchain systematisch analysieren können. Im Darknet sind daher schon seit einiger Zeit andere, noch stärker auf Anonymität bedachte Kryptowährungen im Einsatz. Das Phänomen Bitcoin hingegen weckt längst auch außerhalb des Darknets das Interesse von immer mehr Menschen, die sich ähnliche Fragen wie Satoshi Nakamoto stellen: Ist unser bestehendes Finanzsystem tatsächlich alternativlos? Kann ein staaten- und bankenloses Geld wie Bitcoin funktionieren und wenn ja, ist es eine Bedrohung oder eine Bereicherung für die Gesellschaft? Dank Satoshi Nakamoto liegt es nun in der Hand jedes einzelnen Menschen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Denn Bitcoin ist zwar digitales Geld und eine neue Technologie, vor allem ist es aber eine Idee, wie sich die Welt fairer, transparenter und krisensicherer gestalten lässt. Ohne Menschen, die diese Idee teilen, weiterentwickeln und umsetzen, ist Bitcoin jedoch nichts.

Fußnoten

8.
Vgl. Sebastiaan Deetman, Bitcoin Could Consume as Much Electricity as Denmark by 2020, 29.5.2016, https://motherboard.vice.com/en_us/article/aek3za/bitcoin-could-consume-as-much-electricity-as-denmark-by-2020«.