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27.11.2003 | Von:
Christoph Dowe
Alfredo Märker

Der UNO-Weltgipfel zur Wissens- und Informationsgesellschaft

Hintergründe und Themenspektrum

Digitale Spaltung

Mit der "Digitalen Spaltung" ist das zentrale Thema des Gipfels benannt. Wer davon spricht, denkt in erster Linie an den Themenkomplex "Leitungen und Festplatten", also an fehlende Computer oder fehlende technische Infrastruktur wie Telefonkabel, breitbandige Zugänge oder Elektrizität. Tatsächlich werden in der globalen Informations- und Wissensgesellschaft nicht allen Menschen die gleichen Startbedingungen geboten. Oft entscheidet schon der Zugang zu einem Computer oder einem Telefonnetz, ob man zu den Gewinnern oder Verlierern der Informations- und Wissensgesellschaft gehört. In Gebieten, in denen nicht einmal die kontinuierliche Versorgung mit Elektrizität gesichert ist, stellt sich die Frage meist erst gar nicht. Der Zugang zu Informationen und Wissen wird schnell zu einem Problem der technischen Infrastruktur. So ging die Weltbank im Herbst 2002 davon aus, dass rund 600 Millionen Menschen einen Zugang zum Internet haben; 90 Prozent dieser Anschlüsse lagen in den Industrienationen. Peter Filzmaier, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck, beschreibt diesen Aspekt des digital gap eindrucksvoll: "Für die etwa 6,5 Millionen Einwohner Ruandas gibt es weniger Telefon- und Modemanschlüsse als für die Mitarbeiter der Weltbank. Afrika ist insgesamt schwächer im Internet vertreten als die Stadt New York."[1]

Doch nicht nur global, auch innerhalb der westlichen Welt wird die digitale Spaltung vor allem als Mangel an "Leitungen und Festplatten" dargestellt: Programme werden aufgesetzt, um mit gebrauchten Firmenrechnern alle deutschen Schulen auszustatten; Telekommunikationsunternehmen investieren sehr hohe Summen, um Zukunftsmärkte im UMTS-Bereich zu sichern oder einen Bedarf nach breitbandigen Internetanbindungen entstehen zu lassen. Diskutiert wird, ob in öffentlichen Gebäuden oder Bibliotheken Computernutzung für jedermann möglich gemacht werden soll. Die Erschließung neuer Kunden und Märkte wird dabei häufig als rein technisches Problem interpretiert. Ist beispielsweise für Senioren die Schrift auf dem Handy zu klein, stellt sich rasch die Frage nach dem Bedarf an Senioren-Handys mit vergrößertem Bildschirm. Die Spaltung zwischen User und Nicht-User wird technisch angegangen.

Demgegenüber hat die Wissenschaft ein ganzheitlicheres Bild entwickelt und sieht nicht mehr alle Probleme durch eine bessere technische Infrastruktur gelöst. Weil jedoch manche Wirtschaftsbranchen darauf drängen, der Frage der technischen Infrastruktur auf dem UNO-Gipfel höchste Priorität einzuräumen, haben Vertreter der Zivilgesellschaft die Organisatoren des Gipfels im Vorfeld bezichtigt, zu einseitig auf das Thema "Leitungen und Festplatten" zu schauen und vorrangig den Interessen der Wirtschaft Genüge zu tun.

Gleichwohl ist die zentrale Bedeutung der Ausstattung und Infrastruktur nicht von der Hand zu weisen. Für Wirtschaftsvertreter ist es wichtig, zu erfahren, auf welche Art und Weise noch wenig entwickelte Märkte erschlossen werden können; zudem sind Erschließungs- und Ausstattungsaufträge interessant. Unweigerlich stellt sich die Frage, welche Verantwortung die Industrienationen bei der Vernetzung und Ausstattung von Entwicklungsländern tragen. Ist die ungleiche Ausstattung mit technischer Infrastruktur eine Gerechtigkeitsfrage beim Zugang zu Wissen? Wie können diese Probleme gelöst werden? Während des UNO-Gipfels zur Informationsgesellschaft wird sich die Gelegenheit bieten, die Verantwortung von Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft zu diskutieren. In einer Frage wird vom Gipfel aber keine Lösung erwartet: Die Finanzierung von Aufbau- und Hilfsprogrammen soll mangels Geld nicht diskutiert werden. Dieser Sparkurs könnte sich langfristig als Haupthindernis erweisen, ausreichende Motivation für den Gipfelprozess hervorzurufen.

