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27.11.2003 | Von:
Christiane Schulzki-Haddouti

Sicherheit im Netz und digitale Bürgerrechte

Infrastruktur

Am 11. September 2001 stand die Welt unter Schock. Das Ausmaß der Anschläge von New York und Washington konnte erst allmählich erfasst werden. Die Folgewirkungen waren komplex, nicht nur menschlich und politisch, sondern auch bezüglich der Infrastruktur: Als die Twin Towers in Manhattan kollabierten, wurden auch Teile der Telekommunikations- und Energieinfrastruktur zerstört. Als ein weiteres Gebäude des World-Trade-Center-Komplexes zusammenbrach, wurde die Schaltzentrale des Telekommunikationsunternehmens Verizon so stark beschädigt, dass in Lower Manhattan Telefonleitungen zusammenbrachen und das Mobilfunksystem nur noch eingeschränkt funktionierte. Als mehrere Internet-Schaltzentralen (Points of Presence/POPs) im Welthandelszentrum zusammenbrachen, führte dies nicht nur zu Ausfällen in New York City, Connecticut und Massachusetts, sondern auch weltweit: Etliche translatlantische Schaltkreise, die aus Kostengründen über New York City führen, waren unterbrochen. In Rumänien versagten Netzwerke ihren Dienst, die Europäische Organisation für Kernforschung (CERN) in Genf war betroffen, und Südafrika verschwand mit seinen ".za"-Websites aufgrund einer Störung des Domain-Name-Services für einige Tage ganz von der Internet-Landkarte.[1]

Das Internet reagierte aufgrund seiner heterogenen Struktur zwar sensibel auf die Anschläge, im Großen und Ganzen jedoch blieb es stabil. Allerdings erwiesen sich die Folgen für mit dem Internet verbundene Systeme als gravierend. In New York beispielsweise konnten Ärzte in Krankenhäusern teilweise nicht mehr auf Patientendaten zugreifen. Denn die Krankenhäuser nutzten diese über eine Internetverbindung. Als diese versagte, blieben den Ärzten mit ihren Personal Digital Assistants (PDA) die internen Datenbanken verschlossen.

Um sich nach dem Schicksal ihrer Verwandten und Freunde zu erkundigen, griffen die Menschen in den ersten Stunden nach den Anschlägen zunächst zum Telefon. Auf der Suche nach aktuellen Nachrichten blieb das Fernsehen die erste Wahl - die Einwahlrate bei AOL fiel am 11. September unter die des Vortages. Viele suchten aber auch weiter gehende Informationen auf News-Websites. So vervielfachten sich die newsbezogenen Suchanfragen bei Yahoo am 11. September um den Faktor 50. Angesichts dieses Ansturms reduzierten viele Anbieter in dieser Zeit ihre Nachrichtenseiten auf bilderlosen Text, um die Ladezeiten zu reduzieren.

Herzstück der Internet-Sicherheit ist das so genannte Transmission Control Protocol/Internet Protocol (TCP/IP). Es wurde ursprünglich vom amerikanischen Militär für die zuverlässige Kommunikation seiner Truppen im Falle eines Atomkrieges eingerichtet und ermöglicht den Datenaustausch zwischen unterschiedlichen Betriebssystemen und Hardware-Komponenten. Es sollte einen atomaren Erstschlag der Sowjetunion so weit überstehen, dass die USA zum Gegenschlag ausholen konnten. Falls einzelne Netzbereiche beschädigt werden, können die Daten automatisch über noch intakte Bereiche umgeleitet werden. Einzelne verloren gegangene Datenpakete fordert das Protokoll vom Absender erneut an. Experten sind jedoch heute davon überzeugt, dass gezielte Angriffe das Internet sehr wohl lahm legen könnten. Denn in der Praxis handelt es sich nicht um ein Netz aus homogen verteilten, gleich großen Knotenpunkten. Es verfügt über eine Anzahl mehr und weniger wichtiger Knotenpunkte, deren Zusammenbruch gravierende Folgen für angeschlossene Dienste haben kann.


Fußnoten

1.
Vgl. John S. Quarterman, The Internet under Crisis Conditions: Learning from September 11, Computer Science and Telecommunications Board, National Research Council, Washington, D.C. 2003, http://books.nap.edu/books/0309087023/html/R1.html.