Zudem darf die digitale Spaltung nicht ausschließlich als Infrastrukturproblem gesehen werden. Im Zentrum sollten die Menschen stehen, welche die neuen Medien bedienen und anwenden wollen. Eine erfolgreiche Nutzung setzt immer ausreichend "Medien und Kompetenz" voraus - ein weiterer Aspekt der digitalen Spaltung. Sie wird niemandem in die Wiege gelegt und muss erlernt werden. Nicht nur in den Industrieländern verstauben neu eingerichtete Computerräume in Schulen, weil sich nicht genügend Personal findet, das mit dem technischen Gerät umzugehen weiß. Das gleiche Phänomen ist in Schwellenländern zu beobachten. So warnt Peter Filzmaier: "Allein aufgrund technischer Möglichkeiten eines neuen Mediums entstehen weder Fachwissen noch Kompetenz und Qualifikation der ICT-Nutzer, um das Medium für politische Information und Partizipation verwenden zu können."[2]

Auch auf inhaltlicher Ebene ist auf Medienkompetenz nicht zu verzichten: "Gute" Informationsquellen müssen von "schlechten" unterschieden werden können, um die neuen Medien gewinnbringend einzusetzen. Das Problem ist erkannt: In einigen Bundesländern wurde darüber gestritten, ob ein Schulfach Medienkompetenz eingeführt werden soll. Für Miriam Meckel, Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien in Nordrhein-Westfalen, ist "Medienkompetenz ((...)) in der Informationsgesellschaft ein Wirtschafts- und Standortfaktor. Im Sinne des Umgangs mit modernen IuK-Technologien wird sie zunehmend den Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben gleichgesetzt."[3]

Dabei geht es um fehlende Kompetenz in den verschiedensten Bereichen. Unter praktischer Medienkompetenz versteht man, dass die Nutzer die technischen Endgeräte bedienen können: An den Einzelnen werden hohe Anforderungen von der Wartung und Installation der Hardware bis zur Handhabung oft komplizierter Software gestellt. Unter theoretischer Medienkompetenz versteht man den kritischen Umgang mit dem Medium selbst: Wann ist es sinnvoll, das Internet oder andere Medien einzusetzen, wann ist es Spielerei? Dazu muss der Einzelne in die Lage versetzt werden, "gute" von "schlechter" Information zu unterscheiden, um aus der Datenflut auswählen zu können. Unter aktiver Medienkompetenz schließlich versteht man, in der Mediennutzung von der passiven Nutzerseite auf die aktive Macherseite zu wechseln: Produktion statt Konsum. Neben der klassischen Medienarbeit kann dies auch eine Umstrukturierung alter Arbeitsabläufe durch moderne Kommunikationstechnologien bedeuten und zur Verwaltungsmodernisierung oder Aktivierung der Bürgergesellschaft führen.

Hinter dem Schlagwort "Lebenslanges Lernen" verbirgt sich nichts anderes als der kontinuierliche Aufbau von Kompetenz, also auch von Medienkompetenz. Die theoretischen Erwägungen werden jedoch bislang nur in wenigen Ländern in die Praxis umgesetzt. Es ist umstritten, wer für den Aufbau von Medienkompetenz zuständig ist. Staatlichen Bildungsträgern wird vorgeworfen, sie reagierten zu langsam und unflexibel auf die neuen Herausforderungen der Informations- und Wissensgesellschaft. Aber auch gegenüber der Wirtschaft, die teilweise beim Aufbau von Medienkompetenz helfen möchte, bestehen Vorbehalte: Man fürchtet neue Abhängigkeiten, wenn etwa Lehrer im Umgang mit Software nur eines Monopolherstellers geschult werden und lediglich dieses Wissen an die Schüler weitergeben können.

Dabei ist fehlende Medienkompetenz keine theoretische Debatte, sondern zieht handfeste Folgen nach sich. Mit Medienkompetenz lassen sich beispielsweise günstigere Angebote für Flugreisen, Bücher oder andere Güter über das Internet finden. In weniger entwickelten Ländern könnten die Effizienzsteigerungen durch neue Medien Wettbewerbsnachteile auf dem Weltmarkt ausgleichen helfen. Das Problem der digitalen Spaltung sollte infolgedessen um den Komplex "Medien und Kompetenz" erweitert werden. Nicht zuletzt muss es dabei um die Frage gehen, wer auf welche Weise dafür zuständig ist, Lernende mit der notwendigen Kompetenz auszustatten.

Doch was nützt all dies, wenn die Inhalte der neuen Medien dem Nutzer wenig bieten und nicht zum Vorbild taugen? Es gibt folglich einen dritten Aspekt, der beachtet werden muss: Was kann "guter" Inhalt sein, und was kann als Vorbild taugen? Gegenwärtig existieren allein in Deutschland über sechs Millionen Internetadressen mit der Domain-Endung ".de". Weltweit gibt es inzwischen mehrere Milliarden Internetseiten. Doch die Erstellung von gutem, qualitativ mehrwertigem Inhalt macht Arbeit und kostet Geld. Erst langsam schälen sich nationale und internationale Qualitätsstandards und gängige Formate heraus. Die Suche nach sinnvollen Datenbankstrukturen oder beliebten Serviceangeboten ist längst nicht am Ende.

Das Innovationspotenzial bei neuartigen Formen und Darstellungsweisen ist unvorstellbar groß: Neue Techniken können helfen, Informationen interaktiver, leichter lernbar oder unterhaltsamer zu präsentieren. Große Datenbestände können zu geringeren Kosten zusammengestellt und leichter nutzbar gemacht werden. Neue Endgeräte wie Mobiltelefone erfordern ebenfalls neue Inhalte und Strukturen. Zudem gilt zu berücksichtigen, dass vorbildliche Inhalte sich immer auch nach den Bedürfnissen der Nutzer richten. Welche Information bedient demnach welchen Nutzer? Will man globale oder lokale Inhalte übermitteln? In Industrienationen scheint das Internet nur dann als echter Mehrwert zu gelten, wenn es lokale Inhalte einfach und für jeden erreichbar transportieren kann. So enthält die Webseite einer Stadt wie Berlin neben öffentlichen Verwaltungsfunktionen auch touristische oder kulturell verwertbare Informationen. In Entwicklungsländern mit geringerer PC-Verbreitung stehen nach wie vor globalere Inhalte im Mittelpunkt des Interesses, so zum Beispiel der Aufbau von webgestützten Gesundheitsdatenbanken zum schnellen Austausch von Patienteninformationen oder Softwaremaßnahmen zur Verwaltungsmodernisierung. Für Inhalte mit extrem kurzer Verfallszeit fehlen hier oft Nutzer und Infrastruktur.

Content is king: "Inhalte sind das Wichtigste" flüsterten bereits die Vorreiter des New-Economy-Aufbruchs. Doch was ist nach der Krise der Medienanbieter davon übrig geblieben? Vorbildliche Projekte und erfolgreiche Förderprogramme zur Reduktion der digitalen Spaltung gibt es viele, vermutlich werden einige Akteure die Plattform des UNO-Gipfels nutzen, um auf good practices hinzuweisen.[4] Gleichzeitig wird dort aber auch von schlechten Medienanwendungen und Investitionsruinen berichtet werden.


Fußnoten

1.
Peter Filzmaier, Die Welt als digitale Klassengesellschaft?, erschienen bei www.gipfelthemen.de am 3.9. 2003. Anm. der Redaktion: Vgl. auch den Beitrag von Peter Filzmaier und Birgit Winkel in diesem Heft.
2.
Ebd. ICT: Information and Communication Technology.
3.
Miriam Meckel, "Medienkompetenz" als Standortfaktor?, erschienen bei www.gipfelthemen.de am 28.8. 2003.
4.
Vgl. in diesem Zusammenhang den Beitrag von Judith Kern über die Auslobung des World Summit Awards: UNO sucht den Superstar, erschienen bei www.gipfelthemen.de am 15.10. 2003.